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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.10.2025

"Geht’s auch normal?"

Sein oder Spielen
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Nein, offenbar geht das nicht. Wieder einmal kann man sich auch mit diesem Buch mit der Blase bekannt machen, in der Schauspieler und Regisseure leben. Sie schaffen Illusionen und leben auch in solchen. ...

Nein, offenbar geht das nicht. Wieder einmal kann man sich auch mit diesem Buch mit der Blase bekannt machen, in der Schauspieler und Regisseure leben. Sie schaffen Illusionen und leben auch in solchen. Ihre größte Illusion demonstrieren sie durch eine grandiose Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung, angefeuert von Medien, die das noch verstärken und zum eigenen Profit ausnutzen. Da wird eine Art von Kult aufgebaut, der einfach nur lächerlich ist, weil Filme selten etwas mit der Realität zu tun haben, sondern nur dem menschlichen Bedürfnis nach der Flucht aus derselben dienen.

Diese Art der Unterhaltung bezahlt man gerne. Und da das viele tun, kommen gewaltige Summen zusammen, die an einige Wenige zum Teil weitergegeben werden, während das schauspielerische Fußvolk Not leidet und sich offenbar selbst im Mittelklassesegment noch nicht einmal eine Krankenkasse leisten kann.

Dominik Graf stammt aus einer Schauspieler-Familie, stand selbst auf der Bühne und schreibt hier seine Erfahrungen als Regisseur nieder. Nimmt man das Buch zum ersten Mal in die Hand und blättert darin, dann fallen sofort die (absichtlich?) minderwertigen Fotografien auf. Vielleicht ist das ja auch eine Art von Kunst, die man nicht versteht, weil man zu blöd dafür ist. Schlimm ist jedoch der Stil, in dem dieses Buch verfasst wurde. Ich bin als Vielleser eine Menge gewohnt, aber das ist dann schon eine neue Kategorie. Da fühlt sich so an, als ob man unter einer intellektuellen Dusche steht, bei der jeder Tropfen ein Gedanke ist. Es gibt einen Strom, aber einen völlig diffusen. Der Autor springt ständig hin und her. Und wenn man ihm zu folgen versucht, würde das vermutlich in Kopfschmerzen oder im Wahnsinn enden. Ich habe diesen Versuch deshalb aus Selbstschutz schnell aufgegeben.

Sicher ist manches ganz interessant, aber die Anstrengung bis zu solchen Stellen zu kommen, ist riesig. Sie offenbart aber auch ein typisches Problem des deutschen Films: Gefangen in der Sucht nach Belehrung und Weltverbesserung geben sich viele dieser "Filmemacher" nicht dem Gedanken hin, dass sie das Publikum bezahlt und dafür auch gute Unterhaltung verlangt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Leute den Pöbel verachten und bestenfalls mit ihrer Weisheit beglücken wollen, sich aber in keinem Fall darum kümmern, dem "Verbraucher" gefallen zu wollen. Das wäre minderwertig und entspräche nicht den Höhen ihres überlegenen Geistes. Jedenfalls nach eigener Vermutung.

Wenn der Autor die Fähigkeit besitzen würde, seine Gedanken einigermaßen zu sortieren und lesbar zu vermitteln, wäre das Buch sicher gut geworden. So aber ist es grottenschlecht, obwohl es durchaus viele interessante Einblicke in eine Welt der Illusionen gibt, die mit Sicherheit völlig überbewertet wird.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

„… plötzlicher Ausbruch von Hexenwahn in Südtirol“

Teufel, tanz mit mir!
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Die Zeit der Hexenverbrennungen ist lange vorbei. Heute gibt es subtilere Methoden, doch abstrakt gesehen hat sich nicht viel geändert. Massen in einen Wahn zu versetzen, ist leicht. Man muss nur genügend ...

Die Zeit der Hexenverbrennungen ist lange vorbei. Heute gibt es subtilere Methoden, doch abstrakt gesehen hat sich nicht viel geändert. Massen in einen Wahn zu versetzen, ist leicht. Man muss nur genügend Angst erzeugen. Warum sich die Autorin die Zeit der Hexenverbrennungen als Thema ausgesucht hat, bleibt ihr Geheimnis. Da dieser Krimi in der Gegenwart spielt, musste sie eine Verbindung zwischen mehreren Jahrhunderten herstellen. Und da beginnt der ganze Krampf dieses Krimis. Denn wie soll eine solche Verbindung aussehen?

