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Veröffentlicht am 09.11.2025

Schönes Setting, wenig Spannung“

Beste Zeiten
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Sickan ist 21, stammt aus einer Kleinstadt in Schweden und zieht nach Stockholm, um zu studieren. Zum ersten Mal in ihrem Leben findet sie eine richtige Freundin: die extrovertierte, warmherzige Hanna. ...

Sickan ist 21, stammt aus einer Kleinstadt in Schweden und zieht nach Stockholm, um zu studieren. Zum ersten Mal in ihrem Leben findet sie eine richtige Freundin: die extrovertierte, warmherzige Hanna. Dann lernt sie Abbe kennen und verliebt sich zum ersten Mal. „Beste Zeiten“ begleitet sie durch diese ersten echten Erfahrungen von Liebe, Freundschaft und Selbstfindung.

Ich fand es echt schwierig, eine Rezension zu schreiben. Sprachlich fand ich das Buch richtig toll. Der Stil ist ruhig, klar und gut lesbar, und die Atmosphäre (besonders das Stockholm-Setting) hat mir total gefallen. Aber inhaltlich hat mir einfach der Spannungsbogen gefehlt. Vieles plätschert so vor sich hin und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass nichts wirklich passiert.

Anfangs wirkt alles wie ein klassischer Coming-of-Age-Roman: neue Stadt, erste Liebe. Aber nach und nach brechen Erinnerungen aus Sickans Vergangenheit durch. Mobbing, Übergriffe, emotionale Vernachlässigung. Es gab einige Szenen, in denen ich sie am liebsten einfach in den Arm genommen hätte.

Am Ende entwickelt sich Sickan dann ziemlich rasant. Ich will nicht zu viel verraten, aber der Sprung in ihrer Persönlichkeit kam mir etwas zu abrupt. Nach all dem Zögern und Grübeln war die plötzliche Reife für mich schwer nachzuvollziehen - fast so, als hätte das Buch kurz vor Schluss noch schnell eine Wendung gebraucht.

Trotzdem mochte ich, wie viele Themen Jenny Mustard anspricht: Ausgrenzung, Gewalt, Klassismus, Freundschaft unter Frauen. Und obwohl mich der Spannungsbogen nicht ganz überzeugt hat, bleibt es im Kopf.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Gefühle ohne Filter

Nowhere Heart Land
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Dieses Buch fühlt sich an wie der Versuch, sich selbst zusammenzusetzen, ohne zu wissen, ob alle Teile noch da sind. Es geht um eine junge Frau, die irgendwo zwischen Schmerz, Wut, Unsicherheit und dem ...

Dieses Buch fühlt sich an wie der Versuch, sich selbst zusammenzusetzen, ohne zu wissen, ob alle Teile noch da sind. Es geht um eine junge Frau, die irgendwo zwischen Schmerz, Wut, Unsicherheit und dem Wunsch nach Kontrolle schwankt und sich dabei trotzdem irgendwie weiterbewegt. Kein dramatischer Roadtrip, kein "Ich finde mich selbst"-Kitsch, sondern eher ein Ich-halte-gerade-so-zusammen-was-noch-da-ist.

Rosa, Ende zwanzig, kehrt nach Jahren in London in ihre Heimatstadt in der deutschen Provinz zurück. Mit einem blauen Auge und einem Koffer voller ungeklärter Fragen landet sie im Haus ihrer dementen Großmutter. Dort wird sie von Erinnerungen an ihre Jugend in einem humanistischen Internat, den frühen Tod ihrer Mutter und zerbrochene Freundschaften heimgesucht.

Die Sprache ist direkt, roh, manchmal poetisch, aber nie gewollt. Was passiert, wird nicht durchgekaut, sondern angedeutet. Vieles bleibt zwischen den Zeilen, was genau richtig ist für diese Art Geschichte. Denn wer schon mal an einem Punkt war, an dem nichts mehr einfach zu sagen ist, weiß: Genau so fühlt es sich an.

Es geht nicht um eine große Story mit Knall. Es geht um Stimmung. Um ein Innenleben, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet. Und genau das macht das Buch so gut. Kein Plot-Feuerwerk, sondern leise, echte Emotion. Kein “Lesson learned”-Moment, sondern Unsicherheit, die stehen bleibt.

