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Veröffentlicht am 12.09.2025

Über das (Über-)Leben der Boat People – interessant.

Wandering Souls
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Mit der erzählenden Hauptfigur Jane, Immigrantin aus 2. Generation, wird ein Roman zwischen makabren, märchenhaften Facetten mit einigen Wahrheitsfetzen auf drei Erzählebenen aufbereitet. Ihre Familie ...

Mit der erzählenden Hauptfigur Jane, Immigrantin aus 2. Generation, wird ein Roman zwischen makabren, märchenhaften Facetten mit einigen Wahrheitsfetzen auf drei Erzählebenen aufbereitet. Ihre Familie flüchtete 1978 aus Vung Tham, südlichem Zentralvietnam, bis nach Großbritannien in den frühen Thatcher-Jahren. Der Roman beginnt mit Anh, 16, und ihren zwei jüngeren Geschwistern - aus ihrer Sicht in der 3. Person bis in die Gegenwart präsentiert. Der 2. Erzählstrang ist von Dao als Ich-Erzähler, einem der jüngeren, nicht überlebenden Brüder, der als Geist über seine drei lebenden Geschwister wacht. Schließlich handelt der 3. Strang von der erst später in der Gegenwart entpuppten Autorin, die ihre Nachforschungen und Anhs Fluchterfahrungen dokumentiert, vermischt mit eigenen Gefühlen und Überlegungen zum Romaninhalt. Über diesen großen Zeitraum von mehr als 40 Jahren werden Immigration, Deplatzierung, Flüchtlingskrisen, Trauer, Verlust, Schuldgefühle der Überlebenden, kulturelle Erwartungshaltung, Rassismus und generationsübergreifendes Trauma thematisiert. Der Buchtitel bezieht sich auf die amerikanische Operation Wandering Souls , einer psychologischen Kriegskampagne während des Vietnam-Kriegs zwecks Demoralisierung und Desertierungsermutigung der Vietcong. Diese Kriegstaktik knüpft sich an den vietnamesischen Glauben, dass für ihre Toten ein ordentliches Begräbnis in ihrem Heimatort abgehalten werden muss. Scheitert dies, würden ihre Seelen geisterhaft wie die von Dao ziellos umherirren. Gleichzeitig beinhaltet dieser Ausdruck Gefühle von Verlust und Vertreibung von Flüchtlingen, die hadern auf ihrer Suche nach neuer Heimat und Zugehörigkeit in ihrem adoptierten Land.
Diese drei Erzählebenen erscheinen nicht durchgehend wie zusammen gehörige Elemente. Das Thema von ständig begleitender Trauer, Schuld, Verantwortung und finanziellem wie beruflichem Kummer ist gut herausgestellt in ihrer Langzeitwirkung, sogar mit generationsübergreifenden Konsequenzen. Als typische Immigranten-Erfolgsstory oder als Misserfolg kommt der Roman nicht daher, bleibt eher meist auf dem realistischen Mittelpfad. Nur relativ wenige Details vietnamesischer Kultur werden beschrieben. Der Hauptfokus bleibt auf Anh gerichtet gegenüber ihren Brüdern und ihrer eigenen Familie. Nur sehr blass kommen wenige weiße Nebenfiguren daher. Große Zeitsprünge, nicht alle chronologisch angeordnet, erfordern Konzentration, erschweren den Strukturüberblick.

Insgesamt eine interessante vietnamesisch-britische Einbürgerungsgeschichte! Eine Immigranten-Geschichte mit Erfahrungen voller Mühsal und Schrecken

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Ein einfühlsamer, Gedanken anregender Roman über ein erstaunliches Paar.

Die Konturen der Liebe
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Das Cover des Buches lässt nicht darauf schließen, dass es sich um ein solch berühmtes Liebespaar handelt, zumindest in Architektur- und Designkreisen des 20. Jahrhunderts: Bernice Alexandra, genannt ...

