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Veröffentlicht am 11.09.2025

Das Schicksal zweier Heimkinder, das tief berührt

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
1

Susanne Abel erzählt die Geschichte zweier Heimkinder, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nichts mehr haben außer sich selbst. Der Junge ist 1942 geboren, mehr geben seine Ausweispapiere nicht her. ...

Susanne Abel erzählt die Geschichte zweier Heimkinder, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nichts mehr haben außer sich selbst. Der Junge ist 1942 geboren, mehr geben seine Ausweispapiere nicht her. Auch der Familienname ist bis auf die ersten Buchstaben unleserlich, also wird er ab sofort als Willeiski geführt. Die Liste mit den Vornamen steht bei Hartmut, seine neue Identität steht somit fest. Wir schreiben das Jahr 1945. Zu dem Zeitpunkt ist Margret Tucke elf Jahre alt, ihre Eltern sind im Krieg umgekommen. Beide wachsen in einem Kinderheim auf, in dem Nonnen für Zucht und Ordnung sorgen.

Die Handlung und die Personen – bis auf wenige Ausnahmen – sind fiktiv, die Schicksale jedoch sind es nicht. Die Autorin hat viel Zeit in die Recherche investiert, viele Zeitzeugenberichte fließen mit ein. Alles, was sie schreibt, was sie beschreibt, entspricht den Tatsachen. Wenn man bedenkt, dass beim Suchdienst des DRK in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1950 14 Mio Suchanfragen eingingen und davon 300.000 Kinder betrafen, die von ihren Eltern gesucht wurden oder selbst gesucht haben, wird erst das ganze Ausmaß dieser verlorenen Kinder sichtbar. Das Nachwort gibt darüber Auskunft.

Es sind zwei Zeitebenen, die im Wechsel erzählt werden. Von 2006 bis 2017 ist es Emily, die bei ihren Urgroßeltern Margret und Hardy aufwächst wie zuvor schon ihre Oma Sabine und ihre Mama Julia. Die beiden Letztgenannten sind sehr jung Mutter geworden, beide waren sie überfordert, beide haben sie ihr Kind an Margret und Hardy abgeschoben. Emilys Nachfrage nach ihrem Vater beantwortet Julia nicht, dabei wäre dies für ihre Tochter so wichtig. Das Schweigen, das Verschweigen, zieht sich wie ein unsichtbares Band durch die Generationen.

Die Zustände in den Heimen waren alles andere als christlich, die Kinder werden körperlich und seelisch grausam misshandelt. Von Nächstenliebe keine Spur. An den wehrlosen Kindern werden Medikamententests durchgeführt, sie werden als Nummern geführt und auch so angesprochen, jede kleinste Verfehlung wird mit Schlägen und Einsperren geahndet. Mit dem kleinen Hardy durchlebe ich seine Odyssee, es verschlägt ihm regelrecht die Sprache. Was den Nonnen einen weitern Grund gibt, ihn zu bestrafen. Die etwas ältere Margret ist es, die sich seiner annimmt und auch sie ist es, die ihn fest an der Hand hält, wann immer es ihr möglich ist. Aber auch sie durchlebt ihre persönliche Hölle, auch sie erlebt Missbrauch, geglaubt wird ihr jedoch nicht. Die Nachwirkungen dieser schrecklichen Jahre ziehen sich durch ihrer beider Leben.

„Manchmal hilft es, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit die alten Wunden heilen können“ meint eine Ärztin, die Margret wegen eines Rezeptes aufsucht. Hört sich gut an, ist aber nicht einfach. Sollen all diese schrecklichen Jahre wieder präsent sein? Da ist Verdrängen oft der einzige Ausweg.

Das Buch hat mich tief berührt und es hat mich erschüttert ob dieser unfassbaren Härte, die Heimkinder ertragen mussten, die sie für ihr weiteres Leben gezeichnet haben. Die Figuren sind feinfühlig gezeichnet, man spürt ihre innere Zerrissenheit und auch die Liebe und die Fürsorge, die sie verbindet. Ein wiederum sehr lesenswertes Buch von Susanne Abel, das ich jedem ans Herz legen möchte.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Absoluter Lesegenuss

Verschworen
1

Den Wiedereinstieg nach der Babypause hat sich Polizeikommissarin Elma etwas weniger stressig vorgestellt. In Akranes, einer isländischen Hafenstadt in der Region Vesturland, nördlich von Reykjavík, wird ...

