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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.10.2025

Fabula magnifica

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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„Fabula Rasa“ ist eine „Fabula magnifica“ und eines meiner diesjährigen Lesehighlights! Ich habe mich selten in Büchern so klug, abwechslungsreich und skurril unterhalten gefühlt wie in Vea Kaisers ...

„Fabula Rasa“ ist eine „Fabula magnifica“ und eines meiner diesjährigen Lesehighlights! Ich habe mich selten in Büchern so klug, abwechslungsreich und skurril unterhalten gefühlt wie in Vea Kaisers neuem Buch. Deswegen: Einchecken ins Hotel Frohner (Schauplatz des Romans) und sich mit luxuriösem Lesegenuss verwöhnen lassen!
Mittelpunkt der Geschichte ist Angelika Moser, deren turbulente Lebensgeschichte von ihrer frühen Erwachsenenzeit in den 80er-Jahren bis in die Gegenwart erzählt wird. Geboren in eher ärmlichen, aber ordentlichen Verhältnissen in Wien, schafft sie es mit Fleiß, Durchhaltevermögen und Disziplin sich bis zur Ableitungsleiterin im Luxushotel Frohner hochzuarbeiten. So strukturiert und gründlich Angelika bei der Arbeit auch ist, so wild ist dagegen aber ihr Privatleben und ihre Bekanntschaften aus der Wiener Partyszene, sodass es bei ihr daheim teilweise recht turbulent zugeht. Ein Wendepunkt in ihrem Leben ist dann die Geburt ihres Sohnes, doch das macht alles natürlich nicht einfacher und Angelika muss viele Hürden in ihrem Leben nehmen. Als gewiefte Buchhalterin im Hotel kommt sie schließlich auf die Idee, sich heimlich Geld vom Frohner auf das eigene Konto als „Kredit“ zu überweisen und hinterzieht so über die Jahre mehrere Millionen. Am Ende fliegt der Schwindel auf, aber bis dahin ist es zum Glück kein gradliniger Weg und man darf Angelikas Geschichte über viele unterhaltsame Episoden mitverfolgen.
Vea Kaiser schreibt so leicht und lebhaft, dass man nur so über die Seiten fliegt und gar nicht merkt, wie viel man gelesen hat! Der Schreibstil ist spritzig wie Angelikas Lieblingsgetränk „Roter Spritzer“. Dabei strotzt die Handlung von überraschenden und lustigen Wendungen, kreativen Einfällen und originellen Charakteren, was der ganzen Romanwelt eine Tiefe verleiht, in die man richtig eintauchen und verloren gehen kann. Überall gibt es eine neue Facette zu entdecken! Beeindruckend fand ich, wie viel Wert Vea Kaiser bei den Beschreibungen, Charakterisierungen oder ähnlichem Wert auf Details gelegt hat, was für mich dem ganzen Werk eine hohe Plastizität gegeben hat, die man so nicht in vielen anderen Romanen findet. Angelikas Geschichte mag vielleicht nicht „lebensnah“ sein, aber durch Vea Kaisers Fabulierkunst ist sie auf alle Fälle glaubhaft und authentisch dargestellt. Hinzu kommt viel typisch österreichisches Flair und ein schwarzhumoriger Wiener Schmäh, der Fabula Rasa seine Einzigartigkeit verleiht. Äußerst gelungen!
Trotz aller Unterhaltung gibt es aber auch einige problematischere Themen, die im Roman thematisiert werden z.B. Altersdemenz und Pfelegebedürftigkeit, soziale Herkunft, Geldsorgen oder Drogenprobleme. Das zeigt, dass es der Autorin wichtig war, auch ein ernstzunehmendes Buch mit Botschaft zu schreiben und keine bloße, oberflächliche Unterhaltungsliteratur. Meiner Meinung nach ist ihr das wunderbar gelungen, bei mir wird diese „Fabula magnifica“ noch lange nachklingen.
Also, Koffer packen, auf nach Wien, im Hotel Frohner einchecken und sich von Angelika und Vea spritzig, klug und einfallsreich unterhalten lassen!

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Veröffentlicht am 13.08.2025

Kein Ausweichen möglich

Die Ausweichschule
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Für mich ist klar: der emotionalen und literarischen Kraft dieses Buches kann man nicht „ausweichen“. Beim Lesen des autofiktionalen Werks von Kaleb Erdmann, in dem er dem Amoklauf von 2002 am ...

