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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.10.2025

Gefühle, Grenzen, Vertrauen

Jetzt mal ehrlich?!: Meine Gefühle, mein Körper, meine Regeln! Ein wirksames Aufklärungsbuch für Kinder zur Prävention von sexuellem Missbrauch
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Das Thema dieses Buches ist zweifellos wichtig: Kinder frühzeitig über Gefühle, Körpergrenzen und sexualisierte Gewalt aufzuklären. Carsten Müller und Steffi Bohle wählen dafür einen einfühlsamen, direkten ...

Das Thema dieses Buches ist zweifellos wichtig: Kinder frühzeitig über Gefühle, Körpergrenzen und sexualisierte Gewalt aufzuklären. Carsten Müller und Steffi Bohle wählen dafür einen einfühlsamen, direkten und kindgerechten Weg. Ihr Ziel ist es, Kinder zu stärken, nicht zu verängstigen. Und das gelingt ihnen über weite Strecken sehr gut.

Schon auf den ersten Seiten wird klar: Dieses Buch will nicht mit dem erhobenen Zeigefinger belehren, sondern ermutigen. Kinder sollen verstehen, dass ihre Gefühle wichtig sind, dass sie „Nein“ sagen dürfen und dass Erwachsene da sind, um ihnen zuzuhören und sie zu schützen.

Die Illustrationen sind freundlich und altersgerecht, die Sprache klar und leicht verständlich. Besonders gelungen: Es gibt Abschnitte für Kinder und gesonderte Hinweise für Erwachsene. Dadurch wird das Buch zu einem echten Mitmach-Angebot, das sich ideal für gemeinsame Gespräche eignet.

Stark ist auch die Mischung aus kleinen Geschichten, Übungen und Reflexionsfragen, die das Thema greifbar machen. Das Buch holt Kinder in ihrer Lebensrealität ab und vermittelt ihnen ein gutes Gefühl für persönliche Grenzen.

Ein kleiner Kritikpunkt: Manche Inhalte setzen ein gewisses Maß an Begleitung voraus. Kinder sollten dieses Buch nicht komplett allein lesen. Gerade bei sensiblen Themen wie sexualisierter Gewalt kann es sonst zu Missverständnissen kommen oder offene Fragen bleiben unbeantwortet. Es eignet sich also weniger als „stilles“ Buch, sondern eher als Gesprächsgrundlage.

Insgesamt aber ein sehr durchdachtes und hilfreiches Aufklärungsbuch, das mit viel Respekt und Fachwissen an ein schwieriges, aber wichtiges Thema herangeht. Klare Empfehlung für Eltern, Kitas und Schulen, die Kindern frühzeitig Selbstbewusstsein und ein Gespür für den eigenen Körper mitgeben möchten.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Vom Adventsdesaster zum Weihnachtswunder

Karlchen hilft dem Weihnachtsmann, ob er will oder nicht (3)
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Was passiert, wenn Weihnachten plötzlich ausfällt? Genau dieser Frage stellt sich Karlchen, als ihre Mutter verkündet, dass in diesem Jahr nichts wie sonst ablaufen kann. Plötzlich übernimmt Karlchen die ...

Was passiert, wenn Weihnachten plötzlich ausfällt? Genau dieser Frage stellt sich Karlchen, als ihre Mutter verkündet, dass in diesem Jahr nichts wie sonst ablaufen kann. Plötzlich übernimmt Karlchen die Rolle der Weihnachtsorganisatorin, mit Opa als Wichtel und vielen Missverständnissen im Gepäck.