Es überfordert nicht, aber es lullt dich auch nicht ein. Es ist ein kurzer, intensiver Trip durch den Kopf einer Figur, die nicht weiß, wie sie weitermachen soll und trotzdem irgendwie weitermacht.

Für wen ist das was? Für alle, die sich schon mal gleichzeitig leer und überfüllt gefühlt haben.

Fazit: Nowhere Heart Land ist kein Feel-Good-Roman. Es ist ein “Es tut noch weh, aber ich schreib trotzdem drüber”-Buch. Und genau das macht es lesenswert.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Too smart to feel, too vague to hit

Standing Ovations
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Sophie ist Redakteurin, Mutter eines Kleinkindes und für ein paar Wochen mit ihrem Kollegen Alex beim Edinburgh Fringe Festival untergebracht. Was harmlos klingt, wird schnell unangenehm. Alex ist nicht ...

Sophie ist Redakteurin, Mutter eines Kleinkindes und für ein paar Wochen mit ihrem Kollegen Alex beim Edinburgh Fringe Festival untergebracht. Was harmlos klingt, wird schnell unangenehm. Alex ist nicht einfach nur anstrengend, sondern ein Paradebeispiel für narzisstische, selbstgerechte Männlichkeit. Als nach und nach Geschichten über sein Verhalten gegenüber Frauen auftauchen, steht Sophie nicht nur beruflich, sondern auch moralisch unter Druck. Gleichzeitig hadert sie mit der Frage, was Kritik eigentlich leisten soll und wo sie selbst in diesem ganzen Spiel aus Kunst, Meinung und Verantwortung steht.

Das alles klingt nach einem starken Roman über Macht, Genderrollen und moralische Grauzonen. Und stellenweise ist es das auch. Runcie hat ein gutes Gespür für die Zwischenräume, für dieses Unausgesprochene. Besonders interessant wird es, wenn Sophie über ihren Beruf nachdenkt. Was mache ich da eigentlich, wenn ich andere verreiße, um mich selbst zu profilieren? Wie schreibt man über Kunst, die gut gemeint, aber schlecht gemacht ist? Wie ehrlich darf Kritik sein, wenn sie Karrieren zerstören kann?

Aber dazwischen zieht es sich. Sophie bleibt über weite Strecken erstaunlich passiv. Man hat das Gefühl, sie schaut ihre eigene Geschichte beim Abspielen zu, statt wirklich aktiv zu sein. Ihre Loyalität gegenüber Männern, die sie weder respektieren noch ernst nehmen, wird zwar angedeutet, aber kaum konsequent hinterfragt. Statt klarer innerer Konflikte gibt es oft nur ein diffuses Unbehagen. Und das Finale, ohne zu spoilern, ist so vage und spannungslos, dass es sich eher wie ein Ausweichen anfühlt als wie ein erzählerischer Schlusspunkt.

Alex ist als Figur zentral und überzeugend gezeichnet. Er ist kein reflektierter Bösewicht, sondern dieser real existierende Typ Mann, der sich für hält, aber ständig über andere hinweggeht. Das Buch zeigt, wie Misogynie funktioniert, gerade in Kreisen, die sich für besonders aufgeklärt halten (Redaktionen zum Beispiel). Gleichzeitig bleibt das Buch oft zu zahm. Vieles wird angerissen, aber selten wirklich durchdacht oder zu Ende geführt.

Unterm Strich hat “Standing Ovations“ viele gute Ansätze, spannende Fragen und kluge Beobachtungen. Aber der Text verzettelt sich. Es ist kein schlechtes Buch, aber auch keines, das lange nachhallt. Eher ein interessanter Entwurf als ein wirklich fertiges Werk.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Oh mein Gott, was war das denn bitte?

Die Probe
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„Die Probe“ klingt nach allem, was ich liebe: klug, sprachlich stark, viele interessante Gedanken über Kunst, Identität und Wahrnehmung. Katie Kitamura hat definitiv einen Blick für Details, die gleichzeitig ...

„Die Probe“ klingt nach allem, was ich liebe: klug, sprachlich stark, viele interessante Gedanken über Kunst, Identität und Wahrnehmung. Katie Kitamura hat definitiv einen Blick für Details, die gleichzeitig auf der Handlungsebene und auf einer Metaebene funktionieren.

