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Veröffentlicht am 17.09.2025

Neuer Stil mit viel Meta-Ebene

Die Assistentin
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Zum Hörbuch: Die Autorin erfährt ja unglaublich viel Kritik für ihre Lesung. Stimmen werden von Menschen unterschiedlich empfunden, daher ist hier eine legitime Meinungsäußerung auch völlig okay. Was teilweise ...

Zum Hörbuch: Die Autorin erfährt ja unglaublich viel Kritik für ihre Lesung. Stimmen werden von Menschen unterschiedlich empfunden, daher ist hier eine legitime Meinungsäußerung auch völlig okay. Was teilweise an ableistischer, sexistischer Abwertung passiert, ist selbstredend absolut daneben. Ich empfand ihre Stimme bei Standardgeschwindigkeit auch nicht als angenehm, aber ich höre sowieso nie auf dieser Stufe, weil mir das immer absurd verlangsamt vorkommt. Auf 1.5x oder 1.75x fand ich die Autorin ehrlicherweise sehr passend, zumal es einen netten Touch hat durch all die Meta-Einordnungen ihrerseits. Dass sie keine professionelle Sprecherin ist, merkt mensch allerdings schon an einigen Stellen (kleine Stocker, unterschiedliches Tempo, unnatürliche Pausen). Ich bin daher hin- und hergerissen, was die Lesung angeht. Ich fand sie nicht optimal, aber auch keineswegs so schlimm wie andere.

Zum Buch selbst: Die Erzählerin (Autorin?) begleitet die Protagonistin und gibt durchweg auf Meta-Ebene Kommentare zur Gestaltung der Handlung ab. Ich persönlich mochte diese stilistische Form gern, auch das sehr häufige und wiederholte Foreshadowing hat mir gut gefallen. Das ist aber generell ein Element, das ich schätze. Die Autorin lässt meiner Meinung nach noch genug Raum für Überraschung und außerdem denke ich, dass es vielmehr um die Botschaften zwischen den Zeilen geht als um die Handlung selbst.

Gleichzeitig ist Wahl in ihren Botschaften auch nicht extrem deutlich. Sie hat ihre Protagonistin nicht unbedingt super sympathisch geschrieben und nur mit Spuren von Selbstreflexion, die dann aber auch quasi nie in ein entsprechend angepasstes Verhalten resultieren. Die Autorin seziert ein sich verschlimmerndes Machtverhältnis, die völlige Ausbeutung in der Verlagsbranche und konkurrenzgeprägte Arbeitsumfelder im Allgemeinen. Durch das oben erwähnte Foreshadowing hat sie bei mir angenehmerweise dafür gesorgt, dass ich weniger beklemmt war. Ich verstehe aber auch, dass das von anderen als zu repetitiv und vorwegnehmend empfunden wird.

Als Hörbuch fand ich den Roman durchaus unterhaltsam, kann aber entsprechend nicht sagen, ob er mir in geschriebener Form nicht zu langweilig gewesen wäre. Insgesamt gesehen passiert schon recht wenig auf den 280 Seiten, da hätte mir ein geringerer Umfang auch gereicht.

Nichtsdestotrotz habe ich Charlotte gern begleitet, auch wenn ich sie nicht lieb gewonnen habe. Doch darum sollte es bei der grundlegenden Kritik auch nicht gehen, die besteht unabhängig von Sympathien. Und gleichzeitig hatte ich nicht den Eindruck, dass Wahl ihre Protagonistin kritiklos betrachtet. Denn diese opfert für ihren eigenen Erfolg auch durchaus Kolleginnen und sehnt sich gleichzeitig nach (weiblicher) Solidarität. Diese Ambivalenz fand ich auf Figurenebene pointiert dargestellt.

Caroline Wahl hat sich hier an etwas für sie literarisch Neues gewagt und ich empfinde den Versuch als gut gelungen. Da es eine durchaus gewagte Erzählform ist, wird der Roman sicherlich weiter polarisieren. Sie wird nicht zu meiner Lieblingsautorin werden (schon aus anderen Gründen nicht) und es gibt auch deutlich bessere Romane über Machtmissbrauch, aber mich hat die etwas skurrile Meta-Ebene abgeholt.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Eine unterhaltsame Kurzgeschichte auf literarischem Topniveau

Hieb und Strich
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Ich habe von Margaret Atwood vorher tatsächlich noch nichts gelesen, aber zu Kurzgeschichten kann ich nur schwer Nein sagen. Und was soll ich sagen: Schreiben kann diese Frau auf jeden Fall!

Atwood erzählt ...

Ich habe von Margaret Atwood vorher tatsächlich noch nichts gelesen, aber zu Kurzgeschichten kann ich nur schwer Nein sagen. Und was soll ich sagen: Schreiben kann diese Frau auf jeden Fall!

Atwood erzählt auf einem sehr hohen literarischen Niveau, was diese Kurzgeschichte wirklich sehr dicht macht. Manche Sätze sind so lang und verschachtelt, dass ich sie doppelt lesen musste. Aber insgesamt fand ich das in dem Umfang sehr in Ordnung, einen 300-Seiten-Roman hätte ich so eher ungern gelesen.

Besonders gefallen hat mir auch Atwoods Humor. Eine feine Ironie zieht sich durch die Handlung und die ernsthaften Elemente des Textes dabei keineswegs ins Lächerliche, sondern ergänzt sie um eine unterhaltsame Komponente.

Dass Menschen hier mehr Crime erwartet hätten, kann ich aufgrund des Klappentextes verstehen. Ich bin kein Krimi-Fan, sodass diese Abweichung für mich durchaus positiv war.

Gespickt ist der Text mit ein paar politischen Überlegungen. Manche Elemente habe ich nicht ganz verstanden, etwa die (eventuelle?) Infragestellung von Gender. Hier konnte ich nämlich nicht wirklich rauslesen, ob es sich um die Einstellung der Autorin oder eine ironische Überspitzung handelt. Insgesamt nimmt das alles jedoch weniger Raum ein als die Solidarität unter Freundinnen - aber auch Fragen rund um Schuld und Rache bzw. Wiedergutmachung.

Am Ende lässt die Kurzgeschichte so manches offen und ist doch gleichzeitig handlungstechnisch abgeschlossen. Ein solides und kurzweiliges Werk der Autorin, die mich mit ihrem literarischen Talent und feinen Humor neugierig auf Mehr gemacht hat.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Freundlichkeit, Lebensweisheiten und eine gute Portion Spiritualität

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
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Ich habe bereits einige vergleichbare Bücher aus Japan gelesen und erkenne bei diesem koreanischen Roman viele Elemente wieder. Bei dieser Art Literatur geht es weniger um vielschichtige, tiefgründige ...

Ich habe bereits einige vergleichbare Bücher aus Japan gelesen und erkenne bei diesem koreanischen Roman viele Elemente wieder. Bei dieser Art Literatur geht es weniger um vielschichtige, tiefgründige Protagonist:innen und vielmehr um Weisheiten für das eigene Leben, die selbst interpretiert werden können. Das hat immer etwas Philosophisches, in diesem Fall spielt auch Spiritualität eine größere Rolle. Das muss mensch sich vorher schon bewusst machen, um nicht mit den falschen Erwartungen in die Lektüre zu starten.

Ab und zu finde ich solche Romane wirklich sehr nett. „Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ ist meiner Meinung nach eines der besseren Werke dieser speziellen Sparte. Zum einen finde ich es originell, die Geschichten der Verstorbenen ausgehend von einem Gebäck kennenzulernen und damit auch gleich einen Exkurs in die koreanische Küche zu haben. Außerdem mochte ich den Ansatz der Autorin, verschiedenen Formen von Liebe Raum zu geben. Diese lässt sich eben nicht nur in romantischen Beziehungen finden, sondern auch zwischen Geschwistern oder Freund:innen. Nach dem Verlust eines gebliebten Menschen tut es immer gleich weh - ganz egal, um welche Beziehung es sich nun genau gehandelt hat.

Gut zu wissen ist sicherlich auch, dass wir hier vielmehr eine Sammlung in sich abgeschlossener Lebensgeschichten haben, die über das Setting und die Protagonistin Yeonhwa sacht miteinander verbunden sind. Ich fand das sehr in Ordnung, aber es lässt sich darüber natürlich auch keine tiefe Verbundenheit zu den Figuren herstellen. Die Kapitel sind kurzweilig und da wir alle wissen, dass es auf eine noch zu identifizierende Art nicht gut ausgeht, entsteht eine angenehme, nicht angespannte Spannung beim Lesen. Ein wiederkehrendes Problem ist auf jeden Fall mangelnde Kommunikation.

Buddhismus und damit Spiritualität spielen schon eine wirklich große Rolle und ich bin davon ehrlicherweise gar kein großer Fan. Irgendwie war es hier aber sympathisch umgesetzt und ich kann es als einen Teil der Lebensrealität vieler Menschen so hinnehmen. Yeonhwa bleibt beim Lesen wie erwartet eher distanziert - das mag auch einfach an kulturellen Unterschieden liegen. Am Ende bekommen wir aber immerhin einen genaueren Einblick in ihr Schicksal, das hat mir gut gefallen, wenn es auch alles etwas arg schnell ging. Ein paar mehr Seiten und ein wenig mehr Tiefe hätten hier nicht geschadet.

Enttäuscht war ich von der Rolle der Katze - hier habe ich mir einfach mehr erhofft. Und so komplett rund war die Erzählung für mich am Ende auch nicht, obwohl die Autorin überraschend viele Stränge noch zusammengeführt hat.

Alles in allem ein wirklich kurzweiliger und netter Read, aus dem sich sicherlich einige Menschen etwas mitnehmen können. Gerade für Trauernde kann das Buch vielleicht auch eine heilsame Erfahrung sein. Literarisch ist es nun wahrlich kein Meisterinnenwerk, aber das muss ja auch nicht immer der Fall sein. Mit meinen aus Erfahrung stammenden angepassten Erwartungen habe ich das Buch recht gern gelesen.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Spicy as hell, aber auch mit einer guten Portion Tiefgang

Situationship
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Wer spicy Romane sucht, aber auf sensible und vielschichtige Figuren sowie eine Prise Gesellschaftskritik nicht verzichten will, ist hier an der richtigen Stelle!

Diese Frenemies-to-Lovers Geschichte ...

Wer spicy Romane sucht, aber auf sensible und vielschichtige Figuren sowie eine Prise Gesellschaftskritik nicht verzichten will, ist hier an der richtigen Stelle!

Diese Frenemies-to-Lovers Geschichte lässt sich gut lesen und ich mochte die politische Dimension, welche die Autorin über ihre Protagonist:innen behandelt. Sicherlich wird besonders in Teagan als Schwarze Frau auch einiges der Autorin selbst stecken - das macht sich in einem authentischen Figurenprofil bemerkbar. Doch auch Heath empfand ich als wirklich gut geschriebene Männerfigur, die Gefühle nicht nur empfindet, sondern auch auszudrücken vermag.

Spice wird hier ja ganz deutlich versprochen und auch absolut geliefert. Über locker die Hälfte des Romans befinden sich die beiden Hauptfiguren in der titelgebenden Situationship - entsprechend viele heiße Szenen gibt es auch. Und so sehr ich das grundlegend mag und es auch gut geschrieben fand, war es mir in der Masse dann irgendwann zu zäh und repetitiv. Der Tiefgang und die Verbundenheit zwischen den Figuren, die eine intensive Vergangenheit teilen, kamen mir etwas zu spät. Auch der Beschreibung von immergleichen „perfekten“ Körpern kann ich mittlerweile nicht mehr viel abgewinnen. Eine angenehme Abwechslung wäre es für mich, wenn Körper im Romance-Bereich einfach mal anders und weniger stereotyp (schlanke Taille, muskulöse Schultern, …) beschrieben werden würden.

Davon einmal abgesehen bin ich aber positiv überrascht, dass mich die spicy Geschichte nicht nur gut unterhalten, sondern aufgrund ihrer thematischen Tiefe auch ehrlich bewegt hat. Die gemeinsamen „Freunde“ der beiden fand ich absolut unmöglich, dieses Zelebrieren ihres Reichtums ebenso. Mit dem Ende bin ich zufrieden, wenngleich ich auch da gerne eher von Konsequenzen gelesen hätte.

Ich finde es toll, hier so sexpositive Figuren im Fokus zu haben, die zusätzlich mit diversen privaten Problemen zu kämpfen haben und am Ende auf Augenhöhe und ehrlich zueinanderfinden. Bis dahin hätten mir die beiden noch ein wenig zugänglicher sein können - fast wirkte es so, als würden sie auch den Leser:innen gegenüber eine Schutzmauer wahren.

Damit ist es für mich nicht das absolute Highlight des Genres, aber ohne Zweifel der gut lesbare Roman einer Autorin, von der ich sehr gern mehr lesen würde. Auch wenn hier das ein oder andere Element noch nicht ganz ausgereift wirkte, sehe ich großes Potenzial für eine weitere Person, die Spice und Tiefgang in ihrem Schreiben vereinen kann.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Eine intensive Autofiktion, für mich etwas schwächer als der Vorgänger

Junge Frau mit Katze
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Ich habe „Lügen über meine Mutter“ GELIEBT! Entsprechend enorm waren meine Erwartungen an den inhaltlich anknüpfenden Nachfolger. Erfüllt werden konnten sie nicht ganz, doch es ist keinesfalls ein schlechter ...

Ich habe „Lügen über meine Mutter“ GELIEBT! Entsprechend enorm waren meine Erwartungen an den inhaltlich anknüpfenden Nachfolger. Erfüllt werden konnten sie nicht ganz, doch es ist keinesfalls ein schlechter Roman.

Meine Präferenz für den Vorgänger liegt einfach in meinem eigenen Leben begründet. Während mir die Geschichte über Elas Mutter, deren Körper und seiner Abwertung durch den Vater einfach so krass nah ging (und ich unglaublich viele Parallelen gesehen habe), konnte ich mich mit Elas eigener Körpergeschichte weniger identifizieren. Ich finde das aber durchaus spannend und behaupte einfach mal, dass aufgrund der vielschichtigen Betrachtung von Körpern in beiden Werken eines von beiden irgendwie allen Lesenden zusagen dürfte.

Und obwohl meine Identifikation mit der erwachsenen Ela nicht so groß war, konnte mich Dröschers Schreiben wieder für sich einnehmen. Ich kenne kaum Autor*innen, die so intensiv über Körper schreiben wie sie. Die Fokussierung auf einen chronisch kranken Körper finde ich nicht nur politisch relevant, sondern auch literarisch spannend. Medical Gaslighting und die daraus resultierende psychische Belastung können dank der klaren, eindrücklichen Sprache lesend erfahren werden. Ich musste inhaltlich immer mal wieder an eines meiner letztjährigen Highlights denken: „Gratulieren müsst ihr mir nicht“.

Neben dem Kampf der Protagonistin gegen ein medizinisches System, das ihre Symptome nicht ernst nimmt, thematisiert die Autorin wie gewohnt auch Klassismus. Das ständige Gefühl Elas, als erste Akademikerin ihrer Familie irgendwie immer fehl am Platz zu sein, wird ebenso eindrücklich beschrieben wie ihre fortschreitende Loslösung von der Mutter. Wir familiäre Prägung die Beziehung zu sich selbst und anderen prägt, ist für mich immer ein spannendes und auch persönliches Feld.

Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich mich weniger in der Geschichte wiedergefunden habe, aber der neue Roman erschien mir trotz aller sprachlicher Klarheit auch ein wenig konfus, was seine Erzählstruktur angeht. Phasenweise hing ich an den Seiten, dann gab es aber auch immer wieder Momente innerer Verwirrung. Das Autofiktionale der Geschichte hat einen ganz besonderen Charme und ich mag die kurzen Zwischenkapitel, wenngleich mir auch an der Stelle ein wenig mehr Klarheit gut gefallen hätte. Das Fiktionale verschwimmt schon enorm mit dem Realen und das kann Dröscher definitiv meisterinnenhaft schreiben. Ich denke, es ist einfach nicht immer mein Fall bzw. schien es mir im Vorgänger besser umgesetzt zu sein.

Zentral sind zudem (japanische) Literatur sowie eigenes Schreiben - nicht unbedingt Themen, die mich sonderlich mitreißen. Und doch hat es mich total fasziniert, wie sich über die Protagonistin so langsam der Werdegang Dröschers herauskristallisierte. Ihre persönliche Liebe für und ihr tiefes Wissen zu Yōko Tawadas Schaffen ist greifbar und wird durch die kurzen Zitate weiter unterstrichen. Auch, wenn es mich selbst nicht so interessiert, erkenne ich diese Detailliebe und tiefe Verbundenheit als etwas sehr besonderes an. Ein nettes Element finde ich zudem die Wahl der Kapitelüberschriften, welche hinten kurz erklärt werden.

Daniela Dröscher bleibt für mich eine Autorin, die sich durch ein unvergleichlich hohes Maß an Authentizität und Tiefgründigkeit auszeichnet. Sie liebt Literatur und das Schreiben - in jeder Zeile ist das spürbar. Auch, wenn mir der Vorgänger noch einmal deutlich besser gefallen hat, ist „Junge Frau mit Katze“ ein ergreifendes und wichtiges Werk. Ich freue mich schon auf weitere Romane!

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