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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.11.2025

beeindruckendes Buch

Was nicht gesagt werden kann
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David Szalay hat mit seinem Buch "Was nicht gesagt kann" zu Recht den Booker Preis 2025 gewonnen.

Der Autor beschreibt in klaren Worten das Leben vom Ungarn István ab seinem 15. Lebensjahr. Die Plattenbausiedlung, ...

David Szalay hat mit seinem Buch "Was nicht gesagt kann" zu Recht den Booker Preis 2025 gewonnen.

Der Autor beschreibt in klaren Worten das Leben vom Ungarn István ab seinem 15. Lebensjahr. Die Plattenbausiedlung, in der István mit seiner Mutter lebt, wird direkt zu Beginn äußerst stark beschrieben. Die Trostlosigkeit seines Lebens fließt förmlich durch die Seiten. Dies ändert sich, als er mit einer wesentlich älteren Nachbarin in Kontakt kommt und daraus eine Affäre entsteht. Da hatte ich kurz Bedenken, ob der Autor sich nun nur noch auf die sexuellen Praktiken dieses ungleichen Paares fokussiert, doch diese Angst war unbegründet. Sie gehörte einfach irgendwie zu István`s Entwicklung dazu.
Durch einen wirklich dummen Zufall kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Ehemann der Nachbarin, bei dem dieser verstirbt. István`s weiterer Lebenslauf scheint mit seiner Verurteilung und dem Leben im Jugendgefängnis besiegelt. Im folgenden Kapitel gibt es in der Geschichte einen Zeitsprung, wie noch einige Male in deren Verlauf.

Mich hat der Schreibstil des Autors wieder beeindruckt, die Distanz und gleichzeitige Nähe, die er damit schaffen kann, sucht seinesgleichen in der Literatur. Seine Art zu erzählen hat mich ganz nah an das Leben von István mit all seinen Höhen und Tiefen, Glücksmomenten, Schuldfragen und Einstellungen teilhaben lassen.

Veröffentlicht am 13.11.2025

Authentisch und berührend

Wir alten Hasen
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"Wir alten Hasen-Mut in bewegten Zeiten" besticht schon mit seiner sehr ansprechenden Aufmachung. Die sogenannten "alten Hasen" sind Persönlichkeiten, die mich teils schon mein ganzes Leben begleiten.

Initiator ...

"Wir alten Hasen-Mut in bewegten Zeiten" besticht schon mit seiner sehr ansprechenden Aufmachung. Die sogenannten "alten Hasen" sind Persönlichkeiten, die mich teils schon mein ganzes Leben begleiten.

Initiator war Konstantin Wecker, den ich dieses Jahr noch auf einem wunderbaren Konzertabend gesehen und vor allem gehört habe.

Mit dabei, mit tollen Gedanken und inspirierenden Ideen, die Mut machen können sind: Michaela May, Willy Astor, Nomi Baumgartl, Heribert Prantl, Gerald Hüther, Anne Devillard, Tilman Sprengler, Isolde Ohlbaum und Rainer M. Schießler. Wie schon an den Namen und deren Persönlichkeiten zu sehen, kommen alle aus unterschiedlichen Genres und Lebenswirklichkeiten.

Gerade dies macht das Buch mit seinen Geschichten so nahbar und authentisch. Trotz ihrer Kürze bleiben die einzelnen Geschichten lange im Gedächtnis, da sie einiges anstoßen und auch berühren.

Den Titel: "Wir alten Hasen" finde ich exzellent ausgewählt, wobei sich das Buch für mich besonders auch für jüngere Menschen wunderbar als Geschenk eignet und von mir ganz bestimmt zu Weihnachten an einige Menschen in meinem Umfeld verschenkt wird.

Veröffentlicht am 24.10.2025

aufrüttelnde Botschaft

Im Bann des Vaterlandes
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Mit "Im Bann des Vaterlandes" hat der Autor Kevin Riemer-Schadendorf ein beeindruckendes Buch geschrieben, welches die eigenen Gedanken ganz schön ins Kreisen bringt.

Das geschaffene Zukunftsszenario ...

Mit "Im Bann des Vaterlandes" hat der Autor Kevin Riemer-Schadendorf ein beeindruckendes Buch geschrieben, welches die eigenen Gedanken ganz schön ins Kreisen bringt.

Das geschaffene Zukunftsszenario ist so stark an der momentanen Realität angesiedelt, dass einem angst und bange werden kann. Der Protagonist Micha Rebesky, Journalist bekommt bei seiner Zeitung der Norddeutschen hautnah mit, wie sie der Journalismus durch Fakenews, KI Texte und Einflussnahme immer mehr verändert. Es wird nicht mehr über Tatsachen, sondern nur noch über den Regierungswillen berichtet. Auf einer Plattform bloggt er über seine Erfahrungen und bleibt damit nicht alleine. So bildet sich eine kleine, aber dennoch starke Widerstandsbewegung für Meinungsfreiheit und unsere Demokratie.

