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Veröffentlicht am 10.04.2025

Drei Geschwister und ein dubioses Familienerbe

Wo wir uns treffen
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Mit ihrem neuen Roman „Wo wir uns treffen“ begibt sich die britische Autorin Anna Hope auf das Terrain des Familienromans. Im Mittelpunkt steht ein großes Anwesen, das nach dem Tod des Vaters an die nächste ...

Mit ihrem neuen Roman „Wo wir uns treffen“ begibt sich die britische Autorin Anna Hope auf das Terrain des Familienromans. Im Mittelpunkt steht ein großes Anwesen, das nach dem Tod des Vaters an die nächste Generation übergehen soll – ein klassisches Szenario, das in der Literatur seit jeher als Ausgangspunkt für innerfamiliäre Konflikte und die Aufarbeitung einer gemeinsamen Vergangenheit dient. Hope bedient sich dabei bekannter Motive, versucht jedoch einen eigenen Weg zu finden, indem sie nicht auf überzeichnete Dramatik oder familiäre Zerwürfnisse setzt, sondern auf leisere Töne – mit wechselhaftem Erfolg.
Im Zentrum stehen die drei Geschwister Frannie, Milo und Isa, die nach dem Tod des Vaters in ihr Elternhaus zurückkehren – ein Haus, das sie aus unterschiedlichen Gründen längst hinter sich gelassen hatten. Der Anlass ist die Beerdigung des Vaters und die Frage, wie es mit dem geerbten Anwesen weitergehen soll. Bereits hier zeigt sich, dass das Erbe nicht nur eine finanzielle Belastung darstellt, sondern tiefere Konflikte innerhalb der Familie an die Oberfläche bringt.
Dabei folgt Hope einem bewährten literarischen Muster: Die Zusammenkunft anlässlich eines Trauerfalls wird zur Bühne für unausgesprochene Konflikte, alte Verletzungen und tief sitzende Spannungen. Doch anstatt diese auf eskalierende Weise auszuspielen, konzentriert sich die Autorin stärker auf die Auswirkungen, die das Anwesen selbst auf das Leben der Geschwister hat – und auf die Geschichte, die es in sich trägt.
Der Roman entfaltet sich dabei in einem gemächlichen Tempo. Vieles wird in Rückblenden erzählt, Erinnerungen an die Kindheit im Haus wechseln sich ab mit Gesprächen in der Gegenwart, in denen die Geschwister über das weitere Vorgehen diskutieren. Frannie, die als Haupterbin im Zentrum der Handlung steht, ist diejenige, die sich für den Erhalt des Hauses einsetzt. Unterstützt wird sie dabei von ihrer kleinen Tochter Rowan, für die sie sich ein behütetes Aufwachsen an jenem Ort wünscht, an dem auch sie selbst groß geworden ist.
Milo hingegen bildet den Widerpart. Er hat schon zu Lebzeiten des Vaters geheime Absprachen getroffen, deren Ziel nicht im Erhalt des Hauses, sondern vielmehr in dessen Verwertung liegt. Isa, die dritte im Bunde, bleibt im Hintergrund – mit sich selbst beschäftigt und durch Beziehungsprobleme abgelenkt, wirkt sie häufig wie eine Randfigur.
Trotz der bemühten Charakterzeichnung gelingt es Anna Hope nicht, die Figuren mit echtem Leben zu füllen. Zwar werden ihre inneren Konflikte ausführlich beschrieben, und auch ihre Vergangenheiten werden aufgerollt – doch die emotionale Bindung bleibt aus. Besonders Frannie, obwohl sie die meiste Präsenz aufweist, bleibt merkwürdig ungreifbar. Ihre Motive erscheinen nachvollziehbar, aber nicht fesselnd. Milo und Isa sind zwar als Kontrastfiguren angelegt, doch auch sie können dem Roman kaum mehr als eine oberflächliche Dynamik verleihen.
Hinzu kommt, dass der große thematische Umschwung im letzten Drittel des Romans beinahe ungeschickt eingeführt wird. Ohne eine wirkliche Vorwarnung offenbart sich eine düstere Vergangenheit des Anwesens – eine Verbindung zur britischen Kolonialgeschichte, die das Ansehen der Familie tief erschüttert. Was auf den ersten Blick wie ein spannendes erzählerisches Element wirkt, erweist sich rasch als enttäuschend unausgereift. Der koloniale Kontext, der in der britischen Literatur ohnehin nur selten aufgegriffen wird, bleibt hier eine Randnotiz. Die Diskussion darüber zwischen den Geschwistern wirkt gezwungen und oberflächlich, das Potenzial dieses Themas wird nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft. Hopes Schreibstil indes trägt nicht dazu bei, das erzählerische Defizit auszugleichen. Ihre Sprache ist nüchtern, beinahe blass, und die Dialoge wirken häufig gestelzt oder belanglos. Die Erzählstruktur folgt einem klaren Plan, doch genau dieser Plan ist zu deutlich spürbar. Die Geschichte bleibt auf diese Weise zu sehr ein literarisches Konstrukt – und zu wenig ein lebendiges Familiendrama.
Insgesamt hinterlässt „Wo wir uns treffen“ den Eindruck eines Romans, der viel versucht, aber wenig erreicht. Die Idee, das Erbe eines geschichtsträchtigen Anwesens als Katalysator für familiäre Auseinandersetzungen zu nutzen, ist nicht neu – und Hope gelingt es nicht, dieser Konstellation neue Facetten abzugewinnen. Die Figuren sind zu blass, die Konflikte zu gezähmt, die historische Dimension zu oberflächlich.
Wer nach einem eindrucksvollen Familienroman sucht, der Generationenkonflikte, emotionale Tiefe und historische Verflechtungen miteinander zu verknüpfen weiß, wird bei diesem Buch enttäuscht. „Wo wir uns treffen“ bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück – ein Roman, der mehr verspricht, als er hält, und dabei letztlich kaum über Mittelmaß hinauskommt.