Die Autorin erfindet eine Frau, die in ihrem etwas abseitig gelegenen Haus ihre Mutter pflegt, die angeblich 400 Jahre alt sein soll. Das kann nur eine Geisteskranke glauben. Andere Herrschaften fühlen sich als Nachfahren von damaligen Hexenmeistern, was auch schon ein Fall für die Psychiatrie ist. Und dann geschehen grausame Morde, die wie Nachstellungen der Geschichte inszeniert werden. So etwas kann nur ein Psychopath machen.

Kurz: Die ganze Geschichte ist völlig an den Haaren herbeigezogen. Sie wirkt künstlich erzeugt und besitzt keinen Bezug zur Realität.

Obendrein vermag es die Autorin nicht irgendeine Spannung zu erzeugen. Nur am Ende kommt es zu einer scheinbaren Überraschung. Aber auch hier kann man sich vorher überlegen, wie die wohl aussehen wird. Natürlich muss oder müssen der oder die Mörder Figuren sein, die vorher eingeführt wurden. Und nach der schlichten Dramaturgie kommt eine Überraschung nur zustande, wenn es jemand ist, auf den nicht alles hinausläuft. Viele bleiben da nicht übrig.

Das Buch hat nur einen geringen Unterhaltungswert und überzeugt wenig.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Was für eine intellektuelle Offenbarung

Wenn Russland gewinnt
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Schade, weil ich dachte, dass ein Politik-Professor selbst an einer Bundeswehr-Universität wenigstens einen Rest von Objektivität besitzen sollte. Aber eigentlich hätte ich es besser wissen können. Jemand, ...

Schade, weil ich dachte, dass ein Politik-Professor selbst an einer Bundeswehr-Universität wenigstens einen Rest von Objektivität besitzen sollte. Aber eigentlich hätte ich es besser wissen können. Jemand, der in Talk-Shows des ÖRR omnipräsent ist, muss bestens an das dortige Niveau angepasst sein, sonst wäre er nicht Dauergast.

Der Autor beschreibt in seinem Büchlein folgendes Szenario: Russland hat den Ukraine-Krieg gewonnen. Dann überfällt es die estnische Stadt Narva, in der 95 Prozent Russen leben. Die NATO zögert mit einer Reaktion und beweist damit ihre Unfähigkeit. Im Text kommen dann die üblichen Stichworte vor: Putin ist ein Diktator, der das russische Imperium ausdehnen will. Die Dämonisierung eines anderen Staates und seiner Obrigkeit ist ein gängiges Propagandamittel, das vom Westen schon gegen Serbien, den Irak und Libyen erfolgreich angewandt wurde. Wir sind die Guten und die anderen die Bösen. Damit lässt sich eine Menge machen. Allerdings kennt das Völkerrecht weder gut noch böse.

Als Militärexperte müsste Masala wissen, dass der Ukraine-Krieg längst verloren ist. Es fällt ihm offenkundig schwer, diesen Krieg richtig einzuordnen und seine Ursachen zu benennen. Ich will darauf hier nicht weiter eingehen, weil bereits ein Blick auf politische Landkarten von 1990 und im Vergleich dazu von 2014 eigentlich alles erklärt, wenn man objektiv an die Sache herangeht. Zur Zeit der Entspannungspolitik galt, dass man die eigene Sicherheit nicht auf Kosten der Sicherheit anderer erreichen kann. Genau das aber hat der Westen nach 1990 versucht. Mit dem Putsch von 2014 und der nachfolgenden Aufstellung der Ukraine gegen Russland wurden russische rote Linien deutlich und bewusst überschritten. Gegen Mittelstreckenraketen des Westens in der Ukraine hätte Russland praktisch für seine Machtzentren keine Vorwarnzeit mehr. Das kann sich keine Atommacht gefallen lassen. Und das würden sich die USA im symmetrischen Fall auch niemals bieten lassen. Die nationale Sicherheit der USA ist bekanntlich bereits sehr weit vor ihrer Haustür in Gefahr.

Nun zum Szenario des Autors: Was hätten die Russen von einem Einmarsch in die estnische Kleinstadt Narva? Nichts außer Ärger. Und irgendwie sollte man sich in den Propaganda-Abteilungen des Westen mal einig werden: Entweder pfeift Russland aus dem letzten Loch oder es steht morgen vor Berlin. Was denn nun?

