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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eindringliches Plädoyer für einen Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit der Droge Alkohol

Trocken
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Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn ...

Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn so bin ich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam geworden. Aus beruflichem und privatem Interesse habe ich schon viele Bücher Betroffener über Suchterkrankungen und andere psychische Probleme gelesen, doch lange hat mich keines mehr so berührt wie dieses.

Basierend auf Tagebucheinträgen und Rückblicken nimmt der Autor uns mit auf seine Reise durch die Hölle der Alkoholabhängigkeit. Wir erleben, wie auf den hochintelligenten, aber schüchternen, mit Depressionen und Ängsten kämpfenden Teenager an jeder Ecke in Österreich die Verführung zum Saufen lauert. Ja, leider ist Saufen nicht nur normalisiert in diesem Land, es besteht ein regelrechter Druck, mitzumachen, dem nur wenige unter guten Bedingungen standhalten können. Denn wer nicht trinkt, der macht sich zum Außenseiter und wird immer und immer wieder aufgefordert, mitzumachen und doch nicht so langweilig zu sein (das kenne ich als lebenslange Alkoholverweigerin in Österreich nur zu gut aus eigener Erfahrung).

Bei Daniel Wagner braucht es nicht viel, um ihn zum regelmäßigen Saufen zu verleiten: zu wohltuend ist das angenehme Gefühl der Entspannung und Erleichterung, der Enthemmung und Beruhigung, das damit einhergeht. Nur betrunken fühlt er sich wohl, sicher und kommunikativ. So kommt es schnell zu einer Gewöhnung, bis ein dauerhafter Alkoholspiegel von 2 bis 4 Promille im Blut für ihn völlig normal ist. Wozu es hingegen sehr lange braucht, ist das Eingeständnis, ein Alkoholproblem zu haben: viel zu lange verleugnet er dieses, sieht nur seine Depressionen und Angststörungen sowie die Traumata, die er erlebt hat, als seine Probleme an.

Denn zu lange fügt sich auch ein sehr problematisches Trinkverhalten immer noch recht harmonisch in die bestehende Suchtkultur in diesem Land ein: bis ihm sein Leben immer mehr entgleitet: nicht nur ist seine Mutter tragisch viel zu früh an Krebs verstorben, auch wenden sich Freundinnen und Freunde immer mehr von ihm ab, seine Leberwerte sind jenseits von gut und böse, er wandelt am Rande des Suizids und ist am schnellsten Weg zu einem sehr verfrühten Ende. Bis langsam in ihm Einsicht zu wachsen beginnt und er versucht, sich seinem "Monster", dem Alkoholproblem, zu stellen. Aber der Weg zurück wird lange und steinig sein, von Rückschlägen und Schwierigkeiten gepflastert... doch am Ende steht ein Mensch, der es geschafft hat, trocken zu werden und dieses Buch darüber zu verfassen.

Hier noch ein paar eindringliche Zitate aus dem Buch. Es sind außergewöhnlich viele für eine Rezension von mir, und ich habe mir beim Lesen noch viel mehr davon notiert, weil der Autor einfach über eine so eindringliche Sprache verfügt, die seine Gefühle und seinen inneren Kampf, aber auch seine Wut über die gesellschaftlichen Umstände in Österreich, die regelrecht zum Saufen verleiten, so treffend auf den Punkt bringt:

"Ich war betrunken, als du gestorben bist, und ich war betrunken, als du beerdigt wurdest. Es tut mir unendlich leid, Mama. Dei Bua ist jetzt trocken." (S. 5)

"Irgendwann haben wir in Österreich still und heimlich Alkohol als Kulturgut ausgerufen und beschlossen, dass wir uns gemeinschaftlich einfach so lange ansaufen, bis wir kritische Stimmen als kulturfeindlich wahrnehmen. Und wir brauchen dafür nicht einmal eine Lobby, wie die Tabak- oder Waffenindustrie. Überall, in jedem Gasthaus, auf jeder Feier, bei jeder noch so beliebigen Veranstaltung findet man sie, die ehrenamtlichen Lobbyisten..." (S. 12)

"Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression." (S. 16)

"Depression - Wenn du da bist, machst du alles andere nichtig. Du trittst meine Türen ein und verbarrikadierst dich in mir, bis ich mich dir ergebe. Bis ich dir gehöre. Bereit, von dir zerbröckelt zu werden. Alle Scheinwerfer sind auf dich gerichtet und dann beginnst du dein scheußliches Lied zu singen. Du singst vom Tod und von der Dunkelheit. Du singst all die Dämonen aus ihren Löchern hervor, die in den dunkelsten Ecken meiner Gedanken auf ihren Einsatz warten." (S. 58)

"ICH WILL LEBEN, durchführt es meinen gesamten Organismus, implodiert in mir und exlodiert aus mir heraus. Ich bekomme Gänsehaut am ganzen Körper und bebe, als würde mich diese Erkenntnis mit aller Kraft wachrütteln." (S. 61)

"Visiten, Therapien, Verlaufsgespräche. Ich fühle mich überlegen und lasse mich nicht wirklich behandeln. Ich stelle dem medizinischen Personal nur eine meiner Masken zur Verfügung, an mein Inneres lasse ich sie nicht ran." (S. 64)

"Na ja, und irgendwann steht man dann beim Billa an der Kassa. Unter Schweißausbrüchen beim Weinregal und pochendem Suchtdruck bei der Bierabteilung hat man es irgendwie dorthin geschafft und ist am Limit des Zumutbaren. Man kann weder vor noch zurück und ist verdammt, an einem Ort zu stehen, der vollgesogen ist mit Scham, Stress und Druck. Und dann stellt's ihr geldgierigen Arschlöcher da allen Ernstes Schnapsflascherln hin? WOFÜR?! Falls man für die Bratensauce am Sonntag seine 0,1 Liter Underberg vergessen hat? Bullshit." (S. 115)

Ich wünsche diesem besonderen und mutigen Buch aus tiefstem Herzen, dass es den Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, gewinnt, und damit verbunden viel Aufmerksamkeit erregt, die hoffentlich endlich zu dem längst überfälligen Umdenken führt, das einen Wandel in der österreichischen Gesellschaft bewirkt, wenn es um die Einstellung zu Alkohol geht und dem, was wir Jugendlichen damit antun, wenn wir sie regelrecht in die Arme dieser gefährlichen Sucht, dieses tückischen Monsters, drängen.

Vielleicht kann dadurch eine Bewegung entstehen, die dafür eintritt, dass keinen Alkohol zu trinken als mindestens genauso normal angesehen wird wie zu saufen, dass sich eine Kultur des Feierns, der Gemeinsamkeit und der Freude jenseits der Sauferei entwickelt und dass auch die kleinen Alkoholflaschen an den Supermarktkassen, die offensichtlich so eine Gefahr für viele trockene ehemalige Alkoholikerinnen und Alkoholiker sind, endgültig der Vergangenheit angehören. Möge es so sein!

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Sehr berührendes persönliches Buch über wahre Freundschaftsgeschichten

Freundschaft – Eine andere Form von Liebe
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Freundschaften sind für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens, umso mehr in Zeiten, in denen so vieles andere unsicher geworden ist. Kerstin Schweighöfer hat eine sehr enge Freundin, Jantina, ...

Freundschaften sind für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens, umso mehr in Zeiten, in denen so vieles andere unsicher geworden ist. Kerstin Schweighöfer hat eine sehr enge Freundin, Jantina, die sie lange treu begleitet hat, durch einen unbarmherzigen, rasch voranschreitenden und metastasierenden Krebs an den Tod verloren. Ihr und der Erinnerung an die gemeinsame Freundschaft hat sie dieses besondere Buch gewidmet.

