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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.10.2025

Inhaltlich und sprachlich sehr gelungen und lesenswert

Muttermale
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„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von ...

„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von Siân Hughes und an die vielen anderen Roman, die ich von Autor*innen gelesen habe, die sich autofiktional oder nicht, auf die Spuren einer oder ihrer Mutter gemacht haben.

Aber Dagmar Leupolds neuester Roman, der jetzt für den Bayrischen Buchpreis nominiert ist, ist mehr als die persönliche Frage nach der Identität der Mutter. Es ist auch die Annäherung an eine Generation, die den Krieg erlebt hat, die Täter und Opfer zugleich war. Eine Generation, die in Trauer und Grauen wie erstarrt ist und gelernt hat mit falscher Fröhlichkeit und/oder mit protestantischer Disziplin die Schmerzen zu übertünchen.

„Der Generationsgraben voller unbestatteter Toter und unbesprochener Verstrickungen, der Weg zu einer erlösenden Trauer damit verwehrt.“


Die Mutter von Leupolds Erzählerin wurde 1924 geboren und stammte aus Ostpreußen und erlebt als Jugendliche und junge Frau den zweiten Weltkrieg.

Der jüngere Bruder stirbt 1944 im Krieg

„Er hieß Klaus. Und starb mit achtzehn, Granatsplitter im rechten Knie und im Becken.“

Genauso wie bereits der ältere Bruder 1941, Granatsplitter im Rücken.

Die Erzählerin stellt sich mehrfach die Frage, wie die Mutter den Krieg, die Verluste und die spätere Vertreibung erlebt hat.

„Unvorstellbar, dass ihr über die Welt am Abgrund gesprochen habt. Unvorstellbar, dass ihr nicht über die Welt am Abgrund gesprochen habt.“

Später, lange nach dem Krieg, bewundert und rezitiert die Mutter immer noch die Dichterin Agnes Miegel, die Hitler und dem NS-Regime affirmativ gegenüberstand und insbesondere unter Heimatvertriebenen noch lange geschätzt wurde.

Überraschenderweise konzentriert sich Leupold besonders auf die jungen und späteren Jahre der Mutter. Die Jahre der Kindheit der Erzählerin, also die gemeinsam verbrachten Jahre, nehmen relative wenig Raum des Romans ein, so als wäre dies Zeit zu schmerzhaft für ein genaueres Hinsehen. So als bräuchte es die Distanz, um die Mutter deutlicher zu erkennen oder über sie schreiben zu können.
Hinweise auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gibt es.

„Das Einzige, was gewollt werden durfte, war Prügel - protestantischer, verinnerlichter Sadismus, den du für Disziplin hieltest.“

Der Roman ist in chronologisch geordnete Episoden gegliedert, die nicht in eine durchgehende Erzählung münden. Vielmehr nutzt Leupold einzelne Erinnerungsschlaglichter und Fotografiebeschreibungen, um das Leben der Mutter zu beleuchten.
Leupold ist die Generation meiner Mutter und viele ihrer Beschreibungen wecken auch bei mir Erinnerungen an meine Mutter und Großmutter. Bilder wie die bestickten Stofftaschentücher oder „wie bei Hempels unterm Sofa“ erzeugen bei mir eine beklemmende Mischung aus Nähe und Distanz.

Leupold schreibt messerscharf, viele Sätze sind schneidend. Ihr reichen wenig Worte, kurze Kapitel, um ganze Lebenswelten zu skizzieren, wie beispielsweise den gutbürgerlichen Mittelschichtswohlstand der älteren Mutter als Beamtenwitwe.

„Deine Emanzipation ruhte und beruhte auf einem soliden finanziellen Fundament. Du warst eine wohlhabende Witwe.“

Eine Witwe, die sich und ihrer Tochter gerne Restaurantbesuche in der Pizzeria San Marco gönnt und die ganze Produktpalette von Chanel No. 5 verwendet.
Ein Duft, den die Erzählerin immer mit der alternden Mutter verbinden wird.

