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Veröffentlicht am 20.10.2025

"An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" (Matthäus 7:16)

Ist mir egal.
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Angela Merkel hat viele Reden gehalten. Wenn man das, was sie dort gesagt hat, wirklich immer geglaubt hat, wäre man jetzt ziemlich durcheinander. Beispielsweise wollte sie 2003 auf dem Leipziger Parteitag ...

Angela Merkel hat viele Reden gehalten. Wenn man das, was sie dort gesagt hat, wirklich immer geglaubt hat, wäre man jetzt ziemlich durcheinander. Beispielsweise wollte sie 2003 auf dem Leipziger Parteitag der CDU die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland stark reduzieren. 2015 machte sie aber genau das Gegenteil und öffnete die Schleusen. Nicht erst bei Merkel, aber besonders bei ihr, kann man sehen, dass die CDU eine Karrieristen-Partei ist, die sich keineswegs an irgendwelchen ach so bedeutsamen Werten orientiert, sondern eher an den Ansichten und Vorhaben des jeweiligen Vorsitzenden. Das jüngste Beispiel verblüfft nur diejenigen, die naiv genug sind, um dieses Grundprinzip der CDU nicht zu sehen.

Mit der Zeit von Merkel begann sich dieses Schema jedoch erstmals gegen Deutschland zu wenden. Auch das ist kein Wunder. Es ist eher ein Wunder, dass das nur wenige Beobachter erkennen. Das Land ist gespalten, die Infrastruktur marode und die Kommunen stehen fast alle vor dem Bankrott. Bemerkenswert ist, dass die Mitklatscher von damals heute so tun, als wären sie gerade erst in die Politik gekommen.

Vera Lengsfeld versucht in diesem Buch zu erklären, was Merkel wirklich antrieb. Das gelingt ihr teilweise und oberflächlich betrachtet ganz gut, auch wenn der Text an manchen Stellen so seine Längen aufweist. Aber auch sie kommt leider nicht auf den eigentlichen Punkt. Denn es entstehen doch Fragen: Was befähigt eine in der DDR sozialisierte Frau zu einem Ministerposten in der völlig anders organisierten Bundesrepublik? Welche Fähigkeiten und welches Wissen sind die Grundlage für ihre spätere Kanzlerschaft?

Die Antwort ist: Solche Fähigkeiten und solches Wissen können damals nicht vorhanden gewesen sein. Und genau deshalb zögerte Merkel stets und wartete ab, bis die Richtung für sie irgendwie klar war. Das ist der eigentliche Grund für ihr Durchwurschteln.

Dazu muss man noch Merkels politischen Hintergrund sehen. Sie war in der DDR keine Oppositionelle. Ihr Vater genoss den Ruf, ein roter Kirchenfunktionär zu sein. Auch Merkels Karriere in der DDR spricht keineswegs für irgendeine Staatsfeindschaft. Ohne dass ich das verurteilen würde: Sie war eine Angepasste. Und sie genoss offenbar einige Privilegien. Bekam man an einer DDR-Uni nach dem Studium eine Anstellung, dann war die auf vier Jahre befristet. In dieser Zeit musste man promovieren. Und selbst dann war die Festanstellung kein Selbstläufer. Merkel hingegen hat rekordverdächtige acht Jahre für ihre Doktorarbeit gebraucht. Folgen hatte das nicht. Merkel war also eine wenig erfolgreiche Doktorandin der Physik, die es trotz fehlender fachlicher Fähigkeiten bis in die Kanzlerschaft brachte. Das ist bemerkenswert und sagt viel über Politik aus.

Nach der Wende trat sie nicht etwa in die CDU ein, sondern ging zum Demokratischen Aufbruch, dessen Vorsitzender ein DDR-Anwalt war. Nur Naivlinge konnten annehmen, dass er nicht der Stasi rechenschaftspflichtig war. Merkel hätte das wissen müssen, denn sie verkehrte wenigstens tangential in den Kreisen, die dieser Anwalt gelegentlich verteidigte.

