Profilbild von Eternal-Hope

Eternal-Hope

Lesejury Star
offline

Eternal-Hope ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Eternal-Hope über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.10.2025

Von der Weisheit, die in der Trauer liegt

Zeit der Abschiede
0

Klaus Brinkbäumer, Jahrgang 1967, kann in seinem Leben auf so einige Erfolge und Segnungen zurückblicken: eine jahrzehntelange erfolgreiche Karriere als Journalist, mehrere Jahre als Chefredakteur des ...

Klaus Brinkbäumer, Jahrgang 1967, kann in seinem Leben auf so einige Erfolge und Segnungen zurückblicken: eine jahrzehntelange erfolgreiche Karriere als Journalist, mehrere Jahre als Chefredakteur des Spiegels und danach als Programmdirektor des MDR, eine erwachsene Tochter aus einer früheren Ehe und einen kleinen Sohn aus der aktuellen Ehe mit Samiha Shafy, mit der er vor einiger Zeit ein Buch über Hundertjährige veröffentlicht hat. Sein Lebensstil ist privilegiert und materiell abgesichert, er pendelt in den im Buch beschriebenen Jahren zwischen New York - wo er mit seiner Familie in einer Wohnung in Manhattan mit toller Aussicht lebt - und Deutschland. Außerdem war ihm das nicht selbstverständliche Glück vergönnt, seine beiden Eltern lange in seinem Leben zu haben und erst in den eigenen 50ern zu verlieren, als beide schon ein hohes Alter erreicht hatten. Doch der Verlust der Eltern, nochmal mehr beider innerhalb der Zeitspanne von wenigen Jahren, ist für jeden Menschen ein existenzieller Einschnitt und oft auch eine tiefe Krise.

In diesem Buch gelingt es dem Autor, den Abschnitt von den beiden sterbenden Eltern in einen größeren Rahmen einzubetten, in "sieben Jahre des Loslassens und Wiederfindens", wie es im Untertitel passend heißt.

Das Buch beginnt mit dem Tod der Mutter und dem Bedauern und Unverständnis des Sohnes darüber, dass der Vater diese alleine über die Schwelle begleitet und seinen Sohn nicht verständigt hat, um sich in den letzten Stunden von der Mutter zu verabschieden, obwohl dies aus Sicht des Sohnes leicht möglich gewesen wäre. Etwas, womit er noch länger zu hadern haben wird im Verlauf des Buches. Darauffolgend wird dann in bruchstückhafter und nicht chronologischer Form von den sieben Jahren der Abschiede erzählt: der Zeitspanne zwischen 2018 und 2024, im Leben des Autors und in der Welt. Dementsprechend beginnen auch viele Absätze nach folgendem Muster: "Es ist der 17. Februar 2019, im zweiten Jahr der Abschiede,..." (S. 19).

Der große Thema des Buches ist natürlich der Abschied von den beiden alten Eltern, zuerst von der Mutter, später vom Vater, doch es geht insgesamt noch um viel mehr: um die Weisheit des mittleren Lebensalters und die reifende Erkenntnis, dass vieles zu Ende geht und nie wieder kommt, dass wir selten wissen, wann etwas zum letzten Mal geschieht, und dass niemand von uns am Ende von Tod, Trauer und Schicksalsschlägen verschont bleiben wird im Leben. Eingebettet ist dieses Thema in die globale Situation und insbesondere in die Zeit der Coronapandemie, die bekanntlich in diese Zeit fiel. Diese Pandemie mit all den damit verbundenen Aspekten ist ebenfalls ein großes Thema in diesem Buch - somit empfehle ich die Lektüre dieses Buches nur jenen, die bereit sind, sich neben dem Thema Trauer und alte Eltern auch mit dieser Zeit noch einmal innerlich auseinanderzusetzen.

