Über das (Über-)Leben der Boat People – interessant.
Wandering SoulsMit der erzählenden Hauptfigur Jane, Immigrantin aus 2. Generation, wird ein Roman zwischen makabren, märchenhaften Facetten mit einigen Wahrheitsfetzen auf drei Erzählebenen aufbereitet. Ihre Familie ...
Mit der erzählenden Hauptfigur Jane, Immigrantin aus 2. Generation, wird ein Roman zwischen makabren, märchenhaften Facetten mit einigen Wahrheitsfetzen auf drei Erzählebenen aufbereitet. Ihre Familie flüchtete 1978 aus Vung Tham, südlichem Zentralvietnam, bis nach Großbritannien in den frühen Thatcher-Jahren. Der Roman beginnt mit Anh, 16, und ihren zwei jüngeren Geschwistern - aus ihrer Sicht in der 3. Person bis in die Gegenwart präsentiert. Der 2. Erzählstrang ist von Dao als Ich-Erzähler, einem der jüngeren, nicht überlebenden Brüder, der als Geist über seine drei lebenden Geschwister wacht. Schließlich handelt der 3. Strang von der erst später in der Gegenwart entpuppten Autorin, die ihre Nachforschungen und Anhs Fluchterfahrungen dokumentiert, vermischt mit eigenen Gefühlen und Überlegungen zum Romaninhalt. Über diesen großen Zeitraum von mehr als 40 Jahren werden Immigration, Deplatzierung, Flüchtlingskrisen, Trauer, Verlust, Schuldgefühle der Überlebenden, kulturelle Erwartungshaltung, Rassismus und generationsübergreifendes Trauma thematisiert. Der Buchtitel bezieht sich auf die amerikanische Operation Wandering Souls , einer psychologischen Kriegskampagne während des Vietnam-Kriegs zwecks Demoralisierung und Desertierungsermutigung der Vietcong. Diese Kriegstaktik knüpft sich an den vietnamesischen Glauben, dass für ihre Toten ein ordentliches Begräbnis in ihrem Heimatort abgehalten werden muss. Scheitert dies, würden ihre Seelen geisterhaft wie die von Dao ziellos umherirren. Gleichzeitig beinhaltet dieser Ausdruck Gefühle von Verlust und Vertreibung von Flüchtlingen, die hadern auf ihrer Suche nach neuer Heimat und Zugehörigkeit in ihrem adoptierten Land.
Diese drei Erzählebenen erscheinen nicht durchgehend wie zusammen gehörige Elemente. Das Thema von ständig begleitender Trauer, Schuld, Verantwortung und finanziellem wie beruflichem Kummer ist gut herausgestellt in ihrer Langzeitwirkung, sogar mit generationsübergreifenden Konsequenzen. Als typische Immigranten-Erfolgsstory oder als Misserfolg kommt der Roman nicht daher, bleibt eher meist auf dem realistischen Mittelpfad. Nur relativ wenige Details vietnamesischer Kultur werden beschrieben. Der Hauptfokus bleibt auf Anh gerichtet gegenüber ihren Brüdern und ihrer eigenen Familie. Nur sehr blass kommen wenige weiße Nebenfiguren daher. Große Zeitsprünge, nicht alle chronologisch angeordnet, erfordern Konzentration, erschweren den Strukturüberblick.
Insgesamt eine interessante vietnamesisch-britische Einbürgerungsgeschichte! Eine Immigranten-Geschichte mit Erfahrungen voller Mühsal und Schrecken