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Veröffentlicht am 27.09.2025

Spannende Ausgangslage, insgesamt aber zu seicht

Schöne Scham
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Der Klappentext dieses Romans hat mich richtig neugierig gemacht. Das Aufeinandertreffen verschiedener Personen mit so unterschiedlichen Weltansichten versprach mir ein unterhaltsames Spektakel mit klar ...

Der Klappentext dieses Romans hat mich richtig neugierig gemacht. Das Aufeinandertreffen verschiedener Personen mit so unterschiedlichen Weltansichten versprach mir ein unterhaltsames Spektakel mit klar feministischem Ton. Dieses Versprechen konnte das Buch für mich nur bedingt halten.

Bianca Nawrath ist mir vorher noch nicht begegnet. Die Autorin hat eine zugängliche Art zu schreiben und hält ihre Leser:innen damit dicht an den Figuren. Dank schneller Perspektivwechsel und kurzer Kapitel entsteht ein schöner Lesefluss.

Wirklich fein herausgearbeitet fand ich das zentrale Thema manipulativer und gewaltvoller Beziehungen. Dass Christian lange so zuvorkommend und liebevoll wirkt (in den Augen der anderen, aber auch seiner Partnerin), ist so präzise wie beklemmend dargestellt. Nach und nach verdichten sich die Hinweise auch für uns als Lesende, wobei die Wahrnehmung seiner Freund:innen durchaus variiert. Ola ist als deutlich feministisch geprägte Neue in der Runde scheinbar die einzige, die diese Signale frühzeitig zu erkennen vermag.

Darüber hinaus muss ich jedoch sagen, dass ich den Roman zwar unterhaltsam fand, mir die angekündigte Reibung aber zu wenig Raum eingenommen hat. Themen, zu denen besonders Ola und Christian hätten aneinander geraten können, wurden eher nur angeschnitten oder traten gar nicht so zahlreich auf wie erwartet.

Auch auf Figurenebene passte es für mich nicht so recht. Ich habe mir viel tiefere Figuren erhofft, hatte aber oft das Gefühl, dass die Charaktere eher oberflächlich gezeichnet wurden. Sicherlich haben dazu auch die schnellen Perspektivwechsel beigetragen, aber für einen feministischen Roman war es mir doch überwiegend zu seicht bzw. der große Knall wiederum zu extrem. Außerdem wurde mir persönlich einfach zu viel ausformuliert. Es gab etliche Stellen, an denen mich eine Andeutung viel mehr gereizt und zum Mitdenken animiert hätte. Der Roman fordert seine Lesenden irgendwie nicht so richtig heraus, was ich doch recht schade finde.

Eine Geschichte, die problemlos gelesen werden kann und dabei durchaus unterhält. Im Bereich feministischer Literatur zu toxischen Beziehungen gibt es meiner Meinung nach aber deutlich schlagkräftigere Werke. Wer literarisch anspruchsvolle Lektüre sucht, ist hier eher nicht an der richtigen Stelle. Ein unterhaltsamer Roman mit wichtigem Thema ist es aber in jedem Fall - wer sich das wünscht, kann sorglos zu „Schöne Scham“ greifen.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Bis zur Hälfte ein positiver Rausch, dann wurde es mir zu skurril

Gym
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Ach, Mensch, wie schade! Ich liebe Verena Keßlers Schreiben seit ihrem letzten Roman „Eva“, deshalb war ich SO gespannt auf ihr neues Buch. Erst recht, als das dann auch noch gut besprochen wurde. Trotz ...

Ach, Mensch, wie schade! Ich liebe Verena Keßlers Schreiben seit ihrem letzten Roman „Eva“, deshalb war ich SO gespannt auf ihr neues Buch. Erst recht, als das dann auch noch gut besprochen wurde. Trotz meiner sehr hohen Erwartungen war ich bis zur Hälfte fest davon überzeugt, dass ich ein weiteres grandioses Werk der Autorin in den Händen halte. Naja, und dann kam halt die zweite Hälfte…

Erst einmal zum Positiven: Keßler hat mich mit ihrer Erzählweise gleich zu Beginn eingesaugt und ich hatte einen tollen Lesesog. Die Prämisse der Handlung ist mega spannend und die Protagonistin moralisch grau, aber das mag ich ganz gern. Immer wieder bekommen wir kleine Schnipsel offenbart, die eine dunkle Vergangenheit andeuten - dieses Foreshadowing hat mir gut gefallen. Zudem habe ich darauf hingefiebert, ob und wie die Lüge ihrer angeblichen Mutterschaft auffällt. Auch die Strukturierung des Buches finde ich clever gewählt. Angelehnt an dramatische Akte gibt es thematisch passend drei Sätze. Form und Inhalt greifen so zunehmend ineinander.