Es ist ein stilles, weises, tiefgründiges und nachdenklich machendes Buch eines gereiften Menschen, der in seinem Leben schon einiges erlebt und erfahren hat und nun insbesondere hervorgerufen durch das Sterben und den Tod der alten Eltern die Gelegenheit nutzt, seine Gedanken über Tod und Vergänglichkeit in Worte zu fassen. Ich habe mir während des Lesens einige treffende Zitate notiert, die ich hier teilen möchte:

"Trauer nimmt die Trauernden gefangen und verunsichert die Nichttrauernden, weshalb sie aus deren Sicht gezähmt und überwunden werden sollte." (S. 11)

"Die Erschütterung unserer Welt hatten wir doch gerade noch für ungefähr 2035 erwartet, mit etwas Glück für 2040, das lag an der scheinbaren Langsamkeit der Klimakrise, am scheinbar unzerstörbaren Westen. Unsere Eltern, im Krieg geboren, dann aber die Nachkriegsgeneration und die Generation Wiederaufbau, hatten uns Stabilität garantiert. Und jetzt müssen wir uns von viel zu vielem verabschieden, zu schnell. Geborgene Jahrzehnte enden." (S. 33)

"Dass wir zurückkommen werden, das sagen wir, aber ich musste lange genug leben, ehe ich es verstanden, wirklich verstand, fühlte und wusste: Dinge enden, verstreichen, zerbrechen, und dann sind sie vorbei, und vielleicht kommen neue Dinge, vielleicht aber folgt bloß Leere. Erwachsensein heißt zu verstehen, dass nichts bleibt und nichts wiederkehrt; heißt, mehrere Gefühle zugleich zu erleben, das Glück und die Trauer; heißt, all das zugleich auszuhalten, auszubalancieren und weiterzugehen." (S. 43)

"Die Welt und mein Leben sind voll von Geschichten und Dingen, die niemand jemals hatte kommen sehen. Und doch glaubte ich, das Leben planen und gestalten zu können, glaubten wir das nicht alle?" (S. 51)

"Kein erwachsener Mensch führt ein Leben ohne Brüche und ohne Wendungen, ohne all die Fehlentscheidungen und Zufälle, die uns hierhin lenken und dorthin werfen; manchmal, für die Glücklichen, kommen die Schläge spät, doch sie kommen. Die meisten Menschen möchten sich das eigene Leben als lineare Geschichte des Aufstiegs, der Addition von Wissen, Liebe, Geld und Ruhm erzählen, ich wollte das auch, doch dann kommt die Ahnung, dass das Leben so nicht bleiben wird. Nicht ist. Niemals war. Oder bestenfalls am Anfang, in der Jugend, so gewesen sein wird." (S. 81)

"Vom Land der Gesunden und dem Land der Kranken spricht auch Christopher Hitchens, und irgendwann kommt der Moment der Deportation für jeden. Danach: Sehnsucht nach der einstiegen Heimat und keine Chance auf Rückkehr." (S. 107)

"Es ist ganz egal, es spielt keine Rolle, wer in einem Leben zuletzt angerufen hat, wer der letzte Besucher war, der letzte Freund oder der letzte Gegner, der Abschied ist immer eine einsame Angelegenheit." (S. 124)

Insgesamt ist es ein Buch, das mich persönlich sehr berührt hat und in dem viel Tiefgründigkeit und Weisheit zu finden ist und das ich jenen, die sich mit den Themen Tod, Sterben, Vergänglichkeit und alte Eltern auseinandersetzen möchten, ans Herz legen kann. Ich empfehle, sich für dieses Buch Zeit zu lassen, sich darauf einzulassen, den Worten Raum zum Wirken zu geben und sie, am besten in einem Notizbuch, mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen zu diesen Themen zu verbinden. Danke an den Autor für dieses ehrliche, persönliche Buch!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.10.2025

Über die Kraft unserer Gedanken

SUPER SYNCHRONICITY - Tritt ein in die Frequenz der glücklichen Zufälle
0

Susanne Kos zeigt in ihrem Buch "Super Synchronicity" die Kraft der Visualisierung, Manifestation und zielgerichteten Gedanken auf. Es handelt sich um ein sehr praxisnah und zugänglich gestaltetes Buch, ...

Susanne Kos zeigt in ihrem Buch "Super Synchronicity" die Kraft der Visualisierung, Manifestation und zielgerichteten Gedanken auf. Es handelt sich um ein sehr praxisnah und zugänglich gestaltetes Buch, der Ton ist herzlich und persönlich, die Worte überzeugend. Hier schreibt eine Frau, die persönlich erlebt hat, dass die von ihr vorgestellte Methode funktioniert und die sich damit diverse, vor allem materielle und berufsbezogene, Ziele manifestiert hat. Es ist im Kern die gleiche Methode wie in "The Secret" und vielen weiteren bekannten Manifestationsbüchern.

