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Veröffentlicht am 29.10.2025

Island im Drogensumpf

Gift
1

Nordic Noir vom Feinsten – so habe ich von SCHMERZ, dem ersten Fall für Dora und Rado, geschwärmt. Und nun ist es GIFT, das ich gerade zur Seite gelegt habe. Auch dieser zweite Fall für die beiden Ermittler ...

Nordic Noir vom Feinsten – so habe ich von SCHMERZ, dem ersten Fall für Dora und Rado, geschwärmt. Und nun ist es GIFT, das ich gerade zur Seite gelegt habe. Auch dieser zweite Fall für die beiden Ermittler bei der Kriminalpolizei Reykjavik hat es in sich.

Dora wurde bei einem früheren Einsatz angeschossen, seitdem funktioniert ihr Gehirn anders als zuvor. Sie spürt intensiver, ein stechender Schmerz in ihrem Kopf, hinter dem Glasauge, verschwindet nie ganz. Sie kämpft mit Bewusstseinsstörungen, hat surreale Wachträume… um von den Schmerzmitteln loszukommen, holt sie sich Hilfe. Seit zwei Monaten ist sie wieder im Dienst, hat aber keine besonders stressigen Fälle. Was sich bald ändern wird.

Rado ist zur Rauschgiftabteilung gewechselt, er leitet sein Team, das großteils selbständig arbeitet, was für ihn gut passt, da er sich das Sorgerecht für seinen Sohn Jurek mit seiner Ex-Frau teilt.

Joel, ein junger Sanitäter, findet in einer Raumkapsel, die als Kulisse auf dem Filmgelände steht, ein wenig Privatsphäre. Ein Fehler, wie sich bald darauf herausstellt, denn er ist eingeschlossen. Seine Leiche wird entdeckt, furchtbar zugerichtet. An anderer Stelle ist es ein umgekippter LKW am Straßenrand, der eine lange, rote Spur hinter sich hergezogen hat. Aus Kanistern, teilweise explodiert, fließt ebenfalls diese rote Flüssigkeit, der Fahrer liegt tot daneben. Dora ist an der Unfallstelle, sie sieht eine Motorradstreife, beide Polizisten scheinen eineiige Zwillinge zu sein. Später dann ist sich Dora nicht mehr sicher, sie wirklich gesehen zu haben.

Elliði, Dora und Rados ehemaliger Chef, hat eine persönliche Verbindung zu einem dieser Fälle. Er ist zu nah dran, also schließen sich Dora und Rado zusammen. Es gibt weitere Todesfälle, ihre Ermittlungen führen sie tief hinein in den Drogenhandel, in den Drogensumpf, in den Missbrauch von Betäubungsmitteln. Bei den Opfern wurde ein Stoff gefunden, der selbst in kleinen Dosen tödlich ist.

Jón Atli Jónasson hat ein etwas anderes Ermittlerduo erschaffen. Sie sind vielschichtige, sehr individuelle Persönlichkeiten, sie haben es mit hochkriminellen Machenschaften zu tun, bei denen nicht lange gefackelt wird. Die Story um ein tödliches, sich weit verbreitendes Gift ist mitreißend erzählt, die immer mal wieder durchschimmernden privaten Momente passen sich perfekt dem Geschehen an.

GIFT steht dem Vorgängerband in nichts nach, es ist hart, rau und düster, es ist brutal und voller Gewalt. Jón Atli Jónassons Reihe um das Ermittlerduo Dora und Rado hat Suchtpotenzial - spannend und düster bis zum Ende. Und nun hoffe ich sehr, dass die Reihe weitergeht, ich wäre sofort wieder dabei.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Mr. Saitos magisches Wanderkino

Mr. Saitos reisendes Kino
1

Diese Lebens-, diese Liebesgeschichte in sieben Wellen beginnt im Jahre 1910 mit einem Schuhkarton. Es ist Fabiolas Geburt. Sie wächst heran bei den Nonnen und entdeckt bald ihre Leidenschaft für den Tango. ...

Diese Lebens-, diese Liebesgeschichte in sieben Wellen beginnt im Jahre 1910 mit einem Schuhkarton. Es ist Fabiolas Geburt. Sie wächst heran bei den Nonnen und entdeckt bald ihre Leidenschaft für den Tango. Litas Zeugung dann findet – wie sollte es bei Fabiola anders sein - auf einer Tanzfläche statt. Fabiola ist noch blutjung, als ihre kleine Carmelita das Licht der Welt erblickt, es ist das Jahr 1927. Sie ist Schuhverkäuferin mit Leib und Seele, bei den Nonnen jedoch will sie nicht bleiben und so treibt die zweite Welle sie und ihre Lita auf eine kleine Insel. Auf Upper Puffin gibt es nicht viel, Fabiola will bald wieder weg und doch bleiben sie Jahr für Jahr, bis eines Tages Mr. Saito mit seinem blauen Koffer ankommt, von den Insulanern schon sehnsüchtig erwartet. Lita staunt, als sie zum ersten Mal bewegte Bilder sieht. Sie erschrickt über eine wütende Bisonherde, die auf sie zurast, rennt vor herannahenden Lokomotiven davon und ist ratlos, wo sich in dem weißen Stück Leinen, das an der Wand hängt, all diese Dinge verstecken.