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Veröffentlicht am 14.06.2024

Spuren der Vergangenheit

Seinetwegen
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In "Seinetwegen" begibt die Schweizer Autorin Zora del Buono sich auf eine Spurensuche, um den Umständen näherzukommen, die zum Tod ihres Vaters geführt haben. Sie war noch ein Kleinkind, als Manfredi ...

In "Seinetwegen" begibt die Schweizer Autorin Zora del Buono sich auf eine Spurensuche, um den Umständen näherzukommen, die zum Tod ihres Vaters geführt haben. Sie war noch ein Kleinkind, als Manfredi del Buono, ein vielversprechender Oberarzt, in einen Autounfall verwickelt wurde und wenige Tage später seinen Verletzungen erlag. Hingegen überlebte der Schuldige des Unfalls, ein junger Mann, der bereits mehrfach mit seiner rücksichtslosen Fahrweise auffällig geworden ist. Beim Gerichtsprozess kommt er vergleichsweise glimpflich davon, während Zora del Buono fortan als Halbwaise aufwächst. Ihre Mutter heiratet kein zweites Mal. In einer literarischen Form beschreibt die Autorin nun, in welchen Verhältnissen sie aufwuchs, was das Fehlen eines Vaters für sie bedeutete, und nähert sich überdies dem Mann an, der für den Tod ihres Vaters verantwortlich ist - lange sind ihm nur seine Initialen, E.T., bekannt.
Ein vergleichbares autobiografisches Projekt ist mir nicht bekannt, dass eine Autorin den Versuch unternimmt, das Leben eines Fremden zu durchleuchten, der für den Tod des eigenen Vaters verantwortlich ist, darf als neuartig angesehen werden. Demnach war ich äußerst gespannt auf dieses Buch. Die Autorin findet durchaus eine geeignete Form, eigene Überlegungen, Fakten und Tatsachen, Anekdoten aus ihrem Leben, Essays und die Ergebnisse ihrer Recherchen miteinander zu verknüpfen. Obwohl der Text größtenteils aus Fragmenten und Schnipseln besteht, ist ein roter Faden zu erkennen. Auch ohne Kapitelüberschriften wirkt alles geordnet. Die Autorin setzt interessante Schwerpunkte, holt gelegentlich etwas aus, beispielsweise indem sie die Lebensumstände der Italiener in der Schweiz beschreibt wie sie es als Mädchen erlebt hat, bleibt ihrem Kurs jedoch stets treu. Sechzig Jahre nach dem verheerenden Unfall kommt sie E.T. immer näher. Wie ist er all die Jahre mit seiner Schuld umgegangen? Was für ein Leben hat er geführt?
Del Buono gelingt ein solider Text, keine Frage, aber kein Bravourstück. Vielleicht liegt es an meinen zu hohen Erwartungen an dieses Buch, dass es mich am Ende weniger abholen konnte, als erwartet. Trotz der Anstrengungen der Autorin, ihre Familie, ihren Vater und die Zeit, in der sie aufwuchs, zu beschreiben, entsteht nur ein blasses Bild von alledem. Vielleicht war das Thema am Ende doch zu persönlich, sodass del Buono sich scheute, unbekannte Leser tiefer in ihre Familiengeschichte einzuführen. Anstatt einer tiefgreifenden Analyse bieten die 200 Seiten des Buches daher nur einen knappen Abriss.