In diesem Buch werden verschiedene Menschen porträtiert, die schon lange in tiefer Freundschaft miteinander verbunden sind. Es geht um solche Freundschaften, die auch die Stürme des Lebens ausgehalten haben und sich auch in schlechten Zeiten bewährt haben. Es sind wahre Geschichten, die die Autorin da erzählt und für die sie ganz besondere Interviewpartnerinnen und Interviewpartner gefunden hat, die Außergewöhnliches miteinander erlebt haben: zwei blutjunge holländische Blauhelmsoldatinnen, die zur Zeit der Jugoslawienkriege in Bosnien stationiert waren und die unglaubliche Hilflosigkeit der unterlegenen holländischen Truppen gegenüber der Übermacht der Serben, die letztendlich das Srebrenica-Massaker verübten, erleben mussten, dadurch traumatisiert wurden und sich doch gegenseitig stützen und beistehen konnten. Eine Gruppe von Freunden, bei denen eine eine schlimme Diagnose bekommt und die dennoch gemeinsam noch möglichst viel erleben möchten. Zwei Sandkastenfreundinnen, eine mit unerfülltem Kinderwunsch, eine gewollt kinderfrei, und letztere wird schließlich ersterer selbstlos eine eigene Eizelle spenden. Und noch weitere Geschichten.

Ja, es sind nicht irgendwelche Geschichten, die hier erzählt werden, es sind ganz besondere, und jede ist auf ihre Weise emotional tief berührend und macht nachdenklich über das, was das Leben auf diesem Planeten und unsere menschlichen Verbindungen zueinander ausmacht. Ergänzend werden die Geschichten jeweils durch persönliche Gedanken der Autorin zum Thema Freundschaft und insbesondere durch ihre Erinnerungen an ihre verstorbene Freundin Jantina. Dadurch wird das Buch gut abgerundet und genau diese persönlichen Kommentare machen ein stimmiges und persönlich berührendes Gesamtkonzept daraus.

Leseempfehlung für alle, denen Freundschaft etwas bedeutet und die sich von eindringlichen wahren Geschichten zu diesem Thema berühren lassen wollen.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Wahre Worte offen ausgesprochen

Links-grüne Meinungsmacht
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Die deutsche Journalistin Julia Ruhs ist bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen: etwas, das eine Seltenheit geworden ist in den klassischen Medien – während bekanntlich in den diversen neuen ...

Die deutsche Journalistin Julia Ruhs ist bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen: etwas, das eine Seltenheit geworden ist in den klassischen Medien – während bekanntlich in den diversen neuen „sozialen“ Medien jegliche Meinungen zu finden sind.

In diesem mutigen Buch spricht sie vieles aus, das auch ich als Akademikerin in einer beruflich sehr linksgrün geprägten Blase mir oft schon gedacht habe, aber gezögert habe, es auszusprechen. Denn, wie Julia Ruhs es in ihrem Buch anführt, hat sich die Bandbreite dessen, was öffentlich oder auch nur im beruflichen Umfeld gesagt werden darf, ohne massive soziale und berufliche Konsequenzen zu riskieren, in den letzten zehn Jahren leider sehr verengt.

Und nein, da muss es nicht unbedingt um AfD-Positionen gehen oder den Bereich des strafrechtlich Relevanten berühren: es reicht schon, sich fernab des im akademischen und journalistischen Bereich dominierenden linksgrünen Mainstreams zu bewegen und etwa liberale oder klassisch-konservative CDU-nahe Positionen zu vertreten, so wie die Autorin das tut.

Wie Julia Ruhs selbst anführt, ist es ihr ein Anliegen gewesen, ein verständliches und gut lesbares Buch zu schreiben, das „keine akademische Abhandlung“ sein soll. Deshalb geht es in diesem Buch viel um ihre eigenen Erfahrungen als Journalistin, um die unzähligen Zuschriften verschiedenster Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung, die sie zitiert, gelegentlich ergänzt durch einzelne Positionen von Wissenschaftlern, Wissenschaftlerinnen oder Prominenten, etwa dem Hochschullehrer, Juristen und Schriftsteller Bernhard Schlink.

