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Veröffentlicht am 20.10.2025

Ein motivierender Masterplan für mehr Vitalität und Gesundheit

Mein Mikrobiom-Masterplan
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MEINE MEINUNG
In seinem neuen Buch „Mein Mikrobiom-Masterplan: Das Power-Programm für einen gesunden Darm – für mehr Energie und ein starkes Immunsystem“ widmet sich Prof. Dr. Andreas Michalsen, Internist ...

MEINE MEINUNG
In seinem neuen Buch „Mein Mikrobiom-Masterplan: Das Power-Programm für einen gesunden Darm – für mehr Energie und ein starkes Immunsystem“ widmet sich Prof. Dr. Andreas Michalsen, Internist sowie Experte für Ernährungs- und Fastenmedizin, mit dem Mikrobiom des Darms einem der aktuell spannendsten Themen der modernen Medizin. Zunehmend belegen Forschungsergebnisse, dass Billionen nützlicher Mikroorganismen in unserem Verdauungssystem maßgeblich über Gesundheit, Immunsystem, Gewicht, Psyche und Leistungsfähigkeit mitentscheiden – also rundum für unser gesamtes Wohlbefinden eine wichtige Rolle spielen.
Prof. Dr. Andreas Michalsen und seinem Team gelingt es hervorragend, dieses hochkomplexe Thema auf anschauliche, unterhaltsame und auch für medizinische Laien verständliche Weise aufzubereiten.
Im fundierten Theorieteil beschreibt er das Mikrobiom als fein abgestimmtes, lebendiges Ökosystem, das nur dann optimal funktioniert, wenn das Gleichgewicht zwischen „guten und schlechten“ Bakterien gewahrt bleibt. Um eine stabile Darmflora aufzubauen, braucht der Körper vor allem eine ausgewogene Ernährung. Schritt für Schritt führt der Autor durch die wesentlichen Grundlagen einer darmfreundlichen Lebensweise, die ballaststoffreicher Kost über ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und regelmäßiger Bewegung bis hin zu Stressabbau und erholsamen Schlaf reicht. Dabei gelingt ihm eine überzeugende Verbindung zwischen medizinischer Fachkompetenz und alltagstauglichem Gesundheitswissen.
Außerdem erklärt Michalsen sehr eindrücklich, wie stille Entzündungen entstehen und warum sie an der Entwicklung vieler sogenannter Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf- und Autoimmunerkrankungen eine zentrale Rolle spielen.
Mit seinem angenehmen, motivierenden Schreibstil versteht er es komplizierte Zusammenhängen auch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse verständlich darzustellen. Die hilfreichen, praxisorientierten Empfehlungen machen Lust darauf, das Erlernte gleich umzusetzen und auszuprobieren. Die Kapitel sind übersichtlich gegliedert, und zahlreiche Infokästen, Tabellen und anschauliche Grafiken erleichtern den schnellen Überblick.
Nach der Präsentation der TOP-Lebensmittel sowie der Sieben Goldenen Regeln für ein Gesundes Mikrobiom, schließt Michalsen seine theoretische Einführung mit dem Konzept seines Masterplans ab, der unser Mikrobiom durch Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten mit leckeren, alltagstauglichen Gerichten auf gesund programmieren soll. Die Empfehlungen lassen sich ohne aufwändige Vorbereitungen oder kostspielige Superfoods problemlos in den Alltag integrieren.
Am Ende des Buches finden sich zwei detaillierte Wochenpläne für eine Mikrobiom-Kur, die zeigen, wie eine ausgewogene und mikrobiomfreundliche Ernährung konkret aussehen kann.
Nachdem die wichtigsten wissenswerten Basics vermittelt wurden, geht’s nun endlich zum eigentlichen Rezeptteil über.
Die vorgestellten, mehr als 70 leckeren Rezepte für Frühstück, Mittag- und Abendessen überzeugen durch Vielfalt und unkomplizierte Zubereitung. Sie liefern reichlich Ballaststoffe, wertvolle Pro- und Präbiotika sowie antioxidative Nährstoffe, also alles, was die „kleinen Helfer“ im Darm zum Gedeihen brauchen, und unsere Darmgesundheit fördert. Alle Rezepte sind reich an Gemüse und beinhalten Milchprodukte, wohingegen Eier, Fleisch oder Fisch ganz fehlen.
Die Gerichte sind so konzipiert, dass man die von Ernährungswissenschaftlern empfohlenen 30 bis 35 Gramm Ballaststoffe pro Tag problemlos erreicht.
Die Rezeptvielfalt reicht von bewährten Klassikern wie Porridge und Müsli-Variationen, Ofengemüse und Curry über Bratlinge und Pasta bis zu einigen kreativen Salatideen und feinen Gemüsesuppen.
Dank übersichtlicher Gestaltung und appetitanregender Food-Fotos der farbenfrohen Gerichte findet man sich rasch zurecht. Die Zubereitung wird verständlich Schritt für Schritt beschrieben, so dass man keine Probleme beim Nachkochen hat. Zu jedem Rezept gibt es eine übersichtliche Zutatenliste für 2 Personen sowie Angaben zu Kalorienzahl, Nährwerten und zu Zubereitungs- bzw Garzeit. Ein zusätzlicher Infokasten mit dem Titel Gesundheitstipp liefert wertvolle Hinweise zu möglichen Variationen oder Alternativen – ideal für alle, die experimentierfreudig sind oder Zutaten an persönliche Vorlieben anpassen möchten..
Abgerundet wird das Buch durch ein umfangreiches alphabetisches Sach- und Rezeptregister, das das Auffinden einzelner Begriffe oder Gerichte erleichtert.
FAZIT
Ein rundum gelungenes Gesundheits- und Kochbuch mit konkreten Handlungsanleitungen - informativ, verständlich und praxisnah zugleich!
Es vermittelt eindrücklich und wissenschaftlich fundiert, dass ein gesunder Darm der Schlüssel zu Vitalität und Wohlbefinden ist und inspiriert zu bewusster Ernährung, die auch den „kleinen Helfern“ im Darm etwas Gutes tut.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Jenseits des Mythos - Beeindruckende Biografie