Das Cover des Buches lässt nicht darauf schließen, dass es sich um ein solch berühmtes Liebespaar handelt, zumindest in Architektur- und Designkreisen des 20. Jahrhunderts: Bernice Alexandra, genannt Ray und Charles Eames. Voller Kreativität und Ideenvielfalt schufen sie in den USA den Mid-Century-Stil mit neuen Standards bei Möbeln und Spielsachen neben vielen weiteren Projekten wie Filme und Ausstellungen. Besonders die Rolle der künstlerisch arbeitenden Ehefrau Ray steht ab 1941 im Mittelpunkt. Zwar genießt sie mitgestalterische Gleichberechtigung in ihrer Ehe, was in der Öffentlichkeit jedoch als alleiniger Verdienst von Charles Eames wahrgenommen wird. Interessant sind die Informationen zu neuen Techniken und Materialien bei der Herstellung von preiswerten, leichten und komfortablen Stühlen in Massenproduktion. Trotz verschiedener kreativer Ausrichtung dieser Hauptfiguren besonders in Kriegszeiten nach der Bombardierung von Pearl Harbour - hier mehr Malerei und Design, dort eher Architektur und Technik – findet sich dieses Paar über 40 Jahre hinweg vereint in ihren einander ergänzenden Schaffensprozessen sowohl privat als auch beruflich. Beziehungsfragen werden aufgeworfen: Können z.B. zwei Menschen es wirklich schaffen, ihre künstlerische Genialität zu vereinen und dadurch potenzieren, ohne ihre eigene Persönlichkeit aufzugeben?
Der Schreibstil gefällt. Bekannte Persönlichkeiten dieser Jahrzehnte begleiten das Ehepaar auf ihrer Erfolgsleiter. Gleichzeitig wird der Wandel der weiblichen Rolle in der amerikanischen Gesellschaft durch den 2. Weltkrieg beleuchtet.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Mitmenschlichkeit, besonders wichtig in Kriegszeiten

Grand Hotel Avalon
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Die Szenerie spielt in einem Luxushotel in West Virginia, in den Appalachen gelegen mit mehreren Sulfat Quellen. Vorgestellt wird die Hauptfigur June Porter Hudson als Hoteldirektorin, die seit mehr als ...

Die Szenerie spielt in einem Luxushotel in West Virginia, in den Appalachen gelegen mit mehreren Sulfat Quellen. Vorgestellt wird die Hauptfigur June Porter Hudson als Hoteldirektorin, die seit mehr als zehn Jahren mit Diskretion, Einfühlungsvermögen und besonderem Engagement für gesellschaftlich hochstehende Gäste sowie für ihr Personal diesem Resort vorsteht. Hoss wird sie von ihrem Personal genannt, eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine große, starke und angesehene Person mit überzeugenden mitmenschlichen Qualitäten. Durch den Angriff der Japaner auf Pearl Harbour wandelt sich der Hotelkomplex zu einer Art Gefängnis für feindliche Botschaftsangehörige aus Washington wie Deutsche, Japaner, Italiener und Ungarn. In vier Teilen geht es in diesem historischen Roman auch um die diplomatische Zusammenarbeit von FBI und den Beamten des State Departments, die den Austausch gegen internierte Amerikaner im Ausland bewerkstelligen. Die Themen Euthanasie und Sterilisation werden an der Romanfigur der 10-jährigen Hannelore Wolf sehr greifbar dargelegt, da sie nicht spricht und zu Wutanfällen neigt. Die monatelange, angespannte Atmosphäre mit Abhörvorrichtungen, Ausgangssperre, Langeweile, Rationierung von Nahrung und Benzin wird bildlich greifbar. Der bedrückende Gefängnischarakter in diesen Kriegszeiten ab Januar 1942 wird durch die geheimnisvollen Heilwasser mit ihrer besonderen Magie noch betont. Aus Rückbesinnungen von FBI-Agent Tucker Rye Minnick erhält man traurige Einblicke in weiter zurückliegende Bergarbeiterstreiks, z.B. das Matewan-Massaker, geprägt von Armut und Vernachlässigung ist auch Junes Kindheit.

