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Veröffentlicht am 10.11.2025

Wo hört Menschsein auf?

Carnivora
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Caroline Stadsbjerg, Jahrgang 1994, hat Psychologie studiert und mit Carnivora (übersetzt von Justus Carl, erschienen bei Edition W Verlag) ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Die dänische Autorin verbindet ...

Caroline Stadsbjerg, Jahrgang 1994, hat Psychologie studiert und mit Carnivora (übersetzt von Justus Carl, erschienen bei Edition W Verlag) ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Die dänische Autorin verbindet psychologische Präzision mit dystopischer Vision und das Ergebnis ist ebenso beunruhigend wie faszinierend.

Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft, in der alle Tiere ausgestorben sind. Fleisch gibt es trotzdem, gezüchtet aus Homo cibus, einer menschenähnlichen Spezies. Hannah, Sekretärin an einer Schule, gerät durch einen charismatischen Lehrer in eine moralische Abwärtsspirale: Wo endet Menschlichkeit? Und wer entscheidet, welches Leben lebenswert ist?

Meine Meinung

Schon nach wenigen Seiten war ich völlig gefesselt und ehrlich gesagt auch verstört. Ich wollte das Buch mehrfach weglegen, konnte aber nicht. Als Veganerin hat mich diese Geschichte auf einer tiefen Ebene berührt, weil sie so klug den Spiegel vorhält: „›Homo cibus ist ein Konzept, das wir geschaffen haben, um die Menschen zu dehumanisieren, die wir essen‹“ (S. 40). Die psychologische Raffinesse zeigt sich in Hannahs zunehmender Zerrissenheit. „Ich war die Sklaventreiberin, die Vergewaltigerin, die Mörderin.“ (S. 40).

Besonders stark fand ich die Passagen, die das sogenannte „Fleischparadox“ thematisieren: Wie wir Tiere lieben und gleichzeitig verdrängen, dass unser Konsum Leid verursacht. „Unwissenheit ist eine Entscheidung.“ (S. 47),prägnanter lässt sich unsere Gegenwart kaum zusammenfassen. Der Roman stellt die unbequeme Frage: Wenn man leben kann, ohne jemanden umzubringen, warum tut man es dann nicht?

Gegen Ende hat Carnivora mich ein wenig verloren. Trotzdem hallt die Geschichte nach. Ich würde mir eine Fortsetzung wünschen, weil dieses Thema zu groß ist, um hier zu enden und das Ende für mich persönlich noch zu offen ist :D

Fazit
Ein einzigartiges Buch, wie ich es noch nie gelesen habe, kompromisslos, mutig und zutiefst verstörend. Für Leser:innen, die Dystopien mit philosophischer Tiefe und ethischer Relevanz lieben. Nichts für Zartbesaitete, aber ein Muss für alle, die bereit sind, unbequeme Fragen zu stellen.

Danke an Edition W Verlag & an netgalley.de für das Rezensionsexemplar und an Caroline Stadsbjerg für dieses Debüt, das unter die Haut geht.

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Veröffentlicht am 23.12.2025

Ein Roman, in dem man sich zu Hause fühlt

Es könnte so einfach sein
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Ein Roman über das Schreiben, die Liebe und den Mut von Frauen, die ihren Platz in der Welt suchen. Anne Handorf ist das Pseudonym von Carla Grosch und Volker Jarck, die beide in der Buchbranche tätig ...

Ein Roman über das Schreiben, die Liebe und den Mut von Frauen, die ihren Platz in der Welt suchen. Anne Handorf ist das Pseudonym von Carla Grosch und Volker Jarck, die beide in der Buchbranche tätig sind. Ihr gemeinsames Debüt entstand über 564 Kilometer Entfernung hinweg.

Worum geht’s genau?

September 2005: Noch vier Wochen bis zur Wahl der ersten Kanzlerin, und Bestsellerautorin Vera Albach will ihr letztes Buch beenden – ein Versprechen an ihren Mann Leo. In Rückblenden erfahren wir, wie sie in den 1960er-Jahren als junge Frau in einer männerdominierten Verlagswelt Fuß fasst, mit Heftromanen beginnt und sich langsam einen Namen macht. Es ist eine Geschichte über das Altern, über Liebe auf Augenhöhe und über eine Frau, die schreibt. Unbeirrt, unermüdlich, getragen von Humor, Disziplin und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst.

