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riraraffi

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.03.2026

Alle brauchen so eine Freundschaft (und so ein Huhn)

Ein Huhn kommt selten allein
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Das Huhn, das irgendwie eine Veränderung in Romeos Leben markiert, nennt er Tock. Eines Abends sitzt es plötzlich auf seinem Balkon, genau zu dem Zeitpunkt, an dem Romeo ein wenig Trost gut gebrauchen ...

Das Huhn, das irgendwie eine Veränderung in Romeos Leben markiert, nennt er Tock. Eines Abends sitzt es plötzlich auf seinem Balkon, genau zu dem Zeitpunkt, an dem Romeo ein wenig Trost gut gebrauchen kann. Denn sein Vater ist schwer krank, seine Mutter kocht streng riechendes „gesundes“ Essen und auch die Jungs in der Schule gehen ihm auf die Nerven.
Tock gehört zu den neuen Nachbarn, die ein Zentrum für Wachstum und Entwicklung betreiben. Am nächsten Tag lernt Romeo im Unterricht deren Tochter Jessi kennen. Ohne große Scheu erzählt sie von sich und sogar von ihrer verstorbenen Mutter.
Jessi wird genau die Freundin, die Romeo in dieser Zeit braucht. Während er verzweifelt versucht, an seinem Vater festzuhalten, noch Dinge mit ihm zu erleben und gleichzeitig Schwierigkeiten hat, über seine Gefühle zu sprechen, ist Jessi da. Mit ihrer direkten und intensiven Art gibt sie Romeo genau das, was er in dieser Phase braucht – auch wenn er selbst das zunächst gar nicht erkennt.
Ich glaube, jede und jeder braucht in schwierigen Zeiten eine Freundin wie Jessi und generell Menschen, die einfach da sind.
Besonders berührend ist die Darstellung von Romeos Trauerprozess: sich von jemandem verabschieden zu müssen, der eigentlich noch da ist, aber nicht mehr derselbe wie früher; zu wenig Zeit zu haben; und als Kind kaum Möglichkeiten zu finden, mit dieser Situation umzugehen. Das wird in der Geschichte sehr einfühlsam und bewegend erzählt.
Ich habe jede einzelne Figur (und jedes einzelne Huhn) ins Herz geschlossen. Für mich bietet diese Geschichte einen sehr empathischen Zugang zum Thema Tod: Sie bringt eine gewisse Leichtigkeit hinein, ohne die Schwere des Themas kleinzureden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.02.2026

Die leisen Risse im Familiengefüge

Alle glücklich
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Bei Tolstoi heißt es: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“
Kira Mohn lässt uns selbst prüfen, ob in dieser Familie tatsächlich alle ...

Bei Tolstoi heißt es: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“
Kira Mohn lässt uns selbst prüfen, ob in dieser Familie tatsächlich alle glücklich sind.
Indem sie uns die Perspektiven aller vier Familienmitglieder eröffnet, entsteht eine besondere Dynamik: Während des Lesens tendierte ich immer dazu, mich auf die Seite derjenigen Figur zu schlagen, deren Kapitel ich gerade vor mir hatte. Jede Sichtweise wirkt in sich schlüssig.
Was zunächst wie alltägliche Reibereien erscheint, entwickelt sich zunehmend zu größeren individuellen, aber auch familiären Konflikten. Rückblickend erkennt man: Die Anzeichen waren von Anfang an da.
Auch wenn Tolstoi sagt, jede Familie sei auf ihre eigene Weise unglücklich, hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass bestimmte Strukturen universell sind: Wenn Bedürfnisse nicht ausgesprochen werden, wenn jede*r vor allem um sich selbst kreist und kein Raum für wirklichen Austausch und gegenseitige Wertschätzung bleibt, entstehen Risse – leise zuerst, dann unübersehbar.
Das Ende mochte ich sehr. Eine einfache, vollständig aufgelöste Harmonie hätte nicht zu den fein ausgearbeiteten Entwicklungen gepasst, die Schritt für Schritt in die Katastrophe führen. Stattdessen rückt eine Figur noch einmal in ein neues Licht und genau das wirkt stimmig.
Der Schreibstil ist dabei durchgehend einnehmend. Man merkt, dass hier jemand schreibt, der seine Charaktere kennt und ernst nimmt. Ich bin wirklich begeistert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.10.2025

Sechs Stimmen, ein Gefühl: Girlhood

Girlhood
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Man unterschätzt leicht, wie viel einem Kurzgeschichten geben können. Besonders dann, wenn das Ende offen bleibt oder keine endgültige Lösung präsentiert wird und man dennoch miterleben darf, wie eine ...

Man unterschätzt leicht, wie viel einem Kurzgeschichten geben können. Besonders dann, wenn das Ende offen bleibt oder keine endgültige Lösung präsentiert wird und man dennoch miterleben darf, wie eine der starken Protagonistinnen sich entwickelt. Gerade weil wir hier sechs Kurzgeschichten haben, bündelt sich auf wenigen Seiten eine enorme Vielfalt und weibliche Kraft, die unglaublich inspirierend wirkt.

Ein wenig irritiert hat mich, dass Anna Dimitrova Dessi aus ihrem Roman Kanak Kids zur Hauptfigur ihrer Kurzgeschichte macht, dort hatte ich sie ganz anders wahrgenommen. Trotzdem habe ich alle sechs Geschichten sehr gerne gelesen.