Dass Merkel dann in ihrer Kanzlerschaft Deutschland und die CDU ruiniert hätte, ist nicht ganz richtig, schließlich gibt es beide noch. Aber ihr Beitrag für eine solche zukünftige Entwicklung ist erheblich. Ihre Partei, manchmal auch als Kanzlerwahlverein verspottet, ist ihr schließlich begeistert gefolgt.

Immerhin findet die Autorin deutliche Worte für Merkels verheerende Politik. Wie die ehemalige Bundeskanzlerin tatsächlich im Inneren denkt, konnte man in der Corona-Zeit deutlich verfolgen. Oder bei ihrer legendären Botschaft aus Südafrika anlässlich der Wahl in Thüringen. Von demokratischem oder liberalen Gedankengut war sie dabei meilenweit entfernt. Im Gegenteil, die Tendenz zur staatlichen Übergriffigkeit konnte nicht mehr übersehen werden. In der Krise zeigt sich eben der Kern eines Menschen.

Wenn Merkel wirklich ein Prinzip hatte, dann war es die gnadenlose Abstrafung ihrer innerparteilichen Gegner. Es ist also nicht wirklich überraschend, dass dabei eine Partei umerzogen wurde, in der es nun keine wirklichen Meinungsunterschiede mehr gibt. Da Merkel ihre Partei dann auch noch immer mehr nach links verschob, dahin, wo sie wirklich zu Hause ist, muss man sich heute nicht mehr wundern, dass man wählen kann, was man will und dennoch immer eine linke Regierung bekommt.

Diesen Prozess beschreibt Vera Lengsfeld recht ausführlich und auch oberflächlich sehr gut. Sie erklärt aber die wahren Gründe für Merkels Politik nicht. Und sie erklärt nicht, wie sie die CDU ohne eigene Hausmacht auf so freche Weise übernehmen konnte. Frechheit und Mut in entscheidenden Situationen – das sind Merkels wirkliche Stärken. Und damit hat sie offenbar die männlichen Leitfiguren der westdeutschen CDU in die Knie gezwungen. Niemand in der deutschen Nach-Wende-Politik ist anfangs dermaßen unterschätzt worden wie Angela Merkel. Leider geht Frau Lengsfeld darauf nicht tiefgründig ein. Wenn es einen Beweis dafür bräuchte, dass Frechheit siegt, dann hat ihn Angela Merkel geliefert.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Dresden erklärt von einem, der es nicht wirklich kennt

Nice to meet you, Dresden!
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Einen Reiseführer fürs deutsche Publikum mit einem englischen Titel zu versehen, grenzt leider an Hirnlosigkeit. Oder an Selbstverleugnung. Martin Brambach hat schon einmal in dieser Reihe ein Buch geschrieben. ...

Einen Reiseführer fürs deutsche Publikum mit einem englischen Titel zu versehen, grenzt leider an Hirnlosigkeit. Oder an Selbstverleugnung. Martin Brambach hat schon einmal in dieser Reihe ein Buch geschrieben. Und da er einen "Tatort-Kommissar" in Dresden spielt, trat der Verlag an ihn heran und bat ihn, nun auch ein solches Buch über Dresden zu verfassen, zumal er schließlich in Dresden geboren wurde. Nun ja, wer kann bei diesem schmeichelhaften Angebot schon widerstehen. Brambach konnte es nicht. Der Verlag allerdings hatte den richtigen Marketing-Riecher, denn das Buch verkauft sich gut.

Da die Tatort-Macher nicht unbedingt ein gutes Verhältnis zur Realität besitzen, muss man sich auch nicht wundern, wenn sie nicht gemerkt haben, dass Brambach in diesen Filmen zwar zu sächseln versucht, daran aber für Dresdener Ohren gar schrecklich scheitert. Brambach ist natürlich kein wirklicher Ossi, obwohl er als Kind in Dresden und Ost-Berlin wohnte. Seine Mutter nutzte einen West-Aufenthalt zur Flucht und holte ihren Sohn dann nach. Von Dresden hat Brambach keine große Ahnung. Was zählt ist also nur seine Tatort-Rolle. Einiges, was er von Dresden nicht weiß, hat er sich von seinem Vater, der hier offenbar noch wohnt, und anderen Leuten erklären lassen. Das ist auch grenzwertig, aber in der Reiseführer-Branche nicht unüblich.