Ich fand „Muttermale“ in vielerlei Hinsicht besonders und lesenswert. V.a. literarisch und sprachlich ist der Roman in meinen Augen sehr gelungen und großartig. Und auch als Versuch, der Gefühlskälte einer ganzen Generation an Eltern näher zu kommen und zu begreifen, aber nicht zu entschuldigen.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Ganz unspektakulär einfach toll

Neben Fremden
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Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und ...

Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und zwar nicht, weil „Neben Fremden“ so unvorstellbar aufregend oder spannend war, sondern weil Schmidt in ihrem Roman so grandios und so treffsicher von einem ganz banalen Leben erzählt. Von so einem Leben, wie du und ich es vielleicht auch haben.
Die Ich-Erzählerin Rosa ist eine ältere, mittlerweile verrentet Frau, die zusammen mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung wohnt. Gerade erst ist ihr Freund Fred gestorben, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, obwohl er noch mit einer anderen Frau verheiratet war.
Von Fred hat sie auch erst vor kurzem cheinen Campingbus geschenkt bekommen, eigentlich für gemeinsame Touren und Ausflüge.
Rosa hat außer einer Freundin und ihrer Mutter ansonsten nicht viele Sozialkontakte, sie hält Distanz zu Nachbarn und sucht auch nicht aktiv nach Anschluss. Nur dass sie zu ihrem Sohn schon lange keinen Kontakt mehr hat, schmerzt sie manchmal.
Freds Tod hat sie nachdenklich gemacht, und sie beschließt, mit dem Camping Bus ein paar Tag wegzufahren.
Was bei anderen Autor*innen vielleicht der Anfang zu einem aufregenden Selbst-Findungs-Roadtrip inklusive Neustart und YOLO-Vibes wäre, ist es bei Schmidt all das nicht.
Die Gewohnheiten, der Alltag und die inneren und äußeren Zwänge und Verstrickungen sind eng für die Erzählerin und binden sie an ihr Leben.

„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.
Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“


Und dann wird ihre Mutter krank, zu der Rosa ebenfalls ein merkwürdig distanziertes Verhältnis hat. Schmidt beschreibt eine Mutter-Tochter Beziehung, die vielleicht typisch ist für die Generation meiner Eltern, zu der auch die Autorin gehört.

„Ich hatte sie gekränkt, hatte sie nicht ernst genommen, hatte versucht, sie aufzumuntern, anstatt zu trösten. Ich hatte kein Verständnis für sie, obwohl sie meine Mutter war und alles für mich getan hatte.“

Es ist diese Sprach- und Wortlosigkeit, die in so vielen Familien herrscht, die auch Rosas Aufwachsen geprägt hat und die in Schmidts Roman so deutlich hervorsticht.

„Neben Fremden“ ist auch ein Roman über Abschiede, über ungelebtes Leben, über „hätte, hätte, Fahrradkette“, über verpasste und verstrichene Möglichkeiten. Über die Enge des Lebens und die Unfähigkeit und Unmöglichkeit diese zu überwinden.

„Meinem Vater fehlte es an Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Er wollte leben, wusste nur nicht, wie. Genau wie ich.“

Und immer wieder das große Überthema, das auch schon im Titel steckt: “Neben Fremden” ist ein Roman über den Wunsch nach einer Verbindung zu anderen Menschen und über die Sehnsucht, anderen wirklich nahe zu sein.
Großartig finde ich dabei, wie leise und realistisch Schmidt diese großen und universellen Themen heraus arbeitet. Ich finde leise Erzähltöne oft, naja, langweilig, aber hier finde ich es berührend. Gerade auch, dass Schmidt mir keine Wertung vorgibt, gefällt mir und rührt mich.
„Neben Fremden“ ist damit so ein bisschen der Gegenentwurf von Romanen wie „Eat, Pray, Love“ (die natürlich ebenfalls toll seien können und ihre Berechtigung haben).

Ich find „Neben Fremden“ ganz unspektakulär einfach toll.

Kritik habe ich allerdings für die Kurzbeschreibung auf der Umschlagsseite, die meiner Meinung nicht gut gelungen ist, zuviel und das Falsche vorweg nimmt und dem Roman nicht gerecht wird.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Moderner und innovativer Trennungsroman

Frau Fünf
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Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett ...

Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett verarscht von diesem Arschloch. 10 Jahre Lebenszeit! Sogar das Rauchen hatte sie für ihn aufgegeben. Mirjam vermutet, dass Martin längst eine andere hat.

„Nie im Leben würde er seinen faulen breitgesessenen Arsch freiwillig aus dieser Bude bewegen, wenn nicht eine andere auf ihn warten würde. Der wird sich noch umgucken, was passiert, wenn die ihn beim Pornoglotzen erwischt, elender Bock! Er wird sich noch zurücksehnen. Arschloch.“

Mirjam beschließt, Martin zu stalken, um mehr über seine neue Freundin herauszufinden. Und noch etwas beschließt sie: Sie wird sich nie mehr für andere Menschen verbiegen, sondern sich nur noch um sich selbst kümmern.

„Viel zu viele Stunden, Tage, ach, JAHRE hat sie damit vergeudet, anderen Leuten zuzuhören und Verständnis und Mitgefühl vorzuheucheln. Ab jetzt wird es nur noch um sie gehen.“

Das ruft Frau Fünf auf dem Plan, Mirjams Alter Ego, eigentlich ein Pseudonym, das sie erfunden hat, um auf gigolo.com einen Callboy zu engagieren. Frau Fünf übernimmt immer dann das Steuer, wenn Mirjam sich klein fühlt oder einfach Lust hat, ihren Willen durchzusetzten. Dann sagt Frau Fünf wo es langgeht und zwar laut.

Dabei werden zwangsläufig ein paar Grenzen überschritten, denn bedingungslose Selfcare geht manchmal nahtlos in Rücksichtslosigkeit über.
Ist das endlich der Weg zur weiblichen Selbstbestimmung?

Der Roman ist ein echter Ritt und hat mir ultra viel Spaß gemacht und mir richtig gut gefallen. Ich liebe es wenn Frauenfiguren komplett frei drehen und sich aus Rollenbilder emanzipieren. Baldy verwendet in ihrem zweiten Roman slapstickartige und surreale Überzeichnungen, die großes Tempo in den Roman bringen.
Aber Baldy zeigt in ihrer liebenswerten und der Rationalität enthobenen Protagonistin auch eine Verletztlichkeit, die mit der in GROSSBUCHSTABEN schreienden Übertreibung und Action kontrastiert. Sie zeigt, dass auch laute und selbstbewusste Frauen* verletzt werden können und Stärke alleine manchmal nicht ausreicht, um sich zu schützen. In dem vordergründig lustigen Roman, der Trennungsklischees sowohl karikiert als auch konterkariert, steckt jede Menge feministische Gesellschaftskritik.

Ich könnte vielleicht eine leichte fehlende Stringenz in der Plotentwicklung und dem Spannungsbogen kritisieren, aber dafür gefällt mir Baldy mit großen Sprachwitz („Mrenate“ und „Melsbeth“) und ihrem sehr zeitgenössischen und innovativen Erzählstil!

Nach der vielen sehr schweren und sehr selbstironiefreien Literatur, die ich sonst gerne lese, war „Frau Fünf“ definitiv eine sehr willkommene und sehr erfrischende Abwechslung.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Zeitgenössische und feministische Neuerzählung eines Märchenklassikers

Die Kröte
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Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen ...

Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen Schriftstellerin zu lesen.
Jetzt ist mit „Die Kröte“ ihr neuer und fünfter Roman erschienen und gleich bei mir eingezogen.

Und auch in „Die Kröte“ bewegt sich Hirth weit im Reich der Metaebene und verwandelt ein bekanntes Märchen in eine zeitgenössische und feministische Geschichte.

Ich bin jetzt literaturgeschichtlich nicht ganz so sattelfest, aber die Grundzüge des Grimmschen Märchens „Der Froschkönig“ sind mir noch vage aus meiner Kindheit bekannt, was für die Lektüre von „Die Kröte“ von Vorteil, aber vielleicht nicht unbedingt notwendig ist.