Im Zentrum steht eine gefeierte Schauspielerin, die mitten in den Proben für eine Premiere steckt. Bei einem Mittagessen in Manhattan trifft sie auf Xavier, einen jungen Mann, der eine verstörende Behauptung aufstellt und damit eine Kette von Ereignissen auslöst, die ihre Realität ins Wanken bringt.

Am Anfang war ich auch wirklich drin. Ich mochte, wie beiläufig Themen wie kulturelle Rollenbilder, Zugehörigkeit oder das Selbstverständnis als Künstlerin auftauchen. Manche Sätze waren so großartig formuliert, dass ich sie zweimal lesen musste. Man merkt, dass Kitamura Atmosphäre kann und dass jedes Wort sitzt.

Aber irgendwann war ich raus. Mir fehlte durchgehend ein roter Faden, etwas, das mich durch den Text zieht. Stattdessen blieb alles bewusst offen, Szenen endeten einfach, vieles wurde nicht aufgelöst. Das kann man literarisch spannend finden, mich hat es eher müde gemacht.

Der Roman will, dass man sich in den Lücken bewegt, Bedeutungen zusammensetzt, Symbole deutet. Für mich fühlte es sich irgendwann an wie ein Kunstfilm, der mehr über das Zuschauen erzählt als über das, was man sieht. Wer auf abstrakte, meta-orientierte Literatur steht, wird das vermutlich feiern. Ich hatte eher das Gefühl, ich arbeite mich an etwas ab, das mir am Ende nicht genug zurückgibt.

Wäre das Buch doppelt so lang gewesen, hätte ich wahrscheinlich abgebrochen. Dass ich es zu Ende gelesen habe, lag an der Kürze und daran, dass die Sprache selbst dann interessant bleibt, wenn mich die Handlung nicht mehr mitnimmt.

Mein Fazit: Sprachlich stark, konzeptionell spannend, aber für mich zu offen, zu abstrakt und zu wenig greifbar. Für Fans von experimenteller Literatur sicher ein Highlight, für mich am Ende eher anstrengend als bereichernd.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Wie ein Song ohne Refrain

Deep Cuts
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Ein Roman über eine Studentin, die Songs auseinandernimmt, als wären sie Anatomie, und über einen Typen, der ihr Talent sofort erkennt. Es geht um Musik, um eine Liebe und um die frühen 2000er. Das klingt ...

Ein Roman über eine Studentin, die Songs auseinandernimmt, als wären sie Anatomie, und über einen Typen, der ihr Talent sofort erkennt. Es geht um Musik, um eine Liebe und um die frühen 2000er. Das klingt hart nach Leidenschaft und Nostalgie, aber für mich hat es nicht funktioniert.

Schon nach den ersten Kapiteln wusste ich, dass ich emotional nicht andocken kann. Percy blieb mir fremd. Ich sah sie in Bars über Jukebox-Hits reden und Songs zerlegen, aber ich habe nichts dabei gespürt. Die Gespräche über Akkorde und Bridges waren mir zu spezifisch und irgendwann einfach zäh. Ich habe sogar die Playlist parallel gehört, um näher ranzukommen, aber es hat nichts verändert.

Manche Gedanken über Songs waren ganz spannend, ja, manchmal auch fast augenöffnend, und genau da habe ich kurz gemerkt, was dieses Buch hätte sein können. Aber insgesamt gingen diese Momente unter, weil Figuren und Story für mich nicht genug Tiefe hatten. Percy sollte verletzlich wirken, doch das kam bei mir nicht an. Auch die Beziehung zu Joe blieb blass, ohne Knistern, und ich konnte emotional einfach nicht mitgehen.

Ich sehe, was die Autorin erzählen wollte, trotzdem hat die Geschichte für mich keine Wirkung entfaltet. Ich habe bis zum Ende durchgehalten, in der Hoffnung auf einen Moment, der mich packt. Aber er kam nicht. Ein paar Radiohead-Zeilen bleiben hängen, und einzelne Gedanken über Musik fand ich spannend, aber im Gesamtbild war es zu wenig für mich.

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