Dennoch hat mir sein Buch gut gefallen, bis auf einige Ausnahmen jedenfalls. Ich komme darauf später zurück. Die grobe Karte gleich am Anfang ist unerwartet aktuell, denn es fehlt die Carolabrücke, die infolge der großherzigen Sorge der Mächtigen um ihr Land mal eben eingestürzt ist. Leider hat der Verlag nicht mitbekommen, dass sie dennoch im Text vorkommt, auch wenn sie auf der Karte unauffindbar ist.

Brambach spaziert anfangs durch Dresden und zeigt und kommentiert einige der vielen Sehenswürdigkeiten im Zentrum. Ohne Karte oder elektronische Hilfsmittel wird man manches nicht so einfach finden. Aber was Brambach in seiner angenehmen Art schreibt, hat meistens Hand und Fuß. Besonders die Angaben zu den Adressen, Öffnungszeiten usw. sind sehr nützlich.

Da Brambach Künstler ist, konnte man erwarten, dass er die Dresdner Neustadt als „das kreative Herz Dresdens“ wahrnimmt. Dieser Stadtteil ist das Siedlungsgebiet der Grünen-Fans. Wenn man auf Hundehaufen ausrutschen möchte, ist die Wahrscheinlichkeit dafür dort am größten. Kreativ ist bei Menschen wie Brambach ein Synonym für Kunst, die meistens keiner braucht. Im Übrigen waren es vor allem die Bewohner dieses Viertels, die den Bau der Waldschlößchenbrücke verhindern wollten, für die die Dresdener Elbwiesen ihren Weltkulturerbe-Status verloren haben. Die Dresdner hatten sich per Volksentscheid mit einer Zweidrittelmehrheit für den Bau entschieden, denn die Sachsen sind im Gegensatz zu den grünen Weltverbesserern ein praktisches und wirklich kreatives Volk. Ohne diese Brücke wäre das Verkehrschaos nach dem Einsturz der Carolabrücke wohl nicht beherrschbar.

Dresden ist im Vergleich zu anderen Orten eine sichere Stadt. Sucht man nach Kriminalitätsschwerpunkten, dann findet man den Wiener Platz (Hauptbahnhof) und mehrere Ort in der Dresdner Neustadt. Kein Zufall, und kein Wort dazu bei Brambach. Dresden ist im Übrigen eine Stadt der Wissenschaft und Technik. Wirkliche Kreativität kann man dort finden und nicht im Milieu der selbsternannten Alternativen.

Ob man Brambachs Familiengeschichte in einem Reiseführer braucht, sei dahingestellt. Und alles, was in diesem Reiseführer außerhalb der Stadtgrenzen von Sachsens Hauptstadt liegt, wird allenfalls dürftig beschrieben. So hält Brambach den Prießnitz-Grund für die Dresdner Heide. Er ist aber nur ein kleiner Teil dieses wunderschönen Waldgebietes. Auch Brambachs Beschreibungen der Sächsischen Schweiz sind sehr rudimentär. Man kaufe sich besser einen speziellen Wanderführer dafür. Immerhin wissen die Bilder zu überzeugen.

Dafür, dass der Mann eigentlich keine Ahnung von Dresden hat, ist dieser Reiseführer besonders wegen seiner persönlichen Note und seines angenehmen Stils ganz gut gelungen, jedenfalls so lange es nur um Dresden geht.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Je verworrener, desto besser?

Die Chroniken des Aufziehvogels
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Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Rezension zu diesem Buch schreibe. Mittlerweile ist Murakami zu einem Schriftsteller mutiert, dessen Bücher immer dicker und verwirrender werden. Ich habe ...

Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Rezension zu diesem Buch schreibe. Mittlerweile ist Murakami zu einem Schriftsteller mutiert, dessen Bücher immer dicker und verwirrender werden. Ich habe keine Ahnung, ob das an einer zunehmenden intellektuellen Disziplinlosigkeit, am Alter oder an was auch immer liegt. Sicher hat jeder Autor das Recht, seine Leser mit seiner Phantasie zu verwirren, Erzählstränge zu konstruieren, deren Sinn man zunächst oder am Ende gar nicht versteht, oder eine Handlung zu ersinnen, die kein Mensch nachvollziehen kann. Und natürlich wird es auch Menschen geben, die darin Tiefe erkennen oder erkennen wollen.

Doch Meisterhaftes ist immer einfach. Und nicht über alle Maßen konstruiert oder mit Sprüngen versehen, die man nicht verstehen kann. Viele Bücher Murakamis haben mir gefallen. Leider werden seine Werke zunehmend schwieriger und anstrengender. Ehrlich – ich bin des Rätselns leid.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

"Ich will keine Panik verbreiten"

Deutschland in der Krise
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Aber vielleicht ein wenig Angst? Albrecht Broemme war ein Funktionär im Staatsdienst, und deshalb trägt er auch alle Narrative der Regierenden aus den letzten Jahren mit. Und er lässt an seinem (richtigen) ...

Aber vielleicht ein wenig Angst? Albrecht Broemme war ein Funktionär im Staatsdienst, und deshalb trägt er auch alle Narrative der Regierenden aus den letzten Jahren mit. Und er lässt an seinem (richtigen) politischen Standpunkt im ersten Kapitel keinen Zweifel. Solche Offenbarungen auch in Sachbüchern waren in den zwei deutschen Diktaturen Standard. Nun sind sie es wohl wieder.

Hat Herr Broemme die fehlende Corona-Aufarbeitung gemeint als er von einer "ehrlichen Fehlerkultur" schrieb, "an der es uns Deutschen prinzipiell mangelt"? Ich bezweifle das. Schon das einleitende Kapitel lässt erkennen, dass es auch Broemme ums Angstmachen geht, denn es mangelt ihm oft an Sachlichkeit, Vernunft und Abstand. Oder an Kenntnissen. Natürlich kommt immer wieder der "menschengemachte" Klimawandel in seinem Text vor. Dafür jedoch fehlt nach wie vor ein überzeugender Beweis. Vielmehr stammen all die schrecklichen Voraussagen aus sogenannten Klimamodellen, die nicht wirklich funktionieren, da sie nicht einmal eine bekannte Vergangenheit aus einer noch ferneren Vergangenheit voraussagen konnten.

Man kann Broemme nicht vorwerfen, dass er von Mathematik und Physik keine Ahnung hat. Aber er müsste wissen, dass jede Voraussage mit einem Prognose-Fehler behaftet sein muss. Der wird bei den Klimaprognosen aber bewusst nie angegeben. Stattdessen benutzt man bei der Temperatur immer den schlimmsten Fall. Da diese Prognosen aber über einen sehr langen Zeitraum erfolgen, dürfte der mögliche Fehler riesig sein, sodass all das ein einziger Nonsens ist. Aus der Corona-Zeit weiß man, dass die Politik nicht der Wissenschaft gefolgt ist (RKI-Files), sondern auf den Faktor Angst setzte, um die überzogenen Maßnahmen durchzusetzen. Derselbe Trick wird auch beim Klima angewandt. Und Broemme macht dabei mit. In seinem Buch gibt es ein Kapitel "Tödliche Hitze", indem er düstere Schreckensszenarien ausmalt. Dabei vergisst er, dass es in Europa Länder wie Spanien gibt, in denen solche Szenarien gelegentlich auftreten. Spanien existiert übrigens noch, während in Broemmes Szenario Deutschland 2026 bei solchen Bedingungen kollabierte. Der Autor schreibt auch von Tsunamis in Ost- und Nordsee, Erdbeben in Deutschland und anderen sehr unwahrscheinlichen Ereignissen. Wozu soll das gut sein?

