Zynismus der materialistischen Gesellschaft
Das GameIn „Das Game“ erzählt Joseph Incardona die Geschichte von Anna Loubère und ihrem Sohn Léo. Die beiden leben in bescheidenen Verhältnissen irgendwo an der französischen Atlantikküste. Mit dem Verkauf von ...
In „Das Game“ erzählt Joseph Incardona die Geschichte von Anna Loubère und ihrem Sohn Léo. Die beiden leben in bescheidenen Verhältnissen irgendwo an der französischen Atlantikküste. Mit dem Verkauf von Brathähnchen versucht Anna, mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Bei einem Unfall wird ihr Verkaufswagen geschrottet, die Versicherung findet Gründe, den Schaden nicht begleichen zu müssen. Damit hat Anna ihre finanzielle Existenzgrundlage verloren und Schulden häufen sich an. Ihr Sohn Léo überredet sie, an einer Gameshow teilzunehmen, da er mit seinen 13 Jahren zu jung ist, um selbst mitzumachen. Nach einigem Zögern stimmt Anna in ihrer Verzweiflung letztendlich zu und wird Kandidatin bei „Das Game“. Bei dieser Fernsehshow zur besten Sendezeit treten 20 Kandidaten gegeneinander an. Ihre einzige Aufgabe ist es, ihre Hand so lange wie möglich an einem Auto zu belassen. Wer am längsten aushält, dem winkt eben dieses Auto im Wert von 50.000 Euro als Gewinn. Annas anfängliche Befürchtungen bewahrheiten sich – die Show wird live übertragen und ist brutal, die Kandidaten werden vorgeführt und bloßgestellt, ihre Würde bleibt auf der Strecke. Einzige Ziele der Show sind Werbung für die Autoindustrie und hohe Einschaltquoten, die Kandidaten sind nur Mittel zum Zweck.
Diese Art Shows gibt es zuhauf, z.B. DSDS, The Biggest Loser, GNTM, Das Dschungelcamp, um nur einige zu nennen.. Sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: gewöhnliche Menschen oder auch „Möchte-Gern“-Promis werden vorgeführt, lächerlich gemacht. Dank Voyeurismus und Schadenfreude funktionieren diese Konzepte immer und sorgen für Einschaltquote.
Der Roman ist rasant geschrieben, mit bissiger Ironie und sarkastischer Schärfe beschreibt Incardona wie gnadenlos und zynisch unsere konsumorientierte (Medien-)Gesellschaft mit Menschen umgeht. Gleichzeitig geht es aber auch um nicht gerade vom Glück begünstigte Menschen, die versuchen, ihre Würde in einer derart materialistischen Welt zu wahren.
Joseph Incardona ist ein Schweizer Schriftsteller und Drehbuchautor und hat zahlreiche Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Comics geschrieben. Im deutschsprachigen Raum ist er weitestgehend unbekannt, einen Namen hat er vor allem in der französischsprachigen Schweiz und in Frankreich. Neben „Das Game“ sind bisher nur seine Romane „Asphaltdschungel“, „One-way-Ticket ins Paradies“ und „Nächster Halt“ in deutscher Übersetzung erschienen.
Ein temporeicher, intelligenter Schreibstil, aktuelle Themen (Medien-/Autokrise, Klimadebatte, Überforderung, Verzweiflung, Mobbing) realistische Beschreibung der Charaktere machen diesen Roman zu einem echten Pageturner. Für mich war „Das Game“ der erste Roman von Joseph Incardona, aber sicher nicht das letzte seiner Bücher, das ich gelesen habe