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Karolina_Hruskova

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.12.2025

Genialer Titel und konsequente Umsetzung

Jahre ohne Sprache
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»Jahre ohne Sprache« trägt für mich einen der besten Titel mit viel Aussagekraft und einer extremen Tiefe. Der Roman lebt von Naos Sprachlosigkeit, ihrem unsicheren Inneren und einer besonderen Atmosphäre. ...

»Jahre ohne Sprache« trägt für mich einen der besten Titel mit viel Aussagekraft und einer extremen Tiefe. Der Roman lebt von Naos Sprachlosigkeit, ihrem unsicheren Inneren und einer besonderen Atmosphäre. Langsam nähert man sich mit Nao der Wahrheit, den Geschehnissen von früher an. Was war das mit der Hand damals, eine Grenzüberschreitung, sexuelle Gewalt, oder nur eine falsch abgespeicherte Erinnerung? Sie traut ihrer eigenen Wahrnehmung nicht, sucht Bestätigung und Klarheit zwischen Relativierungen und Verdrängung.

Ann Esswein bietet hier keine einfache Antwort auf Naos Fragen. Die Suche danach wird zum Prozess, der von Unsicherheiten, Misstrauen und Zögern geprägt ist. Naos Erinnerungen wirken fragmentarisch, sie werden hinterfragt, überschrieben und verzerrt. Als Leser:in erfährt man, wie schwierig es sein muss, den eigenen Erinnerungen zu glauben, wenn man ihnen selbst nicht traut.

Stilistisch ist diese Sprachlosigkeit perfekt in den Roman übernommen worden. Sprachlich sehr ruhig, zurückhaltend, aber präzise wird Wert auf das Wichtigste gelegt, ohne die Geschichte zu überschatten. Durch Leerstellen gibt es genügend Raum für Ungesagtes. Der Roman hat sein eigenes Tempo, ist langsam, vorsichtig, zaghaft, manchmal auch ausgedehnt, und spiegelt damit Naos innere Verfassung wider.

Was zurückbleibt ist nicht etwa die Handlung, sondern die Ohnmacht, ein Gefühl, das durch die Schwere des Schweigens drückt. Das Buch wirkt durch eben jene Sprachlosigkeit besonders nach und überzeugt durch seine Tiefe und konsequente, vielseitige Umsetzung des Themas.

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Veröffentlicht am 05.12.2025

Durchwachsene Charaktere, aber dennoch liebenswürdig

Off to the Races
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Mit Pferdegeschichten bin ich ja noch nie warm geworden. Nie eine Wendy gehabt, kein Interesse an dem Tier, keinen Reitunterricht, einfach nichts. Und dann kam »Off to the Races.«

Es hat wirklich Spaß ...

Mit Pferdegeschichten bin ich ja noch nie warm geworden. Nie eine Wendy gehabt, kein Interesse an dem Tier, keinen Reitunterricht, einfach nichts. Und dann kam »Off to the Races.«

Es hat wirklich Spaß gemacht, vor allem Billie kennenzulernen. Vaughn hat mich mit seiner herablassenden und respektlosen Art Frauen gegenüber leider nicht überzeugt – eher im Gegenteil. Auch besaß er keine Weitsicht, war engstirnig (insbesondere in Bezug auf seinen verstorbenen Großvater) und war durchgehend ein Unsympath für mich. Billie hingegen war erfrischend. Präsent mit einer Stärke, die sie sich hart erarbeitet hat, und einer prägenden Vergangenheit, an der sie gewachsen ist. Trotzdem blitzten hin und wieder ihre Unsicherheiten auf, die sie als Charakter authentisch abgerundet haben. Die größte Überraschung für mich persönlich: Besonders ihre Bindung zu DD, ihrem Pferd, war sehr berührend. Obwohl ich glaube, dass sich Pferde nicht wie im Roman beschrieben verhalten?! Auch die Liebesgeschichte zwischen Billie und Vaughn war gut ausgearbeitet. Etwas spicy, glaubwürdig und herzerwärmend – tatsächlich mochte ich Vaughns Sicht auf Billie sehr. Das wars aber auch schon mit ihm.