Dieses Buch ist so nah an der jetzigen Situation, dass es eine Pflichtlektüre werden sollte. Selbst das im Buch genannte Programm ist in Zügen heute schon zur Überwachung vorhanden, teilweise noch umstritten, aber dennoch im Einsatz.

Der Autor hat eine Geschichte geschaffen, die zeigt, wohin das heutige Verhalten der Politik und deren Gehilfen führen wird und ich denke, wir haben nicht mehr viel Zeit dem mit aller Kraft entgegenzuwirken, wenn auch noch nachfolgende Generationen die Chance haben sollen in einer Demokratie leben zu dürfen.

Ein eindringlicher Roman in einer klaren, dabei aber bewegenden Sprache und aufrüttelnder Botschaft.

Veröffentlicht am 24.10.2025

ungewöhnlich

Die Ausweichschule
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Im Jahr 2002 erschütterte der Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium das ganze Land. Der Autor Kaleb Erdmann lässt seinen Erzähler, der damals 11-jährig die Schule besuchte und evakuiert wurde, seine ...

Im Jahr 2002 erschütterte der Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium das ganze Land. Der Autor Kaleb Erdmann lässt seinen Erzähler, der damals 11-jährig die Schule besuchte und evakuiert wurde, seine Eindrücke, Gefühle und die daraus resultierenden Auswirkungen auf sein weiteres Leben verarbeiten.

Der Schreibstil war zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, konnte mich aber im Verlauf immer mehr in seinen Bann ziehen. Die geschaffene Metaebene in der Geschichte ließ mich ganz nah am Geschehen und den Gedanken sein, sodass ich teilweise das Gefühl hatte als Beobachter neben dem Autor zu stehen. Besonders als er damit began seine Erinnerungen zuzulassen, dass nicht aufgefangen werden nach dieser unbegreiflichen Tat. Zu dieser Zeit gab es genau eine ausgebildete Traumatherapeutin und so gut wie keine geschulten Polizisten, die die betroffenen Schüler in den Wochen nach dem Attentat verhörten. Dies führte in der logischen Konsequenz zu erneuten Traumatisierungen.

Mich hat die Gestaltung durch den Autor, der tatsächlich zu dieser Zeit das Gutenberg Gymnasium besuchte und Teil des Ganzen war, sehr bewegt.

Ich empfehle das Buch uneingeschränkt weiter.

Veröffentlicht am 11.10.2025

harte, sehr gute Kost

Haus zur Sonne
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Das Buch "Haus zur Sonne" des Autors Thomas Melle habe ich, als Hörbuch eingelesen von Jens Harzer, gehört.

Erzählt wird in der Ich-Perspektive, was den Protagonisten für mich sehr nahbar und authentisch ...

Das Buch "Haus zur Sonne" des Autors Thomas Melle habe ich, als Hörbuch eingelesen von Jens Harzer, gehört.

Erzählt wird in der Ich-Perspektive, was den Protagonisten für mich sehr nahbar und authentisch machte. Nach dem Erfolg seines Buches "Die Welt im Rücken" knüpft die vorliegende Erzählung kompromisslos an. Er schildert seine bipolare Störung so nachvollziehbar, dass es mir teilweise den Boden unter den Füßen wegzog und ich eine Pause benötigte. Als dem Protagonisten nach einer langen manischen Phase nichts mehr bleibt, außer der tiefe Depression, die ihn nur noch zur Beendigung seines Lebens drängt, scheint durch einen Flyer des "Haus zur Sonne" sein Wunsch in greifbare Nähe zu rücken. Eine staatliche Einrichtung für suizidale Menschen, denen dort letzte Wünsche einschließlich des Abschiedes vom Leben möglich gemacht werden sollen,

Zusätzlich zum Wunschessen gibt es Wellness-Behandlungen, doch in erster Linie arbeitet das "Haus zur Sonne" mit virtuellen Simulationen, in denen einfach alles möglich ist. Erinnerungen wieder zu erleben, sogar seinen eigenen Todeswunsch inkl. Todesart hautnah zu erfahren. Der namenlose Protagonist analysiert dort sein Leben, von dem ihm die Krankheit das meiste gestohlen hat und denkt an die vielen Menschen, einst Wegbegleiter und nun auch verloren. Mit jedem Satz und Gedanken wird die Scham, die Reue, aber auch die Verletzlichkeit und Verlorenheit, verursacht durch eine Krankheit, überdeutlich und eindringlich transportiert.

Der Sprecher unterstützt durch seinen sehr guten Lesefluss die qualvollen Gedanken außerordentlich gut.

Dieses Buch ist zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und ich wünsche dem Autor, dass er ihn diesmal bekommt.