Schritt für Schritt und mit vielen Übungen führt die Autorin anschaulich durch die Methode und alle Lesenden, die diesem Weg folgen möchten, können das tun, werden dabei an der Hand genommen und durchgeleitet. Schon im Buch selbst kann man einige Übungen ausfüllen und findet dafür den nötigen Platz, begleitend dazu stellt die Autorin außerdem auf ihrer Website ein Arbeitsbuch zum Ausfüllen zur Verfügung, das man sich kostenlos runterladen kann.

Man spürt, dass der Autorin viel daran liegt, die Methode anschaulich zu vermitteln und auch auf mögliche Hindernisse und Widerstände bei der Umsetzung einzugehen.

Ich persönlich habe allerdings gespürt, dass diese Methode und die dahinter stehende Weltanschauung meiner persönlichen Spiritualität, meinem Glauben, meinen Werten und der Art und Weise, wie ich in der Welt sein, mich bewegen und etwas bewirken möchte, aber auch meiner Haltung von Vertrauen in etwas Höheres, Dankbarkeit und Demut gegenüber dem, was ich mit meinem menschlichen Gehirn nicht erkennen kann, in vielen Punkten fundamental entgegen steht.

Das ist kein Zweifel am Funktionieren der Methode, sondern an der Ethik dahinter und an den spirituellen Konsequenzen, resultierend aus meiner persönlichen Weltsicht. Ich möchte auch nicht in jeder freien Minute daran denken, mir aus dem Kopf irgendein - meist materielles und ich-bezogenes - Ziel zu manifestieren, wie es im Buch vorgeschlagen wird, sondern diese lieber mit einer Haltung von Dankbarkeit, Liebe und Vertrauen für die vielen Geschenke in meinem Leben füllen und auf den Weg vertrauen, auf dem ich mich von etwas Höherem geführt fühle und den ich nicht in jedem Detail kennen und selbst manifestieren muss.

Diese prinzipielle Kritik an der Methode ist aber nicht der Autorin anzulasten und eine Frage der persönlichen Haltung, Weltsicht und Spiritualität, deshalb ziehe ich dafür keine Sterne ab und gebe insgesamt 5 Sterne für ein sehr gut gestaltetes Buch, bei dem jede und jeder selbst entscheiden muss, ob die Methode einem entspricht. Wenn das so ist, dann ist es jedenfalls ein empfehlenswertes Buch, das diese Methode anschaulich, praxisnah und mit viel Herzblut vermittelt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.10.2025

Rauhnächte psychologisch betrachtet

Rauhnächte – 12 Tage nur für dich
0

Bücher und Materialien zu den Rauhnächten gibt es mittlerweile unzählige, das Thema scheint in den letzten Jahren ein richtiger Trend geworden zu sein. Deshalb fokussiere ich mich bei dieser Rezension ...

Bücher und Materialien zu den Rauhnächten gibt es mittlerweile unzählige, das Thema scheint in den letzten Jahren ein richtiger Trend geworden zu sein. Deshalb fokussiere ich mich bei dieser Rezension speziell darauf, was dieses Buch von anderen zum gleichen Thema unterscheidet, denn da gibt es hier tatsächlich einiges:

Die Rauhnächte sind die Zeit "zwischen den Jahren", zwischen Weihnachten und Dreikönigstag. Es gibt viele uralte spirituelle Traditionen, die damit verbunden sind, und auch die moderne Esoterik beschäftigt sich schon lange damit. Das ist für Menschen interessant, die zu diesen Themen eine Verbindung führen, kann aber für andere, die eher eine bodenständig-wissenschaftlich-rationale Weltsicht haben, abschreckend sein.

Deshalb sei schon an dieser Stelle gesagt: auch diejenigen, die von Esoterik absolut nichts halten und an nichts Übersinnliches glauben, können mit diesem Buch einen wertvollen psychologischen Begleiter zur Reflexion des eigenen Lebens finden und sind hier in bester Gesellschaft: die Autorin ist Psychologin, ebenfalls skeptisch gegenüber dem Esoterikbereich und hat damit auch ein psychologisches Rauhnächtebuch verfasst. Hier muss man an nichts glauben, man muss nichts als Orakel oder Wahrsagemethode sehen - es geht einfach um eine Gelegenheit zur tiefgehenden Reflexion des eigenen Lebens: einmal im Jahr zu den Rauhnächten tiefgehender und einmal im Monat überblicksmäßig.