Und wie passend ist es eigentlich, diese Sammlung Girlhood zu nennen? Keine Geschichte nimmt der anderen den Raum, genauso wie auch Frauen im echten Leben einander nicht verdrängen müssen. Im Gegenteil: Ein Nebeneinander ist so viel schöner als ein Alleinsein.

Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Geschichten nicht nur sorgfältig angeordnet, sondern auch thematisch leicht miteinander verknüpft sind. Was für die eine Figur ein Problem darstellt, kann für die nächste ein Wunsch sein und genau darin liegt ein besonderer Reiz dieser Sammlung.

Am Ende bleibt für mich vor allem das Gefühl, dass Girlhood nicht nur einzelne Geschichten erzählt, sondern ein kollektives Bild von weiblichem Aufwachsen, Kämpfen und Träumen zeichnet.

Veröffentlicht am 20.09.2025

Verstörend aktuell

Heimat
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Jana wird zum dritten Mal Mutter. Der Umzug aufs Land scheint die richtige Entscheidung: mehr Ruhe, mehr Natur, das Beste für die Kinder. Doch die Kluft zwischen ihr und ihrem Partner tut sich auf: Jana ...

Jana wird zum dritten Mal Mutter. Der Umzug aufs Land scheint die richtige Entscheidung: mehr Ruhe, mehr Natur, das Beste für die Kinder. Doch die Kluft zwischen ihr und ihrem Partner tut sich auf: Jana hat einfach gekündigt und ist jetzt “nur” Mutter, ihr Partner als Gymnasiallehrer mit noch weiterem Anfahrtsweg stürzt sich in seinen Beruf. Inmitten ihrer Selbstzweifel trifft sie auf Karo.
Ihr neues Leben und das Kennenlernen von Karo führen subtil die scheinbare Idylle und die Motoren ein, die die Rückkehr zur “traditionellen” Frauenrolle antreiben. Karolin wirkt klug, charismatisch, anziehend; und gerade das macht sie gefährlich. Sie inszeniert ein traditionelles Frauenbild, das Jana und andere Mütter unmerklich in seinen Bann zieht. Im „Leseclub“ diskutieren sie Bücher, die Kitas als Instrumente einer entfremdenden Ökonomie beschreiben. Nebenbei stehen sie auch mal an einem AfD-Stand oder sprechen sich gegen Asylheime aus. Karos Selbstinszenierung auf Instagram, die perfekte Mutter, die autark kocht, bäckt und mit ihrem Mann ein fast idyllisches Familienleben führt, verleiht ihrem Weltbild zusätzliche Strahlkraft.

Jana nimmt sich vor, die politische Situation kritisch zu durchdringen. Doch am Ende landet sie doch wieder auf Instagram, versinkt in Karos Posts und verliert die Distanz. Diese Verschiebung der Wahrnehmung von Realität hin zu kuratierten Online-Inszenierungen ist beklemmend aktuell und im Roman äußerst eindrücklich beschrieben.

Die Faszination für die sogenannte „Tradwife“ wird hier vielschichtig, subtil und erschreckend nachvollziehbar aufgedeckt. Auch als Leser*in kann man sich ihr kaum entziehen: Man schaut hin, aber auch weg. Das Ende ist überraschend, irritierend, aber gerade deshalb nachhaltig.

Ich bewundere Lühmann dafür, ihrer Leserschaft ein solches Ende zuzumuten und die Geschichte ohne übermäßige Wertung zu erzählen. Damit traut sie uns ein hohes Maß an hermeneutischer Kompetenz zu.

Veröffentlicht am 04.09.2025

Zwischen Hausarrest und Schwerelosigkeit

Und die Welt, sie fliegt hoch
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In „Und die Welt, sie fliegt hoch” ist Juris Welt auf sein Zimmer beschränkt: er verlässt es nie, aus eigenem Entschluss. Avas Bewegungsradius ist ebenso eng, doch aus ganz anderem Grund: Sie sitzt unfreiwillig ...

In „Und die Welt, sie fliegt hoch” ist Juris Welt auf sein Zimmer beschränkt: er verlässt es nie, aus eigenem Entschluss. Avas Bewegungsradius ist ebenso eng, doch aus ganz anderem Grund: Sie sitzt unfreiwillig im Hausarrest fest. Aus purer Langeweile greift sie zu einer alten Handynummer und beginnt Juri zu schreiben. So entwickelt sich ein Gespräch, in dem sich ihre Welten berühren und beide beginnen zu fliegen: Ava wie ein freier Vogel, Juri wie ein Astronaut, der dennoch auf seinen Anzug angewiesen ist. Ein treffenderes Bild hätte man kaum finden können, denn „fliegen“ und „Welt“ öffnen hier Räume für Leichtigkeit und Schwere, für Sorgen, Geheimnisse und den Mut, sich aus dem Gewohnten zu lösen.

Ava ist so ziemlich die unzuverlässigste Erzählerin (oder hier wohl eher Texterin), sie hat gefühlt 15 Antworten darauf, warum sie Hausarrest hat, doch Juri glaubt erst an die Letzte.
An das Hin- und Herspringen beim Lesen der Textnachrichten musste ich mich kurz gewöhnen, doch gerade dadurch lenkt der Text die Aufmerksamkeit auf die fein abgestimmten Illustrationen.
Ein Buch, das zeigt, wie Worte und Bilder gemeinsam eine eigene Welt erschaffen können.

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