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Veröffentlicht am 17.03.2026

Chronologie eines literarischen Untergangs

Februar 33
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Uwe Wittstock beschreibt in seinem Buch, wie die Nationalsozialisten innerhalb weniger Wochen das kulturelle, gesellschaftliche und politischen Leben an sich rissen. Am Beispiel zahlreicher Literaten und ...

Uwe Wittstock beschreibt in seinem Buch, wie die Nationalsozialisten innerhalb weniger Wochen das kulturelle, gesellschaftliche und politischen Leben an sich rissen. Am Beispiel zahlreicher Literaten und Literatinnen verfolgt man gebannt, wie unverfroren die neuen Machthaber agierten und wie hilflos die Republik ihnen plötzlich gegenüberstand. Die Zeit vom 28. Januar bis 15. März 1933 wird in 35 Kapiteln beschrieben. Das Buch zeichnet detailreich und sehr lebendig die Schicksale bekannter Künstler und Künstlerinnen nach und zeigt, wie eng viele der Personen mit einander bekannt waren. Teilweise bestürzt liest man über das Handeln im Angesicht der sich anbahnenden - oft genug verkannten - katastrophalen Lage. Obwohl Wittstock von einem "Tatsachenbericht" (S. 8) spricht, liest dieser sich nie wie ein dröges Sachbuch. Für mich war es ein Lesen voller Emotionen. Flieht jemand aus Deutschland, um nur kurz den "Spuk" im Ausland auszusitzen, der ja nicht lange dauern kann, dann trifft einen das Kapitelende hart, wenn es z.B. heißt: "Doch er wird zwanzig Jahre brauchen, bis er nach Deutschland zurückkehrt." (S. 179) Andere werden nie wieder kommen.

Jedes Kapitel endet zudem mit einigen Sätzen über den allgemeinen Zustand im Land, der anhand einzelner Beispiele zeigt, wie Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vorgingen, überall kam es zu Zusammenstößen und Toten.

Eine umfangreiche Literaturliste, ein Personenregister und zahlreiche Fotos rundes das empfehlenswerte Buch ab. Es vermittelt auf lesenswerte und verständliche Weise ein Stück deutsche (Literatur-)Geschichte und zeigt, wie in wenigen Wochen aus einer Demokratie eine brutale Diktatur werden konnte.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Auf der Suche nach einem Klavier

Sibiriens vergessene Klaviere
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Was für eine Aufgabe: Die Autorin begibt sich auf die Suche nach einem besonderen Klavier für eine herausragende mongolische Musikerin und zwar in Sibirien. "Falls ich mich in Sibirien auf die Suche begab, ...

Was für eine Aufgabe: Die Autorin begibt sich auf die Suche nach einem besonderen Klavier für eine herausragende mongolische Musikerin und zwar in Sibirien. "Falls ich mich in Sibirien auf die Suche begab, dann wollte ich die Geschichte der Klaviere in der russischen Kultur verstehen und wie und warum diese Instrumente überhaupt nach Osten gekommen waren. Es gibt nichts, was ich lieber tue, als Leuten beim Reden zuzuhören, auf den Seiten von Büchern oder an einem Tisch beim gemeinsamen Essen." (S. 44f.)

Diese Spurensuchen ist so ungewöhnlich, fesselnd und voller spannender Geschichten. Sophy Roberts taucht nicht nur tief ein die Weiten Sibiriens ein, sondern fördert Schicksale rund um das Klavier und die Musik zu Tage, die mich begeistert haben. Dabei geht es nicht nur um die Welt der Musik, sondern auch um die Geschichte Sibiriens, um die Menschen, die dort schon immer lebten und die, die dazugekommen sind, sei es freiwillig oder als Häftlinge. Es geht um die Natur, die die Autorin so einfühlsam und liebevoll beschreibt und die doch häufig so lebensfeindlich ist. Ihre Begegnungen mit zahlreichen besonderen Personen - Klavierstimmern, -besitzerinnen, Klavierbauern und -spielerinnen - machen das Buch zu einer kleinen Schatzkiste voller Geschichten aus mehreren Jahrhunderten. Einfach wunderbar.

Jedem Kapitel ist eine Karte Sibiriens vorangestellt, auf der immer die Orte hervorgehoben sind, die im nachfolgenden Text eine Rolle spielen. Eine sehr gute Idee, um sich zu orientieren. Außerdem ist das Buch reich bebildert und hat am Ende einen kurzen historischen Abriss, ein Literaturverzeichnis und ein Namensregister.

Eine Spurensuche, die ich allen ans Herz lege, die sich für außergewöhnliche Bücher interessieren, voller Kultur- und Musikgeschichte.

Einziges Manko ist die wirklich kleine Schriftgröße des Textes, da brauchte ich immer volle Beleuchtung zum Lesen.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Wiedersehen mit Greta

Was ich nie gesagt habe
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Nachdem der Nachrichtenmoderator Tom Monderath im ersten Teil mit der Vergangenheit seiner Mutter Greta konfrontiert wurde, konzentriert sich der zweite Teil auf Toms Vater Konrad. Das ist nicht minder ...

