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anushka

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.04.2026

Eine berührende Ode an die Freundschaft und die Natur

Unter Wasser
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Marissa lebt in New York als Reisejournalistin, wobei ihre Aufgabe darin besteht, Bilder für Top-5-Listen zu untertiteln. Es ist der Vorabend des Hurrikan Sandy und das belebt die Erinnerungen an eine ...

Marissa lebt in New York als Reisejournalistin, wobei ihre Aufgabe darin besteht, Bilder für Top-5-Listen zu untertiteln. Es ist der Vorabend des Hurrikan Sandy und das belebt die Erinnerungen an eine andere Naturkatastrophe aus Marissas Kindheit wieder, in der sie mit ihrem Vater auf einer thailändischen Insel lebte. Nach dem Tod der Mutter beschloss der Vater, ihre meeresbiologische Forschung weiterzuführen. Während Marissa unter der Woche bei ihrer besten Freundin Arielle im Hotel lebte und zur Schule ging, paddelten und tauchten die beiden Mädchen an den Wochenende in der bezaubernden tropischen Meereswelt und begleiteten die Forschenden zu den Mantarochen. Doch diese Zeit hat nicht nur wortwörtlich Narben hinterlassen ...

Dieses Buch erreichte mich auf einer ganz persönlichen Ebene. Als Kind von sogenannten Expats habe ich in Asien sehr viele ähnliche Erfahrungen gemacht und fand die Geschichte unglaublich authentisch. Der Roman beschwört eine enge Verbundenheit zum Land, zur Natur und vor allem zum Meer, die Naturbeschreibungen sind sehr eingängig und atmosphärisch, geradezu paradiesisch. Umso erschreckender wirken die regelmäßigen Einbrüche des menschlichen Einflusses auf die Unterwasserwelt.
Die Geschichte ist aber auch eine Ode an die Freundschaft. Die Protagonistin betrauert noch immer ihre beste Freundin aus Jugendtagen und kämpft damit, dass dieser Art von Trauer in der westlichen Gesellschaft wenig Platz eingeräumt wird. Mit diesem Buch hat die Autorin meinen Empfinden nach jetzt genau diesen Raum geschaffen. Marissa hat ihre Trauer nie verarbeitet. Wir erfahren erst gegen Ende, was genau mit Arielle passiert ist, es gibt jedoch schon vorher immer wieder Anspielungen.
Die Geschehnisse vom 26. Dezember 2004, einem real passierten Tsunami mit rund 230.000 Toten, haben Marissa nachhaltig traumatisiert und ihre Beziehung zum Meer verändert. Eingängig sind Stellen wie: "Am Tag nach der Welle hörte ich, wie eine Frau am Strand sagte: 'Es ist immer noch so wunderschön.' Sie klang perplex; ich verstand ihre Verwirrung."

Auf knapp 200 Seiten hat dieses Buch für mich eine ganze Welt beschrieben und direkt mein Herz erreicht. Das mag auch an meiner persönlichen Verbindung zu dieser geographischen Region liegen. Die drastischen Albträume von Marissa hätten für mich nicht unbedingt sein müssen, um das Grauen ihrer Erinnerungen deutlich zu machen, alles andere an diesem Buch fand ich sehr gelungen: die wichtigen Themen, die hier bearbeitet werden genauso wie der sensible und nie voyeuristische Umgang mit einer der größten Naturkatastrophen unserer Zeit. Durch Marissas Perspektive werden alle diese Themen sehr persönlich.

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Veröffentlicht am 22.04.2026

Überraschend unterhaltsame Sinnsuche

Statt aus dem Fenster zu schauen
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In einem Anflug von Desillusion und Langeweile während ihres Praktikums kauft Sophie auf Kleinanzeigen für einen Spottpreis ein Haus in Brandenburg. Schon auf dem Weg aus ihrer Studien-WG in München in ...

