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Veröffentlicht am 16.11.2025

was für ein bitteres Geheimnis!

Als Großmutter im Regen tanzte
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Mein Paten“kind“ verbringt grade ihr Auslandssemester in Norwegen. Da ist es ja wohl höchste Zeit für mich, endlich mal einen Roman der norwegischen Schriftstellerin Trude Teige zu lesen! Danke an @sfisherverlage ...


Mein Paten“kind“ verbringt grade ihr Auslandssemester in Norwegen. Da ist es ja wohl höchste Zeit für mich, endlich mal einen Roman der norwegischen Schriftstellerin Trude Teige zu lesen! Danke an @sfisherverlage für das kostenlose Rezensionsexemplar!
Juni kehrt nach dem Tod Mutter Silla ins das alte Haus ihrer verstorbenen Großeltern auf einer norwegischen Insel zurück. Dort findet sie ein Foto, das ihre auch bereits verstorbene Großmutter Tekla neben einem deutschen Soldaten zeigt. Juni reist schließlich nach Ostdeutschland, um mehr über die Geschichte ihrer Familie zu erfahren und entdeckt ein bitteres Geheimnis, das vieles erklärt. Gleichzeitig bringt eine weitere Entdeckung neue Erkenntnisse zu ihren eigenen Wurzeln.
Ich war überrascht, wie detailliert und schonungslos Trude Teige die Gräueltaten während der Kriegszeit darstellt. Aber gleichzeitig fand ich es auch gut, hier keine verharmlosenden Passagen einzubauen, die den unfassbaren Schmerz falsch abbilden würden.
Trotz der harten Geschichte in einem fordernden Setting ist das Buch erstaunlicherweise sehr gefällig zu lesen. Die Sprache spielt eher eine Nebenrolle, hier steht definitiv der Plot im Vordergrund.
Spannend fand ich meine Lesebeobachtung, dass das Buch zugleich sehr rührend, sehr hart, sehr herzergreifend und manchmal für meinen Geschmack ganz kurz auch fast ein bisschen kitschig war (z.B, Juni und Georg im Regen), dann aber wieder ernst, leise und voll Schmerz.
Ein berührender Roman über die große Liebe, Verlust, Resilienz, Selbstschutz und den Willen, auch unter widrigsten Umständen weiterleben zu wollen.
„Otto ist nicht da, er ist bei mir.“

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Veröffentlicht am 12.11.2025

Perfide und wirksam

Mama & Sam
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Unfassbar!
‚Wie kann ein halbwegs cleverer Mensch auf einen Love Scammer reinfallen?‘,
das waren meine ersten Gedanken, als ich Sarah Kuttners Roman „Mama&Sam“ aufschlug. Tsja, jetzt weiss ich’s…
Der Inhalt ...

Unfassbar!
‚Wie kann ein halbwegs cleverer Mensch auf einen Love Scammer reinfallen?‘,
das waren meine ersten Gedanken, als ich Sarah Kuttners Roman „Mama&Sam“ aufschlug. Tsja, jetzt weiss ich’s…
Der Inhalt ist schnell erzählt: @diekuttner erfährt vom Online-Liebhaber ihrer Mutter, der sich als der Schauspieler Sam Heughan ausgibt. Sie versucht, sie zu warnen, sie zu beschützen. Aber die Mutter empfindet das als übergriffig und hält an ihrer Liebe fest. Nach dem Tod ihrer Mutter entdeckt die Tochter, dass horrende Summen an den Betrüger flossen. Was sie aber auch entdeckt, sind die Nachrichten im Handy ihrer Mutter. Und peu à peu erklärt sich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass diese sich auf diesen offensichtlichen Lügner einließ.
Dass Sarah Kuttner toll erzählen kann, ist ja spätestens seit „Kurt“ klar. Was mir hier aber besonders gut gefällt, ist, dass sie in der Geschichte immer wieder auch Einblicke in ihre eigene schwierige Beziehung zu ihrer Mutter gewährt, Gefühle zeigt und hier -anders als der Scammer- ehrlich ist.
Das Aufdröseln der perfiden, psychologisch fundierten und perfekt ausgeklügelten Methode, mit der der Betrüger Sarah Kuttners Mutter für sich gewinnt (und an sich bindet!), ist mehr als gelungen. Durch die Offenlegung des Chats wird klar, wie schamlos hier die Sehnsucht nach Zuwendung ausgenutzt wurde, um finanziellen Profit daraus zu schlagen.
Ich finde es mutig von Sarah Kuttner, sich einem Thema zuzuwenden, von dem viele -genau wie ich auch- im ersten Moment mit Unverständnis gegenüber den Geschädigten reagieren und den Opfern im schlimmsten Fall sogar einen Mangel an Intelligenz unterstellen. Ja, man hätte diverse Red Flags sehen können- wenn man emotional stabil gewesen wäre. War die Mutter aber nicht.
Danke für diesen gelungenen Einblick in die Manipulation von Menschen, die eigentlich nur nach Liebe, Zuneigung und Zugehörigkeit suchen.

„Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, auch nicht für Hortensien.“

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Veröffentlicht am 01.11.2025

intensive, tiefe Geschichte

Wasser
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Ein ernstes, feinfühliges Buch!
Der Roman „Wasser“ von John Boyne kommt mit seinen nur 142 Seiten dünn daher, es steckt aber sehr in diesem ernsten und intensives Buch.
Die 52-jährige Vanessa Carvin mietet ...

Ein ernstes, feinfühliges Buch!
Der Roman „Wasser“ von John Boyne kommt mit seinen nur 142 Seiten dünn daher, es steckt aber sehr in diesem ernsten und intensives Buch.
Die 52-jährige Vanessa Carvin mietet ein Cottage auf einer kleinen irischen Insel. Sie benennt sich um, wird zu Willow Hale und recht schnell wird klar, dass ihr Aufenthalt auf der kleinen Insel mit dem Tod ihrer ältesten Tochter Emma und ihrem (Ex-) Ehemann Brendan zu tun hat. Dieser sitzt wegen Missbrauch von acht Mädchen im Gefängnis. Willow stellt sich nun in der Einsamkeit peu à peu der Vergangenheit und ihren Schuldgefühlen.

Wie ein roter Faden zieht sich die Frage, was genau mit Emma geschah, durch die ersten Kapitel des Buches. Ich mochte es gerne, dass der Autor hier immer nur stückweise neue Informationen preisgibt. Erst mal ließ er mich mit den ungeheuerlichen Vermutungen allein, um dann die bittere Wahrheit aufzudecken.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Willow ehrlich über ihre Gefühle spricht und zugibt, dass da immer noch irgendwelche Emotionen im Spiel sind, auch, wenn Brendan widerliche Taten begangen hat, die durch nichts zu rechtfertigen sind.
Im Gespräch mit Tim erfahren wir viel über zwei einander fremde Menschen. Ich hätte gerne erfahren, wie Tim auf Willows direkten Angriff auf sein Verhalten reagiert. Schade, dass es hierauf keinen Hinweis gibt.

Ich mochte die Annäherung von Willow und ihrer zweiten Tochter Rebecca, obwohl ich fand, dass Willow gegenüber ihrer Tochter ein bisschen too much über ihr Sexleben erzählt. Als Brendan Willow aus dem Gefängnis anruft, war ich schon überrascht, wie souverän und reflektiert sie ihre Ansichten formuliert. Auch das erscheint mir ein wenig unglaubwürdig.
Mit kleinen Abstrichen finde ich aber die Beschäftigung mit dem Thema „Schuld“ und die Auseinandersetzung mit der Frage, ob Willow wirklich nichts wusste oder nichts wissen wollte, extrem spannend und gelungen.

„[…] es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben. Vielleicht, weil es so unnatürlich ist.“

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Veröffentlicht am 13.10.2025

großartige Auseinandersetzung mit Verlusten und Abschieden

Zeit der Abschiede
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K. Brinkbäumer beschäftigt sich in seinem Buch, ausgehend vom Tod seiner Mutter, mit vielen Facetten des Abschiedes, die sein Leben prägen. Er widmet sich persönlichen Abschieden (Tod, Freundschaften, ...

K. Brinkbäumer beschäftigt sich in seinem Buch, ausgehend vom Tod seiner Mutter, mit vielen Facetten des Abschiedes, die sein Leben prägen. Er widmet sich persönlichen Abschieden (Tod, Freundschaften, Umzug, Arbeitsplatz), politischen (u.a. Ruth Bader Ginsburg) und gesellschaftlichen (Coronazeit) und bezieht sich immer wieder auf großartige Parallelen in der Literatur (Homo Faber, Montauk). Dabei kommen auch Abschiede zur Sprache, derer man sich oft gar nicht bewusst ist.