Meine Meinung

Dieses Buch hat mich wirklich überrascht, im allerbesten Sinn. Ich habe die Lektüre erst ein wenig vor mir hergeschoben, dann hat sie mich völlig gepackt. „Es könnte so einfach sein“ ist ein Roman, in dem man sich sofort zu Hause fühlt: warm, leise und gleichzeitig voller Leben.

Mit feinem Humor, aber auch mit melancholischen Zwischentönen, zeichnet Handorf das Bild einer Zeit, in der Frauen zwar unentbehrlich waren, aber kaum eigene Stimmen hatten. Die Rückständigkeit einer Welt, die nach dem Krieg wieder von Männern besetzt wurde, wird mit spürbarer Sanftheit, aber großer Klarheit beschrieben. Besonders stark fand ich die Szenen, in denen Vera sich gegen männliche Verleger behaupten muss: „Der Leser da draußen verlangt nicht nach Büchern von Frauen. Ende der Diskussion.“ (S. 84) Und trotzdem schreibt sie weiter, Schritt für Schritt, bis sie ihren eigenen Namen auf einem Buchcover sieht.

Die wechselnden Zeitebenen zwischen Vergangenheit und Gegenwart geben der Geschichte Tiefe und Leichtigkeit zugleich. Ich mochte, wie sich beide Zeitschienen am Ende berühren und zeigen, dass das Ringen um Selbstbestimmung nie aufhört. Themen wie Familienbande, Geschwisterbeziehungen, Freundschaft, Altern und weibliche Selbstverwirklichung verweben sich zu einem fein gezeichneten Generationenporträt.

„Frauen können, wollen und sollen alles sein dürfen, was sie sich wünschen.“ (S. 240), dieser Satz bringt die Essenz des Romans auf den Punkt. Es geht nicht um Rebellion, sondern um Gleichberechtigung im Kleinen: um Respekt, Vertrauen und das Recht, Entscheidungen zu treffen, sei es im Beruf, der Ehe oder den Wunsch nach (oder gegen) Kinder.

Der Schreibstil ist flüssig und sehr zugänglich. Besonders gefallen hat mir der liebevolle Dialogwitz zwischen Vera und Leo. Man spürt, dass hier zwei Autor:innen schreiben, die Menschen verstehen. Die Mischung aus Ernst, Leichtigkeit und Zeitkolorit erinnert an gute alte Familienromane, aber mit einem modernen, feministischen Blick.

Fazit

Ein feinfühliger, lebenskluger Roman über Frauen, die schreiben, lieben und ihren Weg gehen. Perfekt für alle, die Geschichten mit Herz, Haltung und historischem Tiefgang mögen. Wer nach lautem Feminismus sucht, wird hier eher leise überrascht, aber genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Danke an lovelybooks.de, netgalley.de und den C.Bertelsmann Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Nachhaltig auf Schiene mit Herz

Reisehandbuch Europa mit dem Zug
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Ein Buch für alle, die Europa auf Schienen entdecken und nachhaltiger reisen möchten – ob mit Interrail-Ticket, Familie oder einfach mit Fernweh im Gepäck. Autorin Cindy Ruch ist Reisejournalistin, Fotografin ...

Ein Buch für alle, die Europa auf Schienen entdecken und nachhaltiger reisen möchten – ob mit Interrail-Ticket, Familie oder einfach mit Fernweh im Gepäck. Autorin Cindy Ruch ist Reisejournalistin, Fotografin und Geschichtenerzählerin. Sie schreibt über Orte, Bücher und Begegnungen, immer mit einem Blick für das, was Reisen mit uns macht. Der Reisedepeschen Verlag, bekannt für seine hochwertigen, reflektierten Reisebücher, steht für bewusstes, langsames und nachhaltiges Reisen und das spürt man auch in diesem Band.

Worum geht’s genau?

„Europa mit dem Zug – Geheimtipps von Freunden“ ist ein Reisehandbuch für alle, die ihr nächstes Abenteuer ohne Flug planen. Die aktualisierte dritte Ausgabe führt durch 43 europäische Länder, von den Alpen bis Istanbul, vom Polarkreis bis ans Mittelmeer. Neben den schönsten Zugstrecken und Nachtverbindungen bietet das Buch wertvolle Tipps für Familien, Reisende mit Behinderungen sowie zur Mitnahme von Fahrrädern oder Haustieren. Zusätzlich gibt es 32 neue Seiten mit erweiterten Routeninfos, Karten, Hinweisen zum günstigen Buchen und sogar Buchtipps und Spotify-Playlists zu ausgewählten Zielen.