Für mich ist klar: der emotionalen und literarischen Kraft dieses Buches kann man nicht „ausweichen“. Beim Lesen des autofiktionalen Werks von Kaleb Erdmann, in dem er dem Amoklauf von 2002 am Gutenberg-Gymnasium aufarbeitet, kommt man nicht umhin, sich von der ehrlichen Erzählung ergreifen zu lassen. Dazu beweist der Autor auch literarisches Talent und schreibt seinen Text nicht wie einen bloßen Tatsachenbericht o.ä. herunter.
In verschiedenen Episoden reflektiert er abwechselnd darüber, wie der Amoklauf sich ereignet hat und welche Nachwirkungen er hatte, wie er das dramatische Ereignis selbst als Fünftklässler erlebt hat und wie er nun als Erwachsener sich diesem nun selbst literarisch zur Aufarbeitung nähren will. Ob das überhaupt möglich ist, inwiefern er anderer Leute Perspektive einnehmen darf oder ob sein Roman alte Traumata aufreißen würde, ist Thema der „Ausweichschule“.
Dass ein objektiv verstellter Blick auf die Tat nicht möglich sein kann, zeigt Kaleb Erdmann sehr ergreifend auf. Ich habe durch die Lektüre noch einmal viel neues über den Amoklauf und vor allem, wie die Opfer damit umgehen (müssen) gelernt. Man denkt ganz neu über solche schrecklichen Taten, Opfer und Täter nach und da man hier von jemanden liest, der selbst in das Geschehen involviert ist, ist der Text und die Erfahrungen absolut authentisch! Sehr beeindruckend!
Trotz der Schwere des Themas schreibt Kaleb Erdmann aber auch Lustiges und bietet dem Leser so Momente des Durchatmens und Schmunzels. Sein ironischer, nonchalanter, manchmal flapsiger Ton hat mir sehr gefallen und ich konnte mir dadurch den Charakter des Autors gut vorstellen und mich in ihn hineinversetzen.
Es wird beim Lesen klar, dass der Amoklauf Kaleb Erdmann immer noch verfolgt und er sich selbst manchmal gar nicht im Klaren ist, wie tief und subtil psychische Wunden sein können. „Die Ausweichschule“ steht für seinen Versuch, in einen normalen Alltag zurückzufinden, den Amoklauf hinter sich zu lassen und den posttraumatischen Belastungen „auszuweichen“. Doch das scheint eben so Unmöglich, wie der Stärke dieses Romans auszuweichen.

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Ein Buch, in dem man sich verlieren kann!

Die Verlorene
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Hier muss ich gar nicht viele Worte verlieren, denn ich bin von Miriam Georgs neuem Roman absolut begeistert und habe nichts zu kritisieren. Dieser dicke Schmöker, in dem die Autorin Gegenwart ...

Hier muss ich gar nicht viele Worte verlieren, denn ich bin von Miriam Georgs neuem Roman absolut begeistert und habe nichts zu kritisieren. Dieser dicke Schmöker, in dem die Autorin Gegenwart und Vergangenheit packend miteinander verknüpft, ist wie die „Elbleuchte“-Reihe oder „Im Nordwind“/„Im Nordlicht“ wieder gründlich recherchiert, sodass man sich nicht nur wegen der Handlung und der Charaktere zwischen den Seiten verlieren kann, sondern dabei auch geschichtlich noch etwas dazulernt. Absolut klasse!
Die Handlung spielt auf zwei Ebenen: in der Gegenwart und in der Zeit des 2. Weltkriegs zwischen 1943-46. Ich fand es interessant, von der Autorin mal etwas zu lesen, das im Hier und Jetzt spielt und diese Abschnitte schreibt sie ebenso packend und authentisch wie ihre historischen Kapitel. In der Gegenwart begibt sich die Protagonistin Laura mit ihrer Mutter Ellen auf Spurensuche ihrer gerade verstorbenen Großmutter Änne, da sie nach deren Tod auf einige Geheimnisse und Ungereimtheiten in ihrer Vergangenheit gestoßen sind. Änne musste zur Zeit des 2. Weltkriegs aus Schlesien fliehen und davon handeln die historischen Kapitel in diesem Roman.
Die Autorin erzählt eine absolut packende und detailliert recherchierte Geschichte mit viel Gefühl und Dramatik, ohne dass es dabei kitschig wird. Im Gegenteil, Ännes Schicksal ist erschütternd und die Autorin schildert die historischen aber auch die gegenwärtigen Begebenheiten sehr authentisch und mitreißend. Man merkt, dass ihr der Stoff am Herzen lag, da er zum Teil auch auf ihrer eigenen Familiengeschichte basiert.
Der Roman ist äußerst vielschichtig, es gibt viele unerwartete Wendungen und überraschende Momente. Es ist fast schon erstaunlich, wie viel Handlung zwischen zwei Buchdeckel passt! Es bleibt bis zum allerletzten Moment spannend und gerade das Ende ist ganz anders als erwartet, sodass sich die Lektüre bis zum letzten Absatz lohnt und keine Sekunde Langeweile aufkommt. Und ein Vorteil gegenüber Miriam Georgs anderen Werken ist, dass dieses Buch in sich abgeschlossen ist und man keinen gemeinen Cliffhanger aushalten muss…
Ein grandioser Familienroman mit viel Emotion (ohne Kitsch), Spannung und historischem Hintergrund - ein Schmöker, in dem man sich aus lauter Lesefreude wirklich verlieren kann!

