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Veröffentlicht am 16.10.2025

Wunder gibt es immer wieder … Oder doch nicht?

Laurentius' Wunder
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Bei Kirche und Wunder denkt man sofort an Heiligsprechung. Und um die geht es tatsächlich, aber eben nicht so vordergründig, wie man es vielleicht zunächst befürchten konnte.

Bruder Laurentius sieht, ...

Bei Kirche und Wunder denkt man sofort an Heiligsprechung. Und um die geht es tatsächlich, aber eben nicht so vordergründig, wie man es vielleicht zunächst befürchten konnte.

Bruder Laurentius sieht, als er eines Abends einsam in der Basilika des Klosters sitzt, den Heiligen Franziskus aus seinem Grab aufsteigen. Aufgeregt erzählt er das seinen Klosterbrüdern. Und die erklären ihn für verrückt. Damit setzt sich ein Albtraum fort, der schon in seiner Kindheit begann.

Seine Mutter verschwindet plötzlich ohne Nachricht an ihn. Und das ausgerechnet an seinem 12. Geburtstag. Mit dem Vater kommt er nicht zurecht. In seiner Lehre zum Koch wird er misshandelt, sodass er schließlich ins Kloster flieht. Und nun das.

Zweimal landet er nun in der Psychiatrie, weil er auf seinem Wunder beharrt, schließlich haben die Heiligen auch nie abgeschworen. Und das sind seine Vorbilder. Obendrein sammelt er Informationen wie Franziskus und andere Heilige in der Welt wirken. Natürlich glaubt ihm auch hier niemand. Schließlich landet er im Vatikan genau an der Stelle, die Wunder untersucht, um dem Papst dann Vorschläge zur Heiligsprechung zu unterbreiten.

Das scheint harte Arbeit zu sein, die im Text mit einer gewissen Ironie geschildert wird. Natürlich erweisen sich alle untersuchten Wunder als erlogen oder konstruiert. Schließlich darf Laurentius gemeinsam mit seinem Vorgesetzten seine gesammelten Informationen über das angebliche Wirken der Heiligen überprüfen. Sie reisen nach Bayern und Japan. Aber auch hier zeigt sich, dass es sich lediglich um Missverständnisse handelt. Was also bleibt vom Wunder, das Laurentius erlebt zu haben vorgibt?

Bis zu dieser Stelle erweist sich das Buch als eine ziemliche Überraschung, denn es befasst sich in literarischer Form mit Ereignissen, die scheinbar rational nicht erklärbar sind. Und immer wieder stellt sich heraus, dass all diese scheinbaren Wunder eine Erklärung besitzen oder erfunden wurden. Doch was ist mit der Erscheinung des Heiligen Franziskus, die Laurentius gesehen zu haben glaubt? Wie die Autorin dies auflöst, entscheidet letztlich über den Charakter des Buches. Wie zu erwarten war krönt sie ihren überraschenden Text mit einem zwar scheinbar halboffenen Ende, das aber in Wirklichkeit keine Fragen aufwirft.

Ein sehr unterhaltsames Buch, das sich auch noch gut liest.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

"Ich musste es tun. Es war das Beste für uns alle."

Rätselhaftes Saint-Rémy
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Krimis sollten keine Überlänge besitzen. Dieser aber tut es. Und obwohl er in der Provence handelt, ist er in Wirklichkeit ein Kammerspiel mit einer sehr beschränkten Anzahl von Tatverdächtigen. Ein Archäologe ...

Krimis sollten keine Überlänge besitzen. Dieser aber tut es. Und obwohl er in der Provence handelt, ist er in Wirklichkeit ein Kammerspiel mit einer sehr beschränkten Anzahl von Tatverdächtigen. Ein Archäologe wird in einer Ausgrabungsstätte mit einem aufgesetzten Kopfschuss hingerichtet. Weil die Spurenlage sehr dürftig ist, muss Capitaine Roger Blanc andere Methoden anwenden, um den Bösewicht zu ermitteln. Und das macht die Handlung eben so lang.

