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Veröffentlicht am 08.10.2025

Kunstauktion

Advent im Grandhotel
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Für eine Kunstauktion in der Vorweihnachtszeit bekommt Ernestine Freikarten, natürlich nimmt sie Anton, Rosa und Fritzi mit zu einem Wochenende im Schnee. Aber statt stimmungsvoller Gemälde und duftender ...

Für eine Kunstauktion in der Vorweihnachtszeit bekommt Ernestine Freikarten, natürlich nimmt sie Anton, Rosa und Fritzi mit zu einem Wochenende im Schnee. Aber statt stimmungsvoller Gemälde und duftender Vanillekipferl entspinnt sich ein wahrer Krimi rund um ein verschwundenes Bild, denn gleich mehrere Personen im Hotel hätten ein Motiv für einen Diebstahl.

Die pensionierte Lateinlehrerin Ernestine Kirsch und ihr Lebensgefährte, Apotheker Anton Böck, reisen guter Dinge gen Süden und freuen sich auf ein unterhaltsames Wochenende am Semmering, das sie gemeinsam mit Enkelin Rosa und deren bestem Freund Fritzi verbringen möchten. Aber wie könnte es anders sein, geraten die beiden wieder einmal in ein kriminalistisches Abenteuer. Festliche Weihnachtsstimmung und munteres Treiben beim Schneemannbauen wechseln sich ab mit Ernestines detektivischem Gespür und Scharfsinn, welcher dem hinzugezogenen Gendarmen auf allen Linien fehlt. Aber auch Ernestine kommt diesmal viel Zufall zu Hilfe. Eine tiefgründige Rahmenhandlung rund um das schwierige Los von Dienstmädchen ohne Ausbildung und Balletttänzerinnen auf dem Weg zum Ruhm verleihen diesem Weihnachtsband die nötige Ernsthaftigkeit, kleinere Reiberein unter den Hotelgästen und der charmante schwäbische Dialekt der Krugers lockern die Handlung bestens auf, sodass ein gelungenes Ganzes daraus entsteht.

Ein gewohnt angenehm zu lesender Stil kennzeichnet Beate Malys erfrischende Geschichten im historischen Wien (und Umgebung), so auch hier bei diesem stimmungsvollen Adventband, der Kriminalistisches und Gemütliches bestens unter den Tannenbaum zaubert. Wie immer bei Ernestine und Anton, habe ich mich auch diesmal recht wohl gefühlt, ich bin gerne auch im nächsten Jahr wieder dabei, besonders, weil Rosas Geschwisterchen dann schon das Licht der Welt erblickt haben wird.


Veröffentlicht am 29.09.2025

Waldhotel

Dunkelnah
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Simon Winter staunt nicht schlecht, als er das abgeschieden im Wald gelegene Kurhotel erblickt, in welchem er als Handwerker und Hausmeister an der baldigen Neueröffnung mitwirken soll. Denn was er sieht, ...

Simon Winter staunt nicht schlecht, als er das abgeschieden im Wald gelegene Kurhotel erblickt, in welchem er als Handwerker und Hausmeister an der baldigen Neueröffnung mitwirken soll. Denn was er sieht, gleicht eher einem verfallenden Koloss als einem prunkvollen Ort der Erholung. Zweifel ergreifen ihn, da außer den Besitzern, Eleonora und Alfred Reiter, deren Tochter Sienna und einem Rottweiler niemand sonst anwesend zu sein scheint. Dann erfährt er noch vom Verschwinden einer jungen Frau, woraufhin alles in ihm nach Flucht schreit, dennoch entschließt er sich zu bleiben und die Polizei zu unterstützen.

Raffiniert als eine Art innerer Monolog beginnt dieses düstere Schauspiel, Roman Klementovic versteht es aufs Prächtigste, seine Leser durch geheimnisvolle Schauplätze und Stimmungen für seine Geschichten einzunehmen. Simons Sicht der Dinge überwiegt für lange Zeit, sowohl er als auch der Leser rätseln ob der vermissten Person und haben Schwierigkeiten, sich mit dem dubios wirkenden Ehepaar Reiter anzufreunden, denn Eleonora trinkt nur allzu gern ein Schnapserl – oder auch mehr – und Alfred trifft man nie ohne Gewehr und seinen scharfen Rottweiler an. Durch die geringe Zahl an Figuren meint man, schnell alle zu kennen, aber gemach, so manche Erkenntnis stellt sich alsbald als Irrtum heraus. Wer führt wen an der Nase herum, wer hütet ein furchtbares Geheimnis? Nichts ist, wie es scheint und doch kommt am Ende nochmals alles anders.