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Veröffentlicht am 23.07.2025

Elefantenstark

Das Geschenk
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Tierisch heiß ersehnt von mir und ein elefantenstarker Volltreffer! Ich bin absolut begeistert von Gaea Schoeters neuem Roman und weiß nichts außer großem Lob zu schreiben! Schon ihr Vorgänger ...

Tierisch heiß ersehnt von mir und ein elefantenstarker Volltreffer! Ich bin absolut begeistert von Gaea Schoeters neuem Roman und weiß nichts außer großem Lob zu schreiben! Schon ihr Vorgänger „Trophäe“ war eine atemberaubende Jagd über die Seiten, doch „Das Geschenk“ hat mir sogar noch mehr gefallen, sodass ich mich richtig zügeln musste, den Roman nicht an einem Stück durchzulesen, damit ich länger etwas davon habe.
Zwar ist es ein schmales Buch, aber jede Seite steckt so voller Handlung, dass man hinterher das Gefühl hat, ein sehr gehaltvolles, tiefschürfendes Buch gelesen zu haben, wo jeder Satz, jedes Wort genau an der richtigen Stelle steht. Gaea Schoeters Stil ist präzise, knapp und auf den Punkt, was den Lesefluss und die Spannung erhöht. Dazu beweist die Autorin wie in „Trophäe“ wieder mal ihren scharfen und auch kritischen Blick auf Personen und Handlung mit Wortwitz, Ironie und schwarzem Humor und macht den LeserInnen ihr neues Werk so auch zum literarischen Geschenk.
Das Szenario des Buches - tausende Elefanten als „Geschenk“ der botswanischen Regierung in Deutschland - mag im ersten Moment unrealistisch erscheinen, aber Gaea Schoeters stellt die damit einhergehenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen bzw. Katastrophen absolut logisch und authentisch dar, vergisst scheinbar kein Detail der Entwicklungen und lässt mich beim Lesen keine Sekunde zweifeln, dass dieses utopische Szenario sich in der Wirklichkeit genauso abspielen würde. Der Roman lädt zum Weiter- und Nachdenken über so wichtige Themen wie Kolonialismus, Ökologie, Politik, soziale Gerechtigkeit, Tierschutz und noch so viel mehr ein, dass es eine breite Grundlage für anregende, kontroverse Diskussionen bietet und man es sicher mehr als einmal lesen muss (oder besser: darf ), um die Tiefe und Bedeutung der Themen voll zu erfassen. Dieses scheinbar dünne Buch ist von schwerem Gehalt, elefantenstark und auch von literarischem Gewicht! Ein wahres Geschenk!

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Veröffentlicht am 04.02.2025

Klapper klappt!

Klapper
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Für mich klappt dieses Buch und klappert nicht - im Sinne davon, dass es stilistisch oder inhaltlich irgendwie holpert und mich nicht mit "Klapper" hätte anfreunden können. Ganz im Gegenteil: ...