Hirth Erzählerin Milena teilt ihr Leben ganz plötzlich mit einer Kröte. Naja, so ganz plötzlich ist die Kröte nicht erschienen. Du kennst es vielleicht: Dein Smartphone fällt ins Wasser und da gehst du auf das Angebot einer Random Kröte ein, es dir wieder zu besorgen. Natürlich nicht so ganz ohne Gegenleistung. Und so ist die Kröte jetzt eben da und verbreitet mit ihren ungebetenen Untertiteln eine immense Unsicherheit im Leben der Erzählerin.

“Seit die Kröte in mein Leben getreten ist, haben Verlust und Verlassen, Halt und Sicherheit eine andere Bedeutung, eine andere Dimension und Dringlichkeit für mich bekommen.”

Schnell merkt Milena, dass die Kröte nicht unbedingt ihr Bestes will, sondern Unwahrheiten verbreitet, sie manipulieren und Kontrolle ausüben will.
Außerdem greift die Kröte ihre unbewusste Gedanken und Wünsche auf, vereinfacht und verzerrt sie, bis Milena selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich gedacht hat.

Und jetzt verschwindet die Kröte nicht mehr so einfach, sie hat sich in Milenas Leben eingenistet.

Wie schon erwähnt, funktioniert Hirths parabelartiger Roman hauptsächlich über die Metaebene und ermöglicht so einen unendlichen Interpretationsspielraum.
Für mich symbolisiert die Kröte eine individuelle und gesellschaftliche Stimme, die scheinbar Hilfe und Orientierung anbietet und zunächst wie ein Mittel gegen Einsamkeit aussieht, dabei aber verunsichert und manipuliert.
Dabei denke ich konkret an rechte und populistische Strömungen, die komplexe Probleme bewusst vereinfachen und auf falsche Zusammenhänge reduzieren und so eine vermeintlich einfache Lösung anbieten.


“Im Märchen hat Komplexes, Vielseitiges, haben Nuancen keinen Platz. In der Wirklichkeit übrigens viel zu oft auch nicht.”

Die Kröte verhält sich zudem übergriffig und ihr Verhalten gegenüber Milena lässt sich als toxisch bezeichnen.

Der wirklich spannende Schluss auf den letzten Seiten unterstreicht diese Lesart. Es würden sich aber auch ganz andere Interpretationsansätze anbieten, wie das so oft bei Märchen der Fall ist.

Grundsätzlich ist „Die Kröte“, genauso wie es auch „Malus“ bereits thematisiert hatte, ein Roman, der die emanzipatorische Kraft des Erzählens und der Literatur betont. Und so stehen Milena auch wieder ein weiblicher Kanon aus literarischen Stimmen zur Seite.

“Es ist doch das Privileg und die Stärke der Literatur, dass sie Dinge beschreiben kann, die jenseits von wahr und unwahr liegen. Jenseits von real und irreal oder surreal.”

„Die Kröte“ war für mich jetzt vielleicht nicht so ganz das Highlight wie es „Malus“ für mich war, aber gerade der aufregende Schluss hatte mich jetzt auf den letzten Seiten wieder ganz gut aus dem etwas langwierig geratenen Metauniversum zurück auf die Erde geholt.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Super interessanter, inhaltlich und formal spannender Roman

Medulla
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Nach „Power“ ist „Medulla“ mein zweiter Roman, den ich von Verena Güntner lese. Und genau wie bei „Power“ hat sich Güntner wieder für einen aussagekräftigen Romantitel entschieden, der auf verschiedene ...

Nach „Power“ ist „Medulla“ mein zweiter Roman, den ich von Verena Güntner lese. Und genau wie bei „Power“ hat sich Güntner wieder für einen aussagekräftigen Romantitel entschieden, der auf verschiedene Weise auf sein Thema anspielt.
Denn die Medulla ist als wichtiger Teil des Gehirns überwiegend für Funktionen verantwortlich, die nicht willkürlich gesteuert werden, also für alles, was körperlich automatisch abläuft.

Was scheinbar gesellschaftlich automatisch abläuft ist, dass bei Frauen irgendwie immer davon ausgegangen wird, dass sie vor Ablauf des Verfallsdatums ihrer Fortpflanzungsfähigkeit einen Kinderwunsch entwickeln und auch umsetzen.