Meine Meinung

Ich muss zugeben: Bisher war ich immer etwas skeptisch, einen ganzen Urlaub nur mit der Bahn zu planen. Aber dieses Buch hat das geändert. Es ist der ideale Startpunkt, um sich inspirieren zu lassen und erste Routen zu recherchieren, ohne dabei zu überfordern. Besonders gefallen haben mir die kleinen, liebevollen Details: Die „Spotify-Reiseplaylist“, die „Buchtipps“ zu jedem Land (sogar für Liechtenstein!), und der Hinweis auf die DiscoverEU-Aktion, die junge Menschen zum Zugreisen motiviert. Genau diese Extras machen das Buch lebendig und laden zum Schmökern ein.

Das Design und Layout sind, wie bei Reisedepeschen gewohnt, ein Highlight: hochwertig, modern, klar. Das Cover konnte bei mir punkten, die Umschlaginnengestaltung, mit seinen Sternbildern, war für mich Geschmackssache. Ich persönlich hätte mir etwas im Zug-)Reise-Kontext gewünscht. Besonders gelungen finde ich, dass auch Russland und die Ukraine ihren Platz im Buch haben, ein Zeichen für Vollständigkeit und Weitblick, trotz der aktuellen Lage.

Die dargestelltem Karten passen gut ins Gesamtlayout, auch wenn sie für eine konkrete Routenplanung weniger geeignet sind. Es fehlen Maßstab und Bahnhöfe, was vor allem bei Städten wie London (mit 15+ Bahnhöfen) etwas verwirrt. Teilweise wirken auch die angegebenen Fahrzeiten uneinheitlich, hier hätte eine Erklärung zu Zugtypen (Schnellzug, Regionalbahn) und Vegetation (Flachland, Gebirge) geholfen. Trotzdem vermittelt das Buch einen sehr guten Überblick, inspiriert und motiviert, selbst auf Schienen zu reisen.

Cindy Ruchs Stil ist klar, freundlich und unaufgeregt. Sie schreibt mit einer Leidenschaft fürs Reisen, die ansteckt und gleichzeitig sensibel mit Themen wie Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Reisen mit Haustieren und Kindern umgeht. „Europa mit dem Zug“ ist definitiv kein klassischer Reiseführer, sondern ein Reisebegleiter, bei dem man merkt, wie viel persönliches Engagement, Herzblut und Seele in die Gestaltung geflossen ist.

Fazit

Ein wunderschön gestaltetes, inspirierendes Reisehandbuch für alle, die Lust auf entschleunigtes Reisen haben. Ideal für Einsteiger:innen, Familien und alle, die mehr suchen als Checklisten. Weniger geeignet für Bahnprofis, die exakte Routenpläne brauchen. Ich werde das Buch definitiv weiterempfehlen und beim nächsten Reiseplan in der Hand halten. Danke an lovelybooks und den Reisedepeschen-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 18.10.2025

Canberk Köktürks mutige Bestandsaufnahme Deutschlands

FASCHOLAND
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"Fascholand" von Canberk Köktürk, gesprochen von Raschid Daniel Sidgi, zeigt in knappen, scharfen Zügen auf, wie sehr Deutschland noch immer mit Rassismus, Rechtsruck und strukturellen Ausschlüssen ringt. ...

"Fascholand" von Canberk Köktürk, gesprochen von Raschid Daniel Sidgi, zeigt in knappen, scharfen Zügen auf, wie sehr Deutschland noch immer mit Rassismus, Rechtsruck und strukturellen Ausschlüssen ringt. Köktürk, 1990 im Ruhrgebiet als Kind einer türkischen Gastarbeiter:innenfamilie geboren, bringt aus eigener Erfahrung und mit journalistisch-investigativem Ansatz seine Analyse aufs Papier. Sidgi als Sprecher gibt der Mischung aus Ernst, Wut und Ironie eine beeindruckende Stimme.

Worum geht’s genau?