Nachdem er alle möglichen Katastrophen an die Wand gemalt hat, beginnt der Autor im zweiten Teil dann mit der weiteren Ausgestaltung von Schreckensszenarien. Zunächst analysiert er die Flutkatastrophe im Ahrtal. Und dabei zeigt sich, wie dünn die Bretter sind, die er zu bohren versucht. Bereits im Juli 1804, also in der vorindustriellen Zeit, fand eine von der Flutstärke sehr ähnliche Katastrophe dort statt. Gleiche Wetterlage, gleicher Verlauf. Der Autor hält zwar den Klimawandel für "menschengemacht", scheut sich aber das "Menschengemachte" am Ahrtalhochwasser zu erwähnen. Da wäre in erster Linie die Bebauung, die fehlenden Rückhaltebecken im Oberlauf der Ahr und vieles mehr. Und wenn Herr Broemme spekuliert, dass solche Katastrophen dort nun öfter auftreten werden, warum spricht er sich dann nicht gegen einen Wiederaufbau aus? In Sachsen hat man Menschen, die in Überflutungsgebieten gebaut hatten, nach dem Elbehochwasser entschädigt und umgesiedelt. Leider ist hier nicht der Platz für eine detaillierte Betrachtung. Ich konnte mich allerdings auch bei diesem Thema des Eindrucks nicht erwehren, dass es dem Autor gar nicht um eine sachgerechte Diskussion geht.

Es folgt ein recht langes Kapitel zur "Migrationskrise". Auch dort wiederholt der Autor Argumente aus der politischen Blase der Regierenden. Ansätze aus Dänemark oder Italien passen ihm nicht, obwohl diese im Gegensatz zur deutschen Herangehensweise von Vernunft geprägt sind. Eigentlich müsste man doch von einem "Krisenmanager" erwarten können, dass er die Dinge zu Ende denkt. Dass der deutsche Weg inzwischen komplett ad absurdum geführt wurde, sieht Broemme zwar, er ist aber nicht in der Lage, daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Stattdessen wiederholt er die bekannten Phrasen aus der Politik, die uns erst in die heutige Lage geführt haben.

Bis 2029 soll Deutschland kriegstüchtig werden, heißt es aus der Politik, denn spätestens dann wird Russland uns angeblich überfallen. Es ist hier nicht der Platz um diesen Unsinn zu kommentieren. Obwohl der Autor oft in Russland war, begreift er das Land nicht. Mit seinen politischen Scheuklappen scheint es ihm unmöglich, sich in die Lage Russlands zu versetzen. Dazu reicht ein vergleichender Blick auf die politische Landkarten von 1990 und 2014. So wie es für die USA rote Linien gibt, existieren diese auch für Russland. Seit dem vom Westen 2014 organisierten Putsch in der Ukraine und der danach einsetzenden Bestrebung, die Ukraine in die NATO zu integrieren, waren Russlands rote Linien überschritten. Würden Mittelstreckenraketen in der Ukraine stationiert, hätte Russland faktisch keine Vorwarnzeit mehr für seine Ballungsräume und politischen Zentren. Nur Hasardeure können annehmen, dass sich eine Atommacht das gefallen lässt. Diese Bedrohung ist die Ursache des Ukrainekrieges. Der Autor versteht das leider nicht.

Am Ende seines Buches beschäftigt sich Broemme noch einmal mit der Corona-Zeit und beklagt die fehlende Aufarbeitung, die allerdings aus seiner Sicht anders aussehen würde als man es sich erhofft. Ihm geht es vor allem um eine bessere Vorbereitung auf künftige Pandemien. Schließlich befasst sich der Autor noch mit anderen Bedrohungen wie zum Beispiel einem Blackout, ohne allerdings zu bemerken, dass die Wahrscheinlichkeit dafür mit der völlig misslungenen Energiewende enorm gestiegen ist.