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Veröffentlicht am 23.09.2025

Nähe und Distanz

ë
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Romane, die das Leben von Geflüchteten oder Migranten in Deutschland literarisch verarbeiten, haben sich längst als fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarktes etabliert. Sie erzählen von der ...

Romane, die das Leben von Geflüchteten oder Migranten in Deutschland literarisch verarbeiten, haben sich längst als fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarktes etabliert. Sie erzählen von der Suche nach einer neuen Heimat, während die alte Herkunft und Geschichte weiterhin präsent bleibt. Auch 2025 wird dieser Trend mit neuen Stimmen fortgeführt. Unter den aktuellen Veröffentlichungen hat es Jehona Kicaj mit ihrem Roman „ë“ sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Kicaj selbst kam als Kind mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland, und diese Erfahrung bildet den Kern ihres literarischen Debüts.
Auf vergleichsweise engem Raum schildert sie ihre Ankunft, die ersten Schritte der Eingliederung und vor allem den mühsamen Zugang zur deutschen Sprache. Anfangs noch mit hörbarem Akzent gesprochen – besonders das rollende „r“ bleibt ein Hindernis – wird Deutsch nach und nach zur eigentlichen Muttersprache, während das Albanische immer fremder erscheint. Kicaj zeigt, wie Sprache Identität verschieben und Zugehörigkeit verändern kann. Zugleich beschreibt sie das Leben ihrer Familie in der neuen Umgebung, das geprägt ist von Anpassungsversuchen, aber auch von Missverständnissen, Rückschlägen und der Erfahrung offener wie subtiler Fremdenfeindlichkeit.
Doch so sehr „ë“ von Migrationserfahrungen handelt, so auffällig ist auch die Distanz, die der Roman zum eigentlichen Ursprungsgeschehen wahrt. Kicaj hat den Kosovo-Krieg nicht unmittelbar miterlebt. Sie kennt ihn lediglich durch Erzählungen von Angehörigen oder durch mediale Berichterstattung. Diese Entfernung, die für viele vergleichbare Bücher untypisch ist, macht „ë“ zwar eigen, zugleich aber auch angreifbar. Der Roman bleibt häufig an der Oberfläche, wiederholt bekannte Muster des Genres und bietet nur selten Perspektiven, die Leser ohne persönlichen Bezug zum Kosovo überraschen oder bereichern könnten.
Gerade im Vergleich zu anderen Werken wirkt Kicajs Buch dadurch schwach. Es mangelt an prägnanten Details, die neue Einsichten eröffnen, und an erzählerischem Raffinement. Statt einer klaren Dramaturgie reiht die Autorin Erinnerungen, Eindrücke und Gedanken lose aneinander. Der Text springt durch Zeiten und Themen, ohne dass daraus eine zwingende Entwicklung entsteht. Ein Beispiel ist die ausgedehnte Episode über eine Zahnbehandlung. Anfangs sorgt sie für Irritation, doch sobald klar wird, dass es sich um ein Symbol handelt, breitet Kicaj die metaphorische Bedeutung derart ausführlich aus, dass der Leserschaft keine eigene Deutung mehr bleibt.
So bleibt am Ende der Eindruck, dass nicht jede persönliche Erinnerung automatisch literarische Kraft entfaltet. „ë“ wirkt trotz autobiografischer Grundlage eher wie ein Konstrukt, das Distanz wahrt, statt emotionale Nähe aufzubauen. Das Buch ist kurz, detailarm und berührt nur bedingt. Für Leser mit eigenen Migrationserfahrungen oder mit direktem Bezug zum Kosovo mag es ansprechend sein. Für ein breiteres Publikum aber reiht es sich eher unscheinbar zwischen zahlreichen anderen Migrationsromanen ein und vermag kaum, eine nachhaltige Wirkung zu hinterlassen.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Hier wird unnötig Potenzial verschenkt