Im Gegensatz zu anderen Lesern fand ich das Buch dennoch nicht langweilig. Gelegentlich zieht es sich etwas, dafür muss der Autor dann plötzlich ein ungeahntes Tempo vorlegen, vermutlich weil er selbst gemerkt hat, dass sein Text ausufert. Die Lösung liefern ein Sonnenhut und ein wissenschaftlicher Artikel, der, kaum beachtet, erklärt, dass man bei einem aufgesetzten Kopfschuss nicht unbedingt Blutspuren an der Schusshand haben muss. Im Zusammenhang mit dem komplexen Beziehungsgeflecht, dass Blanc vorher mühsam ermittelt hat, kann er daraufhin den Täter durch ein geschicktes Verhör überführen.

Allerdings liefen im Hintergrund über Jahre so viele geschickte Manipulationen ab, zu denen eigentlich nur Frauen fähig sind. Während sich die Motivlage für den Täter als völlig banal herausstellt, spielen zahlreiche Ereignisse aus der Vergangenheit in diesen seltsamen Fall hinein, die zu verstehen nicht ganz so einfach ist. Am Ende wurde auch der Täter zu seiner Tat manipuliert.

Sicher mag es in Zeiten, wo alles schnell gehen muss, für manchen Zeitgenossen schwer sein diese recht komplexen Zusammenhänge zu durchschauen und zu ertragen. Rademacher aber vermag es, sie gut und flüssig zu erzählen. Wozu allerdings seine permanenten französischen Flüche gut sein sollen, hat sich mir wie in den anderen Bänden nicht wirklich erschlossen. Vielleicht denkt er, dass ein wenig Folklore den Leser nach Frankreich führen würde. Ich gehöre zu den Lesern, denen das mit der Zeit auf die Nerven gefallen ist, wenngleich es mich nicht so gestört hat, dass ich das Buch deswegen abwerten würde. Mich hat es gut unterhalten. Trotz seiner Überlänge.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Big sister is watching you

Professor Jordan und das Geräusch von nassem Herbstlaub im Sommer
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Dass es an der TH Darmstadt eine Stiftungsprofessur für Mythen und anderes Gedöns geben soll, ist eine Erfindung in diesem Kriminalroman. Und dass diese Professur ausgerechnet im Fachbereich Informatik ...

Dass es an der TH Darmstadt eine Stiftungsprofessur für Mythen und anderes Gedöns geben soll, ist eine Erfindung in diesem Kriminalroman. Und dass diese Professur ausgerechnet im Fachbereich Informatik angesiedelt sein soll, kann man zwar unter Ironie verbuchen, sollte es aber ernster nehmen als der kauzige Prof. Jordan, der sie gerade inne hat. Sein Büro liegt im Keller, weit ab von der üblichen Geschäftigkeit an einer Hochschule.

Zu Jordans Professur gehören obendrein ein Wohnrecht in einer pompösen Villa mit angeschlossenem Park, ein Hund und eine Haushälterin, die offenbar Namensgeberin des Verlages ist, in dem dieses unverkäufliche Buch veröffentlicht wurde. Das alles ist ein wenig seltsam und ungerecht, weil sich der Roman deutlich vom Mainstream der Kriminalliteratur unterscheidet. Und zwar sowohl in der Sprache als auch im politisch wenig korrekten Inhalt. Leider kann ich den hier nicht preisgeben, denn damit wäre die ganze Überraschung zunichte gemacht, die den Leser am Ende erwartet.

Wohl möglich, dass die größeren Verlage dieses Buch abgelehnt haben - wundern würde es mich nicht. Aber das entzieht sich tatsächlich meiner Kenntnis. Prof. Jordan jedenfalls ist ein sonderbarer Typ: arrogant, unfreundlich und der modernen elektronischen Welt nicht besonders zugeneigt. Wenn er ihr nicht mehr ausweichen kann, holt er sich einen seiner wenigen Studenten und lässt sich einrichten, was er nicht mehr vermeiden kann. Vielleicht hat er auch wegen seiner Technik-Aversion nicht so richtig begriffen, wozu möglicherweise die merkwürdig vielen Kameras in der Nähe seines Büros nötig sind. Er ignoriert sie eben einfach.