Die Story war okay. Irgendwie vorhersehbar, irgendwie nicht. Keine Überraschungen, aber solide. Die Nebenfiguren empfand ich als zu große Klischees, aber haben sich dennoch gut in die Geschichte gefügt. Oder war die Geschichte einfach zu sehr mit Klischees gespickt, sodass das auch nicht mehr ins Gewicht fällt? Eine Story, deren Setting auf einer Pferderanch ist, muss wahrscheinlich unweigerlich gewisse Erwartungen erfüllen.

Ich habe den Roman sehr gern gelesen. Der Schreibstil war flüssig, bildlich, leicht humorvoll und schwerelos, die Figuren lebhaft. Alles verlief geradlinig, ohne unnötige Ausschweifungen und ich wurde alles in einem gut und – trotz Klischees – abwechslungsreich unterhalten.

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Hautnah dabei

Crushing
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Wie gut ist einfach diese Story! Besonders freue ich mich, weil Genevieve Novak wie auch schon in »No Hard Feelings« diese herzerwärmenden Bridget-Jones-Vibes geschaffen hat - doch diesmal wirkte die Geschichte ...

Wie gut ist einfach diese Story! Besonders freue ich mich, weil Genevieve Novak wie auch schon in »No Hard Feelings« diese herzerwärmenden Bridget-Jones-Vibes geschaffen hat - doch diesmal wirkte die Geschichte erwachsener und reifer.

Anfangs war »Crushing« für mich nur eine Alltagserzählung. Marnie arbeitet, ist zuhause und sucht sich neue Hobbys. Nett. Aber genau das ist dann auch die Stärke des Romans geworden: Als Leserin war ich nämlich voll mit dabei, erste Reihe, ganz nah.

Unter der Oberfläche hat Marnie ihre eigene Identität gesucht, eine Antwort auf die Frage: Wer bin ich ohne den Einfluss von außen? Dabei begegnete sie neuen Freund:innen, hat Konflikte ausgetragen, sich vor allem selbst reflektiert und aus ihren bisherigen (falschen) Verhaltensmuster Konsequenzen gezogen. Ich mochte ihre Entwicklung sehr. Sie hat sich auch im Nachhinein teilweise als übergriffig reflektiert, als sie ihrer Schwester oder Freundin ihre Meinung gesagt hat. Das war für mich oftmals nicht nachvollziehbar, was mir tatsächlich ein komisches Gefühl gegeben hat.

Auch die Liebe zu Isaac wird thematisiert und stellt sich als ziemlich komplex dar. Wie Marnie letztendlich mit der Beziehung zu ihm umgegangen ist, hat mich sehr beeindruckt. Auch die Beziehungen zu den weiteren Figuren (allen voran Claud!) waren tief, echt und wunderbar ausgearbeitet.

Ich mochte »Crushing« wirklich sehr. Durch die Nähe war Marnie wie meine eigene Freundin, deren Geschichte ich begleiten darf. Ihre persönliche Entwicklung war inspirierend und öffnet einem wahrscheinlich in gleich mehreren Punkten die Augen. Darüber hinaus ließ es sich leichtfüßig und fließend lesen. Für mich ein rundum gelungener Roman, den ich gerne empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Coming-of-Age in Stockholm

Beste Zeiten
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Anfangs wusste ich lange nicht, wohin mich der Roman führen möchte. Man lernt Sickan kennen, begleitet sie durch ihren Alltag in Stockholm. Worauf die Geschichte abzielte, hat sich parallel ganz sachte ...

Anfangs wusste ich lange nicht, wohin mich der Roman führen möchte. Man lernt Sickan kennen, begleitet sie durch ihren Alltag in Stockholm. Worauf die Geschichte abzielte, hat sich parallel ganz sachte aufgebaut.

Schnell hingegen mochte ich Jenny Mustard Schreibstil. Ich war damit nah an den Figuren, habe ihre Gedanken und Gefühle eingängig vermittelt bekommen. An den richtigen Stellen änderte sich der Stil, man driftet mit Sickan ab, dreht sich im Kreis, die Umgebung verschwimmt. Jenny Mustard hat mich alles bedingungslos glauben lassen, was ich gelesen habe.

