Paradox, verwirrend, aber dennoch tiefgründig, wenn auch nur für wenige Menschen
Was ist Meditation?Zunächst einmal: Dieses Büchlein hat Jiddu Krishnamurti nicht verfasst. Vielmehr haben irgendwelche Menschen Auszüge aus dessen Vorträgen und Büchern unter diesem Titel zusammengestellt. Es soll erklären, ...
Zunächst einmal: Dieses Büchlein hat Jiddu Krishnamurti nicht verfasst. Vielmehr haben irgendwelche Menschen Auszüge aus dessen Vorträgen und Büchern unter diesem Titel zusammengestellt. Es soll erklären, was Meditation sei. Oder besser, was Krishnamurti darunter versteht.
Wer sich mit diesem Thema beschäftigt hat oder gar selbst meditiert, den wird es zunächst erheblich verwirren. Denn mehrfach betont Krishnamurti, dass das gar keine Meditation ist, sondern eine Illusion. Und in den meisten Fällen wird er da wohl recht behalten. Moderne Menschen sind auf zielgerichtetes Handeln getrimmt, ob sie das nun merken oder nicht. Sie kontrollieren sich, wollen wissen, wie weit sie schon gekommen sind. Wer das macht, zerstört von Anfang an alles. Jedenfalls dann, wenn man sich von allen Anhaftungen befreien möchte. Anhaftungen, so Buddha, sind die Ursache allen Unglücks. Sie fesseln den Geist und stören die Wahrnehmung.
Und nun wird es kompliziert, denn Krishnamurti benutzt Begriffe anders als das Menschen kennen, die sich mit der Materie etwas befasst haben. Er benutzt zum Beispiel das Wort Anhaftung nicht. Man liest stattdessen: „Meditation erfordert Freiheit vom Messen und bedeutet Freiheit von der Zeit.“
Und kurz danach folgt so etwas wie eine Definition: „Meditation ist die Umwandlung des Geistes, eine psychische Revolution, damit Sie im Alltag – nicht in der Theorie oder im Ideal, sondern in jeder Bewegung des Lebens – mit Mitgefühl, Liebe und jener Energie leben können, die Sie über die Kleinlichkeit und Enge, die Oberflächlichkeit des von Ihnen geführten Lebens hinauswachsen lassen. Wenn der Geist ruhig ist, wirklich still, nicht zum Verstummen gebracht durch Verlangen oder Wille, dann ist da diese vollkommen andere Bewegung, die nicht aus der Zeit kommt. Der Versuch, sie zu beschreiben, wäre absurd, einfach nur eine Beschreibung in Worten, nichts Wahres.“
Dieses kurze Zitat kann das ganze Büchlein ersetzen. Der letzte Satz zeigt, wie paradox das alles ist, denn schließlich sind alle Texte von Krishnamurti genau der Versuch das Unerklärliche zu erklären, obwohl er genau weiß, dass das gar nicht geht. Was vor diesem Satz steht, nennen andere Gurus „Erleuchtung“, aber nicht Mediation. Das ist unnötig verwirrend.
Man kann die „Umwandlung des Geistes“ auch durch Meditation im üblichen Sinne erreichen, wenn man damit nicht dieses Ziel verbindet, sondern immer wieder nur sitzt und zum Beispiel seinen Atem beobachtet und Abschweifungen nicht bewertet, sondern danach einfach weiter macht. Das aber ist sehr schwer, weil es einen Kulturbruch darstellt und wir ganz anders konditioniert sind. Deshalb zweifelt Krishnamurti auch daran, dass das, was er Meditation nennt, von vielen Menschen erlebt werden kann. Und da hat er mit Sicherheit recht.
Dennoch bewerte ich das Buch mit fünf Sternen, weil es sich zwar an den Geist wendet und ihn beschäftigt, aber es gibt eben auch plötzliche Erkenntnisse, die aus einer solchen Beschäftigung erwachsen und diesen zwanghaften Geist wirklich verändern. Das steht übrigens auch in diesem Buch.
Fast jeder hat schon einmal wenigstens kurzzeitig erlebt, was Krishnamurti unter Meditation versteht. Wenn man zum Beispiel im Sommer auf einer Wiese liegt und ein Insekt beobachtet, dass Nektar aus einer Blume saugt, dann ist der eigene Geist plötzlich völlig unbemerkt total leer, also gedankenfrei. Das ist es.