Köktürk begibt sich in Fascholand auf eine autobiographisch-investigative Spurensuche durch ein Deutschland, das Menschen mit Migrationsgeschichte zunehmend als Zwangsheimat erleben. Er verknüpft persönliche Erlebnisse mit Gesprächen mit Betroffenen, Expert:innen, mit Fakten und Zahlen, um aufzuzeigen, wie Hass und Hetze, Rechtsruck und Rassismus das Land vergiften. Ein Leitsatz zieht sich durch: „Wir sind hier immer noch in Deutschland.“ – basierend auf einem Erlebnis des Autors, ein Hinweis darauf, dass trotz aller Zugehörigkeit die Erfahrung von Ausgrenzung und Nicht-Ganzdaheimsein bestehen bleibt. Er macht deutlich: „Wo Träume wahr werden, werden auch die Albträume vieler, der ausgegrenzten, der Unterprivilegierten wahr.“ (Zitat aus dem Buch) Neben der Analyse von politischen und gesellschaftlichen Strukturen beleuchtet Köktürk die Rolle marginalisierter Gruppen, wie ökonomische Krisen als Bühne für Sündenbock-Narrative dienen, wie Sprache und Normalisierung diskriminierender Strukturen wirken, und warum der Diskurs links/mitte/rechts komplexer ist, als er oft dargestellt wird. Die Hörbuchfassung dauert ca. 7 Std 40 Min. (ungekürzte Ausgabe) und wird von Sidgi mit entsprechender Würde und Energie vorgetragen.

Meine Meinung

Ich wollte das Buch eigentlich nicht lesen (bzw. hören) – der Klappentext sprach mich iwie nicht ganz so an. Aber ich habe mich dann doch nicht zuletzt aufgrund der Empfehlung durch Julia (@chuliakaya) dazu hinreißen lassen … und zum Glück! Das Buch ist es nämlich echt wert. Es besticht vor allem durch die Herangehensweise, in der der Autor sowohl persönliche Erlebnisse aus der Vergangenheit und Gegenwart, Gespräche mit Freundinnen und Expert:innen, aber auch Fakten und Zahlen miteinander in Verbindung bringt und so eben ein sehr versiertes und differenziertes Bild von Fascholand zeichnet.

Ich bin zwar aus Österreich, aber gerade in geschichtlicher Hinsicht unterscheiden sich D und AT nicht sehr oft; im Gegenteil: Österreich ist ja oft noch konservativer unterwegs, von daher kann man vieles auch hier übertragen. Besonders spannend war für mich die Diskussion rund um Links, Mitte, Rechts – die es so nicht gibt – und warum die AfD aktuell trotz allem immer noch als demokratische Partei angesehen werden kann.
Der Sprecher des Hörbuchs ist perfekt gewählt: Er transportiert die Mischung aus Ernst, Wut und Ironie so überzeugend, dass die Inhalte noch stärker wirken.

"Fascholand" ist unbequem, anstrengend, wichtig. Es fordert volle Aufmerksamkeit und genau das macht es meiner Meinung nach so stark. Köktürk legt den Finger in die Wunde einer Gesellschaft, die sich für modern hält, aber noch immer weiße, christliche, heteronormative Normen als Maßstab setzt. Besonders freue ich mich über die gendergerechte Sprache, ein Aspekt, der für mich heutzutage nicht mehr verzichtbar ist. Und: die Form als Klageschrift ist super gewählt. Vor Gericht steht? Deutschland als Land. "Ein Meister darin zu sein, sich selbst zu verlieren und dafür Komplimente bekommen?", lautet ein provokantes Zitat, das zeigt, wie Selbstaufgabe und Anpassung von marginalisierten Gruppen häufig als Leistung gefeiert werden und wie problematisch das ist. Köktürk erinnert uns daran: „4 Jahre nach Gründung des Bundesinnenministeriums waren 40 % der Mitarbeiter:innen Nazis.“ Ein Satz, der erschüttert und zugleich nicht einfach als historische Anekdote abgetan werden darf. Und er mahnt: „Wo Träume wahr werden, werden auch die Albträume vieler, der ausgegrenzten, der Unterprivilegierten wahr.“ Das trifft ins Mark. Allerdings und das ist mein einziger wirklicher Kritikpunkt ist das Buch in der Sprache nicht immer niederschwellig. Wer sich nicht einigermaßen mit politischen Begriffen, Strukturen oder Diskursen auskennt, könnte sich stellenweise überfordert fühlen. Die Kombination aus lange Zeit erklärungsbedürftigen Begriffen, Divergenzen und persönlichen Erfahrungsberichten fordert.

Fazit

"Fascholand" ist eine kraftvolle und brennend relevante Hörbuch-Erfahrung, die wirksam aufrüttelt und zum Denken bringt. Ich empfehle es allen. Punkt. Denn die Themen Rassismus, Identität, gesellschaftlicher Normierung und Machtstrukturen gehen uns alle an, nicht nru diejenigen, die sich tagtäglich schon unfreiwillig damit auseinandersetzen müssen.