In teilweise schmerzhaften Erinnerungen blickt man mit Sickan gemeinsam auf Erlebnisse ihrer Jugend zurück, die Traumata verursacht haben. Oft habe ich den Eindruck gehabt, dass Sickan mit diesen Kapiteln abschließen und drüber stehen wollte. Stockholm hat ihr immerhin die Möglichkeit geboten, sich neu zu definieren. Ein Reset. Sickan war dabei sehr um Distanz bemüht, jedoch war der Einfluss ihrer Vergangenheit trotzdem in ihrem Wesen stark bemerkbar.

In Stockholm selbst ist Sickan trotz ihrer Neuerfindung von Selbstzweifeln geplagt, findet neue Freunde, setzt sich mit Loyalität auseinander und verliebt sich. Ich mochte es sehr, sie auf ihrem Weg mit all den damit verbundenen Emotionen und Begegnungen zu begleiten. Jenny Mustard hat durch Sickan viele wichtige Themen natürlich zusammengefasst, die wahrscheinlich jeden Menschen in diesem Alter beschäftigen.

»Beste Zeiten« sind genau das: beste Zeiten im Leben, ein neuer Lebensabschnitt, neue Erfahrungen, neue Freunde, neue Gefühle und Ängste. Ein Coming-of-Age-Roman, der Fiktion und Realität verschwimmen lässt, der sich so nahbar und glaubwürdig anfühlt. Von Anfang bis Ende einfach nur gelungen!

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Verantwortungsgefühl und Leidenschaft

Der Krabbenfischer
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Auf »Der Krabbenfischer« habe ich schon länger ein Auge geworfen, daher habe ich den Roman mit großen Erwartungen begonnen - und konnte ihn zum Schluss fast nicht mehr aus der Hand legen.

Der junge Thomas ...

Auf »Der Krabbenfischer« habe ich schon länger ein Auge geworfen, daher habe ich den Roman mit großen Erwartungen begonnen - und konnte ihn zum Schluss fast nicht mehr aus der Hand legen.

Der junge Thomas Flett lebt mit seiner Mutter in den 60er Jahren in ärmlichen Verhältnissen. Die Abwesenheit des Vaters ist allgegenwärtig und tief verankert in Thomas' Gedanken und Sein. Täglich fährt er stoisch und pflichtbewusst zum Krabbenfischen auf das Meer hinaus und aus diesem Pflichtbewusstsein heraus verheimlicht er auch seine eigentliche Leidenschaft, seinen Traum davon, Musiker zu werden. Sein Leben ist grau und trostlos, und das hat Benjamin Wood mit einer extremen Tiefe und düsteren, fast schon melancholisch Atmosphäre ergreifend umgesetzt. Vor allem durch Woods nüchternen Erzählstil, mit dem er dennoch eine einnehmende Lebendigkeit geschaffen hat, wird man als Leser:in direkt in das Geschehen und die Gedankenwelt einbezogen.

Als Thomas den Regisseur Edgar Acheson kennenlernt, fängt er an sich zu verändern. In der Freundschaft zu Edgar findet er Inspiration und den Mut, um seine Musik, die er in seinem Inneren bewahrt hat, auch nach außen zu tragen. Der keimenden Selbstbestimmung steht jedoch noch immer das Pflichtbewusstsein gegenüber, letztendlich ist er doch Krabbenfischer. Plötzlich steht Thomas vor einer Entscheidung, die er nicht treffen kann.

Der Roman spricht mit ruhiger Stimme über den Spagat zwischen Verantwortung und Leidenschaft, über das schmerzhafte Fehlen des Vaters und Loyalität zu einem Freund - auch wenn der sie möglicherweise gar nicht verdient hat.

Alles in einem sind meine Erwartungen erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Thematisch, stilistisch und atmosphärisch hat Benjamin Wood eine Roman geschaffen, der einen Moment perfekt eingefangen hat und damit noch lange im Gedächtnis bleibt.

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