Den Wiedereinstieg nach der Babypause hat sich Polizeikommissarin Elma etwas weniger stressig vorgestellt. In Akranes, einer isländischen Hafenstadt in der Region Vesturland, nördlich von Reykjavík, wird die Leiche des vierzigjährigen Þorgeir gefunden. Dem ersten Anschein nach ist er mit sieben Messerstichen ermordet worden. Hat die Botschaft über seinem Bett, mit Blut geschrieben, etwas mit seinem Tod zu tun? Bald ist klar, dass es sich um den Auszug eines Kirchenliedes handelt, der Sinn dahinter jedoch erschließt sich weder Elma noch ihrem Vorgesetzten Hörður.

Der mittlerweile fünfte Island-Krimi führt zwischendurch fünfundzwanzig Jahre zurück in ein Ferienlager, in dem Þorgeir mit seinen Jugendfreuden die Ferien verbrachte. Damals kam es zu einem Unfall mit Todesfolge, die Ermittlungsakte jedoch, die Elma anfordert, gibt nicht viel her. Aber Elma lässt nicht locker, sie ahnt einen Zusammenhang mit ihrem heutigen Fall.

Da ich die Vorgängerbände aus der Reihe „Mörderisches Island“ verschlungen habe, war ich auf Band fünf sehr neugierig, der mich letztendlich eine schlaflose Nacht gekostet hat.

Als erstes war es das Personenregister, das ich als hilfreich empfand, denn gerade die isländischen Namen sind mir nicht geläufig. Es ist in Personengruppen unterteilt, der Lesefluss ist schon allein deshalb gegeben. Die Story ist raffiniert aufgebaut, ich erlebe ein und dieselbe Szene aus verschiedenen Blickwinkeln, die ich zeitversetzt lese. Daneben und dazwischen sind es viele, die mir verdächtig erscheinen, jedoch scheint bei jedem mehr als ein entscheidendes Detail zu fehlen. Ein ziemlich großer, alter Blutfleck, der mit einem Teppich abgedeckt ist, gibt Rätsel auf. Warum wird der erwähnt? Und das nicht nur einmal? Hat er eine Bedeutung? Elma nimmt Þorgeirs Umfeld, sein heutiges und sein damaliges Leben, auseinander.

Und dazwischen sind es die privaten Momente mit Sævar und ihrer kleinen Tochter Adda, die nun er in Elternzeit betreut, welche die Ermittlungsarbeit auflockern. Hörður wiederum hat an ganz anderer Front zu kämpfen, ein Sturz setzt ihm ziemlich zu. Die Aufklärung steht aber dennoch stets im Vordergrund. Elma ist auf der richtigen Spur, was nicht jedem gefällt, sie aber nicht davon abhält, sowohl den Vorkommnisse im Ferienlager vor langer Zeit als auch den heutigen Verbrechen nachzugehen.

Eva Björg Ægisdóttir bietet eine wendungsreiche Story, die sich ziemlich vielschichtig präsentiert, um auf verschlungenen Pfaden dann doch gelöst zu werden. Ihre charakterlich starken Figuren sind allesamt glaubhaft, allen voran natürlich Elma und Hörður neben Sævar, der – so wie es den Anschein hat – schwer an einem Geheimnis trägt, das sich vielleicht im nächsten Band offenbart. Und natürlich werde ich wieder dabei sein, im „Mörderischen Island“.

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Veröffentlicht am 02.09.2025

Historischer Roman über Kreuzritter, dem deutschen Thronstreit und noch mehr

Das Lied des Vogelhändlers
5

Ralf H. Dorweiler führt in seinem historischen Roman „Das Lied des Vogelhändlers“ in die Zeit des deutschen Thronstreits, als die Adelshäuser der Staufer und der Welfen um die Krone des Heiligen Römischen ...