Peggy Guggenheim
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MEINE MEINUNG

Mona Horncastle ist mit ihrer faszinierenden Biografie „Peggy Guggenheim – Freigeist, Mäzenin, Femme fatale“ ein facettenreiches Porträt eine der schillerndsten und vielleicht auch widersprüchlichsten ...

MEINE MEINUNG

Mona Horncastle ist mit ihrer faszinierenden Biografie „Peggy Guggenheim – Freigeist, Mäzenin, Femme fatale“ ein facettenreiches Porträt eine der schillerndsten und vielleicht auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts gelungen. Mit ihrem prägnanten, lebendigen Erzählstil nimmt sie uns mit auf eine fesselnde Entdeckungsreise, die nicht nur bemerkenswerten Aspekte der berühmten Kunstförderin, sondern auch ihre inneren Brüche sichtbar macht.

Ihre Biografie über Peggy Guggenheim bietet einen tiefgründigen und erfreulich vorurteilsfreien Einblick in das Leben und die außergewöhnlichen Leistungen der berühmten Mäzenin, Kunstsammlerin und Förderin moderner Kunst und präsentiert uns vor allem den Menschen hinter dem Mythos. Zum Vorschein kommt eine beeindruckende Frau sowie eine visionäre und couragierte Kämpferin für die Kunst, die zeitlebens mit Humor, Ironie und beeindruckender Selbstreflexion gegen Vorurteile und Klischees ankämpfte.

Bewusst verzichtet die Autorin die Darstellung von Peggys skandalisiertem Privatleben und oberflächlichen Klatschgeschichten über ihre zahlreichen Affären mit berühmten Persönlichkeiten, sondern konzentriert sich auf eine nuancierte Betrachtung ihrer vielschichtigen Persönlichkeit und ihres Lebenswerks. Besonders eindrucksvoll gelingt Horncastle der Balanceakt zwischen dem glamourösen Image der Kosmopolitin und den psychologischen Abgründen hinter der Fassade – ihren wechselvollen Liebesbeziehungen, seelischer Krisen und den oft widersprüchlichen Entscheidungen ihres Lebens. Berührend beschreibt Horncastle auch die zerrissenen familiären Beziehungen, insbesondere Peggys komplizierte Rolle als Mutter, ohne jedoch von ihrem Hauptanliegen abzuschweifen. Gerade in diesem Spannungsfeld zwischen ihrer Verletzlichkeit und ihres mutigen Engagements für die Moderne Kunst zeigt sich die faszinierende Komplexität dieser Frau.

