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Veröffentlicht am 14.02.2026

Die ganze deutsche Nachkriegsgeschichte in Berchtesgaden

Berchtesgaden
2

Ein ehrgeiziges Unterfangen hat Carolin Otto mit ihrem Roman „Berchtesgaden“ angestrengt: ein mögliches breites Panorama des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands im Brennpunkt der Lieblingsstadt des Führers ...

Ein ehrgeiziges Unterfangen hat Carolin Otto mit ihrem Roman „Berchtesgaden“ angestrengt: ein mögliches breites Panorama des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands im Brennpunkt der Lieblingsstadt des Führers zu zeigen. Ein breites Personal betritt die enge Bühne der idyllischen bayrischen Bergwelt: ein junges Mädchen, Sophie, das neugierig ist auf die Zukunft, aber auch im Rückblick auf die Vergangenheit: wer aus ihrer Familie hat was getan?. Da ist ihr Bruder, der SS-Mann, der sich vor den amerikanischen Besatzern versteckt. Da ist Magda, ein Flüchtlingsmädchen aus dem Osten und Sophies Freundin. Da ist Sam, der schwarze GI, der in Deutschland als Angehöriger der Siegermacht weniger Unterdrückung durch Rassismus erfährt als in Amerika und der sich in Sophie verliebt. Da ist Frank, ehemaliger Deutscher, Jude, jetzt als Jurist der US Army auf der Suche nach den Tätern und nach den Spuren seiner Vergangenheit. Da ist Meg, Pressefotografin an der Frontlinie der Alliierten, immer auf der Suche nach dem perfekten „Schuss“. Es gibt Opfer, Täter, Mitläufer, Opportunisten, Idealisten, Displaced Person, ersehnte Heimkehrer. Viele Geschichten verknüpfen sich in diesem Roman, in diesem Örtchen, den Hitler zu seiner idyllischen Residenz erkor. Hier finden sich noch viele Spuren der Nazis und des Unwesens, das sie trieben: Kunstraub, unermessliche Reichtümer, viele alte Partei“freunde“ der ersten Stunde. Dabei wirkt Berchtesgaden, abgesehen von ein paar Bombenkratern auf dem Obersalzberg, wie heile Welt, kaum Zerstörung, kaum Mangel, grüne Alpwiesen und malerische Häuschen. Nur die Vertriebenen die Heimatlosen, die Zwangsarbeiter und die Soldaten, eigene wie fremde, die durch die Lande ziehen sowie die Geschichten der Heimgekehrten zeugen vom Krieg. Ein idealer Platz, um die Vergangenheit möglichst schnell vergessen zu wollen, von der man ohnehin nichts gewusst hat.
Die Autorin trägt sehr viele Details und sehr viel Wissen zusammen, um die Zeit dank ihrer Romanfiguren möglichst lebendig vor Augen erstehen zu lassen. Auch wenn man schon viel über diese Zeit gelesen hat, ist es erstaunlich, was man in diesem Buch doch noch an neuen Einzelheiten erfahren kann.
Allerdings steckt der Teufel manchmal auch im Detail. Denn so viele Figuren, so viele nicht Schau-, sondern eher Kampfplätze erschlagen dann manchmal doch. Und durch das Springen von Schicksal zu Schicksal fällt es bisweilen schwer, Nähe und Empathie mit den Figuren zu entwickeln. Manche auch schaurige Details sind so schnell dahin geworfen und dann schon wieder vorbei, dass man keinen Bezug dazu aufbauen kann. Die Autorin will alles erzählen, da bleibt es manchmal auch beim einfachen Erzählen und wird nicht zur Handlung oder zum Teil einer Spannungskurve. Zum Ende hin findet sie wieder zu ihren Hauptfiguren zurück: zu Sophie, zu Sam, zu Frank, zu Meg. Dass das Ende das sehr schnell und unvermittelt kommt, ist auf der einen Seite etwas überraschend, aber auch folgerichtig, denn der Schauplatz der Schicksale dieser vier liegt nun nicht länger in Berchtesgaden und ist damit nur Epilog zu diesem Roman. Oder vielleicht auch Prolog zu einem nächsten?

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Ernstes Thema

Und mir bleibt der hässliche Hund
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Hinter dem lustigen Cover und Titel verbirgt sich eine sehr ernste, bedrückende Geschichte. Der 17jährige Ich-Erzähler hat bei einem Unfall seine gesamte Familie verloren. Der einzig Überlebende ist der ...