Meine Begeisterung bekam ab der Hälfte leider langsam Risse bis ich am Ende doch ziemlich enttäuscht war. Ja, es können gewisse gesellschaftskritische Elemente aus dem Text gelesen werden. So werden Themen wie Mutterschaft, Leistungsgesellschaft und Körperbilder verhandelt. Doch im Vergleich zu „Eva“ verliert sich Keßler meinem Empfinden nach in der skurrilen Überspitzung ihrer Protagonistin. Diese entwickelt eine Körperobsession, die mir einfach too much war, und adaptiert ein Verhalten, das ich teilweise richtig abstoßend fand. Das ist natürlich Geschmacksache und so obsessive Verhaltensweisen sind üblicherweise nicht mein Fall.

Im kurzen dritten Satz wird dann einfach nur noch extrem viel angedeutet, kaum etwas auserzählt und ich bekam abschließend das Gefühl, es mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun zu haben - auch so GAR nicht meins! Mir fehlte es dann zunehmend an kritischem Biss und ich hatte vielmehr den Eindruck, ein experimentelles Horror-Werk zu lesen. Der Schluss verlor so leider auch an Aussagekraft.

Wer obsessive Geschichten mit Ekelelementen und zunehmend düster werdendem Grundton mag, hat hier ein Buch, das sich auf jeden Fall sehr gut lesen lässt und unterhaltsam ist. Ich bleibe Keßler treu, weil ich den Vorgänger so geliebt habe, aber „Gym“ war für mich leider nur zu etwa 60 % passend.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Ein sachgemäß komplexes Werk, sprachlich und strukturell gut geschrieben

Wir können auch anders
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Maja Göpel ist eine wichtige Stimme der Wissenschaftskommunikation und sicherlich immer auch eine gute Adresse für Input zu systemischen Transformationsprozessen. "Wir können auch anders" empfand ich als ...

Maja Göpel ist eine wichtige Stimme der Wissenschaftskommunikation und sicherlich immer auch eine gute Adresse für Input zu systemischen Transformationsprozessen. "Wir können auch anders" empfand ich als stilistisch gut lesbar sowie sinnvoll strukturiert. Naturgemäß ist der Inhalt aber durchaus fordernd und ich habe phasenweise Schwierigkeiten gehabt, Implikationen für mein Leben aus dem Text zu ziehen.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht das, was er leisten will. Ihr Vorgänger hat mir als private Aktivistin insofern besser gefallen, als dass ich ihm konkrete Handlungsweise sowie Wissen für den Alltag entziehen konnte. Dieses Buch hat wohl eher den Anspruch, die Komplexität des Systems und damit auch die Komplexität des Veränderungsprozesses zu verdeutlichen. Das ist der Autorin sehr gut gelungen und dank der Einflechtung vieler Beispiele folgte den trockenen Passagen auch immer wieder die Praxis.

Ich vergebe keine super hohe Bewertung, weil ich einfach etwas überladen aus dem Buch gehe, wobei ich nicht sagen möchte, dass es hoffnungslos im Ton ist. Göpel gibt zweifelsfrei ihr Bestes, um ihre Leser*innen zu motivieren und nicht als "zu unbedeutsam" fühlen zu lassen. Wer das System verstehen und daraus Lösungsstrategien ziehen möchte, hat hier eine wirklich fundierte und vielfältige Quelle zur Hand. Wer konkrete, praktischere Aktivierung sucht, sollte vielleicht eher zu "Unsere Welt neu denken" greifen. Ich hatte beim Lesen immer mal wieder das Gefühl, die Grundlagen schon zu kennen und war dann von der Vertiefung überfordert. Manche Beispiele und Impulse empfand ich als wertvoll, auch wenn mir sicherlich nur wenige Details im Gedächtnis bleiben werden. Es ist eher ein Werk zum vertiefenden Lesen und Nachschlagen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Spannende Ausgangssituation, mir jedoch zu zäh und emotional oberflächlich weitergeführt

Löwen wecken
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Es war mein erster Roman der Autorin und auch, wenn ich einige Kritikpunkte an ihm habe, bleibe ich weiter an Ayelet Gundar-Goshen dran, weil mich dieses moralisch Ambivalente literarisch grundsätzlich ...

Es war mein erster Roman der Autorin und auch, wenn ich einige Kritikpunkte an ihm habe, bleibe ich weiter an Ayelet Gundar-Goshen dran, weil mich dieses moralisch Ambivalente literarisch grundsätzlich total reizt.

„Löwen wecken“ wirft ein Scheinwerferlicht auf den Umgang mit bzw. die Haltung zu BIPoC-Geflüchteten in Israel. An der Stelle möchte ich auf jeden Fall auch anmerken, dass wir uns in Deutschland wohl kaum eines besseren Umgangs rühmen dürfen und so Einiges aus dem Roman für uns selbst reflektieren können.

Die Ausgangssituation ist so erzürnend wie spannend - ein weißer Neurochirurg überfährt nachts, scheinbar unbeobachtet, einen geflüchteten Eritreer und fährt einfach weg. Im weiteren Verlauf sieht er sich mit dessen Frau konfrontiert, die ihr Wissen um den Unfall zu nutzen weiß. Etan gerät daraufhin in ein komplexes moralisches Konstrukt aus Lügen gegenüber seiner Frau, altruistisch(?)-egoistischen Taten und Begierde.