Die überwiegende Mehrheit der im Journalismus tätigen Menschen scheint nach eigenen Angaben ausschließlich Parteien klar im linken Spektrum zu wählen, während CDU- und FDP-Wählende kaum vorkommen und niemand angibt, mit der AfD zu sympathisieren. Damit ist dieser Berufsstand parteipolitisch und ideologisch ganz anders zusammengesetzt als die Bevölkerung insgesamt und konservative Positionen sind unterrepräsentiert. Das ist per se schon deshalb problematisch, weil absolut neutrale Berichterstattung gar nicht möglich ist: die eigene Einstellung beeinflusst selbstverständlich schon die Auswahl und Art der Präsentation der jeweiligen Themen.

Dazu kommt, dass „Haltung“ im Journalismus in den letzten zehn Jahren immer wichtiger geworden zu sein scheint, was sich für viele Menschen aus der Bevölkerung schon ab der Flüchtlingskrise 2015, aber spätestens mit der Berichterstattung über die Coronapandemie deutlich gezeigt hat. Sehr lange gab es damals, mit wenigen Ausnahmen, nur eine einzige mediale Stimme zu hören, und zwar warb diese für alle Maßnahmen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Dazu beschreibt die Autorin, was damals die Angst vieler im Journalismus tätiger Menschen war und zeigt gleichzeitig die damit verbundene Problematik auf:

„Wer Maskenpflicht, Impfung oder andere Maßnahmen medial zu kritisch hinterfrage, könnte den Rückhalt in die Coronamaßnahmen untergraben – und das hehre Ziel, Menschenleben zu retten, gefährden. Aber ist es nicht so, dass genau in solchen Ausnahmesituationen, in Zeiten der Krise, es einen besonders scharfen, kritischen, journalistischen Blick braucht?“ (S. 43)

Doch genau von dieser homogenisierten Einheitsmeinung haben sich viele Menschen nicht mehr abgeholt gefühlt. Besonders fällt das immer jenen auf, die sich dort gerade nicht gespiegelt fühlen – und zu je mehr einzelnen Themen die Berichterstattung und „Haltung“ dermaßen eng ist, desto größer wird die Anzahl der Betroffenen, die sich von den klassischen Medien nicht mehr repräsentiert fühlen und sich deshalb wütend und enttäuscht von diesen abwenden:

„Ich glaube, genau das ist der Punkt: Solange man sich in der Mehrheitsmeinung oder der medial gespiegelten Darstellung wiederfindet, spürt man keinen „Mainstream“ – man hält die Berichterstattung für neutral. Das Gespür für ausgegrenzte Meinungen und Weltanschauungen entwickelt man erst, wenn man selbst mit seinen Ansichten nicht mehr vorkommt.“ (S. 46)

Dazu zitiert die Autorin viele Menschen, die ihr auf verschiedenen Plattformen in Reaktion auf ihre unkonventionelle und mutige Berichterstattung geschrieben haben, so wie etwa diese Frau aus den östlichen Bundesländern Deutschlands:

„Journalisten traut sie nicht mehr über den Weg (…). Aufgewachsen ist sie in der DDR, und heute sagt sie, es fühle sich oft wieder so an wie damals. Sie spürt eine Art Unfreiheit, erzählt sie mir. Man werde auch heute wieder zu einer gewissen Unmündigkeit erzogen.“ (S. 22)

Es ist ein mutiges Buch, eines, das viele Dinge klar benennt, die sich viele der in den klassischen Medien Tätigen heute nicht mehr zu sagen trauen. Es ist ein Buch, das auch so einige gängige Argumente, man würde mit diesem oder jenem nur den Rechten in die Hände spielen, entkräftet, und klar aufzeigt, dass man genau durch den immer engeren Meinungskorridor dessen, was öffentlich noch gesagt werden darf, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, erst recht die extremen Kräfte stärkt.