Horncastle widmet sich insbesondere auch der Frage, wie Guggenheims Lebensleistung losgelöst von Geschlechterklischees beurteilt würde. Sie macht eindrucksvoll deutlich, dass viele Anfeindungen und Vorurteile gegenüber Peggy auf ihr Frausein und ihre Rolle in einer männlich dominierten Kunstwelt zurückzuführen sind. Anschaulich porträtiert sie Peggy als emanzipierte Frau, die sich gegen die vorherrschenden Zwänge ihrer Epoche durchsetzte und unbeirrbar ihren Weg ging. Die Autorin legt großen Wert auf eine wissenschaftlich fundierte Einbindung der Biografie in die komplexen kulturhistorischen und gesellschaftlichen Kontexte der jeweiligen Epoche, insbesondere der Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gekonnt lässt sie dabei Peggys Leben in verschiedenen Episoden lebendig werden. So folgen wir ihren Spuren von den privilegierten Ursprüngen in der New Yorker Guggenheim-Dynastie über die ersten Schritten als junge Frau in der kosmopolitischen Pariser Avantgarde der 1920er Jahre. Zudem erfahren wir über ihren mutigen Einsatz als Fluchthelferin zur Rettung vieler Künstler und ihrer Werke vor dem Zugriff den Nazis. ihrer prägenden Rolle als Förderin und Impulsgeberin moderner Kunst in New York sowie schließlich dem Aufbau ihres kulturellen Vermächtnisses mit ihrem Museum in Venedig. Eindrucksvoll arbeitet Horncastle auch weniger bekannte Aspekte heraus. So unterstützte Guggenheim nicht nur avantgardistische Kunstschaffenden wie Marcel Duchamp, Max Ernst oder Jackson Pollock sondern förderte auch Künstlerinnen wie Leonora Carrington. Ihr außergewöhnliches Gespür für innovative Strömungen und ihre Risikobereitschaft prägten die moderne Kunst maßgeblich.

Mit beeindruckender Faktenfülle, zahlreichen Briefzitaten und einer Vielzahl präzise eingebundener Namen gelingt Mona Horncastle eine außergewöhnlich dichte Dokumentation von Peggy Guggenheims facettenreichem Leben und Wirken. Ihre umfassende, packend erzählte Biografie weckt Neugier auf weitere Entdeckungen rund um diese widersprüchliche und inspirierende Frau, die verletzlich und couragiert, visionär wie exzentrisch war – und deren kompromissloses Engagement die Kunstwelt auch heute noch enorm inspirierend ist.


FAZIT

Eine rundum gelungene Biografie mit einem differenzierten, eindrucksvollen Porträt von Peggy Guggenheim als faszinierende komplexe Persönlichkeit und außergewöhnliche Kunstmäzenin.

Eine anregende und bereichernde Lektüre für alle, die sich für Kunst, Kulturgeschichte und besonders für die Rolle starker Frauen in der Modernen Kunst interessieren.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Ein Meer voller Narben – ein bewegender Roman