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
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Oliver Lovrenskis Roman "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" verspricht eine schonungslose Geschichte über vier Jugendliche am Rande der Gesellschaft. Ivor, Marco, Jonas und Arjan kämpfen mit ...

Oliver Lovrenskis Roman "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" verspricht eine schonungslose Geschichte über vier Jugendliche am Rande der Gesellschaft. Ivor, Marco, Jonas und Arjan kämpfen mit ihrer prekären Lebensrealität und suchen verzweifelt nach einem Platz in der Welt, wohlwissend, dass dieser für sie vielleicht gar nicht existiert. Doch statt einer tiefgehenden Milieustudie, die das harte Leben dieser Jugendlichen authentisch beleuchtet, entscheidet sich Lovrenski für eine experimentelle Erzählweise, die keineswegs notwendig erscheint, und am Ende wenig begeistert.
Die vier Jugendlichen treiben sich auf den Straßen herum, konsumieren Drogen und geraten von einer prekären Situation in die nächste. Versuche von Sozialarbeitern, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen, scheitern kläglich. Immer weiter geraten sie in einen Strudel der Perspektivlosigkeit, aus dem es kaum noch ein Entkommen zu geben scheint. Ein solches Szenario könnte eine intensive, erschütternde Lektüre ermöglichen, doch leider scheitert Lovrenski an der Umsetzung. Der experimentelle Stil des Romans ist gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen abschreckend. Der Text erinnert an tagebuchartige Gedankenfetzen, wirr und unvollkommen, flüchtig niedergeschrieben, ohne erkennbare Struktur. Satzzeichen sind rar gesät, und die flapsige Jugendsprache, durchzogen von grammatikalischen Fehlern, stört den Lesegenuss erheblich. Zwar mag dieser Stil die Perspektive des Protagonisten widerspiegeln, doch führt er letztlich dazu, dass der Leser sich gelangweilt und unterfordert durch die fragmentarischen Gedanken kämpft, ohne dabei einen echten Zugang zur Geschichte zu finden.
Die Erzählweise bleibt oberflächlich. Man erhält nur bruchstückhafte Einblicke in das Leben der Jugendlichen, ihre Freundschaft, ihre Vergangenheit und die Umstände, die sie geprägt haben. Anstatt eine fesselnde Milieustudie zu liefern, bleibt der Roman eine lose Aneinanderreihung von Episoden, die nie wirklich in die Tiefe gehen. Die Themen – soziale Missstände, Perspektivlosigkeit, Gewalt – werden nur angerissen, ohne dass sie in ihrer vollen Tragweite ausgearbeitet werden. So bleibt der Roman letztlich eine skizzenhafte Momentaufnahme, die im Endeffekt zwar durchaus ein gesamtheitliches Bild ergibt, aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.
Um diesem Werk etwas abgewinnen zu können, muss man eine große Affinität für literarische Experimente mitbringen. Wer jedoch ein gehaltvolles Leseerlebnis erwartet, dürfte enttäuscht werden. Angesichts des hohen Preises von 22 Euro und der Veröffentlichung im renommierten Hanser Verlag erwartet man mehr als eine pseudoexperimentelle Romanskizze. Letztlich bleibt das Gefühl, dass hier eine Geschichte mit großem Potenzial verschenkt wurde.