Spürbar wird, dass der Autorin unsere Demokratie und Meinungsvielfalt am Herzen liegen, wie sich auch in diesen abschließenden Worten von ihr zeigt:

„Ich bin überzeugt: Wenn klassische Medien wieder für alle da sind, alle Stimmen abbilden, Empathie auch für jene zeigen, deren Meinung und Wahlentscheidung sie nicht teilen, würde dies das gesellschaftliche Klima verändern. Dann würde der Ton weniger unerbittlich, der Diskurs offener. Wir brauchen wieder einen Debattenraum, in dem niemand aus Angst vor Konsequenzen schweigt oder sich in eine Nische zurückzieht.“ (S. 181)

Von Herzen danke ich der Autorin für den Mut, dieses Buch zu schreiben und sich für stärkere Meinungsvielfalt auch in der Öffentlichkeit und in klassischen Medien einzusetzen, und dem Verlag dafür, ihr diesen Raum gegeben zu haben.

Eine absolute Leseempfehlung für alle – ganz besonders für jene, die sich vom Titel getriggert fühlen oder glauben, dass an diesem Thema nichts wahr sei: wer bisher noch nie die intellektuell-linksgrüne Meinungsblase verlassen hat, kann ganz besonders viel von diesem mit viel Engagement, Mut und Herzblut geschriebenen Buch lernen, wenn man bereit ist, sich für neue Ideen zu öffnen und die eigenen Positionen kritisch zu hinterfragen.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Ein persönliches Mitmach-Experimentier-Buch

Spielen
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Gehen wir spielen! Experimentieren wir mehr in unserem eigenen Leben! Tun wir Dinge, die wir noch nie getan haben: einen neuen Weg ausprobieren, neue Geschmäcker probieren, sich auf vielfältige Art und ...

Gehen wir spielen! Experimentieren wir mehr in unserem eigenen Leben! Tun wir Dinge, die wir noch nie getan haben: einen neuen Weg ausprobieren, neue Geschmäcker probieren, sich auf vielfältige Art und Weise mal ganz anders verhalten als bisher! Dazu möchte dieses außergewöhnliche Buch von Karen Köhler einladen.

Es ist kein normales Sachbuch, in dem man auf theoretischer Ebene etwas übers Spielen liest, auch wenn man in den einzelnen Kapiteln durchaus wie nebenbei so einiges darüber lernt, was Spielen sein könnte: Spiel. Ausprobieren. Experimentieren. Neugierde. Wettbewerb. Offenheit für neue Erfahrungen. Lernen. Und noch so vieles mehr.

Die Autorin hat das Buch zum Teil während eines Indienaufenthalts geschrieben und das merkt man auch. Immer wieder lässt sie Erfahrungen aus dem persönlichen Leben und aus ihrer Reise einfließen: etwa zur inneren Haltung, als sie fast ihren Anschlussflug verpasst hätte, aber auch sonst zu Themen wie Achtsamkeit und Im-Moment-Sein.

Jedes Kapitel beginnt mit einigen persönlichen Gedanken der Autorin zu dem jeweiligen Aspekt des Spielens, z.B. "Spaß und Vergnügen", "Lernen und Entwicklung", "Stressabbau und Entspannung", "Soziale Bindung" oder "Kreativität und Fantasie".

Hier ein Beispiel zum Schreibstil, der persönlich, nahbar und zugänglich ist: "Spielen und Kreativität sind direkt miteinander verknüpft. Wenn wir das Leben spielen wollen, ist Kreativität der Schlüssel zu allem. Bleiben Sie bitte dran, egal, für wie wenig kreativ Sie sich halten. Ich glaube: Jeder Mensch ist per Anlage ein kreatives Wesen." (S. 130)

Nach diesen persönlich-theoretischen Einführungen finden sich am Ende des Kapitels Anregungen zum Spielen auf unterschiedlichen Levels, z.B. "Essen Sie einen Tag lang nur Lebensmittel einer Farbe", "Essen Sie eine Hauptmahlzeit mit den Händen" (ja, Essen und generell Sinnliches spielt eine große Rolle in diesem Buch), "Basteln Sie ein Origamitierchen und platzieren Sie es an einem öffentlichen Ort" oder "Porträtieren Sie eine andere Person, ohne auf das Papier zu sehen und ohne den Stift abzusetzen".

Dabei versucht die Autorin ihr Bestes, die Leserinnen und Leser zu überzeugen, tatsächlich mitzumachen und das Buch nicht nur zu lesen, sondern die Experimente auszuprobieren. Ganz am Anfang soll man sich zum Beispiel einen Spielnamen ausdenken, diesen schriftlich festhalten und ein Commitment zur Teilnahme unterschreiben.

Wenn man, wie ich, eine Person ist, die sowieso offen für Erfahrungen ist, Kreativität liebt und ständig Neues probiert, kann es sein, dass man so einige der Spielanregungen schon kennt. Wer bisher nichts mit dem Thema zu tun hat, wird viele neue Ideen oder Inspirationen finden, allerdings auch vielleicht eine innere Hemmschwelle überwinden müssen, mit dem "Spielen" zu beginnen. Da ist es dann gut, dass so viele unterschiedliche Übungen auf ganz unterschiedlichen Schwierigkeitsniveaus vorgestellt werden. Für die, die ihre Erfahrungen gerne mit anderen teilen, stellt die Autorin dafür passende Hashtags und eine Plattform zur Verfügung.

Politisch und gesellschaftlich hat die Autorin eine klare Position und Haltung, scheint von ihrer Wahrnehmung der Welt sehr überzeugt zu sein sowie zu vielen Themen eine sehr starke Meinung zu haben (Gendern, Umgang mit Kindern, Relevanz verschiedener geopolitischer Herausforderungen), die manche Leserinnen und Leser teilen werden und andere vielleicht nicht. Da es so ein persönlich geschriebenes Buch ist, kommt diese Haltung an vielen Stellen durch. Das macht das Buch einerseits persönlicher, andererseits wird man sich vielleicht aber auch an mancher Stelle innerlich widersprechen sehen, so ging es jedenfalls mir gelegentlich beim Lesen. Vielleicht gehört auch das zum Spielen dazu: sich damit zu konfrontieren, mit der eigenen Haltung zu experimentieren und zu spielen.

Ich kann das Buch allen, die für eine unkonventionelle Herangehensweise offen sind, Neues probieren möchten und keine theoretische Abhandlung, sondern ein Mitmach-Experimentier-Buch zum Thema Spielen suchen, sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Treffende Parodie aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse in der sozialen Blase des Journalismus

Aufsteiger
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Dramaturgisch spannend beginnt "Aufsteiger", der neue Roman von Peter Huth, mit einem Leichenfund und einem ermittelnden Kommissar. Doch wer die Leiche ist und wie sie zu Tode gekommen ist, das werden ...

Dramaturgisch spannend beginnt "Aufsteiger", der neue Roman von Peter Huth, mit einem Leichenfund und einem ermittelnden Kommissar. Doch wer die Leiche ist und wie sie zu Tode gekommen ist, das werden wir erst ganz am Ende erfahren. Schon jetzt wissen wir aber: es wird wohl um eine sich zuspitzende Dynamik gehen, die am Ende mindestens für eine Person gar nicht gut ausgeht.

Nach diesem Einstieg lernen wir Felix Licht kennen, der, wie er meint, kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere steht. Der jetzige Chefredakteur des Magazins, für das er seit Jahrzehnten als Journalist tätig ist, hat sich einen kritischen Faux-Pas geleistet. Und wer könnte ihm nachfolgen, wenn nicht Felix Licht? Das müsse doch die logische Konsequenz all seiner Anstrengungen und Verdienste sein, niemand kenne das Magazin so gut wie er, niemand beherrsche das journalistische Handwerk so gut wie er (ach, das grenzenlos überhöhte Selbstbewusstsein so mancher Männer!), und außerdem hat er es bewusst darauf angelegt, zum neuen Eigentümer eine nahe Verbindung aufzubauen. Nun also ist es so weit, die Position wird frei und Felix Licht hat auch schon einen Gesprächstermin beim Eigentümer, er sieht sich innerlich schon feiern und plant seinen Triumph.