Einen krassen und komplexen Kontrapunkt dazu setzt Güntner in „Medulla“. So besonders wie sein Inhalt ist sein formaler Aufbau: nach einer anteasernden Einleitung ist der Roman in drei Abschnitte unterteilt, in denen jeweils die Geschichte dreier Paare erzählt wird, die auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Schwangerschaft konfrontiert werden. Geplant und ungeplant.
Die Paare sind nicht mehr ganz jung und bewegen sich in einem städtischen, wohlstandsgesättigten Milieu.

Liv, Jan, Leyla, David, Esther und Jakob geht es gut, sie haben genug Sex miteinander und mit anderen, interessante Jobs, in denen sie sich verwirklichen können und sind von den Krankheiten und Einschränkungen des Alters noch weit entfernt.

Die Partnerschaften scheinen stabil, fehlt jetzt nur noch ein gemeinsames Kind zum perfekten Glück? Liv weiß im Gegensatz zu Leyla und Esther schon länger, dass sie nie Mutter werden möchte. Leyla möchte mit ihrem Partner David seit längerer Zeit schwanger werden und Esther ist bereits schwanger.

Ihre Männer- und Frauenfiguren sind modernen und individuelle Skizzen von Lebensentwürfen, wie ich sie in meinem persönlichen, sehr ländlich geprägten Umfeld eher seltener vorfinde, mir aber in Großstädten gut vorstellen kann.
Umso überraschter bin ich, dass in Güntners Roman das unreflektierte Verfolgen von gesellschaftlichen Konventionen in Bezug auf das Kinderkriegen ein großes Thema ist.

“Draußen will er wissen, warum sie das Kind bekommen wollte, und sie zuckt mit den Schultern.
Sie ist überrascht von der Frage, die sie sich selbst nie wirklich gestellt hat. […]Und war es nicht das, was alle machten? Kinder kriegen?”

Nicht nur die Frauen stehen bei Güntner im Fokus, die Perspektiven der Männer nehmen genausoviel Raum ein. Dabei verweigert Güntner den in feministischen Bücher oft üblichen Topos vom bequemen, männlichen Macho, der weiblicher Selbstverwirklichung entgegensteht und jegliche Übernahme von emotionaler Arbeit verweigert. Im Gegenteil, Güntner bricht Rollenklischees, besonders in Bezug auf Kinderwunsch und Schwangerschaft, weit auf und zeigt Männer und Frauen jenseits ihrer gesellschaftlichen Zuschreibungen.

Ebenfalls überrascht bin ich von den dysfunktionalen Hetero Beziehungen, die Güntners Roman dominieren und von der großen Sprachlosigkeit und der Lieblosigkeit in den Paarbeziehungen. Sind eine Beziehung, Partner
innen oder gar ein Kind nur Häkchen auf der Bucket List des Lebens?

“Sie versteht nur nicht, wie es so weit gekommen ist. Sie wird Mutter werden. Aus diesem Umstand werden sich Aufgaben ergeben, die an Erwartungen geknüpft sind, denen sie sich kaum entziehen können wird. Ihr Leben im Dienst einer Sache, die sich nicht umkehren lässt, die immer nur nach vorne wächst, unablässig braucht und fordert. Es ist eine Falle. Eine, in die sie sich vielleicht nicht willentlich hineinbegeben hat, aber doch eine, der sie nicht ausgewichen ist, als die Möglichkeit dazu noch da war.”

Für mich macht der große Reiz an Güntners Roman aus, dass er sich jeder Eindeutigkeit verweigert und mir als Leserin keine Antworten oder eine klare Deutungslinie vorgibt. So wie der Titel „Medulla“ bereits viele Interprationsebenen öffnet, tun es auch die Geschichten von Güntners Figuren. Mir gefällt es auch, dass Güntner sich nicht scheut, ihre Figuren hässlich und widersprüchlich zu zeigen, machmal slapstickartig und surreal überzeichnet. Auch die von ihr öfter verwendete schamlosen Körperlichkeit in manchen Szenen lese ich gerne.

„Medulla“ war für mich ein super interessanter, inhaltlich und formal spannender Roman, der auch einiges an Reibung mit sich bringt und nicht auf lesetechnische Befriedigung sondern auf Anregung zum Selberdenken setzt.

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