Ralf H. Dorweiler führt in seinem historischen Roman „Das Lied des Vogelhändlers“ in die Zeit des deutschen Thronstreits, als die Adelshäuser der Staufer und der Welfen um die Krone des Heiligen Römischen Reiches streiten.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund lese ich von dem Dritten Kreuzzug ins Heilige Land, den Barbarossa anführt, wir schreiben das Jahr 1190. Nachdem sie ihren Onkel verloren hat, schließt sich Franziska von Hellenau den Ordensschwestern an, die für den mitreisenden Bader arbeiten. Sie erwirbt viel Wissen und bald wird sie zu dem schwer verletzten Markgrafen Hermann IV. von Baden gerufen, der Falkner Rupert ist stets an seiner Seite. Als Alleinreisende inmitten des Kreuzzuges ist sie sich bewusst, dass sie von einer ganz bestimmten Sorte Mann als Freiwild angesehen wird, nicht jeder ist ein Ehrenmann und so manch bieder auftretende Gestalt entpuppt sich als Lügner und Intrigant, der sich aber dennoch ob seines miesen Charakters lange durchschlängeln kann.

Der Roman wird in zwei Zeitebenen erzählt, einmal 1190 während des Kreuzzuges und dann auf Burg Hachberg, zehn Jahre später. Jedes Kapitel ist einem Vogel gewidmet, angefangen vom Wanderfalken bis hin zur Krähe. Durch die den Kapiteln vorangestellten Zeit- und Ortsangaben weiß man stets, welchem Erzählstrang man folgt und vorneweg findet man das gut strukturierte Personenverzeichnis, das vor allem anfangs sehr hilfreich ist.

Es ist zwei Tage vor Beginn des großen Turniers, das auf Burg Hachberg im Schwarzwald stattfinden wird. Am Donnerstag, den 11. Mai 1200 beobachte ich Wigbert, den Vogelhändler, als er sich dem Nest des Wanderfalken-Paares nähert. Zwei Küken sind geschlüpft, nur eins davon raubt Wigbert, denn für eine Nachbrut ist es in diesem Jahr schon zu spät. Diese Klettertour ist nicht ungefährlich, der Felsen ist rutschig, die Falken verteidigen ihre Brut, das ist nichts für schwache Nerven. Wigbert, der Vogler, sorgt auch so für Nachschub, er wird mit seinem Mündel Almut am Rande des Turniers seine Vögel den feinen Herrschaften anbieten.

Ralf H. Dorweiler zeigt eine längst vergangene Zeit auf, voller Intrigen und Machtkämpfe. Mittendrin ist auch Walther von der Vogelweide, dessen Ruhm bis in unsere Tage anhält. Der Thronstreit zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto von Braunschweig, in den sich Papst Innozenz III. einmischt und letztendlich entscheidet, ist in die Handlung gut eingeflochten. Die beiden Handlungsstränge nähern sich an, ich erfahre am Rande auch so einige damals übliche Gepflogenheiten wie etwa das Mitnehmen eines Vogels im Käfig als Sensor der Luftqualität eines Stollens, erlebe die Schlacht gegen die Rum-Seldschuken. Im direkten Gefolge des Kaisers waren Media, Wundärzte, Feldschere und Bader dabei und zehn Jahre später dann staune ich über das üppige Gelage auf Burg Hachberg, bei dem nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Ein Anschlag – wem galt er? Ich habe hier nur einige wenige Sequenzen herausgezogen, der Roman bietet sehr viel mehr.

Jedes Detail, jede einzelne Charakter ist in sich stimmig, die Handlung logisch aufgebaut, alle Szenen sind lebendig beschrieben, ich hatte stets das Gefühl, direkt dabei zu sein, ich war tief drin in der Erzählung.