Doch es kommt anders, statt ihm bekommt die bildschöne, kluge, junge Zoe Rauch die Position: Zoe, mit der ihn eine Geschichte von vor über zehn Jahren verbindet, als sie als blutjunge Volontärin kurz für das Magazin gearbeitet hat. Inzwischen ist sie zu einer Lichtgestalt des neuen Journalismus aufgestiegen und hat ein Buch veröffentlicht. Vor allem ist sie aber alles, was Felix Licht nicht ist: jung, weiblich und mit dunkler Hautfarbe. Insgesamt hoffen der Eigentümer und vor allem seine Frau, damit das Magazin neu und entsprechend dem aktuellen linkswoken Zeitgeist positionieren zu können. Für Felix Licht hingegen bricht eine Welt zusammen, er kann mit der Niederlage nicht umgehen, und auch privat geht es mit ihm bergab: nach einer Entgleisung im Beisein von Frau und Tochter muss er von Zuhause aus- und ins Hotel umziehen (um 300 Euro pro Nacht, man sieht hier den extrem privilegierten finanziellen und sozialen Hintergrund) und die Trennung steht bevor. Verzweifelt möchte er das Magazin auf Diskriminierung verklagen.

So viel zum bekannten Inhalt. Dieser hat mich schon in der Ankündigung neugierig auf dieses Buch gemacht und ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn aus satirischen Gründen einiges auf die Spitze getrieben wurde: der aktuelle links-woke Zeitgeist wird mit diesem Buch passend porträtiert, genauso wie die manchmal verunglimpfend "alten weißen Männer" genannten älteren Herren, die sich so lange ihrer Positionen, Privilegien, Machtansprüche und dem, was ihnen vermeintlich zustehen würde, so sicher waren... bis sie von einer Welle des aktuellen Zeitgeistes überrollt und oft psychisch in den Abgrund getrieben werden. Jedenfalls nehmen sie selbst es als Abgrund wahr - realistisch betrachtet fallen sie finanziell und sozial oft sehr weich - viel weicher als all jene, die zu früheren Zeiten auch mit noch so viel Talent niemals eine Chance auf solche Positionen gehabt hätten - und haben immer noch ein bestens abgesichertes, privilegiertes Leben, doch das fragile Ego dieser Männer kann manchmal keinerlei Degradierung ertragen und hält sich noch lange verbissen an der vermeintlichen Ungerechtigkeit fest, ist oft nach Jahren noch verbittert und voll Hass.

Mein Mitleid mit diesen privilegierten Herren, für die es ein Leben lang nur beruflichen Aufstieg gegeben hat, hält sich persönlich sehr in Grenzen, denn selten habe ich von ihnen viel Mitgefühl gegenüber weniger Privilegierten erlebt, als sie selbst noch an der Macht waren. Und ich habe persönlich in meinem Berufsleben schon einige Demontagen dieser aus der Zeit gefallenen Gestalten durch selbstbewusste, junge Frauen, die plötzlich aufgrund ihrer Netzwerke und des veränderten Zeitgeistes mehr Gestaltungsmacht haben, erlebt.

Dieses Buch lässt keines der aktuellen Zeitgeistthemen aus: ob es um die Coronazeit und ihre Nachwirkungen geht, das Wiedererstarken konservativer Kräfte, die Klimakleber, gendergerechte Sprache, Transgenderthemen und vieles mehr - alles davon findet im Buch seinen Platz. Wer sich ein realistisch geschriebenes Buch erwartet, mag diese Häufung übertrieben finden, für eine satirisch-parodistische Überzeichnung der aktuellen Verhältnisse insbesondere in der links geprägten Blase des Journalismus finde ich das aber durchaus passend.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam und regt dabei an vielen Stellen zum Schmunzeln und Nachdenken an. Ich mochte auch, dass es für keine der Seiten klar Position bezieht, sondern die Vielfältigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und des damit verbundenen Handelns aufzeigt. Gerade, dass keine eindeutige Botschaft und Intention des Autors daraus ablesbar ist und über seine eigenen politischen Einstellungen spekuliert werden kann, macht für mich eine der Qualitäten des Buches aus. Ich kann es allen an den aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen interessierten Menschen sehr empfehlen. Ganz besonders eignet es sich auch für Leserunden und Diskussionsabende.

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