Hinter dem lustigen Cover und Titel verbirgt sich eine sehr ernste, bedrückende Geschichte. Der 17jährige Ich-Erzähler hat bei einem Unfall seine gesamte Familie verloren. Der einzig Überlebende ist der hässliche Hund seiner kleinen Schwester. Sein völlig aus den Fugen geratenes Leben macht ihm Angst. Mit Panik-Attacken sucht er eine Therapeutin auf, in deren Wartezimmer er Mo kennenlernt. Gemeinsam mit ihrer Zufallsbekanntschaft aus einem Drogeriemarkt, Marie, versuchen die beiden, sich ihren Ängsten zu stellen. Dabei werden sie immer mutiger oder eher übermütig. Denn eine Konfrontationstherapie ist nichts für Anfänger. Und so landen beide in einer Situation, die zu eskalieren droht.
Teils komisch, teils sehr ernst erzählt die Autorin die Geschichte eines Jungens, der an einer Krankheit leidet, Angst, die am häufigsten verbreitete seelische Erkrankung unter Kinder und Jugendlichen. Sie findet Worte für ein Gefühl, die vielleicht vielen Betroffenen fehlen. Sie macht Mut, sie zeigt Probleme auf, sie wirbt dafür, mit sich selbst großzügig, vergebend und liebevoll umzugehen, sie reißt auch Lösungswege an. Dafür hat seine einen sehr treffenden Charakter geschaffen, mit dem sich viele, nicht nur Jugendliche identifizieren können, die sich in diesem Buch mit ihren Sorgen und Ängsten sehr ernst genommen fühlen können. Die Problematik ist eingebettet in eine Sommer-Liebes-Freundschaftsgeschichte. Erzählt wird sehr unpathetisch, dafür umso empathischer. Zum Ende hin wird die Geschichte für mich etwas langatmig, bevor sie ein fulminantes, wenn auch schließlich etwas zu verkürztes Ende nimmt. Hier nehmen die Reflexionen einen zu breiten Raum ein, sie werden kreisend und sind sehr dramatisierend.
Aber abgesehen davon ist das Buch sicherlich eine sehr empfehlenswerte Lektüre, sei es für Betroffene, aber auch für Menschen, die eine gute Geschichte und hässliche kleine Hunde mögen.

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Veröffentlicht am 23.11.2025

Jane Austen meets Bridgerton

Mayfair Ladys - Drei Junggesellen für Lady Beatrice
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Im London der Lords and Ladys bricht eine neue Ballsaison an. Wieder mit Beatrice, allerdings wieder ohne Aussichten auf einen Heiratskandidaten, da ihr Aussehen durch einen schrecklichen Unfall entstellt ...

Im London der Lords and Ladys bricht eine neue Ballsaison an. Wieder mit Beatrice, allerdings wieder ohne Aussichten auf einen Heiratskandidaten, da ihr Aussehen durch einen schrecklichen Unfall entstellt ist. Da wird sie selbst zur Heiratsvermittlerin. Drei unverheiratete Brüder sollen unter die Haube gebracht werden. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, zumindest wenn man für einen von ihnen schwärmt. Wird Beatrice auch für ihn die richtige Frau finden?
Ein kurzweiliges Büchlein, das man auch am Ende stressiger Tage gern in die Hand nimmt. Die Story ist nicht unbedingt neu, aber deswegen auch nicht unbedingt schlecht. Die ein oder andere Verwicklung garantieren Spannung und Freude am Weiterlesen. Die Dialoge zwischen Beatrice und Francis sind durchaus witzig. Auch wenn bisweilen ein wenig Rührseligkeit hinzukommt und manch Wendung nicht unbedingt so ganz plausibel erscheint, so ist auf jeden Fall der historische Hintergrund gut recherchiert, und die Autorin vermag es, ein lebendiges Bild der englischen Gesellschaft à la Jane Austen zu zeichnen.
Auf jeden Fall gute Ablenkung von Alltag, Hektik und Stress.

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Veröffentlicht am 09.11.2025

Das Ende steht noch aus, aber es sieht ganz gut aus

Ein gutes Ende
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Der Lebensweg der Hedwig Courths-Mahler ist in der Tat ein steiniger, und ein gutes Ende nicht immer in Aussicht. Sie ist die uneheliche Tochter einer Frau, die ihren Lebensunterhalt durch diverse Liebhaber ...

