Genialer Titel und konsequente Umsetzung
Jahre ohne Sprache»Jahre ohne Sprache« trägt für mich einen der besten Titel mit viel Aussagekraft und einer extremen Tiefe. Der Roman lebt von Naos Sprachlosigkeit, ihrem unsicheren Inneren und einer besonderen Atmosphäre. ...
»Jahre ohne Sprache« trägt für mich einen der besten Titel mit viel Aussagekraft und einer extremen Tiefe. Der Roman lebt von Naos Sprachlosigkeit, ihrem unsicheren Inneren und einer besonderen Atmosphäre. Langsam nähert man sich mit Nao der Wahrheit, den Geschehnissen von früher an. Was war das mit der Hand damals, eine Grenzüberschreitung, sexuelle Gewalt, oder nur eine falsch abgespeicherte Erinnerung? Sie traut ihrer eigenen Wahrnehmung nicht, sucht Bestätigung und Klarheit zwischen Relativierungen und Verdrängung.
Ann Esswein bietet hier keine einfache Antwort auf Naos Fragen. Die Suche danach wird zum Prozess, der von Unsicherheiten, Misstrauen und Zögern geprägt ist. Naos Erinnerungen wirken fragmentarisch, sie werden hinterfragt, überschrieben und verzerrt. Als Leser:in erfährt man, wie schwierig es sein muss, den eigenen Erinnerungen zu glauben, wenn man ihnen selbst nicht traut.
Stilistisch ist diese Sprachlosigkeit perfekt in den Roman übernommen worden. Sprachlich sehr ruhig, zurückhaltend, aber präzise wird Wert auf das Wichtigste gelegt, ohne die Geschichte zu überschatten. Durch Leerstellen gibt es genügend Raum für Ungesagtes. Der Roman hat sein eigenes Tempo, ist langsam, vorsichtig, zaghaft, manchmal auch ausgedehnt, und spiegelt damit Naos innere Verfassung wider.
Was zurückbleibt ist nicht etwa die Handlung, sondern die Ohnmacht, ein Gefühl, das durch die Schwere des Schweigens drückt. Das Buch wirkt durch eben jene Sprachlosigkeit besonders nach und überzeugt durch seine Tiefe und konsequente, vielseitige Umsetzung des Themas.