In einem Anflug von Desillusion und Langeweile während ihres Praktikums kauft Sophie auf Kleinanzeigen für einen Spottpreis ein Haus in Brandenburg. Schon auf dem Weg aus ihrer Studien-WG in München in den (fiktiven) Ort Günderode plagen sie die Zweifel. Vor Ort angekommen stellt sich das Haus als Bruchbude heraus und Sophie bekommt Angst vor der eigenen Courage. Doch gleichzeitig möchte sie nicht zurück in ihren Alltag und hadert mit den Erwartungen, die ihr Umfeld an sie hat. Deswegen sagt sie auch niemandem, wo sie sich aktuell aufhält. Und so pendelt sie zwischen Versteckspiel und Dorfleben. Tagsüber versucht sie mit kleinem Budget das Haus zu renovieren, doch auch mit DIY-Videos von YouTube gestaltet sich das schwieriger als gedacht. Sobald das Tageslicht schwindet, stellt sich Sophie die großen Fragen des Lebens. Was möchte sie mit ihrem Leben anfangen und wird sie das Haus behalten?

Ich war von diesem Buch absolut positiv überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dass ein Buch mit dem Thema der Sinnsuche so kurzweilig wird. Anstatt schwermütiger Self-Awareness-Arbeit reflektiert Sophie witzig-selbstironisch ihre Fehler, aber auch die Erwartungen ihres Umfelds. Die Situation ist skurril, aber die Emotionen sind sehr authentisch beschrieben (wie beispielsweise Sophies Angst während der ersten Nächte). Zudem fand ich selten irgendeine Art von Renovierungsarbeit so spannend wie Sophie dabei zu begleiten, wie sie ohne jegliches handwerkliches Talent daran arbeitet, ihr verfallenes Landhaus bewohnbar zu machen. Gleichzeitig sind ihre Renovierungsarbeiten, wie beispielsweise das Wändestreichen, sehr meditativ, aber nie langweilig beschrieben. Und doch möchte man ihr manchmal zurufen, dass sie sich vielleicht Expertenwissen zum Renovieren holen und ihre Wände erst einmal gegen Schimmel behandeln sollte. Außerdem habe ich ein wenig darauf gewartet, dass Sophie einen Vlog aus ihrem Landleben macht. Das wäre zumindest eine Idee für ein Einkommen gewesen. Stattdessen sitzt sie zumeist allein mit ihren Gedanken in einem Funkloch. Und gleichzeitig lernt sie doch das Landleben und seine Charaktere kennen. Am Ende war mir Sophie ans Herz gewachsen, ich habe mich mit ihr über ihre Erfolge gefreut und inständig gehofft, dass sie am Ende die richtige Entscheidung trifft. Der Erzählstil hat mich durchweg gefesselt und die Bilder und Gleichnisse fand ich sehr gelungen. Die Autorin hat Situationen geschickt genutzt, um die tiefgründigeren Gedanken zu platzieren. Am Ende hatte ich ein sehr kurzweiliges Leseerlebnis, das gleichzeitig auf lockere Weise die großen Fragen des jungen Erwachsenenlebens stellt und sich abseits der klischeehaften Selbstfindungstrips bewegt. Wer hätte gedacht, dass eine Geschichte über eine Bruchbude in Brandenburg und die Suche nach dem Sinn im Leben so unterhaltsam sein kann?

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Schonungsloser Blick auf die Folgen eines Femizids

Da, wo ich dich sehen kann
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Im Leben der neunjährigen Maja ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie zuvor. Der von ihr geliebte Vater hat ihre Mutter Emma getötet und sitzt dafür im Gefängnis. Während das Umfeld versucht, ...

Im Leben der neunjährigen Maja ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie zuvor. Der von ihr geliebte Vater hat ihre Mutter Emma getötet und sitzt dafür im Gefängnis. Während das Umfeld versucht, Maja aufzufangen, kämpfen sie selbst mit den Folgen. Emmas Eltern haben ihr einziges Kind verloren und verzweifeln an ihren Schuldgefühlen, während sie gleichzeitig versuchen, Maja ein neues Zuhause zu geben. Liv hat mit Emma ihre beste Freundin seit Jugendtagen verloren und bereut die Entfremdung, die sich zwischen den beiden eingeschlichen hatte. Als Astrophysikerin zeigt sie Maja die Geheimnisse des Universums und übernimmt unfreiwillig zunehmend Verantwortung für ihr Patenkind, obwohl sie selbst nie Kinder wollte.