Am Meer ist es schön
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem neuen Roman „Am Meer ist es schön“ widmet sich Barbara Leciejewski einem bislang verdrängten und wenig beachteten Kapitel der deutschen Nachkriegszeit und rückt das Schicksal der ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem neuen Roman „Am Meer ist es schön“ widmet sich Barbara Leciejewski einem bislang verdrängten und wenig beachteten Kapitel der deutschen Nachkriegszeit und rückt das Schicksal der sogenannten Verschickungskinder eindrucksvoll in den Mittelpunkt. Unter dem harmlos anmutenden Deckmantel einer „Gesundungskur“ mussten zahllose Kinder seelische und körperliche Misshandlungen erdulden.
Mit feinem Gespür für Sprache und Psychologie gelingt der Autorin eine authentische und berührende Aufarbeitung dieses erschütternden Themas und setzt ein kraftvolles Zeichen gegen das Vergessen.
Die Handlung ist geschickt auf zwei miteinander verwobenen Zeitebenen angelegt und pendelt zwischen der Kindheit und der Gegenwart der Protagonistin Susanne. Im Rückblick begegnen wir der achtjährigen Susanne, die im Sommer 1969 von ihren Eltern zur vermeintlichen Erholung ins Kinderkurheim „Haus Morgentau“ an die Nordsee geschickt wird.
Aus der kindlichen Perspektive schildert die Autorin eindringlich das vermeintliche Ferienidyll und lässt uns hautnah miterleben, wie der Aufenthalt am Meer in einen realen Albtraum umschlägt. Sie macht den Alltag der Kinder im Heim unter den strengen, oft willkürlichen Regeln ebenso erfahrbar wie die beständige Bedrohung durch Einschüchterungen und harte Strafen durch die autoritären Erzieherinnen. Die unerträgliche Atmosphäre der Angst und Ohnmacht wird dabei ebenso fassbar wie das Gefühl des Ausgeliefertseins unter der rigiden „schwarzen Pädagogik“ der sogenannten „Tanten“.
Mit ihrem lebendigen, einfühlsamen Schreibstil entwirft sie ein vielschichtiges, erschütterndes Porträt alltäglicher Demütigungen und Grausamkeiten, und macht eindrücklich sichtbar, wie systematische Misshandlungen tiefe Spuren auf der kindlichen Seele hinterlassen.
Ihr gelingt es hervorragend, das Gefühl der Hilflosigkeit und das Leiden unter der allgegenwärtigen Angst so authentisch und ergreifend darzustellen, dass man sich dem Sog der Geschichte kaum entziehen kann. Äußerst anschaulich zeigt Leciejewski in vielen kleinen Alltagsszenen, wie Freundschaft, Solidarität und Mitgefühl zwischen den Kindern wachsen und zum wertvollen Schutzraum werden. Inmitten der traumatischen Erlebnisse gelingt es den jungen Protagonisten, sich gegenseitig Hoffnung und Halt zu schenken und auf diese Weise den beklemmenden Alltag zu überstehen, ja sogar zarten Widerstand gegen die Willkür der Erwachsenen zu formen. Mit schonungsloser Offenheit zeigt Leciejewski das kollektive Versagen von damaligen Institutionen aber auch Erwachsenen auf, die mit ihrem Schweigen die Kinder in ihrem Schmerz und ihren lebenslangen Traumata alleingelassen haben.
Gekonnt hat Leciejewski Susannes berührende Lebensgeschichte so angelegt, dass sie in kreisförmigen Bewegungen immer wieder zu den prägenden Wendepunkten und Verletzungen ihrer Kindheit zurückkehrt. So entsteht ein vielschichtiges Bild, in dem Vergangenheit und Gegenwart geschickt miteinander verwoben sind und für viel Spannung und emotionale Intensität sorgen.
Im Erzählstrang des Jahres 2018 begegnen wir Susanne am Sterbebett ihrer Mutter im Pflegeheim. Viele Jahrzehnte nach den Ereignissen ihrer Kindheit ringt sie gemeinsam mit ihrer eigenen Tochter darum, sich dem alten Trauma zu stellen und Antworten zu finden. Leciejewski versteht es hervorragend, einen Bogen zur Gegenwart zu spannen und faszinierende Parallelen im Umgang mit Abhängigkeit, Kontrolle und dem Verlust von Würde am Beispiel der heutigen Pflegeheime zu beleuchten. Eindrucksvoll gelingt es ihr, eine Auseinandersetzung darüber anzuregen, wie vergangene Verletzungen bis ins Jetzt hineinwirken und weitere Generationen berühren.
FAZIT
Ein bewegender Roman über das Schicksal der sogenannten Verschickungskinder, der mit viel Empathie und schonungsloser Offenheit ein vergessenes Kapitel deutscher Geschichte ans Licht bringt. Ein wichtiger literarischer Beitrag – eindringlich, vielschichtig und zutiefst berührend!