Natürlich entzieht sich seinem Vorstellungsvermögen auch, was man so im Fachbereich Informatik alles so treibt. Jordan hat anderes im Sinn. Er hat herausgefunden, dass ein typischer Vampir-Mythos offenbar falsch interpretiert wird. Darüber hält er einen Vortrag auf einer Konferenz in Leipzig. Kurz danach spricht ihn eine Dame an und erklärt, dass in ihrem Heimatdorf in der Ukraine seltsame Dinge passiert sind, die ihn vielleicht im Rahmen seiner Mythenforschung interessieren könnten. Da ihm die Reise in die ukrainische Pampa bezahlt wird, macht er sich auf den Weg und trifft dort eine ganz andere Frau als ihm in Leipzig versprochen wurde. Und die schickt ihn unverrichteter Dinge zurück. Kurze Zeit später fällt vermeintlich eben diese Dame in Darmstadt vom Dach der Hochschule und stirbt vor seinem Kellerfenster. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine ukrainische Assistentin des Fachbereichs Informatik handelt.

Jordan ist nun völlig durcheinander. Und das ist erst der Anfang. Wie es weiter geht, kann hier nicht verraten werden. Jordan muss im Weiteren um die halbe Welt reisen, um die Sache aufzuklären. Das Ende kommt dann in völlig überraschender Gestalt vorbei, obwohl man natürlich bereits lange vorher deutliche Hinweise bekam, diese aber nicht verstand.

Sicher ist der gute Prof. Jordan eine literarisch durchaus interessante Figur. Sie hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Zur Aufklärung der Morde, zu denen auch der Dachsturz gehört, trägt er nicht wirklich wesentlich bei. Das macht eine andere Figur, deren Rolle und Bedeutung nicht erklärt werden kann, will man die Spannung erhalten.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

In jeder Beziehung ein phantastisches Buch

Wale
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Das beginnt schon einmal bei der Größe, die jedes Buchregal sprengt. Diesen Nachteil gleicht das Buch durch die wunderschönen und vor allen Dingen großen Zeichnungen aus. Und irgendwie passt das ja auch ...

Das beginnt schon einmal bei der Größe, die jedes Buchregal sprengt. Diesen Nachteil gleicht das Buch durch die wunderschönen und vor allen Dingen großen Zeichnungen aus. Und irgendwie passt das ja auch zu den Giganten, um die es hier geht. Wenn man nicht gerade in den Polargebieten unterwegs ist, wird es einem kaum vergönnt sein, diese Riesensäuger von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Es sei denn, man bekommt einen Platz auf einen Walbeobachtungsboot. Von denen gibt es einige, denn anders kann man nicht erklären, dass viele Wale Namen bekommen haben. Sie wurden mit Sonden ausgestattet und sind dadurch verfolgbar. Ob das unbedingt dem Tierwohl dient, sei einmal dahingestellt.

Zunächst geht es in diesem Buch um die Bestimmung der einzelnen Unterarten dieser Riesensäuger. Dann wird erklärt, wie sie atmen, sich ernähren, schlafen und wandern. Selbst die Arten, sich an der Oberfläche der Meere zu bewegen (zu springen) kann man offenbar klassifizieren. Wenn der Mensch etwas benennen kann, fühlt er sich eben klüger. Schließlich diskutiert die Autorin noch die Lebensräume, die die Fortpflanzung, das Wandern und das Zusammenleben der Wale. Wale sind sehr intelligent und sich ihrer selbst bewusst, was wiederum Leute auf die Idee gebracht hat, sie mit Rechten auszustatten, also zum Beispiel den Fang zu ächten.

Bei der Untersuchung und Beobachtung von Walen kommt der Mensch an die Grenzen seiner ungebremsten Selbstherrlichkeit. Denn hier merkt er plötzlich, dass auch andere Lebewesen über Fähigkeiten verfügen, die uns vertraut oder ihnen gar überlegen sind. Säugetiere sind beispielsweise nicht nur empfindungsfähig, sondern ähneln uns darin.

Von den Büchern, die ich über Wale kenne, ist dieses mit Abstand das schönste und beste.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Der Sozialismus ist eine Falle – ein hoffentlich abschreckendes Lehrstück

Das falsche Leben
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Als glühender Sozialist ging Armin Raufeisen 1957 aus der DDR in den Westen. Sein Auftrag: studieren, Karriere machen in der Wirtschaft und dann Informationen an die Hauptabteilung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit ...

Als glühender Sozialist ging Armin Raufeisen 1957 aus der DDR in den Westen. Sein Auftrag: studieren, Karriere machen in der Wirtschaft und dann Informationen an die Hauptabteilung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit liefern. Alles lief nach Plan bis sich 1979 Oberleutnant Stiller aus dieser Abteilung in den Westen absetzte. Dutzenden DDR-Spionen, darunter auch Raufeisen drohte die Enttarnung. Also flüchtete Raufeisen sofort mit seiner Familie aus Hannover in die DDR. Ein Zurück gab es nicht mehr.