Das wunderschön und einladend gestaltende Buch geht zuerst kurz auf die historischen Hintergründe und Traditionen der Rauhnächte ein, um dann Reflexionsfragen und Rituale für jede Rauhnacht und den damit verbundenen Monat vorzustellen. Jeder Tag/Monat ist dabei einem psychologischen Thema gewidmet, zu dem es inspirierende Texte und Fragen gibt, beispielsweise geht es am 25.12., der für den Januar steht, um Klarheit, am 1. Januar um Entscheidungen oder am 4. Januar um Wandlung.

Hier ein Buchzitat aus dem Kapitel Wandlung: "Die Energie der elften Rauhnacht ist dem November zugeordnet. Wie kein anderer Monat steht er für das Abschiednehmen. Wobei in jedem Abschied auch immer ein Neubeginn steckt. So weit denken wir aber leider nicht. Das Bewusstwerden der Vergänglichkeit gibt uns die Möglichkeit, uns eine wesentliche Frage zu stellen: Was ist es, was mein Leben ausmacht und sinnstiftend ist?" (S. 111)

Passende Handlungsideen dazu sind dann etwa eine Dankbarkeitsliste oder auch eine Laudatio über das eigene Leben und die eigenen Fähigkeiten und ein Rückblick vor dem Hintergrund der Frage "Wozu war etwas gut", um darauffolgend loslassen und in eine gute Zukunft gehen zu können. Auch systemische Themen werden mit einbezogen, z.B. mit folgender Reflexionsfrage: "Welche Eigenschaften deiner Familie und früherer Generationen helfen dir, dich auf dich selbst zu besinnen und deinen ganz persönlichen Lebensweg zu gehen?" (S. 113)

Besonders wertvoll finde ich auch, dass es im letzten Teil des Buches - anschließend an die Übungen für die Rauhnächte selbst - für jeden tatsächlichen Monat im neuen Jahr eine Rückschauanleitung gibt, mittels der man sich nochmal an die während den Rauhnächten behandelten Themen erinnern kann, die eigenen Notizen dazu durchschauen kann und überprüfen kann, wie sehr man noch dem Weg, den man für sich für dieses Jahr gewünscht hat, folgt, und wo man Anpassungen vornehmen möchte.

Insgesamt ist es ein wertvolles Buch zu den Rauhnächten, dass eine erfrischende neue, humorvolle und persönliche Perspektive einer Psychologin auf das Thema bietet, und, wie erwähnt, auch für Menschen abseits der traditionellen Zielgruppe spiritueller Bücher wertvolle Inspirationen bieten kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.10.2025

Dieses Buch spricht mir aus der Seele

UNIversal gescheitert?
0

Vor kurzem habe ich "UNIversal gescheitert?" von Lisa Niendorf fertig gelesen und ich bin voll der Bewunderung für dieses großartige Buch einer mutigen Frau, die so vieles von dem, was ich und viele meiner ...

Vor kurzem habe ich "UNIversal gescheitert?" von Lisa Niendorf fertig gelesen und ich bin voll der Bewunderung für dieses großartige Buch einer mutigen Frau, die so vieles von dem, was ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Laufe der Jahre als Studierende und Mitarbeitende auf unterschiedlichen Universitäten erlebt haben, offen ausspricht. Wie die Autorin das am Anfang ihres Buches anspricht, gibt es in den Köpfen vieler Menschen immer noch ein überhöhtes, idealistisches Bild von Universitäten und Wissenschaft, als ob das ein heiliger Raum wäre, in dem keine Missstände herrschen würden.

Wer aber näher mit diesem System in Berührung kommt, ob als Studierende oder später vielleicht als hoffnungsvolle Doktorandin oder wissenschaftlicher Projektmitarbeiter, wird oft bitter desillusioniert von all den Missständen, die es da gibt und gegen die man sich oft so machtlos fühlt. Denn kaum jemand unterhalb der ordentlichen Professuren - die nur von ganz wenigen privilegierten Menschen und wenn überhaupt, meist erst frühestens im mittleren Erwachsenenalter erreicht werden - hat kaum jemand eine gut abgesicherte Position auf einer Universität, die es erlaubt, offen Kritik zu üben, ohne die eigene Vertragsverlängerung zu gefährden.