Der Lebensweg der Hedwig Courths-Mahler ist in der Tat ein steiniger, und ein gutes Ende nicht immer in Aussicht. Sie ist die uneheliche Tochter einer Frau, die ihren Lebensunterhalt durch diverse Liebhaber finanzieren lässt. Dabei ist häufig kein Platz und keine Zeit für Hedwig und ihre beiden Brüder. Früh ist sie auf sich gestellt und will auf keinen Fall den gleichen Weg einschlagen wie ihre Mutter. Sie sucht um Anstellung in Haushalten oder als Verkäuferin. Doch die Zeiten sind hart, und immer wieder muss sie fürchten, dass der Ruf ihrer Mutter ihre Anstellung gefährdet. Nebenbei – oft nachts - schreibt sie an Geschichten über das Glück der kleinen Leute. In ihnen verwirklicht sie ihre eigenen Träume nach einem besseren Leben. Daneben spielen die schönen Künste und auch die Künstler eine nicht unbedeutende Rolle in ihrem Leben. Sie liebt die Bühne und heiratet einen Kunstmaler, pflegt Kontakte in die Künstlerwelt und in die höheren Gesellschaftsschichten. Im alltäglichen Leben muss sie pragmatisch sein, Geld herbeischaffen und zusammenhalten, ihre Kinder versorgen, den Haushalt führen. In ihren Geschichten darf sie träumen, doch nutzt sie auch hier jede sich bietende Chance, ihrem Traum, eine Schriftstellerin zu werden, näher zu kommen. Kein Schicksalsschlag wie Krankheit, Verlust und Geldnot kann sie davon abhalten. Immer wieder fängt sie mit ihrer Familie neu an, geht dahin, wo sich ihre Aufstiegschancen bieten.
Clara Bachmann hat ein sehr lebendiges und gut lesbares Buch über das spannende, bewegte Leben der Hedwig Courths-Mahler geschrieben, das man gerne liest und deren Lebensweg man gerne verfolgt. Es gelingt ihr gut, sich den Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt von Hedwig einfühlen zu lassen, und schildert auch ihre Lebensumstände sehr anschaulich und lebendig. Wir begegnen einer Vielzahl interessanter Figuren, die den Lebensweg der Protagonistin kreuzen.
Wovon ich mir mehr erwünscht hätte, wäre ein tieferer Einblick in die Lebenswelt der Schriftstellerin gewesen. Diese kommt ein wenig kurz. Häufig wird nur erwähnt, wie schwierig die Umstände und wie wenig die Zeit zum Schreiben sind, nur selten ist die Rede von den Inhalten ihrer Geschichten oder der Publikationswege und der Reaktion des Publikums. Und bevor es so richtig losgeht mit der Schriftstellerkarriere endet das Buch mit dem bevorstehenden Umzug der Familie nach Berlin. Hier ist mir nicht ganz klar, ob es eine Fortsetzung geben soll. Anders lässt sich eigentlich das abrupte Ende nicht verstehen. Zwar steht hier ein gutes Ende in Aussicht, aber der Lebensweg der Courths-Mahler ist hier noch nicht zu Ende.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Weiter vom Wahnsinn weg und näher an der Menschlichkeit als viele ihrer Zeitgenossen

Prinzessin Alice
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In dieser Geschichte verleiht die Autorin Irene Dische die Figur der Alice Buttenberg, Enkelin von Queen Viktoria, Prinzessin von Griechenland und Schwiegermutter von Queen Elisabeth II. eine eigene Stimme. ...

In dieser Geschichte verleiht die Autorin Irene Dische die Figur der Alice Buttenberg, Enkelin von Queen Viktoria, Prinzessin von Griechenland und Schwiegermutter von Queen Elisabeth II. eine eigene Stimme. Nach ihrer Flucht aus Griechenland ist sie angewiesen auf die Wohltaten ihrer beiden Schwägerinnen. Diese lassen sie aber auch wegen vermeintlicher Schizophrenie für zwei Jahre in ein Sanatorium wegsperren. Dabei scheint Alice die einzig normale in der Welt des Adels zu sein. Bodenständig und entrückt zugleich führt sie selbst ein bescheidenes Leben, sorgt sich aber um die Belange der weniger Privilegierten und verliert trotz aller Rückschläge und persönlichen sowie öffentlichen Schicksalsschlägen nie ihre bisweilen kindlich anmutende Freude an den kleinen Dingen des Lebens. Sehr liebevoll und mit warmen Worten zeichnet die Autorin ein illustres Porträt eines ungewöhnlichen Lebens. Bis in die Übersetzung hinein vermittelt sich der Schreibstil der Autorin, der genau solch kleine Wunder erzeugt, wie die Protagonistin in ihrem schillernden Leben: „Das Schicksal kann einen genauso schnell mit Glück wie mit Leid überfallen. Ich spürte mein Herz in der Brust glühen, und aus jedem Glückssamen, der je in mein Gehirn gepflanzt worden war, sprossen viele Hundert Triebe hervor und öffneten ihre Knospen, bis ich mich ganz in einen Blumengarten verwandelt fühlte.“ In diesen Worten verdichtet sich nicht nur inhaltlich treffend das Wesen unserer Hauptfigur, sondern diese poetische Sprache voller heller, freudiger Bilder ist auch ganz Ausdruck eben jenes Wesens, wie sie gesprochen und gedacht haben mag.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und seine Hauptfigur ist mir dabei ans Herz gewachsen. Der einzige Nachteil, der aus der eingeschränkten Sichtweise der Erzählerin entsteht, ist, dass wie alles nur aus der Perspektive ihres subjektiven Erlebens wahrnehmen, was manchmal dazu führt, dass man sich entweder fragt, ob das wirklich gewesen sein kann oder was manches bedeuten mag: Wer ist der geheimnisvolle Fremde, den sie im Sanatorium kennengelernt hat, wer ist die Familie Cohen, die sie ihre Familie am Schluss des Buches nennt? Da muss man dann doch einmal ein wenig über die historische Figur nachlesen, um sich einen Reim darauf zu machen oder zu wissen: Ja, so ist es wirklich gewesen. Aber es ist ja nicht Aufgabe der Literatur, eine objektive Biografie zu scheiben. Sondern ihre Möglichkeit hier ist es, uns eine Frau näherzubringen, die zu ihrer eigenen Zeit häufig nicht für voll genommen oder verkannt wurde. Und das gelingt der Autorin bravourös.

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