Dieser Roman gibt einen schonungslosen Blick auf die Folgen von Gewalt gegen Frauen. Die Tat selbst steht nicht im Zentrum der Handlung und gleichzeitig ist sie allesbestimmend. Es geht nicht um den Täter und was genau wie passiert ist, sondern es geht vor allem um die Folgen für die Hinterbliebenen.
"Menschen hinterlassen mehr als Erinnerungen, sie hinterlassen Schwarze Löcher, die dich gnadenlos anziehen und in den Abgrund reißen, wenn du ihnen zu nahe kommst. Wenn jemand geht, fehlt nicht nur die Person, sondern auch ein Stück von jedem, der bleibt." Und genau das setzt dieser Roman perfekt um. Das Schwarze Loch und die fehlenden Stücke bei jeder der Figuren sind intensiv spürbar. Regelmäßig hatte ich einen Kloß im Hals, weil die Autorin die Gedanken und Emotionen von Emmas Eltern, Liv und Maja so lebensnah dargestellt hat. Besonders anschaulich wird die Geschichte durch zusätzlich eingestreute Zeichnungen von Majas Bildern, aber auch für die erwachsenen Figuren gibt es jeweils einen Abschnitt, der einer imaginierten alternativen Realität nachspürt, in der die Figuren darüber nachdenken, was hätte sein können, hätten sie an entscheidenden Punkten anders reagiert. Ein Transkript des Anrufs bei der Polizei, gerichtliche Dokumente und die Unterlagen weiterer Institutionen und Hilfeeinrichtungen lassen das ganze wie einen echten Fall wirken.

Dieses Buch ist wirklich geeignet, einem das Herz zu brechen. Es widmet sich einem wichtigen gesellschaftlichen Thema und richtet den Blick auf die, die in Berichten über Femizide in der Presse und True-Crime-Podcasts selten eine Stimme bekommen. Es zeigt das Leid, das durch den Mord an einer Frau erzeugt wird extrem anschaulich und nachfühlbar und war mit das Schwerste und gleichzeitig Beste, was ich dieses Jahr gelesen habe.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Hundert Jahre Familiengeschichte - Überraschend spannend

Rückkehr nach St. Malo
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Nach dem Tod des Vaters erbt Yann Kérambrun die Familienvilla in Saint Malo. Nach einer gescheiterten Ehe und kurz vor dem Burnout als Geschichtsprofessor an der Sorbonne in Paris zieht er an den Ort ...

Nach dem Tod des Vaters erbt Yann Kérambrun die Familienvilla in Saint Malo. Nach einer gescheiterten Ehe und kurz vor dem Burnout als Geschichtsprofessor an der Sorbonne in Paris zieht er an den Ort seiner Kindheit zurück. Schon nach kruzer Zeit entwickelt er eine Faszination für die felsige Insel Cézembre, die in Sichtweite von Saint Malo liegt. Der Name Kérambrun ist in der Gegend kein unbekannter. Seit über hundert Jahren baut das Unternehmen Schiffsmotoren und bildet die Malouinische Schifffahrtsgesellschaft. Beim Ausmisten der Familienbibliothek entdeckt Yann die Handelsbücher des Unternehmens und arbeitet nach und nach die Geschichte seiner Familie auf.

Zunächst war ich skeptisch, was an der Unternehmensgeschichte einer Schiffsmotorengesellschaft spannend sein kann. Doch von Anfang an hat mich der atmosphärische Schreibstil überzeugt, der die Küstenstadt Saint Malo und noch mehr das geheimnisvolle Cézembre zum Leben erweckt. Durch die historischen Dokumente und die Ressourcen, die Yann als Historiker einer namhaften Universität zur Verfügung stehen, wirken die Enthüllungen glaubhaft. Vor allem der Wechsel zwischen den Zeitebenen wirkt dadurch sehr natürlich. Zwischendurch erzählt ein dritter, in kursiv abgehobener Erzählstrang von einzelnen Ereignissen aus der historischen Perspektive. Zunehmend zieht die Spannung an und mit den Gezeiten und Wellen treibt man immer schneller durch die Geschichte, die sich am Ende in einen richtigen historischen Krimi entwickelt. Am Ende wurde aus einem regionalen Roman eine überraschend spannende Familiengeschichte mit bretonischer Atmosphäre. Hinzu kommt aber auch eine psychologische Tiefe, denn Yann arbeitet die Familiengeschichte auch auf, um zu verstehen, warum die Männer der Familie wenig Liebe für ihre Söhne aufgebracht und somit Generationen nach ihnen geprägt haben. Nicht zuletzt Yann hatte ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater, der ihn sein Leben lang in das Familienunternehmen drängen wollte. Yann muss sich auch selbst hinterfragen, wie er mit seinem eigenen Sohn umgeht. Und so erhält der Roman auch psychologische Vielschichtigkeit ohne übertrieben, klischeehaft oder kitschig zu sein. Insgesamt war der Roman trotz einiger Längen eine absolute positive Überraschung, die auf über 500 Seiten sehr gut unterhalten hat.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Auf der Suche im Tal des Todes