Von Ralf H. Dorweiler habe ich bis dato noch nichts gelesen, werde dies jedoch nach „Das Lied des Vogelhändlers“, diesem absolut lesenswerten Buch, bald ändern. Er versteht es bestens, das Historische mit den fiktiven Elementen zu einer unterhaltsamen, gut lesbaren Geschichte zu verbinden - ein empfehlenswerter Roman, nicht nur für geschichtlich interessierte Leser.

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  • Historisch
Veröffentlicht am 01.09.2025

Spannende Lesestunden garantiert

Über die Toten nur Gutes
1

Alles beginnt im Beerdigungsinstitut Amelung im Osten Flensburgs und dort endet es auch. Naja, fast – der Glücksburger Friedhof ist es zum Schluss, in dem sich eine kleine Trauergemeinde einfindet. Was ...

Alles beginnt im Beerdigungsinstitut Amelung im Osten Flensburgs und dort endet es auch. Naja, fast – der Glücksburger Friedhof ist es zum Schluss, in dem sich eine kleine Trauergemeinde einfindet. Was dazwischen alles geschieht, davon berichtet Andreas Izquierdo in diversen Tonarten - je nachdem, wie die Dinge stehen.

Diesen festen Termin, den Mads Madsen als Trauerredner hat, verschläft er fast. Jetzt aber schnell, die Trauergäste warten, der Verblichene sowieso. Gerade mal so hat er es doch noch geschafft, er steht vor dem offenen Sarg des Mannes, dem heute seine Rede gilt. Nur nicht verhaspeln, nur keine Daten durcheinanderbringen – Mads redet frei, das ist er seinen Toten schuldig.

Schon die ersten Seiten ziehen mich ins Buch, denn was ich hier erlebe, ist so einzigartig, so abgefahren, gespannt lese ich weiter, folge Mads, der bald darauf schlaftrunken einen Anruf entgegennimmt. „Patrick ist tot.“ Es wird gewünscht, dass Mads die Trauerrede hält. Er braucht einiges an Infos von ihm, dem Freund aus Kindertagen. Lange hat er nichts mehr von ihm gehört, also macht er sich dran, seinem Leben nachzuspüren. Der Unfall, dem Patrick das Leben gekostet hat, müsste logischerweise auch die Polizei interessieren. Hier tritt die Hauptkommissarin Luisa Mills, kurz Mills genannt, auf den Plan. Ihr gefällt es so gar nicht, dass Mads in dieser Sache ermittelt, ihm bleibt allerdings nichts anderes übrig, denn in seinen Augen interessiert Mills sich nicht die Bohne für den Hergang des Unfalls.

An den Büchern von Andreas Izquierdo komme ich nicht vorbei, sein einnehmender Schreibstil und seine Themenauswahl sind neben den lebendigen Charakteren Garant für eine gute Story. Die witzig-spritzigen Dialoge, die mir so manches Schmunzeln entlocken, haben es mir besonders angetan. Neben den launigen Szenen geht es bedrohlich und mitunter tödlich zur Sache, der Krimi hat auch seine durchaus ernsten Seiten, die sehr nachdenklich stimmen.

Mit Mads, dem Trauerredner, der als Detektiv fungiert, hat er einen einzigartigen, liebenswerten und zielstrebigen Hauptakteur erschaffen, der mit seinen 28 Jahren unter einem Dach mit seinem Vater, dem etwas schrulligen, aber durchaus pfiffigen Fridtjof, lebt. Als Hobby-Detektiv lebt es sich mitunter gefährlich, mit so manch finsterer Gestalt muss Mads sich auseinandersetzen. Nur gut, dass sein Schwager Robert Anwalt ist, denn zuweilen kann so einer sehr nützlich sein. Ein ganz besonderer Charakter ist der Thanatopraktiker Herr Barnardy, der in aller Stille für den perfekten Abschluss sorgt. Mehr sei nicht verraten.

„Über die Toten nur Gutes“ ist ein kurzweiliges, vergnügliches Lesevergnügen, das viel mehr als „nur“ eine Trauerrede zu bieten hat. Ein zweiter Band wird im Herbst 2026 erscheinen, dann heißt es „Niemals geht man so ganz“ – ich freu mich drauf.

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Sehr lesenswert

Die Dolmetscherin
1

Titus Müller legt in seinem exakt recherchierten, sehr empfehlenswerten Buch „Die Dolmetscherin“ den Focus auf den ersten Nürnberger Prozess, in dem sich die 24 Hauptangeklagten der Planung, der Vorbereitung, ...

Titus Müller legt in seinem exakt recherchierten, sehr empfehlenswerten Buch „Die Dolmetscherin“ den Focus auf den ersten Nürnberger Prozess, in dem sich die 24 Hauptangeklagten der Planung, der Vorbereitung, der Einleitung und Durchführung eines Angriffskrieges, Verbrechen an der Zivilbevölkerung und Kriegsgefangenen sowie Massenmord in den Vernichtungslagern zu verantworten hatten.

Im Badeort Mondorf-les-Bains, im Großherzogtum Luxemburg, internierte die US-Armee führende Nazi-Größen. Mit Görings Anreise werfen wir einen ersten Blick in das Palace-Hotel, in dem die ersten Verhöre stattfanden. Es war im Mai 1945, kurz nach Deutschlands Kapitulation. Görings Größenwahn kommt durch, er gibt sich auch später, als er nach Nürnberg übergeführt wird, von sich überzeugt, verhöhnt und verachtet die Justiz, führt diese bei jeder sich bietenden Gelegenheit nur zu gerne vor. Er liebt dramatische Auftritte, wähnt sich noch immer – trotz seiner Degradierung - als Hitlers Nachfolger.

Die fiktive Figur Asta ist es, die als Dolmetscherin fungiert. Die gebürtige Deutsche ist in jungen Jahren in die USA ausgewandert, sie beherrscht beide Sprachen perfekt in Wort und Schrift und überzeugt mit ihrem Gespür für sprachliche Feinheiten. Zunächst wird sie in Luxemburg und dann in Nürnberg als Simultandolmetscherin eingesetzt. Ihrer Figur haftet etwas Düsteres an, auch für Geheimdienste ist sie interessant, sie lebt äußerst gefährlich.

Zwischendurch dann ist es Leo, den sie schon in Luxemburg als normalen Kriegshäftling kennenlernt. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, auch er kehrt zurück nach Nürnberg, zu seiner kleinen Familie. Und auch er hat noch eine Rechnung offen, die ihn in riskante Bahnen lenkt.

Titus Müller führt seine Leser von den ersten Verhören in Luxemburg hin zu der Anklage der vier alliierten Mächte, Robert H. Jackson (USA) ist einer der vier Hauptankläger. Die 24 Angeklagten sind hinlänglich bekannt, ich muss sie hier nicht näher bezeichnen. Im Roman allerdings werden uns neben Göring noch etliche der hohen Nazi-Funktionäre in ihren Eitelkeiten und ihrer menschenverachtenden Gesinnung und ihren Taten, die sie vehement leugnen, nähergebracht. Es ist schwer auszuhalten, was diese Massenmörder von sich geben, wie sie sich in ihrer Überheblichkeit auch im Angesicht der drohenden Verurteilung geben.

Und - wir sind im zerbombten Nachkriegsdeutschland. Da ist Leo, der seine Familie in einem Kellerloch wiederfindet. Der Krieg hat nicht nur Städte zerstört, jeder einzelne kämpft ums Überleben. Anhand seines Sohnes und seiner Frau wird die Tragik der Überlebenden offenbart. Und auch Asta hat ein Privatleben, das durch fremde Kräfte in eine äußerst gefährliche Richtung gelenkt wird.

Zunächst haben mich die Hintergründe der Nürnberger Prozesse interessiert. Gelegentlich musste ich innehalten und tief durchatmen, so manch Detail zeigt die inhumane Vorgehensweise der Nazis schonungslos auf. Dennoch will ich es wissen, wie zynisch sie waren, wie barbarisch sie agierten. „Die Dolmetscherin“ ist ein spannender, ein lebendig erzählter historischer Roman, der unsere Geschichte gut lesbar wiedergibt, der gelesen werden sollte.

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