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Ein bewegendes, sehr poetisches Porträt der Unsichtbaren

Der Kaiser der Freude
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MEINE MEINUNG
Mit „Der Kaiser der Freude“ legt Ocean Vuong nach seinem gefeierten Debüt einen weiteren außergewöhnlichen Roman vor, der die Schattenseiten des amerikanischen Traums eindrucksvoll beleuchtet ...

MEINE MEINUNG
Mit „Der Kaiser der Freude“ legt Ocean Vuong nach seinem gefeierten Debüt einen weiteren außergewöhnlichen Roman vor, der die Schattenseiten des amerikanischen Traums eindrucksvoll beleuchtet und all jenen eine Stimme gibt, die am Rand der gnadenlosen Konsumgesellschaft ums Überleben ringen.
Mit viel Feingefühl thematisiert Vuong zudem Themen wie Migration, Rassismus, Identität, Außenseitertum, soziale Marginalisierung sowie die Last von Trauma und Erinnerungen.

Angesiedelt ist die in vier Abschnitte gegliederte Handlung in der trostlosen fiktiven Kleinstadt East Gladness in Connecticut, die stellvertretend für das postindustrielle, abgehängte Amerika steht.
Im Mittelpunkt steht Hai, der neunzehnjährige Sohn einer vietnamesischen Einwanderin, der an der eigenen Ausweglosigkeit und Einsamkeit zu zerbrechen droht und kurz vor einem Suizid steht. Während er auf einer Brücke steht, hält ihn Grazina, einer älteren, an Demenz erkrankten Frau mit litauischen Wurzeln, von seinem Vorhaben ab. Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelt sich eine fragile, aber tief berührende Beziehung, die für beide zu einem Wendepunkt wird. Hai findet als Grazinas Pfleger nicht nur Unterkunft und eine Aufgabe bei ihr, sondern auch eine neue Form von Zuneigung, Halt und Zugehörigkeit.

Vuong gelingt es, mit großer poetischer Kraft und Genauigkeit die trostlose Atmosphäre von East Gladness einzufangen - eine kontrastvolle Welt, in der Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Drogenkrise und Armut allgegenwärtig sind. Äußerst beeindruckend ist Vuongs bildgewaltiger Schreibstil; voller Metaphern und sinnlich-intensiver Beschreibungen taucht er das Alltägliche in eine schmerzlich-melancholische Schönheit. Zudem versteht es hervorragend, uns die widersprüchliche Gefühlswelt seiner Figuren sehr plastisch nahe zu bringen.
Seine fragmentarische, von Rückblicken und inneren Monologen durchzogene Erzählweise ist von faszinierender Leichtigkeit, verlangt aber eine erhöhte Aufmerksamkeit.
Ein besonderes Highlight sind die vielschichtigen, liebevoll gezeichneten Charaktere, die in all ihrer Fragalität und ihren Eigenheiten sehr lebensnah eingefangen sind. Sie stellen keine klassischen Helden dar, sondern verletzliche, gebrochene und vereinsamte Figuren, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, aber trotz aller Widrigkeiten auch in ihrer kleinen Zweckgemeinschaft Nähe, Freundschaft und Solidarität finden können.
Mit Hai hat der Autor einen beeindruckenden Protagonisten geschaffen, der mit seiner Identität, Herkunft und Erwartungen im Lebensalltag zu kämpfen hat. Mit großer Empathie und psychologischer Tiefe zeichnet er seine Unsicherheit, Sehnsucht nach Zugehörigkeit und seinen Kampf gegen seine Drogensucht und inneren Dämonen.
Auch Grazina ist eine sehr beeindruckende Hauptfigur. Eindrucksvoll führt Vuong uns vor Augen, dass ihre Demenz nicht nur individuelles Vergessen, sondern auch eine kollektive Komponente des Erinnerns an andere Zeiten und Traumata umfasst und manchmal einen befreienden Schutz bietet. Gekonnt verdeutlicht er, dass das kollektive Verdrängen von Geschichte, Leid und Verantwortung sinnbildlich für ein grundlegendes gesellschaftliches Klima steht. Einfühlsam und glaubwürdig schildert Vuong die zarte, freundschaftliche Beziehung zwischen Hai und Grazina, die neben den alltäglichen Problemen und Missverständnissen auch berührende Momente von menschlicher Nähe und gegenseitigem Verständnis aufweist.
Auch die Nebenfiguren wie Hais Cousin Sony und seine Arbeitskollegen im Diner sind vielschichtig und glaubwürdig ausgearbeitet. Sie stehen exemplarisch für die „Unsichtbaren und gesellschaftlich Abgehängten“ der amerikanischen Gesellschaft - Menschen, die von Armut, Sucht, Krankheit und Ausgrenzung gezeichnet sind, aber dennoch in der Gemeinschaft auch die faszinierende Kraft von menschlicher Verbundenheit erleben und die beflügelnde Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben finden können.
Mit schonungsloser Klarheit kritisiert Vuong in seinem anspruchsvollen und sehr facettenreichen Roman die zerstörerischen Folgen des Spätkapitalismus, der Prekarisierung von Arbeit und der gnadenlosen Ausgrenzung der Schwächsten. Gleichzeitig gelingt es ihm, inmitten der Hoffnungslosigkeit Momente von Zärtlichkeit, Freundschaft und Solidarität zu zeigen, die dem gelungenen Roman eine besondere emotionale Kraft verleihen