Für mich klappt dieses Buch und klappert nicht - im Sinne davon, dass es stilistisch oder inhaltlich irgendwie holpert und mich nicht mit "Klapper" hätte anfreunden können. Ganz im Gegenteil: Obwohl es erst Januar ist, wird "Klapper" sicher einer meiner Lieblingsromanfiguren in diesem Lesejahr werden. Kurt Pröbel schafft es, seinen Erzähler authentisch darzustellen, sodass man sich selbst dann sehr gut in den nerdigen Anti-Helden hineinversetzen kann, wenn man mit seiner leicht verschrobenen Welt ansonsten wenig anfangen kann. Sprachlich wird das klasse in einem jugendlichen, aber nicht anbiedernden Ton umgesetzt, der zu einem 16-jährigen passt und der zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken einlädt. Das klappt!
Klapper ist ein typischer Gamer, der die Sommerferien 2011 lieber sechs Wochen vor dem PC verbringt, um Counter Strike Maps zu basteln, als mit Gleichaltrigen etwas zu unternehmen. Deswegen hat er in der Schule auch den Außenseiterstatus, mit dem er sich aber ganz gut arrangiert hat. Seinen Spitznamen "Klapper" hat er wegen seiner knackenden Gelenke erhalten, doch auch im sozialen und familiären Bereich klappert und knarzt es bei dem Jungen. Er tut sich schwer, Freunde zu finden und die Beziehung zu seinen Eltern ist auch angespannt. Doch dann kommt nach den Sommerferien "Bär" in seine Klasse - ein riesengroßes, burschikoses Mädchen, das sich prompt neben Klapper setzt und ihn unter ihre Fittiche nimmt. Sie freunden sich nach und nach an, was sich in Klapper Fall natürlich etwas holprig und umständlich gestaltet, und Bär verteidigt ihn gegen die teilweise fiesen Mitschüler. Doch natürlich holpert es auch bei dieser Freundschaftsgeschichte und es geht nicht so gut aus für Klapper, wie es scheinen könnte. Dass er sein Leben weiter als einsamer Nerd verbringen wird, erfährt der Leser in einigen vorgreifenden Kapiteln, die 2025 spielen. Doch was genau geschehen ist, dass Klapper weiter in seiner Isolation geblieben ist und nicht von Bär "sozialisiert" werden konnte, wird erst gegen Ende aufgelöst.
Obwohl ich selbst wenig mit der Gaming-Welt und Typen wie Klapper zu tun habe, konnte ich mich sehr gut in den Jungen reinversetzen und fand seine Gedankenwelt authentisch und nahbar dargestellt. Um einige Gamer-Klischees kommt man als Autor bei der Beschreibung solch eines Charakters sicher nicht herum, aber dennoch wirkt Klapper nicht wie ein Stereotyp. Kurt Pröbel schafft etwas Verständnis für seinen Anti-Helden zu entwickeln, indem er zeigt, dass auch solche "Nerds" sehr vernünftige Jungs mit Gefühlen sein können und keineswegs immer die aggressiven, asozialen Amokläufer werden. Ich habe Klappers Spieleentwicklungstalent sogar bewundert und ihn als reifer und rationaler als seine 16-Jährigen Mitschüler empfunden. Das zeigt sich auch am Ende des Romans, wenn Klapper über sich hinauswächst und sich viel erwachsener zeigt als alle anderen. Auch wenn er körperlich leicht verkrüppelt sein mag, ist er das emotional sicher nicht, auch wenn es manchmal bei ihm holpert und klappert.
Auch die anderen Charaktere sind vom Autor gut entwickelt worden, sodass sie nicht wie austauschbare Randfiguren wirken. Keine Figur in dem ganzen Beziehungsgeflecht scheint überflüssig und alle sind individuell mit ihren Maken und Vorzügen skurril ausgearbeitet.
Ebenso gelungen ist für mich die Sprache. In kurzen klaren Sätzen oder auch mal nur Halbsätzen wird der Ton eines 16-Jährigen authentisch getroffen. Pröbel benutzt ab und zu ein jugendsprachliches Vokabular, setzt es aber immer treffend ein, sodass es nicht künstlich wirkt und man gar nicht merkt, dass ein über 30-jähriger Autor aus der Perspektive eines Teenagers schreibt. Wahrscheinlich hat Pröbel sich hier in seine eigene Jugendzeit im Jahr 2011 erinnert, denn es werden zahlreiche popkulturelle Anleihen gemacht, die mir besonders gut gefallen haben, weil ich zu der Zeit etwa im selben Alter wie die Protagonisten war und mich somit in meine Jugendzeit zurückversetzen konnte. Soweit ich es beurteilen kann, passen die Details alle diese Zeit und es tauchen keine Anachronismen auf.
Eine kleine Warnung aber noch zuletzt: Das größte Manko und ein wirklicher Fehler meiner Meinung nach ist der Klappentext! Wer wirklich vom Buch überrascht werden will, sollte diesen (vor allem das Zitat von Stuckrad-Barre...) nicht vorher lesen, denn dort wird leider ein entscheidender Twist verraten.
Alles im allem ist Klapper für mich also ein gelungener Start in dieses Lesejahr. Wer jungendlich-frische Literatur sucht, die einem zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken bringt, für den sollte "Klapper" klappen!

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