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Veröffentlicht am 16.11.2024

Kurze und oberflächliche Lektüre

Nach uns der Himmel
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Ein Flugzeug kann während eines schweren Unwetters scheinbar nur knapp einem Absturz entgehen; die Passagiere, von denen die meisten auf der Reise in den Urlaub sind, kommen knapp mit dem Leben davon. ...

Ein Flugzeug kann während eines schweren Unwetters scheinbar nur knapp einem Absturz entgehen; die Passagiere, von denen die meisten auf der Reise in den Urlaub sind, kommen knapp mit dem Leben davon. Doch die darauffolgenden Urlaubstage bringen, wie der Flug als Vorbote bereits erahnen ließ, nicht die erhoffte Erholung.
Diese Ausgangslage des Romans „Nach uns der Himmel“ von Simone Buchholz hat ohne Frage Potenzial. Der Flug als traumatischer Auftakt lässt auf eine psychologisch tiefgründige Auseinandersetzung mit den Auswirkungen eines solchen Ereignisses hoffen. Doch diese Erwartung wird enttäuscht. Stattdessen bietet Buchholz ein Kaleidoskop an Figuren und Geschichten, die jeweils nur oberflächlich beleuchtet werden. Der Roman ist mit knapp 200 Seiten schlichtweg zu kurz, um gleich acht Hauptprotagonisten und ihre individuellen Konflikte überzeugend darzustellen.
Die acht Figuren befinden sich in unterschiedlichen Lebensphasen, doch wirklich glücklich ist keiner von ihnen. Der Jugendliche Vincent steht aufgrund einer schweren Krankheit am Ende seines Lebens, seine Eltern Sara und Marc stecken in einer emotional leeren Beziehung. Die Studienfreunde Annike und Benedikt versuchen, in ihrem Urlaub Entspannung zu finden, während ihr wohlhabender Freund Claudius als großzügiger, aber distanzierter Gönner auftritt. Trotz dieser vielversprechenden Ansätze bleibt der Leser unberührt: Keine der Figuren wird ausreichend ausgearbeitet, um Empathie oder Interesse zu wecken.
Die einzige nennenswerte Entwicklung durchlebt Vincent, der durch seine Begegnung mit Heidi, einer Startup-Verkäuferin, einen Hauch von Glück in seinem düsteren Leben erfährt. Doch selbst dieser Handlungsstrang wirkt eher erzwungen als berührend. Die restlichen Figuren bleiben leblos, blass und wenig liebenswert. Ihre Geschichten verlaufen in ereignislosen Bahnen, ohne Konflikte oder Überraschungen. Das Fehlen jeglicher Dramatik macht die Lektüre langatmig und monoton.
Auch stilistisch kann der Roman nicht überzeugen. Buchholz scheint bemüht, aus dem Alltäglichen Literatur zu schaffen, doch die abgehackten Sätze und die sperrige Syntax wirken eher anstrengend als kunstvoll. Es fehlt an sprachlicher Eleganz und einem Rhythmus, der den Leser mitreißen könnte. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass die Autorin sich in banalen Beschreibungen verliert, ohne echten Gehalt zu liefern.
Zum Ende hin erinnert das Szenario stark an „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier aus dem Jahr 2021, doch Buchholz gelingt es nicht, diesem Vorbild etwas Eigenes oder gar Besseres entgegenzusetzen. Während Le Telliers Roman zumindest durch seine originelle Prämisse punktet, bleibt „Nach uns der Himmel“ blass und uninspiriert. Der Vergleich mit diesem Werk zeigt vielmehr die Schwächen von Buchholz’ Roman auf.
Insgesamt hinterlässt „Nach uns der Himmel“ den Eindruck eines vernachlässigbaren Randwerks. Der Roman scheitert sowohl inhaltlich als auch stilistisch und lässt den Leser ratlos zurück, was die Beweggründe für seine Veröffentlichung betrifft. Die Figuren sind weder interessant noch sympathisch, die Handlung ist belanglos, und der Schreibstil strapaziert die Geduld. Weder in der literaturkritischen Bewertung noch in der kommerziellen Hinsicht dürfte diesem Werk ein Erfolg beschieden sein – eine enttäuschende Lektüre, die man getrost überspringen kann.

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