Ich danke herzlich Netgalley Deutschland und dem Hörbuch Hamburg Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Schmerzhaft, eindringlich und von großer literarischer Kraft

ë
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Ein stilles, sprachmächtiges Buch über Krieg, Flucht, Sprachverlust und die Suche nach Identität. Jehona Kicaj, 1991 im Kosovo geboren und in Göttingen aufgewachsen, studierte Philosophie, Germanistik ...

Ein stilles, sprachmächtiges Buch über Krieg, Flucht, Sprachverlust und die Suche nach Identität. Jehona Kicaj, 1991 im Kosovo geboren und in Göttingen aufgewachsen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Neben wissenschaftlichen Publikationen schreibt sie seit 2020 literarische Texte. Mit "ë", das es völlig zurecht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025 geschafft hat, legt sie ihr beeindruckendes Romandebüt vor.

Worum geht’s genau?

Die Erzählerin wächst als Kind kosovarischer Geflüchteter in Deutschland auf. Sie erlebt Kindergarten, Schule und Universität, doch immer wieder stößt sie auf Zuschreibungen, Vorurteile und Ignoranz. Während der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre tobt, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung & doch ist er in der Diaspora allgegenwärtig. Kicaj erzählt von Völkermord, Exil, Migration und Identität, von einer Vergangenheit, die nicht vergeht, weil sie in Körpern, Erinnerungen und Sprache eingeschrieben bleibt. Der Titel „ë“ steht dabei sinnbildlich für ein sprachliches Zeichen, das zwar kaum hörbar ist, aber unverzichtbar, ein Bild für die Suche nach Stimme und Zugehörigkeit.

Meine Meinung

Mit 176 Seiten ist "ë" ein recht schmales Buch, das sich dennoch wie ein Schwergewicht anfühlt. Ich habe aber selten ein Buch gelesen, das so sensible Themen wie Krieg, Flucht, Sprachlosigkeit und die Nachwirkungen von Trauma auf so eindringliche und zugleich leise Weise vermittelt. „Ich habe die Wörter zu lange gefangen gehalten, und jetzt ist es zu spät.“ (S.8). Dieser Satz bringt eines der Kernthemen des Buches – Sprachlosigkeit – auf den Punkt und hat mich von Beginn an mitten hineingezogen in die Zerrissenheit der Protagonistin zwischen Sprachverlust und Sprachsuche.

Kicaj schildert realistisch und eindrücklich ihre Kindheitserfahrungen in der Diaspora in Deutschland: den subtilen Rassismus in Schule und Universität, die Momente der Ausgrenzung, aber auch das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben. „Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ (S.11). Dieser Satz bündelt das ganze Dilemma der Erzählerin & macht klar, dass Identität immer auch ein Ort der Verletzung ist.

Sehr stark wirken auch die kollektiven Erinnerungen, die in die Erzählung fließen: da sind verschwundene Familienmitglieder, traumatisierte Eltern, die Angst, dass die Kinder ihre Kultur vergessen könnten. Für mich persönlich ist "ë" ein bemerkenswertes Debüt, das mit fast minimalistischen Mitteln eine enorme emotionale Wucht entfaltet. Die Sprache ist sachlich, fast nüchtern, nie belehrend, aber immer präzise und eindringlich. Dieser fast dokumentarische Ton macht den Schmerz und die Entwurzelung spürbar. Und dazwischen aber immer auch wieder poetische Momente.

Mich hat das Buch wahnsinnig bewegt. Auch, weil es Themen sichtbar macht, die in Deutschland oft ignoriert werden. Es erzählt nicht nur von einer individuellen Erfahrung, sondern von kollektiver Erinnerung, Verlust und Zugehörigkeit. Aufwachsen in der Diaspora, zwischen Ignoranz, Zuschreibungen und Assimilation, ist hier nicht nur ein biografisches Motiv, sondern ein politisches.

Fazit

"ë" ist ein Roman, der sich lohnt für alle, die Literatur nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Verstehen begreifen. Er ist schmerzhaft, leise und zugleich von großer sprachlicher Schönheit. Für Menschen, die sich für Themen wie Exil, Migration, Identität und Erinnerung interessieren, ist er eine klare Empfehlung. Dieses Buch fordert und hallt lange nach. Herzlichen Dank an NetGalley.de und den Wallstein Verlag für das Rezensionsexemplar.

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