Roman Klementovic ist ein Meister der Täuschung, auf ruhige und dennoch stets packende Weise stellt er das Geschehen dar, wobei nicht nur der Leser kaum zu unterscheiden vermag, ob es sich um Realität oder Illusion handelt. Allerdings vermisse ich diesmal ein paar wirklich gruselige Momente, welche direkt unter die Haut gehen, die Rahmenhandlung mit dem schlussendlich offenbarten Motiv bewegt sich nur knapp an der Grenze der Glaubwürdigkeit entlang.

Nichtsdestotrotz punktet auch dieser Psychothriller wieder durch den gekonnten Schreibstil, der oft genug Beklemmung auslöst und durch die großartige Atmosphäre im Hotel Waldhof, welche bestens eingefangen und zu Papier gebracht worden ist. Der letzte Satz trifft meine Erwartungen wieder voll und ganz. Leseempfehlung!


Veröffentlicht am 24.09.2025

Menschliche Abgründe

Therapie einer Mörderin: Psychothriller | Je tiefer du in ihre Seele blickst, desto mehr verlierst du deine eigene
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Als jüngste forensische Psychiaterin leitet Dr. Ava Murphy eine neue Station am Dubliner Central Mental Hospital. Mit Leib und Seele kümmert sie sich um ihre Patientinnen, die als schwere Verbrecherinnen ...

Als jüngste forensische Psychiaterin leitet Dr. Ava Murphy eine neue Station am Dubliner Central Mental Hospital. Mit Leib und Seele kümmert sie sich um ihre Patientinnen, die als schwere Verbrecherinnen weggesperrt werden. Oft haben sie allerdings nur deshalb gehandelt, weil ihnen selbst Unvorstellbares angetan worden ist. Ist Rache ein entschuldbares Mordmotiv? Wo verschwimmen die Grenzen zwischen Recht und Gerechtigkeit?

In einer erschütternden Abhandlung, die kaum zu ertragen ist, stellt uns Autorin H. M. Connally die brillante Ärztin Ava Murphy vor. Wie keine andere versteht sie es, Nähe und Empathie zu ihren Patientinnen aufzubauen, vielleicht ist sie die Letzte, die Hilfe anbieten kann. Im Laufe dieses Thrillers erfährt man auch, warum sie diese Fähigkeit besitzt und woher ihre Stärke stammt. Connally nimmt kein Blatt vor den Mund, verschont ihre Leser nicht, tiefe menschliche Abgründe, rohe Gewalt und bestialische Details muss man mitansehen, dabei geht es keineswegs um billigen Aktionismus, sondern im Gegenteil, um das Sichtbarmachen von Verbrechen, welche leider oftmals genug grausame Realität sind. Barbarische Vergehen, auch an Kindern, werden thematisiert, sodass die Lektüre wahrlich schwere Kost ist und genau abgewogen werden sollte, ob man sich dem aussetzt. Es ist bestimmt keine Schande, wenn man sich so mancher Szene nicht stellen kann. Speziell durch die Kapitel aus unterschiedlichen Blickwinkeln ergibt sich eine größtmögliche Authentizität.

Was als flotter Psychothriller beginnt, entpuppt sich zu einem schockierenden Leseerlebnis, das mit Vor- und Nachwort entsprechend abgerundet wird. Connally präsentiert damit leider keine Hirngespinste, sondern zwingt den Leser, realen Gewaltverbrechen an Frauen entgegenzublicken. Kompromissloses Grauen, das jeden Horror in den Schatten stellt.


Veröffentlicht am 24.09.2025

Touristenzone ohne Touristen

Alle weg
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Was passiert in Grado, wenn der letzte Rollladen nach einer heißen Sommersaison herunterfährt? Auf spritzig-heitere Weise fasst Stefan Maiwald in „Alle weg“ zusammen, wie eine Touristenzone ohne Touristen ...