Ich schätze die Ehrlichkeit der Autorin, mit der sie zugibt, selbst eine der wenigen zu sein, die im akademischen Mittelbau einen unbefristeten Vertrag erhalten haben, und wie das ihr dabei hilft, sich zu trauen, so ein mutiges Buch zu schreiben, das viele Widerstände so deutlich offen legt.

Um welche Missstände geht es in dem Buch? Um stark unterfinanzierte Universitäten, marode Gebäude, überfüllte Studiengänge. Um ein extrem hierarchisches System, in dem, wie oben beschrieben, alle unterhalb der allerhöchsten Positionen auch bei exzellenten Leistungen und noch so viel Fleiß und Anstrengung ständig um ihre Stelle zittern müssen, und das strukturell zu Machtmissbrauch regelrecht einlädt.

Denn es handelt sich bei näherer Betrachtung um ein System, das Ausbeutung und Missbrauch nicht nur verleugnet, sondern teilweise regelrecht fördert: denn Karriere macht etwa, wer die meisten Publikationen aufweisen kann. Und wer dafür abhängige wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausnützt, ihnen viele unbezahlte Überstunden aufbrummt, sie fast die ganze Arbeit alleine machen lässt und dann aber ausschließlich den eigenen Namen auf die Publikationen schreibt, der hat auf dem Papier eine längere und eindrucksvollere Publikationsliste vorzuweisen. Ehrlichkeit, Redlichkeit und insbesondere die Qualität der eigenen Lehre oder gar besonderes Engagement für Studierende zählen hingegen kaum etwas für das Vorankommen im akademischen Bereich, können sogar hinderlich sein.

Der Autorin gelingt es, überzeugend und anhand von vielen Beispielen und einer fundierten Analyse des Aufbaus des wissenschaftlichen Systems, zu zeigen, dass die vielen Missstände in diesem Bereich eben keine Ausnahmefälle sind, sondern mit der Struktur dieses Systems zusammenhängen, welche zum Teil aktiv und bewusst aufgebaut wurde und geschützt wird, um die Interessen der Mächtigen zu vertreten. Da ist es auch kein Wunder, dass mit jeder Hierarchieebene auf den Universitäten mehr weiße heterosexuelle Männer aus sozioökonomisch privilegierten Milieus vertreten sind und alle, die in einer oder mehreren Kategorien davon abweichen, weil sie etwa Frauen, queer, migrantisch, mit Betreuungspflichten oder aus Arbeiterfamilien sind, sich schwer tun, hier ihren Platz zu finden und ihn zu behalten. Denn Menschen fördern meist die, die ihnen ähnlich sind, und auch Themen wie Rassismus, Diskriminierung, Ausbeutung und sexualisierte Gewalt sind nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch auf Universitäten weit verbreitet, wie die Autorin eindrucksvoll anhand von aktuellen Zahlen und Beispielen belegt.

Sprachlich ist das Buch sehr zugänglich und gut verständlich geschrieben und die Autorin hat sich große Mühe gegeben, sich nicht hinter akademischer Sprache zu verschanzen, sondern das Buch für eine breite Menge an Interessierten lesbar zu machen und alle nicht allgemein bekannten Konzepte zu erklären.

Ich wünsche diesem Buch von Herzen, dass es viele Leserinnen und Leser findet, in der allgemeinen Bevölkerung, aber auch unter jenen in Machtpositionen, bei denen es vielleicht ein Umdenken bewegen möge, um eine wissenschaftliche Landschaft zu gestalten, die gerade die engagiertesten und klügsten Köpfe aus der gesamten Bevölkerung nicht frustriert und vertreibt, sondern wertschätzt und ihnen einen Raum gibt, sich einigermaßen abgesichert zu entfalten und damit zum Wohle aller zur Vielfalt der Perspektiven im wissenschaftlichen Bereich beizutragen. Das würde den aktuellen und zukünftigen Studierenden, der Forschung und der Gesamtgesellschaft sehr zugute kommen. Danke für dieses mutige Buch!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.10.2025

Wo die Fallwinde die Berge hinab Richtung Meer sausen...

Noatun
0

... da sind wir in Noatun: in der neuen Heimat mutiger, eigensinniger und individualistischer Menschen, die sich tapfer allen Widrigkeiten von Wind und Wetter entgegen stellen, um hier ein bescheidenes, ...

