Zwischen Heldenmut und göttlicher Laune
Das Lied des DionysosMythen haben ja so einen ganz speziellen Trick drauf: Sie packen dich, lassen dich taumeln und bevor du dich versiehst, sitzt du mitten in einem Strudel aus Blut, Wahnsinn und göttlicher Eitelkeit. Genau ...
Mythen haben ja so einen ganz speziellen Trick drauf: Sie packen dich, lassen dich taumeln und bevor du dich versiehst, sitzt du mitten in einem Strudel aus Blut, Wahnsinn und göttlicher Eitelkeit. Genau das liefert Natasha Pulley mit ihrem „Lied des Dionysos“. Wer denkt, hier gibt’s nur verstaubte Helden in Sandalen, liegt daneben – das Ganze ist eine wilde Mischung aus antiker Tragödie, Fantasy-Feuerwerk und einem Schuss Humor, der überraschend modern daherkommt.
Phaidros ist so eine Figur, die man gleichzeitig anfeuern und kopfschüttelnd betrachten will. Loyal bis zur Selbstaufgabe, mit einem Herzen, das sich ausgerechnet an Dionysos hängt – diesen launischen, blendend schönen Gott, der zwischen verführerisch und zerstörerisch im Sekundentakt wechselt. Da kracht es ordentlich, und zwar nicht nur auf dem Schlachtfeld. Pulley schafft es, den Wahnsinn des Dionysos so lebendig zu machen, dass man fast selbst anfängt, Stimmen zu hören.
Die Stärke des Buches liegt in der Bildgewalt. Szenen, in denen ganze Städte von Trockenheit und Wahnsinn zerfressen werden, haben echtes Kinoformat. Gleichzeitig gibt es intime Momente, in denen Phaidros’ Humor durchscheint und man sich dabei ertappt, zu grinsen, obwohl gerade alles den Bach runtergeht. Genau diese Kontraste machen die Geschichte spannend.
Aber – und deswegen auch vier Sterne – manchmal verliert Pulley die Zügel. Da ufert der Text aus, Dialoge drehen sich im Kreis, und man hat das Gefühl, Dionysos habe nicht nur die Figuren, sondern auch die Autorin kurzzeitig in den Wahnsinn getrieben. Kürzer wäre hier tatsächlich mehr gewesen. Trotzdem: Wer antike Stoffe in neuem, verrücktem Gewand liebt, kriegt hier ein Festmahl serviert. Wild, schräg, manchmal überfordernd – aber definitiv unvergesslich.