Was passiert in Grado, wenn der letzte Rollladen nach einer heißen Sommersaison herunterfährt? Auf spritzig-heitere Weise fasst Stefan Maiwald in „Alle weg“ zusammen, wie eine Touristenzone ohne Touristen über den Winter kommt.

Ein wesentlicher Punkt ist anfangs überhaupt einmal die Definition, wann die Nebensaison beginnt und wann schließlich der letzte Tourist den Ort verlassen hat. Dann geht es in kurzen Sequenzen durch Herbst und Winter, zuweilen in Pinos Bar, wo man Neuigkeiten austauscht oder einfach nur still nebeneinander sitzt und seinen Gedanken nachhängt. Wir lernen die Bräuche unserer italienischen Nachbarn kennen und erfahren, wie anders man Weihnachten feiern kann, wie wichtig die Familie ist und welchen Stellenwert Essen und Trinken haben. Allerlei Episoden, sehr lebendig und authentisch, erzählt Maiwald aufgrund seiner eigenen Erfahrung als Deutscher in Italien und lässt uns damit den kalten Winter in nördlicheren Gefilden wärmer erscheinen. Am größten ist aber dennoch die Sehnsucht nach Sonne und Meer, sodass wir die Spargelzeit und den nächsten Saisonbeginn schon herbeisehnen, wenn der Stau in den Süden wieder länger ist als jener Richtung Norden.

Ein hübsch gestaltetes und mit interessanten Anekdoten gefülltes Büchlein, welches sich auch bestens als Geschenk für jene eignet, die sich das Warten auf den nächsten Meerurlaub verkürzen möchten.

Veröffentlicht am 22.09.2025

Rituale

Weihnachtsliebe auf den zweiten Blick
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Nach einem schweren Schicksalsschlag in ihrer Kindheit findet Hannah einfach keine Freude mehr an stimmungsvollen Weihnachtsritualen. Duftende Kekse backen, heimelige Zimmer schmücken, kitschige Lieder ...

Nach einem schweren Schicksalsschlag in ihrer Kindheit findet Hannah einfach keine Freude mehr an stimmungsvollen Weihnachtsritualen. Duftende Kekse backen, heimelige Zimmer schmücken, kitschige Lieder hören, das ist absolut nicht ihr Traum von der angeblich schönsten Zeit im Jahr, viel lieber zieht sie sich allein zurück und schaut sich mit Katze Lieschen irgendeinen Film an. Als sie mit ihrer Nichte Theresa am Christkindlmarkt auf eine Gruppe von teils schaurig maskierten Kramperln (Krampussen) trifft, ändert sie ihre Meinung. Denn während einer der Perchtenträger ihr mit der Rute ums Bein schlägt, ist ein anderer sanftmütig und hilfsbereit, wodurch ihr Interesse geweckt wird.

Einem sehr nahe gehenden Einstieg folgt eine einfühlsame Geschichte über Trauerarbeit, Familienglück, Liebe und Zusammenhalt. Interessante Details zu den in Bayern üblichen Perchtenläufen lassen diesen Brauch lebendig werden, die sorgfältig geschnitzten Larven und pelzigen Kostüme hat man aufgrund der detailreichen Beschreibungen rasch vor Augen. Sowohl in ihrer Freizeit als auch während der Arbeit in einer Bäckerei denkt Hannah darüber nach, welcher Mann sich wohl hinter der freundlichen Krampusmaske verborgen haben könnte. Ist es einer ihrer Stammkunden oder der Bekannte ihres WG-Mitbewohners? Es könnte aber auch der Larvenschnitzer sein oder der Anführer der hiesigen Pass (Perchtengruppe). Wie soll Hannah das nur herausfinden, denn plötzlich scheinen einige Männer mehr als nur höflich zuvorkommend zu sein.

Obwohl es in der Liebesgeschichte mehr knistern könnte, ist dieser Roman schön zu lesen. Tiefgründige Themen finden Platz im Geschehen, ohne zu dominant zu werden oder die glitzernde Weihnachtsstimmung zu trüben. Was bleibt, ist ein liebevoller Blick auf Brauchtum, Rituale und Selbstfindung. Kurzum, ein warmherziger Begleiter für die kommende Adventzeit.


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