Was sofort auffällt: Der Erzählton ist dynamisch, erfrischend und liebevoll zugleich. Karlchen, eigentlich ein Kind wie viele andere, wird in eine ausweglose (und sehr weihnachtliche) Situation gestoßen, in der sie improvisieren und über sich hinauswachsen muss. Ihre Pläne gehen oft schief, die Nerven liegen manchmal blank und doch schafft es die Autorin, genau diese Unvollkommenheiten zum Kern des Erzählens zu machen. Gerade das macht das Buch stark: Die kleinen Pannen, die aufkeimenden Zweifel, die Verwunderung ... sie alle gehören dazu, sie machen Karlchen greifbar und sympathisch. Das Buch spielt damit, dass Karlchen widerwillig helfen muss, bevor sie erkennt, was es wirklich heißt, Verantwortung zu übernehmen und dass Hilfe manchmal dort wächst, wo man sie am wenigsten erwartet.

Für die Altersgruppe ab etwa 5 Jahren eignet sich das Buch hervorragend als Vorlesebuch: nicht zu lang, spannend genug, aber nicht überfordernd. Es verbindet Abenteuer, Humor und Weihnachtsstimmung, ohne in Klischees zu versinken. Für alle, die Weihnachten lieber realistisch und mit gewissen Stolpersteinen erleben oder erleben wollen, bietet dieses Buch eine gelungene Mischung aus Familienchaos und weihnachtlichem Wunder.

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Hamburg, Mannheim und das große Innenleben

Der Scherbenpalast
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Lou ist wütend. Wütend auf ihre Eltern, die sie nach Mannheim verschleppen, auf den Verlust ihrer besten Freundin, auf das Ende ihrer Theater-AG und vor allem wütend auf sich selbst. Wie oft sitzt man ...

Lou ist wütend. Wütend auf ihre Eltern, die sie nach Mannheim verschleppen, auf den Verlust ihrer besten Freundin, auf das Ende ihrer Theater-AG und vor allem wütend auf sich selbst. Wie oft sitzt man in diesem Zwischenraum, in dem Freundschaft, Erinnerungen und Sicherheit abrupt zerbrechen? Die Autorin begegnet diesem Moment mit einer Stimme, die gleichermaßen trotzig, verletzlich und versöhnlich ist.

Mannheim ist nicht nur ein Ort, es ist das Unbekannte, vor dem Lou sich windet. Ihre Provokationen wirken echt, kaum kalkuliert. Doch dann kommt die Alte unter dem Mammutbaum, heimlich und sternengleich, mit ihrem kuriosen Scherbenpalast. Plötzlich ist da jemand, der Lou ohne Bedingungen sieht. Und Sari - hartnäckig, lebendig, neu - zerrt sie ins pralle Leben, in dem Tikey lauert: geheimnisvoll, weniger greifbar, aber mit Tiefe, die unter der Oberfläche summt.

Langsam, zögerlich beginnt sich Lous Leben zu fügen, Stück für Stück, Scherbe für Scherbe. Die Dialoge, teils bissig, teils liebevoll, führen den Leser durch die Ecken ihrer Wut, aber auch durch die ersten zaghaften Funken von Vertrauen.

Neben Lou stiehlt Freya, die schräge Nachbarin mit dem Mosaikhaus, so manchen Moment: ihr Schaffen, ihre geduldige Art, die tieferen Botschaften des Buches anzudeuten, verleihen der Geschichte Tiefe. Hier geht es nicht nur um einen Umzug, es geht um ein Kaleidoskop von Bruchstücken, das zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden kann.

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Zuhause in Furcht

Welcome Home – Du liebst dein neues Zuhause. Hier bist du sicher. Oder?
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In „Welcome Home“ lässt Arno Strobel die heile Welt einer jungen Familie langsam in sich zusammenbrechen. Der Einzug in die lang ersehnte Neubausiedlung wirkt zunächst wie ein Aufbruch ins Glück, doch ...

In „Welcome Home“ lässt Arno Strobel die heile Welt einer jungen Familie langsam in sich zusammenbrechen. Der Einzug in die lang ersehnte Neubausiedlung wirkt zunächst wie ein Aufbruch ins Glück, doch der Schein trügt. Bereits in der ersten Nacht häufen sich unheimliche Vorfälle, bis der Vater im Nachbarhaus eine grausame Entdeckung macht. Die aufkommende Paranoia wird schnell zur Realität und das Gefühl von Sicherheit verwandelt sich in ein Geflecht aus Angst und Misstrauen.