Aus meiner Sicht enthält das Buch eine Reihe von guten Ratschlägen für Krisensituationen. Leider aber ist der Autor politisch so festgelegt, dass es ihm trotz seiner Krisenerfahrungen an einem vernünftigen und sachgerechten Blick auf bestimmte Zusammenhänge mangelt. Und einige der von ihm für möglich gehaltenen Krisen werden mit ziemlicher Sicherheit so nicht eintreten. Russland wird uns nicht überfallen, denn was hätte es davon? Deutschland wird weder verglühen, noch im Meer verschwinden. Realismus und Vernunft sind aus dem politischen Deutschland leider fast verschwunden. Dieses Buch ist dafür übrigens auch ein Beleg.



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Veröffentlicht am 16.10.2025

Herumstochern in Anekdoten in einer seltsamen Sprache

Heimweh im Paradies
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Als ich Auszüge aus den verschiedenen Presse-Rezensionen las, musste ich oft lachen. Da ist von "skeptisch-ironischer Distanz, aber auch zartem Verständnis", von einer "angenehm beschwingte Erzählmelodie ...

Als ich Auszüge aus den verschiedenen Presse-Rezensionen las, musste ich oft lachen. Da ist von "skeptisch-ironischer Distanz, aber auch zartem Verständnis", von einer "angenehm beschwingte Erzählmelodie in einem gut zu lesenden, lebensnahen Porträt der Exilantenszene" oder von der "Ehre, (Manns) ironischen Stil schön zu kopieren" die Rede. Das ist alles aus meiner Sicht gehobener Unfug. Um Thomas Mann zu verstehen, muss man Thomas Mann sein. Alles andere wird zwangsweise durch die eigene Brille gesehen und entsprechend umgedeutet. Selbst wenn man die Tagebücher des Schriftstellers liest, so weiß man dennoch nicht, wie er bei seiner Niederschrift empfunden hat.

Aber das Publikum liebt diese Boulevardgeschichten, sonst kämen sie nicht täglich im Fernsehen. Es wird dabei stets der Eindruck vermittelt, man wüsste über die jeweiligen Prominenten Bescheid. In Wirklichkeit befriedigt man nur die Neugier fremder Menschen und erfüllt damit offenbar ein Grundbedürfnis. Ob all die Geschichten um Thomas Mann in Kalifornien nun wahr sind oder nicht, ist eigentlich auch egal, denn man kann das nicht mehr nachvollziehen. Selbst bei der Entstehungsgeschichte des "Doktor Faustus" wird man verschiedene Varianten hören, könnte man Mann oder Adorno noch befragen. Und letztlich ist auch das egal, der Roman zählt und bleibt.

Immerhin gelingt es dem Autor dieses Buches wenigstens die Blase der deutschen Exilanten in Los Angeles zu beschreiben. Zum Beispiel bei ihrem eher lächerlichen Versuch, so etwas wie eine Exilregierung zu konstruieren, natürlich mit Thomas Mann an der Spitze. Der hat diesen Unsinn klugerweise abgelehnt. Wie groß diese grandiose Selbstüberschätzung war, zeigt die tatsächliche Bedeutungslosigkeit von Exil-Künstlern im Nachkriegs-Deutschland.

Man erhält mit diesem Buch einen gewissen Einblick, wie die Dinge damals in Kalifornien gelaufen sein könnten, sieht die Unterschiede der einzelnen Persönlichkeiten und bekommt vielleicht eine Vorstellung von den Beziehungen untereinander, die oft von kindlicher Eifersucht belastet waren.

Leider ist der Versuch des Autors, Manns Sprache nachzuahmen, wenn es denn einen solchen gegeben hat, gründlich danebengegangen: Da ist keine Sprachmelodie, sondern ein stotternder Sprachfluss. Der Autor liebt Aufzählungen, beispielsweise die von einigen Hauptsätzen hintereinander, nur durch Satzzeichen getrennt. Und in gewissen Teilen des Textes nehmen auch die Doppelpunkte überhand.

Das Buch ist kurz gesagt eine Enttäuschung, nicht einfach lesbar und an vielen Stellen auch spekulativ. Aber man glaubt am Ende doch, einen gewissen Eindruck erhalten zu haben, wenngleich auch das vermutlich eine Illusion sein wird. Siehe oben.

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