Sunbirds
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Anne und Robert leben auf einer schottischen Insel. Mit 18 Jahren reiste ihr Sohn Torran nach Indien und kehrte nie zurück. Im Kullu-Tal im vorderen Himalaya-Gebirge verliert sich seine Spur. Das ist nun ...

Anne und Robert leben auf einer schottischen Insel. Mit 18 Jahren reiste ihr Sohn Torran nach Indien und kehrte nie zurück. Im Kullu-Tal im vorderen Himalaya-Gebirge verliert sich seine Spur. Das ist nun 7 Jahre her und es gibt keinerlei Hinweise auf seinen Verbleib oder sein Schicksal. Zunächst suchten Anne und Robert noch gemeinsam, doch irgendwann kehrte Robert nach Schottland zurück, während Anne in Indien blieb. Regelmäßig erneuert sie die Suchposter und befragt Einheimische sowie Touristen. Den Kontakt zu ihrem Ehemann hat sie nahezu abgebrochen. Plötzlich taucht Esther, ihre Nichte und Journalistin, mit neuen Hinweisen in Indien auf. Auf einem Roadtrip durch Indien jagen die Frauen zum einen Torran nach, aber auch ihrer eigenen Vergangenheit, aus der sie einiges aufzuarbeiten haben.
Angelehnt scheint die Geschichte an reale Fälle. Das Kullu-Tal hat es unter dem Begriff "Death Valley" tatsächlich in die internationale Presse geschafft, weil hier in den vergangenen Jahrzehnten Dutzende westliche Touristen und Backpacker verschwunden sind. Kullu ist ein pittoreskes Tal und liegt im vorderen Himalaya-Gebirge. Mit seiner atemberaubenden Natur, spirituellen Religionen, einem ganz anderem Lebensstil, sowie seinem Malana Cream (Premium-Haschisch) und zahllosen Moonshine-Raves verursacht Indien scheinbar einen Kulturschock und lässt zahlreiche Menschen glauben, die Erleuchtung gefunden zu haben. Andere verunglücken beim Wandern oder fallen Räubern und Drogenbaronen zum Opfer. Auch Anne ist in diesem Umfeld gezwungen, sich mit den Fragen ihres Lebens auseinander zu setzen. Mit den neuen Möglichkeiten, die Esthers Hinweise eröffnen, fragt sie sich aber auch, ob sie Torran wirklich finden will. Sollte er noch am Leben und freiwillig verschwunden sein, muss sie sich fragen, warum er seine Familie jahrelang im Ungewissen gelassen hat.
Mich hat diese Geschichte emotional berührt, aber auch wütend gemacht. Auf der Reise begegnen Anne und Esther neben suchenden Angehörigen auch sogenannten Aussteigern. Menschen, die aus Ländern stammen, die teilweise extrem restriktive Gesetze für Einwanderer haben, reklamieren für sich selbst, sich aufgrund ihrer spirituellen Selbstfindung versteckt in diesem weitläufigen Gebirge ohne Aufenthaltserlaubnis niederzulassen. Gleichzeitig lassen sie alles Weltliche hinter sich, auch ihre Angehörigen, die zum Teil nie das Schicksal ihrer Geliebten erfahren. Gleichzeitig verschlimmert ihre Nachfrage nach bewusstseinserweiternden Substanzen die Probleme dieser instabilen Region.
Für mich ging es in diesem Buch nicht romantisiert um Loslösung, Selbstfindung und Spiritualität, sondern um eine gut verpackte Kritik an westlichen Reisenden. Gleichzeitig wird aber auch auf der emotionalen Ebene sehr gut beleuchtet, wie Familien jahrelang leiden können, wenn ein - sogar volljähriges - Kind verschwindet. Die Figuren waren komplex und überzeugend, wenn auch nicht immer sympathisch, gezeichnet. Die Geschichte war sehr atmosphärisch und die Naturbeschreibungen haben mich vollends abgeholt.

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