Notizen aus dem Maschinenraum einer Getriebenen
Und ob das geht!Was kann diese Hannah nicht alles? Und wie macht sie das nur? Stolz verkündet sie, was sie schon alles war und ist: Wirtschaftspsychologin, Mutter, Zahnmedizinstudentin, Influencerin, Unternehmerin, Reality-TV-Star ...
Was kann diese Hannah nicht alles? Und wie macht sie das nur? Stolz verkündet sie, was sie schon alles war und ist: Wirtschaftspsychologin, Mutter, Zahnmedizinstudentin, Influencerin, Unternehmerin, Reality-TV-Star und Autorin. Ich bin kein Psychologe, werde mir also auch kein Urteil abringen. Aber seltsam finde ich diese Aufzählung dann doch.
Mal angenommen, Hannah Kerschbaumer bringt ihr Zahnmedizin-Studium tatsächlich zu Ende. Was dann? Ist sie neben ihrer Tätigkeit als Zahnärztin dann auch noch all das, was oben aufgezählt wurde? Ich würde mir eine solche Ärztin jedenfalls nicht wünschen. Und mal ganz nebenbei: Multitasking ist erwiesenermaßen eine Illusion. Auch ohne diesbezügliche Studien hier anführen zu wollen, sagt einem der gesunde Menschenverstand doch, dass man nur über eine begrenzte Menge an Energie und Aufmerksamkeit verfügt. Verteilt man das auch viele Tätigkeiten, dann bleibt für jede nicht genug übrig, will man sie sehr gut ausführen.
Wenig überraschend bietet dieses Buch auch wenig Neues. Wie auch? Diese zehn Strategien sind bekannt, allerdings werden sie hier besonders am Anfang gut aufbereitet. Neu sind nur die Geschichten aus dem Leben der Autorin, die dieses Buch zu etwas Besonderem machen, selbst wenn es nicht innovativ ist und nicht sein kann. Frau Kerschbaumer ist keine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychologie, verfügt über wenig Praxis und Erfahrung und muss deshalb ihr eigenes Leben als Quelle benutzen. Das aber macht sie sehr gut. Darüber hinaus verfügt sie über ausgezeichnete didaktische Fähigkeiten, kann klar denken und entsprechend eindrucksvoll formulieren.
Wenn man also ein Buch über Erfolgsstrategien sucht, dann könnte dieses unter gewissen Umständen nützlich sein. Allerdings sieht man auch hier das lustige Dilemma solcher Werke und ihrer Autoren. Die wenigsten erfolgreichen Menschen - ob Frau Kerschbaumer dazu gehört, mag jeder selbst beurteilen – haben vor ihren Erfolgen Strategiebücher gelesen. Ihre Motivation kam von innen. Und so war das auch in diesem Fall. Das hinterher zu verallgemeinern und das eigene Schicksal als Beweis anzuführen, ist paradox, weil lebensfremd und weil es so eben nicht gewesen ist. Und Frau Kerschbaumer hatte hinreichend Glück bei vielem. Es hätte auch bei aller Strategie anders laufen können.
Das Buch liest sich bis zur Hälfte sehr gut, dann wird es dichter und etwas verwirrender, auch weil Frau Kerschbaumer bei ihren Lebensberichten in der Zeitebene nun oft springt. Wenn ich das nicht schon zu oft erlebt hätte, wäre es mir bestimmt nicht so aufgefallen: Mein Eindruck war, dass auch hier am Ende ein gewisser Zeitdruck da war und das Buch fertig werden musste. Das jedenfalls würde die Verschlechterung in der zweiten Hälfte erklären. Während sich Autoren anfangs noch viele Gedanken machen und die Sache langsam angehen, überschlagen sich dann in der zweiten Hälfte die Ereignisse. Ein Klassiker, der auch hier zu beobachten ist.
Vielleicht bewirkt dieses Buch bei einigen Menschen tatsächlich etwas, wenigstens für den Augenblick oder eine begrenzte Zeit. Wenn man das Buch aufmerksam genug liest, dann erkennt man auch, warum es geschrieben wurde. Auch Getriebene müssen von etwas leben.