Raufeisens Söhne Michael und Thomas lebten bis dahin in völliger Ahnungslosigkeit über die Agententätigkeit ihres Vater ein völlig normales Leben westdeutscher Jugendlicher. Ihr Schock war nun enorm, und auf ein Leben in der DDR waren sie nicht vorbereitet.

Das Buch erzählt die weitere Geschichte aus der Sicht des jüngeren Bruders. Für ihn begann ein Albtraum. Jugendliche in der DDR kannten nichts anderes als ihre Wirklichkeit. Alles andere als sich damit mehr oder weniger zu arrangieren, führte in enorme Schwierigkeiten, denen man besser aus dem Wege ging. Zwar konnte man Westfernsehen schauen, aber einfach in den Westen zu fahren, war eine unerfüllbare Utopie, die ab 1961 zum DDR-Lebensgefühl gehörte.

Als Erstes gelangte die Familie Raufeisen nach ihrer Flucht in ein Gästehaus der Stasi in Berlin-Eichwalde. Für Leute aus dem Westen musste schon allein der triste DDR-Charme solcher Einrichtungen ernüchternd wirken. Die Familie bekam sofort DDR-Dokumente, womit sie auch dem Recht der DDR unterworfen wurde. Später zogen sie in eine für DDR-Verhältnisse luxuriöse Wohnung in einem der bekannten Bonzen-Häuser in Ostberlin. Thomas kam in eine Ostberliner Schule und erlebte, was für DDR-Jugendliche Alltag war. Für ihn jedoch war das alles ein einziger Schrecken, denn Sozialismus bedeutet Vereinheitlichung von allem. Wer aus der Reihe tanzt, ist verdächtig. Und natürlich hatten die Genossen der Stasi alles im Blick.

Für Vater Raufeisen begann dagegen die Zeit einer brutalen Ernüchterung. Offenbar hatte er keine Ahnung, wem er wirklich gedient hatte. Seine Naivität muss grenzenlos gewesen zu sein, was ihm, seiner Frau und seinem jüngeren Sohn später zum Verhängnis wurde. Er begriff seinen ursprünglichen Fehler relativ schnell, denn für einen im Westen erfolgreichen Mann muss alles, was nun auf die Familie einstürzte, einfach nur erschreckend gewesen sein. Man beschloss deshalb nach kurzer Zeit, wieder nach Hannover zurückzukehren, egal was dort drohte. Den älteren Sohn hatte die DDR bereits gehen lassen. Und der sollte die Sache von Hannover aus einfädeln.

Aber natürlich ging das mehrfach schief. Beim Vater mischten sich mehr und mehr Verzweiflung und grenzenlose Naivität. Schließlich wollte er auf einer Luftmatratze über die Ostsee nach Fehmarn zu gelangen. Die DDR-Strände und die anliegende Ostsee wurden jedoch lückenlos überwacht. Und so scheiterte auch diese aberwitzige Idee eines untrainierten übergewichtigen Alkoholikers bereits am Strand. Er hätte es besser wissen müssen.

Thomas war in Berlin geblieben und wurde am nächsten Morgen ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen gebracht. Im Folgenden kann man nun nachlesen, wie es ihm in den nächsten drei Jahren im DDR-Knast erging, denn das war sein Strafmaß. Wofür? Dafür, dass er Bescheid wusste, was seine Eltern planten. Das ist erschütternd. Seine Mutter bekam sieben Jahre, sein Vater lebenslange Haft.

Allen, die immer noch glauben, dass Sozialismus irgendeine Alternative zum gegenwärtigen System sein könnte, sollten diesen Erlebnisbericht, der auf einer wahren Geschichte beruht, aufmerksam lesen. Sozialismus führt nicht nur in die Armut, sondern immer auch in ein totalitäres Regime, denn dieses System entspricht nicht menschlichem Verhalten. Weil Menschen nicht so sein wollen, wie es Sozialisten ihnen vorschreiben wollen, müssen sie umerzogen werden. Heute kommen Sozialisten in anderen Gewändern daher, doch ihr Wesen ist unverändert. Das man in der jüngsten Gegenwart gut beobachten. Haben sie erst einmal die Macht, dann wird der ganze Spuk von vorne beginnen.

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