Manchmal passt ein Buch perfekt zum eigenen Lebensabschnitt, und das ist hier definitiv der Fall. Das Buch fällt in eine Zeit, in der ich viele Gedanken des Autors extrem gut nachvollziehen kann. Und deshalb fühlen sich manche Passagen an, als habe sie der Autor eigentlich nur für mich geschrieben. Dann aber stelle ich fest (und das ist gut!): Es geht tatsächlich vielen Menschen ähnlich, das hier ist nun mal das Leben, z.B.: 🗨️ „Wie sehr es aber schmerzt, das zu verlieren, was Identität ist, Heimat seit 25 Jahren, und wie sehr es schmerzt, wenn kein „danke“, kein „mach’s gut“ mehr gesagt wird, weil kein ehrliches Wort mehr fällt, weil alles Vertrauen durch gewollte oder hilflose Kälte ersetzt ist- kennen dies nicht alle, die am einen Tag noch dazugehörten und am nächsten nicht mehr?“

Mir gefällt der Sprung zwischen den Jahren der Abschiede, die genaue Beleuchtung von Gegebenheiten und der ehrliche Umgang mit Gefühlen, die in Abschiedssituationen entstehen. Wie kostbar gute Freundschaften sind, wie schlimm Einsamkeit und wie bedrohlich die Gefährdung der eigenen Gesundheit sich anfühlen- das alles stellt Klaus Brinkmann sprachlich sehr differenziert und treffend dar.

Ein großartiges Buch über ein Thema, mit dem es sich wirklich zu beschäftigen lohnt.

„Heute ist das Leben stabiler, aber die Abschiede fühlen sich wie Abschiede an.“

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Veröffentlicht am 30.09.2025

ganz anders als erwartet

Die Ausweichschule
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Ganz anders, als ich vermutet hätte...

Der Roman „Die Ausweichschule“ von Kaleb Erdmann steht mittlerweile auf der Shortlist des @buchpreis. Wie ich finde, zurecht!
Zwanzig Jahre nach dem Amoklauf im ...

Ganz anders, als ich vermutet hätte...

Der Roman „Die Ausweichschule“ von Kaleb Erdmann steht mittlerweile auf der Shortlist des @buchpreis. Wie ich finde, zurecht!
Zwanzig Jahre nach dem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium beschäftigt sich der Erzähler, der damals dort selbst Schüler der 5. Klasse war, intensiv mit dem Ereignis.
Er möchte über das Erlebte schreiben und stellt dabei fest, dass es sich deutlich komplexer und schwieriger gestaltet, als man vielleicht denkt.
Darf er, der nur peripher vom Amoklauf betroffen war, den Tag überhaupt zu seinem Thema machen? Ist er zu weit weg? Zu nah dran? Was hilft, die Vergangenheit persönlich zu verarbeiten?

Ich fand den Roman richtig gut. Kaleb Erdmann schafft es, eine sehr persönliche Geschichte zu schreiben, in der viel mehr als die retrospektive Betrachtung des Amoklaufes stattfindet. Er wechselt die Perspektiven und Orte und gibt einen ungeschönten Einblick in die Gefühlswelt des Erzählers (#hauptstadtlisten).
Dabei ist die Sprache des Autors ein absolutes Highlight. Er schreibt leicht, intelligent und abwechslungsreich, ohne, dass es in irgendeiner Form künstlich wirkt. Ein so schweres Thema sprachlich so überzeugend darzustellen, fand ich wirklich beeindruckend.

Ich war selbst gerade noch im Referendariat, als der Amoklauf in Erfurt stattfand. Ich war weit entfernt, doch ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie sehr diese Tat, die bis dahin unvorstellbar für mich war, unser Kollegium erschütterte. Dieses Gefühl der Unsicherheit, der Unberechenbarkeit war plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Und natürlich verblasste es und wurde weniger, aber es ploppt seither immer wieder auf, wenn Gewalt an Schulen in den Vordergrund tritt.

Ein bewegendes und sehr emotionales, ein ehrliches und absolut lesenswertes Buch!
„Niederlande. Den Haag. Amsterdam, denke ich. Marokko, Rabat. Casablanca. Kalifornien. Sacramento. Los Angeles.”

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