Eine Frau der Stunde trifft auf eine Leserin mit vielen Hüten
Die Frau der Stunde
Als Frau mit mehreren Rollen im Alltag – Mutter, Führungskraft, Teilzeit-Therapeutin meiner To-do-Liste und Vollzeit-Multitaskerin – hat mich Die Frau der Stunde von Heike Specht direkt gepackt. Denn ...
Als Frau mit mehreren Rollen im Alltag – Mutter, Führungskraft, Teilzeit-Therapeutin meiner To-do-Liste und Vollzeit-Multitaskerin – hat mich Die Frau der Stunde von Heike Specht direkt gepackt. Denn wer sich schon einmal in einem Meeting zwischen charmanten Mansplainern behaupten musste, der wird Catharina Cornelius sofort ins Herz schließen.
Heike Specht entführt uns ins Bonn der späten 70er – also dorthin, wo Politik noch nach Cognac, kaltem Rauch und Altherrenparfüm roch. Zwischen Aktenbergen und Anzugträgern sitzt Catharina, liberal, ledig, furchtlos – und plötzlich Außenministerin. Die Herren im Bundestag fallen fast vom Stuhl, als die „zierliche Frau mit dem Chignon“ das politische Parkett betritt. Und was macht sie? Sie zieht das durch. Mit Stil. Mit Scharfsinn. Und mit Gin Tonic.
Specht schreibt das mit einer herrlichen Mischung aus Witz, Tiefgang und Zeitkolorit. Ich wäre gern mit Catharina und ihrer Frauenclique in einer Bonner Bar gesessen, während sie zwischen Weltpolitik und Frauenfreundschaft jongliert. Und das mit einem Schlag Selbstironie, der selbst in den verrauchten Hinterzimmern von 1979 frischen Wind verbreitet hätte.
Besonders gefallen hat mir, dass Specht keine Heldin aus Zuckerwatte zeichnet. Catharina ist klug, verletzlich, ehrgeizig – und manchmal einfach müde davon, ständig doppelt so gut sein zu müssen wie die Herren in grauen Anzügen. Ihre Freundinnen, die belgische Journalistin Suzanne und die iranische Regisseurin Azadeh, geben der Geschichte zusätzlich internationale Tiefe – und das Gefühl, dass Frauen auf der ganzen Welt denselben Tanz führen: zwischen Freiheit und Erwartung, Herz und Haltung.
Natürlich gibt es viele Figuren (ich hätte mir fast ein Personenverzeichnis gebastelt), aber sobald man drin ist, entfaltet der Roman eine wunderbare Mischung aus politischem Drama, Frauenpower und 70er-Jahre-Glamour.
Mein Fazit: Ein Buch für alle, die sich schon mal gefragt haben, wie weit Selbstbestimmung wirklich geht – und ob sich Freiheit manchmal wie ein Drahtseilakt in High Heels anfühlt.