Russland kann sich in der Tat keinen großen Krieg leisten, der jetzige ist schon eine Herausforderung. Und zwar nicht nur ökonomisch, sondern vor allem demografisch. Ähnlich wie in Deutschland hat der letzte Weltkrieg Lücken in die Bevölkerungspyramide geschnitten, die sich über Generationen nicht schließen lassen. Dazu kommt in Russland die katastrophale Wendezeit unter Jelzin, die das Problem noch verschärfte. Hohe Verluste in einer weiteren jungen Generation kann das Land kaum noch kompensieren. Schon deshalb hat Russland kein Interesse an neuen Kriegen. Und was sollte Russland eine Eroberung seiner westlichen Nachbarn bringen? Es hat wahrscheinlich schon genug damit zu tun, die eroberten Gebiete der Ukraine in sein Reich einzugliedern und sie wieder aufzubauen. Das kostet enorme Ressourcen.

Was steckt also hinter der Kriegspropaganda, die nun leider auch Masala betreibt? Man kann eine simple Vermutung bekommen: Die Waffenarsenale der europäischen NATO-Staaten sind leer. Die Milliarden der in der Ukraine sinnlos versickerten Hilfen stehen nicht mehr zur Verfügung. Wie soll man der eigenen Bevölkerung nun vermitteln, dass man Unsummen ins Militär stecken muss, um das alles zu kompensieren? Dazu muss Angst her. Angst vor den Russen, denn die ist vor allem in Westdeutschland leicht zu erzeugen, schließlich war sie jahrzehntelang die übliche Propaganda während des Kalten Krieges.

Kurzum: Dieses Büchlein besitzt keinen intellektuellen Wert, es ist blanke Propaganda in Form einer Spekulation mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit des Eintreffens.

Wie primitiv das alles ist, sieht man beispielsweise an den jüngsten Verdrehungen, denen Masala in einer Talk-Show nicht widersprochen hat. Der Aufbau eines neuen russischen Militärbezirks nahe der finnischen Grenze wurde dort von einem Bundeswehrgeneral als Beweis für die Aggressivität Russlands gewertet. Dabei ist sie eine symmetrische Reaktion auf den NATO-Beitritt Finnlands. Wegen der ehemals ausgezeichneten Beziehungen zu Finnland bestand vorher kein Anlass für einen solchen Militärbezirk, weshalb es ihn auch nicht gab.

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Veröffentlicht am 18.10.2025

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um

Die Engel von Alperton
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So steht es im Handbuch der Christen. Offenbar hat Amanda Bailey das weder gelesen noch verinnerlicht. Sie bekommt den Auftrag, ein Buch über die sogenannten Engel von Alperton zu schreiben. Alperton ist ...

So steht es im Handbuch der Christen. Offenbar hat Amanda Bailey das weder gelesen noch verinnerlicht. Sie bekommt den Auftrag, ein Buch über die sogenannten Engel von Alperton zu schreiben. Alperton ist ein Teil von London im Nordwesten der Stadt. Dort lebte einst eine Sekte, deren Mitglieder von seinem psychopathischen Oberhaupt eingeredet bekamen, dass sie keine Menschen, sondern eben Engel wären. Die Geschichte nahm ein tragisches Ende. Gerade wollte man ein Kleinkind opfern, das angeblich der Antichrist werden würde, als es zu einem Blutbad kam. Der Sektenchef landete im Knast, zwei Jugendliche und das Kind verschwanden aus der Öffentlichkeit.

Nun soll Bailey dieses Kind, inzwischen wohl volljährig, finden und seine wirkliche Geschichte aufschreiben. Das Buch, als Krimi getarnt, ist nichts weiter als das gesammelte Recherche-Material der Amanda Bailey und besteht aus auf der Zeitachse aufgereihten WhatsApp-Nachrichten, E-Mails und transkribierten Gesprächen. Dazu kommen Teile von Büchern und Filmen über die Sekte, ebenfalls transkribiert, wenn notwendig.

Das Ganze liest sich sehr schwer. Es kommt keine Spannung auf, und der Text raubt einem den letzten Nerv. Es wird eben keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern man quält sich nur durch irgendwelche hintereinander aufgereihten Dialoge, immer in der Hoffnung, dass man etwas versteht. Aber natürlich wird man von der Autorin in die Irre geleitet, denn sie enthüllt zum Beispiel nicht die wirkliche Beziehung zwischen Bailey und einem anderen Protagonisten, was das Verständnis der Dialoge zwischen den beiden erheblich erschwert.

Und natürlich war in Wirklichkeit alles ganz anders als einem das seitenlang quälend suggeriert wird. Bailey erfährt darüber hinaus einige nicht erklärte Erkenntnissprünge, die letztlich das Schicksal des Babys und seine Identität aufdecken, aber auch Baileys Schicksal besiegeln.

Ich mache das nicht gerne, weil die Geschmäcker schließlich verschieden sind: Dieses Buch ist aus meiner Sicht eine Zumutung. Sparen sie sich das also besser.

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