Ich sehe, dass Gundar-Goshen ein Gespür hat für Ambivalenzen und das moralisch Graue. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, um den selbstgerechten Rassismus unter privilegierten weißen Israelis darzustellen. Und doch war mir das Werk zu ausschweifend und emotional auf Figurenebene zu flach, als dass es meinen Erwartungen hätte entsprechen können.

Wir sitzen nicht nur in Etans Kopf (was, gelinde gesagt, oft fast unerträglich ekelhaft ist), sondern bekommen auch Einblicke in Sirkit, die Frau des Getöteten, sowie Etans Frau Liat. Weitere Nebenfiguren kommen ebenfalls kurz dazu, deren Rolle hat sich mir aber nicht immer erschlossen. Am Ende führt die Autorin beeindruckenderweise ziemlich viele Fäden zusammen, aber das wäre insgesamt dennoch kompakter gegangen. Obwohl die Sprache klar ist, wird meiner Meinung nach zu viel mit detaillierten Bildern, Wiederholungen und ausschweifenden Gedankengängen gearbeitet, die das Lesen anstrengend gemacht haben.

Ganz schlimm und mehr als unangenehm fand ich die dargestellte Anziehung zwischen Etan und Sirkit. Keine Ahnung, ob die Autorin hier genau diese Gefühle bei den Lesenden erzielen wollte, aber ich hätte es nicht gebraucht. Die Emotionen der Figuren fand ich abgesehen von Wut und Ekel generell nicht oft greifbar, sodass mir da die Nähe fehlte. Sirkit und Liat waren die für mich weitaus spannenderen Figuren, besonders erstere bekommt am Ende nochmal einen netten Twist.

Ein tolles Grundgerüst, das mir deutlich kürzer wesentlich besser gefallen hätte. Es vermag schon, die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Opfer und Täter verschwimmen zu lassen, die Gedanken und Handlungen der Figuren selbst blieben mir dahingehend aber zu sehr an der Oberfläche. Wütend macht das Ende in jedem Fall und ich bleibe wie gesagt auch weiter interessiert an der Autorin.
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TW: Rassismus, Dr0genkriminalität, Kindstod, Blut/Wunden, M0rd

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Veröffentlicht am 22.06.2025

Nette Sommerlektüre mit problematischen Mustern und wenig emotionaler Nähe

Ein unendlich kurzer Sommer
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Geschichten rund um schicksalhafte Gemeinschaften lese ich ziemlich gern. Eine solche haben wir hier auf jeden Fall auch, aber so richtig emotional erreichen konnte mich der Roman trotzdem nicht.

Wir ...

Geschichten rund um schicksalhafte Gemeinschaften lese ich ziemlich gern. Eine solche haben wir hier auf jeden Fall auch, aber so richtig emotional erreichen konnte mich der Roman trotzdem nicht.

Wir begleiten fünf Menschen, die den Sommer auf einem kleinen Campingplatz verbringen. Das Setting fand ich gut gewählt und der zu Beginn entstandene Hype inkl. des plötzlich florierenden Tourismus war schon recht amüsant. Ich hatte figurentechnisch aber meine Probleme. Mehrere Perspektiven finde ich toll - hier waren sie aber nicht klar voneinander abgegrenzt und wechselten teils innerhalb eines Kapitels nur durch einen Absatz getrennt. Außerdem finden nur drei Perspektiven direkt Raum, über die verbleibenden beiden Hauptfiguren wird nur durch die anderen drei gesprochen. Dieser Fakt hat mich immer mal wieder verwirrt/unzufrieden zurückgelassen

Was ich ganz besonders kritisiere, sind einige Muster in der Handlung. Einem noch Minderjährigen wird einfach wiederholt von Erwachsenen harter Alkohol und Cannabis verabreicht, sodass dieser in einem völlig betrunkenen/zugedröhnten Zustand zurückbleibt. Kaninchen werden ständig hochgehoben und auf den Schoß verschiedener Personen gesetzt - ein Fluchttier, das nur im äußersten Notfall hochgehoben werden sollte und nein, die finden Kuscheleinheiten in der Regel nicht toll! Das rassistische I-Wort, welches gleich zweimal reproduziert wird. Und ein irgendwie ziemlich überzeichneter, flacher, überflüssiger Ehemann, der am Ende noch einmal einen kurzen Auftritt bekommt.

Besonders die Kritikpunkte, aber auch die für mich allgemein fehlende emotionale Nähe zu den Figuren führen zu meinem Punktabzug in der Bewertung. Der Roman lässt sich trotz allem gut lesen und ist eine nette Sommerlektüre. Ich finde einfach, dass bspw. eine Jasmin Schreiber sehr ähnliche Geschichten deutlich ergreifender und reflektierter geschrieben hat.

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