FAZIT
Ein herausfordernder und berührender Roman über die Kraft von Gemeinschaft und über die Möglichkeit von Schönheit und Würde in einer oft grausamen Welt.
Ein ebenso schmerzliches wie hoffnungsvolles Porträt der Ausgegrenzten und Unsichtbaren in der amerikanischen Gesellschaft, das noch lange nachhallt!

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Fesselnder Auftakt

Mika Mysteries 1: Der Ruf des Nachtraben
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MEINE MEINUNG
Mit „Der Ruf des Nachtraben“ ist Johan Rundberg ein faszinierender Auftakt seiner historischen Jugendkrimi-Reihe „Mika Mysteries“ gelungen. Im Mittelpunkt steht die zwölfjährige Mika, die ...

MEINE MEINUNG
Mit „Der Ruf des Nachtraben“ ist Johan Rundberg ein faszinierender Auftakt seiner historischen Jugendkrimi-Reihe „Mika Mysteries“ gelungen. Im Mittelpunkt steht die zwölfjährige Mika, die unter entbehrungsreichen Zuständen in einem Stockholmer Waisenhaus lebt und nebenbei als Schankmädchen arbeiten muss.
Die stimmige Mischung aus spannendem Kriminalfall, beklemmender Milieubeschreibung und feinsinniger Sozialkritik entfaltet von Beginn an eine große Sogwirkung.
Rundbergs bildhafter Erzählstil, der auch auf eine jüngere Leserschaft ab 10 Jahren zugeschnitten ist, lässt uns unmittelbar in das historische Stockholm mitten im bitterkalten Winter des Jahres 1880 eintauchen. Der Autor zeichnet ein eindrucksvolles Bild jener düsteren Zeit, in der bittere Armut, soziale Not und täglicher Überlebenskampf allgegenwärtig sind. Es gelingt ihm hervorragend, die recht bedrückende Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen, so dass man die Härten und Ungerechtigkeiten des Alltags gut nachempfinden kann.
Als eines Nachts ein Findelkind von einem mysteriösen Unbekannten im Waisenhaus abgegeben wird, wird die clevere, aufgeweckte Mika befragt. Der ermittelnde Kommissar Valdemar Hoff erkennt Mikas scharfen Verstand und außergewöhnliche Beobachtungsgabe und bindet sie in die Ermittlungen zu einem äußerst rätselhaften Mordfall ein, bei dem ein bereits totgeglaubter Serienmörder – der berüchtigte Nachtrabe - erneut sein Unwesen in der Stadt zu treiben scheint. So begibt sich das äußerst ungleiche Ermittlerduo auf eine gefahrvolle und abenteuerliche Spurensuche, bei der nicht nur die Lösung des Falls, sondern auch die gesellschaftlichen Zwänge jener Zeit eine bedeutsame Rolle spielen.
Mit der sympathischen Mika hat Rundberg eine Hauptfigur geschaffen, die sowohl lebensnah als auch vielschichtig ist. Ihre Gefühle, Sorgen und Nöte sind auch für Kinder nachvollziehbar, so dass man sich gut in sie hinein versetzen und mit ihr mitfiebern kann. Aufopferungsvoll kümmert sich Mika um die jüngeren Waisenkinder und bemüht sich, ihnen trotz aller Widrigkeiten Trost zu spenden. Mit Scharfsinn, Witz und Mut stellt sie sich den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit entgegen. Doch hinter Mikas Stärke verbergen sich auch nachdenkliche, verletzliche Momente, in denen ihre Zweifel und Einsamkeit spürbar werden, , was ihre Figur besonders einnehmend und glaubwürdig macht.
Auch die Nebenfiguren sind entsprechend ihrer Rollen facettenreich ausgearbeitet. Allen voran der anfangs sehr spröde, vermeintlich hartherzige Kommissar Hoff, der Mika erst abschätzig als „Lumpenfräulein“ tituliert, im Laufe der Ermittlungen aber mehr und mehr Respekt und Wertschätzung für ihre Fähigkeiten entwickelt.
Die realistischen, teils schonungslosen Beschreibungen des historischen Alltags und der dunklen Seiten Stockholms dürften allerdings eher eine erwachsene Leserschaft ansprechen und könnten für Jüngere stellenweise durchaus Angsteinflößend sein. Dennoch wird die düstere, oft bedrückende Stimmung durch humorvolle, scharfzüngige Dialoge zwischen Mika und Kommissar Hoff immer wieder angenehm aufgelockert.
Es entfaltet sich eine clever angelegte, fesselnde Geschichte, die mit überraschenden Wendungen für viel Abwechslung sorgt, und bei der die Spannung bis zur überraschenden Auflösung konstant auf hohem Niveau bleibt.
Viel Neugier wecken zudem die interessant angelegten Nebenstränge, allen voran das Rätsel um Mikas Herkunft, das Lust auf weitere Bände macht.
ZUM HÖRBUCH
Die Film- und Theaterschauspielerin Julia Nachtmann überzeugt mit einer lebendigen und absolut mitreißenden Interpretation der Geschichte. Mit ihrer ruhigen, warmherzigen und nuancenreichen Stimme fängt sie sie dichte Atmosphäre hervorragend ein, sodass auch jüngere Zuhörer mit ausreichend Konzentration den Geschehnissen gut folgen können. Vielschichtig und mit großer Sensibilität transportiert sie dabei die mitunter bedrückende Atmosphäre. Gekonnt erweckt sie das historische Stockholm eindringlich und packend zum Leben.
Durch ihre variantenreiche Stimmgestaltung verleiht Nachtmann den verschiedenen Figuren durch nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch individuelle Charakterzüge und eine klare Unterscheidbarkeit. Besonders die sympathische Mika wirkt in ihrer gesamten emotionalen Bandbreite lebendig und authentisch. Nachtmann gibt ihr eine eigene, passende Stimme, wodurch Zuhörer ganz unmittelbar an Mikas Sicht auf die Welt teilhaben und eine enge Bindung zu ihr aufbauen können.
Auch Nebenfiguren werden mit ihren jeweiligen Eigenheiten stimmlich gut unterscheidbar interpretiert, was die Handlung besonders lebendig und nachvollziehbar macht.
Insgesamt bietet dieses ungekürzte Hörbuch eine äußerst gelungene Umsetzung des Auftaktbands!

FAZIT
Ein anspruchsvoller und außergewöhnlich atmosphärischer Jugendkrimi vor historischem Hintergrund, der mit einer liebenswerten, starken Protagonistin und vielschichtigem Kriminalfall überzeugt!
Ein rundum gelungener Auftakt, der jugendliche wie auch erwachsene Fans von historischen Krimis begeistern wird!

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