Interessante Einblicke in historische, diplomatische Kriegspraktiken.. 4*

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Luise Straus-Ernst, die erste Frau von Max Ernst, im Pariser Exil

Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil
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Scheinbar autobiografisch unterlegt beschreibt die jüdische Autorin unter einem Pseudonym, als Fortsetzung in 38 Folgen in einer deutschsprachigen Pariser Tageszeitung, ihre Alltagserfahrungen in diesem ...

Scheinbar autobiografisch unterlegt beschreibt die jüdische Autorin unter einem Pseudonym, als Fortsetzung in 38 Folgen in einer deutschsprachigen Pariser Tageszeitung, ihre Alltagserfahrungen in diesem Exil ab 1934, umgeben von vielen Vertriebenen. Selber geplagt von Heimweh, Einsamkeit und Geldmangel agieren ihre Hauptfiguren Ulla Frankfurter aus Köln, Bibliothekarin, kämpferische Heldin, und Antiheld Peter Krimmer, Redakteur mit Verbindung zu Kommunisten. Das bescheidene Milieu in der großen Stadt der Liebe und das Zusammenleben mit Franzosen und den Exilanten werden einfühlsam dargestellt. Der harte Weg aus unschönen Erfahrungen mit perspektivlosen Hilfsangeboten, auch mit Selbstverachtung, bis zu positiver Aufbruchsstimmung in einer Landkommune, wird sehr lebendig eingeflochten. Entgegen der zerstörerischen NS-Ideologie versucht die Autorin den vielen Exilanten, Kraft aus der Mutlosigkeit und Verzweiflung zu geben, an der schließlich der Antiheld Peter scheitert. Dass es nicht nur um die Sicherung der materiellen Existenz geht, sondern auch um Anstand, Ehre, Selbstachtung, wird ebenso betont. Die Nachbearbeitung mit einem Nachwort und einer Zeittafel ist hilfreich.
Insgesamt ein berührendes Ambiente.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Traumatische Verarbeitung vom Verlust eines (scheinbar) geliebten Menschen

Eskalationsstufen
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Nach dem 8-Stufen-Modell von Dr. Jane Monckton Smith dreht sich dieser Roman um eine Gewalthandlung mit Kalkül, die zunächst im 1. Kapitel als überzeugende Liebesgeschichte daherkommt. Jedoch in Kapiteln ...

Nach dem 8-Stufen-Modell von Dr. Jane Monckton Smith dreht sich dieser Roman um eine Gewalthandlung mit Kalkül, die zunächst im 1. Kapitel als überzeugende Liebesgeschichte daherkommt. Jedoch in Kapiteln 8 und Null tritt die Realität von Gewalt gegen Frauen hervor, die lt. o.g. Autorin vorhersehbar ist. Im künstlerischen Ambiente von Wien angesiedelt geht es um die talentierte Julia Moser, Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache, und den bereits profilierten Maler JoeN., der im ländlichen Raum um Linz eine Jagdhütte geerbt hat. Unglückliche Restriktionen aufgrund der Pandemie, verursacht durch Covid 19, sind kreativ ab 5. Kapitel mit dem überstürzten Ortswechsel dorthin eingebaut als gravierender Kontrollmechanismus des Täters. Nach den zwei letzten, relativ kurzen Kapiteln bewegt sich der Fokus gedanklich erneut auf das anfängliche Kapitel NULL, denn dortige drastische Informationen verwirren zu Anfang des Leseprozesses. In Ich-Perspektive erzählt Julia in zunehmend verwirrendem Gedanken- und Handlungsfluss ihre steigende Bedrängnis. Zum Ende hin ist der Satzbau, zunehmend gestückelt, teils abgebrochene Satzteile wiederholend, hemmt er zwar den Lesefluss, sorgt aber für reichliche Dynamik.
Ein sehr ernstes Thema thematisch gut umgesetzt.

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