... da sind wir in Noatun: in der neuen Heimat mutiger, eigensinniger und individualistischer Menschen, die sich tapfer allen Widrigkeiten von Wind und Wetter entgegen stellen, um hier ein bescheidenes, unabhängiges neues Leben aufbauen zu können.

Die Geschichte spielt auf den Färöer-Inseln, in einer eher unwirtlichen Gegend mit langen, harten, dunklen Wintern und nur kurzen, hellen Sommern, voll von Stürmen und mitten im Meer. Hier gibt es einen bisher unbesiedelten Ort, der Unheil verheißend Dodmandsdal (ja, das heißt übersetzt "Totmannstal") genannt wurde und an dem sich nun eine Gruppe von Menschen neu niederlässt.

Das Land muss erst von Steinen befreit und urbar gemacht werden, Häuser müssen erst gebaut werden und jedes Mal, wenn man den Ort verlassen will, um in einer größeren Ortschaft etwas zu erledigen, muss man einen von zwei gefährlichen Wegen auf sich nehmen: zu Fuß über die unwirtlichen Berge, den starken Winden ausgesetzt, auf jeden Tritt achtend, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Oder mit einem kleinen Boot über das aufgeschäumte und unruhige Meer.

Für die langen, harten Winter müssen vorausschauend Vorräte an Nahrung und Heizmaterial angelegt werden, die doch in manchen Zeiten nur ganz knapp reichen. Und auch von so manchen Krankheiten und sonstigen Unglücken bleibt die neue tapfere Gemeinschaft nicht verschont.

Nein, Noatun ist kein Ort für bequeme, faule oder ängstliche Menschen! Doch wer fleißig und arbeitsam ist und sich einbringen möchte, der wird in dieser Gemeinschaft herzlich willkommen geheißen und aufgenommen.

Damit kommen wir zu den Menschen in dieser ungewöhnlichen neuen Siedlung: allesamt interessante Originale. Da gibt es den alten Angelund, seine Frau und seine erwachsenen Kinder samt Enkeln. Die junge Sara, die früh verwitwet wird, nachdem ihr Mann auf See tödlich verunglückt. Ihr Schwager, der Bruder ihres verstorbenen Mannes, der auf einmal nach Noatun kommt, sich um Sara kümmern will und sehr mysteriös wirkt. Tilda, die eine kinderlose Ehe mit ihrem Mann führt, erst einmal klar zu wissen scheint, was gut und was schlecht sei, und im weiteren Verlauf des Buches dann in so einigem überrascht. Einen Bauern, der die Siedlung aus der Ferne mit Skepsis beobachtet. Einen Kaufmann und einen Rechtsanwalt im nächstgrößeren Ort. Einen kognitiv leicht zurückgebliebenen, dafür körperlich umso härter arbeitenden Feldarbeiter, der sich nach langen Jahrzehnten des Ausgenutzt-Werdens bei einem Bauern nun dieser Gemeinschaft anschließt, jeden Tag hart arbeitet, aber auch seine persönlichen Grenzen setzt, und am Ende auch für seine ältere Schwester einen Platz dort findet. Und noch so einige mehr.

Abwechselnd werden die Geschichten all dieser Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt, als eine Art Kollektivroman. Mir hat diese Erzählweise sehr gefallen, weil ich das Gefühl bekommen habe, wirklich einen umfassenden Einblick in die Lebensbedingungen nach einer Landnahme auf den Färöer-Inseln in den 1930er-Jahren zu bekommen (das Buch wurde im Original 1938 veröffentlicht und nun neu übersetzt).

Es ist eine sehr interessant erzählte Geschichte und die darin porträtierten Menschen und ihre Gemeinschaft haben mir viel an Bewunderung abgerungen in Bezug auf die Stärke und den Mut, mit denen sie den harten Umweltbedingungen trotzen, sich mit Eigensinn und Liebe ihren eigenen Ort aufbauen, aber gleichzeitig mit viel Herzlichkeit und Offenheit auch Neuankömmlinge bei sich aufnehmen und integrieren.

Insgesamt ist es ein Buch, mit dem ich sehr gerne verweilt bin, weil es gerade durch die liebenswerten Charaktere so viel Hoffnung in sich trägt und zeigt, wie Menschen auch unter herausfordernden Bedingungen sich für das, was ihnen wichtig ist, einsetzen, dabei ihren Individualismus bewahren und gleichzeitig in einer Gemeinschaft sich gegenseitig unterstützen können.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere