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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.10.2025

"Ich wurde zermürbt. Man zweifelt. Viele geben dann auf."

Der italienische Patient
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Monatelang traf sich der Autor vor Gericht mit den Anwälten seines ehemaligen Arbeitgebers. Seine nach eigener Einschätzung ungerechtfertigte Entlassung traf ihn bereits hart. Das Verfahren jedoch raubte ...

Monatelang traf sich der Autor vor Gericht mit den Anwälten seines ehemaligen Arbeitgebers. Seine nach eigener Einschätzung ungerechtfertigte Entlassung traf ihn bereits hart. Das Verfahren jedoch raubte ihm zusätzliche Kräfte. So jedenfalls liest sich das Geschehen in seinem Buch, dessen Titel ich übrigens nicht verstanden habe.

Nachdem das Verfahren vor dem Arbeitsgericht mit einem Vergleich endete, war der Autor frei für einen Neuanfang. Doch den suchte er nicht. Stattdessen kam er auf eine Idee, die wohl nicht jeder an seiner Stelle gehabt hätte: Er wollte sich einen ungefähr 50 Jahre alten Fiat 500 in Kalabrien kaufen und dann mit dem Ding nach Stuttgart fahren. Ohne Kenntnisse der Landessprache, der Gepflogenheiten und der simplen Technik des Autos. Und deshalb mit der Aussicht auf zahlreiche Werkstattbesuche.

Nebenbei kam er natürlich noch bei einigen der vielen italienischen Sehenswürdigkeiten vorbei. Dieser Teil seiner Reise spielt aber in seinem Buch keine Rolle. Vielmehr strotzt der ganze Text nur so von Selbstbespiegelungen. Klar wird das bereits auf den ersten paar Seiten, auf denen man den beruflichen Werdegang des Autors in groben Zügen kennenlernt. Bis man dann zu seiner Entlassung kommt, hat man schon einigen Text hinter sich, der nicht wirklich interessant ist.

Eigentlich interessiert man sich doch als Leser für die Reise, wobei auch der Anlass eingeschlossen sein kann. Aber die Ausführlichkeit, mit der dann die eigenen Befindlichkeiten ausgebreitet werden, verblüfft schon etwas. Um ehrlich zu sein: Ich lese solche Reisebeschreibungen vor allem, um die Psychologie der Reisenden zu verstehen. Warum macht man so etwas? In diesem Fall geht es nicht um die Reise, sondern um einen temporär radikalen Bruch, um eine Beschäftigung mit ganz anderen Sachen als Marketing, dem Berufsfeld des Autors. Das vermeintliche Abenteuer sollte ihn von seinem gar schrecklichen Leidensdruck erlösen. Und das hat offenbar geklappt. Also war die ganze Idee für ihn eine Erlösung.

Für mich hingegen kam die Erlösung erst am Ende des Buches. Die ganze Zeit dreht sich alles um ihn und seinen Fiat, dessen Fahrverhalten, die Reparaturen und das Beschaffen von Ersatzteilen. Vermutlich war das Aufschreiben dieses Textes Teil seiner persönlichen Therapie. Dass man daran für relativ viel Geld als Leser teilnehmen kann ohne einen wirklichen Mehrwert daraus zu ziehen, wird nicht jedem gefallen. Das Buch ist also ein reichlich spezieller Reisebericht, in dem das bereiste Land kaum eine Rolle spielt.

Am Ende gibt es noch einen Nervenkitzel, der in der Frage mündet, ob der Autor in einem 17 km langen Tunnel durch die Alpen mit seinem schrottreifen Auto nicht doch noch liegenbleibt. Man weiß nicht, ob man den Mut für diese Tunnelfahrt bewundern soll oder sich besser seinen Teil denkt und schweigt.

Nicht unabsichtlich habe ich die drei Sätze aus dem Buch als Überschrift gewählt. Mich fasziniert das moderne Jammern einer gepamperten Generation, die offenbar nicht mehr weiß, was wirklicher Stress ist. Es gibt genug Gegenden in dieser Welt, die den Blickwinkel des Autors sicher nachhaltig verändert hätten. Vielleicht hätte er dorthin fahren sollen. Das wäre mit Sicherheit lehrreicher gewesen als sein eher komisches und harmloses Abenteuer.

Dieses Buch spricht zunächst an und enttäuscht dann. Jedenfalls erging es mir so.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Ziemlich umfassend, aber oberflächlich

Immunsystem Hacks
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Vielleicht glaubt der eine oder andere Leser, das Befolgen der zahlreichen Tipps aus diesem Buch würde sein Immunsystem stärken. Messen wird sich das nicht lassen. Natürlich helfen viele der Anregungen ...

Vielleicht glaubt der eine oder andere Leser, das Befolgen der zahlreichen Tipps aus diesem Buch würde sein Immunsystem stärken. Messen wird sich das nicht lassen. Natürlich helfen viele der Anregungen irgendwie. Schließlich umfassen sie das ganze bekannte Spektrum von Experten-Empfehlungen, die fast immer auf Studien beruhen, die allerdings meistens statistisch im strengen Sinne nicht haltbar sind.

Öfter mal fasten, selbstverständlich nicht rauchen, viel rohes Gemüse und Obst essen, sich viel bewegen und dabei möglichst singen, nicht viel durch den Mund atmen, Yoga treiben, Tai Chi erlernen und so weiter und so fort.

Jede dieser Empfehlungen umfasst ungefähr eine Buchseite. Das sagt dann schon viel. Quellenangaben fehlen. Ich möchte die Problematik an einem Beispiel erläutern. Der Autor empfiehlt die Wim-Hof-Methode. Sie kann man erlernen, wenn man genug Mut besitzt, denn sie besteht aus einer Gewöhnung an Kälte und einer speziellen Atemtechnik. Nach einer Woche bei Wim Hof sollte man in der Lage sein, eine Winterwanderung in kurzen Hosen und mit freiem Oberkörper zu unternehmen. Dagegen ist ein kurzes Eisbaden eine Kleinigkeit.

Im Buch wird diese Methode jedoch nicht erklärt. Man braucht also wie fast bei jedem Tipp weiterführende Literatur oder spezielle Kurse. Tai Chi oder Yoga erlernt man eben auch nicht an einem Wochenende.

Insofern hat man es hier mit einem Anregungsbuch zu tun, das schnell in der Corona-Zeit verfasst wurde.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

„… gekonnte Prosa auf der Höhe der Zeit“ ?

In einem Zug
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Das steht so als Zitat aus einer Zeitung im Klappentext. Waren Autoren aus der Vergangenheit, derer man sich heute noch erinnert, eigentlich immer auf der Höhe der Zeit? Oder waren sie nicht ihrer Zeit ...

Das steht so als Zitat aus einer Zeitung im Klappentext. Waren Autoren aus der Vergangenheit, derer man sich heute noch erinnert, eigentlich immer auf der Höhe der Zeit? Oder waren sie nicht ihrer Zeit voraus? Ich kann mich solchen vermeintlichen Lobpreisungen auf dem Klappentext nicht anschließen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier um einen ziemlich durchschnittlichen Roman mit einer eher seltsamen Geschichte. Und die geht so:

Eduard Brünhofer leidet seit Jahren unter einer Schreibblockade. Der einst gefeierte Autor von Liebesromanen kann seinen Vertrag für ein neues Buch nicht erfüllen. Allerdings hat er schon einen heftigen Vorschuss kassiert, der inzwischen verbaut wurde. Nun muss er zum Rapport beim Verlag in München antreten. Im Zug trifft er auf eine ansehnliche Frau, viel jünger als er, mit der er ein Gespräch anfängt, das nach und nach immer intensiver und seltsamer wird.

Die Dame gibt sich als Psychotherapeutin aus und beginnt Brünhofer nach seinem Liebesleben und seiner Haltung zu Beziehungen auszufragen. Jeder einigermaßen geistig rege Mann wäre schnell misstrauisch geworden. Nicht so Brünhofer, denn der erklärt brav seine Haltung. Im Grunde geht es dabei um die Frage, ob eine Liebesbeziehung nicht doch die persönliche Freiheit einschränkt. Wenigstens daraus ergeben sich einige leidlich interessante Dialoge.

Für den Leser jedoch kulminiert das Ganze in einer ganz anderen Frage, nämlich der, worum es hier eigentlich geht. Oder wie dieses Gespräch, das durchaus auch gewisse Längen hat, denn nun endet. Und dieses Ende stellt sich dann als kurios heraus, wobei man sich wirklich fragt, ob nicht Glattauer auch ein wenig Brünhofer ist und unter einer gewissen Blockade leidet.

Denn in meinen Augen ist das ein ziemlich krampfiges Werk mit einem blödsinnigen Ende.

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Nicht viel Neues unter der Sonne

Lovis kocht
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Vor einigen Jahren legte sich Lovis Messerschmidt einen Instagram-Account zu, um ein gewisses Projekt zu dokumentieren. Das hätte man natürlich auch ohne Öffentlichkeit machen können, aber Lovis will gesehen ...

Vor einigen Jahren legte sich Lovis Messerschmidt einen Instagram-Account zu, um ein gewisses Projekt zu dokumentieren. Das hätte man natürlich auch ohne Öffentlichkeit machen können, aber Lovis will gesehen werden, wie sie ganz offenherzig zugibt. Und so muss man auch dieses etwas seltsame Kochbuch verstehen. Neben den Speisen sieht man auch oft Lovis, gelegentlich auch nur ihre Füße. Was uns das sagen soll, weiß nur sie selbst.

Ein Kochbuch muss aber aus meiner Sicht auch gewisse Qualitätskriterien erfüllen. Leider aber führt der Drang mancher Zeitgenossen nach Aufmerksamkeit zu einer zur Schau gestellten Anmaßung von Können. So wie manche Leute anderen ihren Garten oder ihre Wohnung zeigen, erfährt man hier, was Lovis Messerschmidt so alles kochen kann. Da ist nicht viel Kreatives dabei. Das macht nichts, denn darum geht es hier gar nicht. Vielmehr will sie ihre Follower befriedigen. Leider machen Verlage diesen ganzen Blödsinn ausgelebter Mittelmäßigkeit mit.

Ich habe keine Ahnung, was Lovis Messerschmidt so alles auf ihrem Account postet, weil ich meine geistige Gesundheit vor diesen Medien schütze. Aber ihre Rezepte sind nicht unbedingt etwas Neues. Wie man Aprikosenkonfitüre kocht, findet man jederzeit kostenlos im Internet. Ihre Nudelgerichte bezeugen eine gewisse Ahnungslosigkeit gegenüber der italienischen Küche. Naja, und so weiter und so fort. Nicht dass irgendein Unfug in diesem Buch steht – vielleicht findet mancher sogar Anregungen, insbesondere Menschen, die auf einem ähnlichen Niveau kochen wie Lovis Messerschmidt. Und das dürften so einige sein.

Vegetarisch zu kochen ist modern, zumal manche Menschen tatsächlich glauben, sie würden damit irgendetwas retten oder schützen. Da solchen Gerichten in der Regel der gewohnte Geschmack fehlt, muss kräftig Knoblauch dazukommen. Das erhöht danach die Anzahl der gesellschaftlichen Kontakte.

Aber man muss Frau Messerschmidt auch gegen blödsinnige Verrisse in Schutz nehmen: Wer mit Weißwein für Kinder kocht, muss nicht ins Gefängnis, denn der Alkohol verschwindet beim Kochvorgang. Und wer mit Safran kocht, muss ein wenig mehr bezahlen. Wem das nicht gefällt, kann es ja lassen.

Kurz gesagt: Das ist ein Instagram-Kochbuch für die Fans von Frau Messerschmidt. Es ist nicht für den großen Kochkünstler bestimmt und zeigt auch die gute Lovis in einigen Posen, bei denen man sich schon so einiges fragen kann.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Übertreibungen, ein mitunter sinnfreier Streckenverlauf und eine peinliche Selbstinszenierung

Bikepacking Trans Germany
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Legendär ist die sogenannte Great Divide Mountain Bike Route, die von Kanada bis Mexiko ungefähr 30 Mal die große Wasserscheide, also die Rocky Mountains, überquert. Im Buch soll sie 4300 km lang sein, ...

Legendär ist die sogenannte Great Divide Mountain Bike Route, die von Kanada bis Mexiko ungefähr 30 Mal die große Wasserscheide, also die Rocky Mountains, überquert. Im Buch soll sie 4300 km lang sein, tatsächlich ist sie fast 5000 km lang. Man kann sie natürlich normal abfahren, aber eigentlich wird sie als Rennen gelistet. Nicht gegeneinander, sondern um die schnellste Zeit. Da wollten die Autorin und ihr Partner eigentlich hin, aber Corona vereitelte dies.

Einige Leute in Deutschland wollten so etwas hierzulande nachmachen und ersonnen eine "ähnliche" Tour durch Deutschland. Das war eine ziemlich dämliche Idee, die auch prompt scheiterte. Deutschland ist dicht besiedelt, also nicht mit den Rocky Mountains vergleichbar, und ein Radrennen wie dort ist in Deutschland undenkbar. Die von den beiden Herren ausgedachte Route führt von Basel bis zum Kap Arkona auf Rügen, einmal quer durch Süddeutschland bis ungefähr Hof, dann über den Kammweg des Erzgebirges bis zur polnischen Grenze und von dort dann an Berlin vorbei bis Rügen. Dass diese Tour "legendär" sein soll, ist eine der vielen Übertreibungen in diesem Buch.

Schon beim Durchblättern des eigentlich schön gemachten Buches fällt sofort auf, dass man seine Autorin auf gefühlt jedem Bild sieht. Und das in manchmal peinlichen Posen. Wieviel Selbstverliebtheit muss man besitzen, um das nicht zu sehen? Bei den Packlisten und den tantenhaften "Verhaltensregeln" setzt sich das fort. Da steht zum Beispiel, man solle nasse Regensachen nicht mit den Schlafklamotten zusammenpacken. Echt jetzt? Dass man besser mit einem gut funktionierenden Fahrrad eine solche Tour beginnen sollte, kommt dann auch noch. Und dann: "Ich fahre, um zu zeigen, dass auch Frauen herausragende Abenteurerinnen sein können."

Braucht es einen solchen Beweis wirklich? Vielleicht sollte sich die Autorin mal ein paar Reiseberichte von echten Abenteuerinnen zu Gemüte führen. Es gibt eine Frau, die alleine in einem Paddelboot Australien umrundet hat. Und wer erinnert sich nicht an das damals noch minderjährige holländische Mädchen, das allein die Welt umsegelte? Hätte die Autorin wirklich ein Abenteuer gesucht, dann hätte sie wenigstens auf ihr Smartphone bei dieser Tour verzichtet. Aber dann hätte sie den Weg nicht gefunden.

Im Buch findet man die einzelnen Abschnitte relativ gut beschrieben, aber natürlich immer unter dem subjektiven Blickwinkel der Autorin und mit ihrem Hang zur Selbstdarstellung. Wer sich für Details der Strecke interessiert, muss sich eine App herunterladen und dann die QR-Codes im Buch scannen. Aus meiner Sicht besitzt diese Tour im Prinzip eine wunderbare Streckenführung, die aber im Detail an Schwachsinn grenzt. Warum? Weil sie einem das Leben schwer macht oder weil sich gewisse Leute offenbar daran berauschen durch unwegsames Gelände mit dem Fahrrad zu fahren. Was sie damit beweisen wollen, ist mir rätselhaft. Entweder ich entscheide mich für eine wilde Streckenführung wie in den USA und muss dann einsehen, dass das hier nicht wirklich geht, oder ich möchte Land und Leute kennenlernen.

Wenn man sich für das Letzte entscheidet, kann man sich das Leben einfacher machen und das deutsche Radwegenetz benutzen. Dann muss man auch nicht wild zelten, sondern findet überall eine Unterkunft in der Nähe. Auch eine solche Tour kann man in zwei Wochen absolvieren, sogar mit einem stinknormalen Tourenrad. Und "Abenteuer" gibt es dabei auch, denn tatsächlich sind in Brandenburg die Radwege gelegentlich unbefahrbar, weil der dortige Sand das verhindert. Deswegen ist Brandenburg noch lange keine Wüste, wie die Autorin in ihrer übertriebenen Art schreibt. Und der deutsche Norden ist auch nicht rau. Rau wird es am Polarkreis, und der ist noch weit weg vom deutschen Norden.

Ich könnte noch so manche andere Fehleinschätzung der Autorin aufführen, will es aber beim Kraftwerk Boxberg belassen. Da ziehen angeblich dunkle Wolken auf, die in Wirklichkeit Wasserdampf aus den Kühltürmen sind. Und die Tagebaue müssen nicht so bleiben wie sie jetzt sind. Einfach mal in die Lausitzer Seenlandschaft fahren, die aus gefluteten Tagebaulöchern besteht. Dort kann sich jeder ein Bild davon machen, dass man scheinbar verlorene Natur in ein Paradies verwandeln kann.

Ich weiß nicht so recht, wie ich dieses Buch bewerten soll. Eigentlich ist es schön aufbereitet, und die Tour ist von der Idee her sicher wunderschön, wenngleich der Hintergedanke dabei ein ziemlicher Quatsch ist.

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