Strobel gelingt es, den Alltag schleichend in einen Thriller zu verwandeln mit vertrauten Schauplätzen und nachvollziehbaren Figuren. Die Atmosphäre ist dicht, die Bedrohung subtil und doch spürbar. Besonders wirkungsvoll sind die eingeschobenen Passagen aus Täterperspektive, die zusätzliche Spannung erzeugen und einen psychologischen Tiefgang schaffen. Auch das Thema der Synästhesie wird klug eingebaut und verleiht der Geschichte einen ungewöhnlichen Reiz.

Sprecher Sascha Rotermund verleiht dem Hörbuch durch seine markante Stimme und facettenreiche Interpretation eine eindringliche Präsenz. Seine Lesung trägt maßgeblich dazu bei, die unterschwellige Bedrohung greifbar zu machen und die Charaktere zum Leben zu erwecken.

Trotz vieler gelungener Elemente bleibt ein kleiner Wermutstropfen. Einige Wendungen wirken leicht vorhersehbar oder etwas konstruiert. Das schmälert zwar nicht die Spannung insgesamt, lässt aber gelegentlich Tiefe und Überraschung vermissen. Wer viel im Genre liest oder hört, könnte früh ahnen, worauf es hinausläuft.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Am Abgrund der Idylle (Hörbuch)

Heimat
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Die Story entfaltet sich leise und atmosphärisch, wie ein Instagram-Feed aus perfekt inszenierten Alltagsbildern, unter denen sich etwas Dunkles verbirgt. Die Protagonistin Jana ist hochschwanger mit dem ...

Die Story entfaltet sich leise und atmosphärisch, wie ein Instagram-Feed aus perfekt inszenierten Alltagsbildern, unter denen sich etwas Dunkles verbirgt. Die Protagonistin Jana ist hochschwanger mit dem dritten Kind und zieht mit ihrer Familie aufs Land. Es soll ruhiger, natürlicher, klarer werden, doch genau dort beginnt eine unterschwellige Veränderung.

Jana trifft auf Karolin – eine Frau, die sich selbstbewusst als Tradwife inszeniert: in klarer Rollenverteilung, voller Selbstfürsorge, aber auch in einem Netz konservativer, teils völkischer Ideale. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit genauem Blick beschreibt Lühmann, wie dieser Lebensstil in kleinen, fast beiläufigen Details normalisiert und attraktiv gemacht wird: durch Sprache, Rituale, Online-Auftritte und die Sehnsucht nach Ordnung und Zugehörigkeit.

Die große Stärke des Hörbuchs liegt in dieser Alltagsnähe. Der gesellschaftspolitische Stoff wirkt nie theoretisch, sondern schleicht sich ein, wie eine neue Routine. Jana ist dabei keine kämpferische Hauptfigur, sondern eher eine Suchende. Ihre Entwicklung bleibt oft schemenhaft, was zugleich irritiert und authentisch wirkt. Die Distanz lässt Raum zur Reflexion, gerade weil vieles nur angedeutet wird.

Der Stil ist präzise und fast nüchtern wodurch die unterschwellige Spannung umso stärker wirkt. Heike Warmuth liest das Hörbuch unaufgeregt, fast distanziert, was die Wirkung noch verstärkt: Man hört nicht einer Geschichte zu, sondern ist wie zufällig dabei, wie sich eine Ideologie in den Alltag einschleicht.

Einzig das Ende bleibt zu offen und das ist schade. So stark der Aufbau und das Thema sind, so abrupt endet die Geschichte. Vieles bleibt unbeantwortet, und was als leiser Nachhall gedacht sein mag, wirkt eher unfertig.

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