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Veröffentlicht am 24.09.2025

Touristenzone ohne Touristen

Alle weg
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Was passiert in Grado, wenn der letzte Rollladen nach einer heißen Sommersaison herunterfährt? Auf spritzig-heitere Weise fasst Stefan Maiwald in „Alle weg“ zusammen, wie eine Touristenzone ohne Touristen ...

Was passiert in Grado, wenn der letzte Rollladen nach einer heißen Sommersaison herunterfährt? Auf spritzig-heitere Weise fasst Stefan Maiwald in „Alle weg“ zusammen, wie eine Touristenzone ohne Touristen über den Winter kommt.

Ein wesentlicher Punkt ist anfangs überhaupt einmal die Definition, wann die Nebensaison beginnt und wann schließlich der letzte Tourist den Ort verlassen hat. Dann geht es in kurzen Sequenzen durch Herbst und Winter, zuweilen in Pinos Bar, wo man Neuigkeiten austauscht oder einfach nur still nebeneinander sitzt und seinen Gedanken nachhängt. Wir lernen die Bräuche unserer italienischen Nachbarn kennen und erfahren, wie anders man Weihnachten feiern kann, wie wichtig die Familie ist und welchen Stellenwert Essen und Trinken haben. Allerlei Episoden, sehr lebendig und authentisch, erzählt Maiwald aufgrund seiner eigenen Erfahrung als Deutscher in Italien und lässt uns damit den kalten Winter in nördlicheren Gefilden wärmer erscheinen. Am größten ist aber dennoch die Sehnsucht nach Sonne und Meer, sodass wir die Spargelzeit und den nächsten Saisonbeginn schon herbeisehnen, wenn der Stau in den Süden wieder länger ist als jener Richtung Norden.

Ein hübsch gestaltetes und mit interessanten Anekdoten gefülltes Büchlein, welches sich auch bestens als Geschenk für jene eignet, die sich das Warten auf den nächsten Meerurlaub verkürzen möchten.

Veröffentlicht am 22.09.2025

Rituale

Weihnachtsliebe auf den zweiten Blick
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Nach einem schweren Schicksalsschlag in ihrer Kindheit findet Hannah einfach keine Freude mehr an stimmungsvollen Weihnachtsritualen. Duftende Kekse backen, heimelige Zimmer schmücken, kitschige Lieder ...

Nach einem schweren Schicksalsschlag in ihrer Kindheit findet Hannah einfach keine Freude mehr an stimmungsvollen Weihnachtsritualen. Duftende Kekse backen, heimelige Zimmer schmücken, kitschige Lieder hören, das ist absolut nicht ihr Traum von der angeblich schönsten Zeit im Jahr, viel lieber zieht sie sich allein zurück und schaut sich mit Katze Lieschen irgendeinen Film an. Als sie mit ihrer Nichte Theresa am Christkindlmarkt auf eine Gruppe von teils schaurig maskierten Kramperln (Krampussen) trifft, ändert sie ihre Meinung. Denn während einer der Perchtenträger ihr mit der Rute ums Bein schlägt, ist ein anderer sanftmütig und hilfsbereit, wodurch ihr Interesse geweckt wird.

Einem sehr nahe gehenden Einstieg folgt eine einfühlsame Geschichte über Trauerarbeit, Familienglück, Liebe und Zusammenhalt. Interessante Details zu den in Bayern üblichen Perchtenläufen lassen diesen Brauch lebendig werden, die sorgfältig geschnitzten Larven und pelzigen Kostüme hat man aufgrund der detailreichen Beschreibungen rasch vor Augen. Sowohl in ihrer Freizeit als auch während der Arbeit in einer Bäckerei denkt Hannah darüber nach, welcher Mann sich wohl hinter der freundlichen Krampusmaske verborgen haben könnte. Ist es einer ihrer Stammkunden oder der Bekannte ihres WG-Mitbewohners? Es könnte aber auch der Larvenschnitzer sein oder der Anführer der hiesigen Pass (Perchtengruppe). Wie soll Hannah das nur herausfinden, denn plötzlich scheinen einige Männer mehr als nur höflich zuvorkommend zu sein.

Obwohl es in der Liebesgeschichte mehr knistern könnte, ist dieser Roman schön zu lesen. Tiefgründige Themen finden Platz im Geschehen, ohne zu dominant zu werden oder die glitzernde Weihnachtsstimmung zu trüben. Was bleibt, ist ein liebevoller Blick auf Brauchtum, Rituale und Selbstfindung. Kurzum, ein warmherziger Begleiter für die kommende Adventzeit.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.09.2025

Hinaus in die Welt

Der Schmuckpalast – Emma und das Geheimnis des Diamanten
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Das Hause Cartier floriert, die Brüder Louis, Pierre und Jacques streben hinaus in die Welt, um London, New York und St. Petersburg zu erobern. Tatkräftig unterstützt werden sie von Schwester Suzanne, ...

Das Hause Cartier floriert, die Brüder Louis, Pierre und Jacques streben hinaus in die Welt, um London, New York und St. Petersburg zu erobern. Tatkräftig unterstützt werden sie von Schwester Suzanne, denn bei den Cartiers ergreifen auch Frauen das Wort. Wertvolle Edelsteine und das Glück der Liebe dominieren auch diesmal das Geschehen.

An der Erfolg der Eltern und Großeltern knüpfen die vier ehrgeizigen Geschwister an. So unterschiedlich sie in ihrem Temperament auch sind, das Unternehmen ist in ihrer aller Leben ein zentraler Punkt und wird zum Glück auch von (fast) allen Ehepartnern unterstützt. So geht es hinaus in die Welt, erst London, dann New York werden auf entsprechende Geschäftstauglichkeit hin überprüft, aber auch Russland und Indien stehen am Reiseplan. Vielfältige Schauplätzte, Anekdoten aus dem Reich von Schmuck und Uhren und der Fluch, der auf dem Diamanten Bleu de France lastet, bereichern die Geschichte, wiewohl dem Diamanten etwas mehr Raum gewidmet hätte werden können. Beschwingt führt uns Eva-Maria Bast durch die Jahre und schaut mit uns direkt ins Wohnzimmer der einzelnen Cartiers.

Ein würdevoller Abschluss dieser interessanten Trilogie, welche einige Szenen zum Schmunzeln bereithält. Ich war gerne dabei.

Veröffentlicht am 11.09.2025

Unabhängig

Das Fräulein Buchhändlerin
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Amanda ist fleißig, hat als Beste im Jahrgang ihre Ausbildung zur Buchhändlerin abgeschlossen und freut sich, mit ihrem Chef Otto und ihrem Kollegen Horst so gut zusammenzuarbeiten. Das ist in Bielefeld ...

Amanda ist fleißig, hat als Beste im Jahrgang ihre Ausbildung zur Buchhändlerin abgeschlossen und freut sich, mit ihrem Chef Otto und ihrem Kollegen Horst so gut zusammenzuarbeiten. Das ist in Bielefeld im Jahre 1960 schon viel, denn der Platz einer Frau ist bei Kindern und am Herd, aber daran denkt Amanda noch nicht. Während sie über eine Hochzeit mit Gisbert nachdenkt, verstirbt der Chef und für Amanda ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Ob das den Herren rund um sie passt?

Beschwingt erzählt Martina Bergmann vom Leben in den 1960er-Jahren, vom Wirtschaftsaufschwung und von den Schreibfräulein, von Männern in gehobenen Positionen und von Frauen in Feinstrumpfhosen. Amanda fügt sich nicht in diese Konventionen, blüht auf in ihrem Beruf und ist zuversichtlich, auch als verheiratete Frau und Mutter nicht im Haushalt zu versauern. Was vielleicht nicht einmal ein Traum war, kann sich nun, nach Ottos Tod, verwirklichen lassen, denn ist es nicht eine logische Konsequenz, dass Amanda den Buchladen weiterführt? In lockerem Schreibstil erzählt die Autorin, wie Amanda Pläne schmiedet und mit Hilfe ihrer Oma Schritt für Schritt vorwärts wagt. Sie ist keine, die wütend auf Gleichberechtigung pocht, sondern leise und zielstrebig handelt. Das ist es auch, was sie im Laufe der Kapitel so sympathisch werden lässt und darlegt, warum sich Henriette aus ganzem Herzen über die Freundschaft mit ihr freut. Liebevoll fügt Bergmann Details aus dem Handwerk einer Buchhändlerin ins Geschehen ein, umhüllt vom Flair der damaligen Zeit und der Erwartungshaltung der Gesellschaft. Unabhängig will Amanda sein und passend für die Gegenwart, vielleicht auch für die Zukunft – modern nennt man es zurzeit. Schön, dass wir diese tüchtige Frau dabei begleiten dürfen.

Ein ruhiger, stimmungsvoller Roman, der auf unterhaltsame Weise erzählt, wie auch eine Frau in den 1960ern neidische Männer auf ihre Plätze verweist.


Veröffentlicht am 09.09.2025

Unvollendet

Der Wind von Yorkshire
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Nach dem frühen Tod seiner Ehefrau zieht Robert Barlow mit seinen drei Töchtern June, Dahlia und Fern zu seiner Schwägerin, Tante Eliza, in die einsamen Hügel von Craven Dale. Der ehemalige Pfarrer findet ...

Nach dem frühen Tod seiner Ehefrau zieht Robert Barlow mit seinen drei Töchtern June, Dahlia und Fern zu seiner Schwägerin, Tante Eliza, in die einsamen Hügel von Craven Dale. Der ehemalige Pfarrer findet keinen Trost mehr im Glauben und verdient sich ein wenig Geld als Lehrer und Schriftgelehrter. Während Dahlia hübsche Kleidungsstücke näht und Fern sich mit der Schafzucht auskennt, begleitet June am liebsten ihre Tante Eliza zu den benachbarten Höfen, um der Heilerin und Hebamme zu helfen. Als Dahlia schwer erkrankt, entscheidet sich June, in die nächste Stadt – Bradford – zu gehen und ebenfalls zum gemeinsamen Einkommen beizutragen.

Recht anschaulich stellt Lia Scott ihre Figuren vor und passt ihren Schreibstil der idyllischen Landschaft des nordenglischen Yorkshire an. Malerisch ist das Land, die Leute so unterschiedlich wie nur möglich, denn Dahlia wartet, wie es sich gehört, auf die Hochzeit mit ihrem Verehrer, June ist bedacht darauf, viel zu lernen und Fern, die Jüngste, kann ein rechter Wildfang sein, besonders wenn sie um den Preis für ihre Schafwolle feilscht, was ganz und gar nicht den vorherrschenden Sitten um 1868 entspricht. Es dauert geraume Zeit, bis sich eine Handlung entspinnt und auch jetzt ist die betörende Atmosphäre das vorherrschende Element im Roman. Zu den wesentlichen Figuren gesellt sich irgendwann auch der Ire Franky hinzu, der schwere Schuld auf sich geladen zu haben scheint, so richtig greifbar wird dieses Thema nicht, dennoch erweckt er keinen unsympathischen Eindruck. Am Ende dieses Buches treffen wir mit June in einer gänzlich anderen Welt ein, nämlich in Bradford, wo die Schlote rauchen, der Schmutz den Himmel verdüstert und die Spinnräder und Webrahmen fast nie stillstehen. Dann reißt das mittlerweile spannende Geschehen abrupt ab und der Leser wird vertröstet auf den folgenden Band, das Bisherige bleibt unvollendet.

Ein schöner Start in die Welt zwischen Landleben und Stadtgefüge, sympathische Charaktere und viel Gefühl, leider wird der Roman erst in einigen Monaten komplett. Wer kann, sollte vielleicht warten? Lesenswert ist „Der Wind von Yorkshire“ aber jedenfalls.