Nachdem der Nachrichtenmoderator Tom Monderath im ersten Teil mit der Vergangenheit seiner Mutter Greta konfrontiert wurde, konzentriert sich der zweite Teil auf Toms Vater Konrad. Das ist nicht minder spannend und interessant erzählt, denn ebenso wie Greta hat der verstorbene Konrad eine dramatische Lebensgeschichte. Aufgerollt wird dies durch Henk, der sich dem verblüfften Tom als holländischer Halbbruder wortwörtlich an den Hals wirft.

Gekonnt erzählt Susanne Abel wieder auf zwei Zeitebenen, läßt Kriegs- und Nachkriegszeit sowie die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders lebendig werden und zeichnet das schwierige Verhältnis zwischen Tom und Konrad nach. Überzeugend fügen sich die bekannten und die neuen Lebensläufe zusammen und beleuchten ein neues spannendes, unglaubliches Kapitel Realität.

Es gibt ein Wiedersehen mit Jenny, der patenten Helga Schmitz und Aufnahmeleiter Lars "Jens" Heuser. Ob er das rote BMW Cabrio endlich bezahlt hat?

Ein extrem kurzweiliger, bewegender und lesenswerter Roman.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Die Geschichten hinter den Verbrechen

Verbrechen
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Elf mal schauen wir hinter die Schlagzeile und lernen die Schicksale hinter den Verbrechen und Verbrechern kennen. Elf mal werden wir überrascht. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Bei ...

Elf mal schauen wir hinter die Schlagzeile und lernen die Schicksale hinter den Verbrechen und Verbrechern kennen. Elf mal werden wir überrascht. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Bei "Verbrechen" aus dem Jahr 2009 möchte man fast schon von einem True-Crime-Klassiker sprechen. Der Anwalt Ferdinand von Schirach berichtet sehr lesenswert von Kriminalfällen, die auf wahren Ereignissen beruhen, von Fällen, die er selbst erlebt hat. Unser Rechtsempfinden wird auf die Probe gestellt, denn hier ist Mord nicht gleich Mord, wenn man erst die Hintergründe kennt. Verbrechen, die zum Nachdenken anregen und deutlich machen, dass Schuld unterschiedlich gewertet werden kann.

Die 200 Seiten des Buches hatte ich in kürzester Zeit durchgelesen; der eher nüchterne Schreibstil fesselt ungemein. Eine Leseempfehlung nicht nur True-Crime-Fans. Mit "Verbrechen" läutete von Schirach seine überaus erfolgreiche Karriere als Autor ein.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Die Linde und David Bowie

Fünf Tage in Paris
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Die aparte Laurent Malegarde lädt ihre beiden erwachsenen Kinder Linden und Tilia nach Paris ein, um dort ihren 40. Hochzeitstag und gleichzeitig den 70. Geburtstag ihres Mannes Paul zu feiern. Seit Tagen ...

Die aparte Laurent Malegarde lädt ihre beiden erwachsenen Kinder Linden und Tilia nach Paris ein, um dort ihren 40. Hochzeitstag und gleichzeitig den 70. Geburtstag ihres Mannes Paul zu feiern. Seit Tagen regnet es unaufhörlich und Besserung ist nicht in Sicht, der Pegel der Seine steigt gefährlich an. Der erfolgreiche und bekannte Fotograf Linden reist aus Kalifornien an, seine Schwester aus London. Was als harmonisches Familientreffen geplant war, scheitert bald auf ganzer Linie. Mit dem Unrat, den das Wasser in die Pariser Straßen schwemmt, werden gleichzeitig die Geheimnisse der Familie ans Licht gespült. Unausgesprochenes und Verheimlichtes quälen die einzelnen Familienmitglieder seit langem. Kann in der Katastrophe auch eine Befreiung liegen?

Die Handlung wird aus der Sicht von Linden erzählt, der glücklich mit seinem Freund in San Francisco lebt und seine schwierige Zeit in Frankreich hinter sich gelassen hat. Der Roman hat mich sofort gefangen genommen. Von Beginn an schwelt etwas Düsteres zwischen den Zeilen. Der ständige Regen und die steigende Gefahr durch die Überflutung werden eindrucksvoll geschildert und sorgen für eine entsprechende äußere Stimmung. Jedem Kapitel ist ein kurzer Text vorangestellt, der langsam eine bestimmte Begebenheit aufrollt. Auch diese Schilderung wird mit jedem Kapitel bedrohlicher. Obwohl die Autorin mit viel indirekter Rede arbeitet, wirkte dies auf mich nicht distanziert. Ich bin der Geschichte und den Personen ganz nahe gekommen und habe mit ihnen mitgefiebert. Fasziniert hat mich auch die außergewöhnliche Einbindung der beiden Interessensgebiete von Paul, nämlich die obsessive Liebe zu den Bäumen und sein Faible für David Bowie. Eine ruhig erzählte, dennoch einnehmende und dramatische Familiengeschichte, die ich sehr empfehlen kann.

Wer dieses Buch nicht kennt, mag vielleicht schon einmal etwas von "Sarahs Schlüssel" gehört haben, dem erfolgreichsten Buch der Autorin, übrigens auch wunderbar verfilmt.

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