„Mr. Saitos reisendes Kino“ bietet so viel mehr als „nur“ bewegte Bilder, Filme und Wochenschauen, in den so einiges an Zeitgeschichtlichem mit einfließt, in denen etwa der kleine wütende Mann zu sehen ist, der in Polen einmarschiert ist oder auch König Edward, der wegen der amerikanischen Champagnerdame abgedankt hat.

Lita und Fabiola bewohnen im Betlehem ein Zimmer und vor allem für Lita ist Upper Puffin nicht abgelegen, sie will unbedingt hier bleiben. Hier hat sie ihre gehörlose Freundin Oona gefunden, der Tierarzt versorgt die gesamten Inselbewohner ganz selbstverständlich mit und auch wenn Fabiola das Reisefieber packt, so muss sie auf ihr an allen möglichen Krankheiten leidenden Kind, was ihr der Tierarzt mit allem gebührenden Ernst bestätigt, Rücksicht nehmen. Lita kennt ihren Vater nicht und so erträumt sie sich ihn, den großen Bugatti. Ihr Sammelalbum ist voller fantasievollen „Erinnerungen“.

Annete Bjergfeldts Inspiration zu diesem so wunderbaren Roman war tatsächlich ein Schuhkarton, in dem einst die Urgroßmutter eines Freundes, als Frühchen geboren, ihre ersten Tage neben dem warmen Herd überlebt hat.

Eine wunderbare Reise ist zu Ende, Carlo Gardels Tango Valencio hallt noch lange nach und Mr. Saito hat mit seinem reisenden Kino ihrer aller Leben für immer verändert. Es ist ein warmherziger Roman über den Zusammenhalt und die erste Liebe, über Trennungen und sich neu verlieben, über lebenslange Freundschaften und über noch so vieles mehr. Es sind intensive Momente und auch solche, die verletzend sind, es ist komisch und lustig mit liebenswerten Menschen, die Geschichte macht nachdenklich und bleibt wie die Tattoos, die Maggie, die mit ihrer Familie das Betlehem betreibt, eines Tages auch Lita sticht.

„Mr. Saitos reisendes Kino“ ist ein wunderbarer, ein so lesenswerter Roman, eine kluge Geschichte auf Mr. Saitos Spuren, die ich nicht missen möchte.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Die Geschichte der Angelika Moser, garniert mit Wiener Schmäh

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
1

Der Prolog verrät gleich mal, was Angelika Moser sich hat zuschulden kommen lassen. Sie ist im Grand Hotel Frohner Buchhalterin und wie es der Zufall so will, rettet sie den Hoteldirektor aus einer für ...

Der Prolog verrät gleich mal, was Angelika Moser sich hat zuschulden kommen lassen. Sie ist im Grand Hotel Frohner Buchhalterin und wie es der Zufall so will, rettet sie den Hoteldirektor aus einer für ihn ziemlich misslichen Lage. Ob er sie deswegen um einen Gefallen bittet, der für sie weitreichende Folgen haben wird? Wir wissen es nicht. Fest steht jedoch, dass sie bald eine wertvolle Mitarbeiterin ist, die sich um alles kümmert, die über alles Bescheid weiß.

Zunächst erleben wir sie mit ihrer besten Freundin Ingi, wie sie die Nacht zum Tage machen. Wir sind im Wien der 1980er Jahre, die beiden jungen Frauen lassen es ganz schön krachen, auch sind sie den männlichen Wesen nicht abgeneigt und als dann Angelika im Frohner den Praktikanten Eugen zugewiesen bekommt, sind sie sich bald sehr vertraut. Er zieht weiter gen New York, sie bleibt.

Es ist mein erstes Buch von Vea Kaiser, deren Hauptakteurin sich nimmt, was ihr vermeintlich zusteht. Das ist die eine Seite der Angelika Moser, die vaterlos in einem Wiener Gemeindebau aufgewachsen ist, deren Mutter seit jeher Hausbesorgerin war und die nun zunehmend Aussetzer hat. Sie ist andererseits immer diejenige, an die sich alle hängen, die fordern, sogar wildfremde Leute wollen sich in ihr Leben schleichen und in das ihres Sohnes, den sie nach ihrem Gusto formen wollen. Hier erlebe ich eine sehr erwachsene, verantwortungsvolle starke Frau und Mutter, die sich nicht kaufen lässt.

Das Buch präsentiert ihre Heldin in Akt I bis III. Angelika etwa als Partymaus, garniert mit Ingis Drogenexzessen und selbstredend sind es auch die Männer, die ihr Leben versüßen – aber beileibe nicht immer. Eher ist sie es, die diese schon auch schrägen Typen umsorgt. Der Berti wäre einer gewesen, aber der war dann doch zu bieder, da schon lieber Freddy. Der hat´s so richtig drauf - als Musiker und auch sonst, wobei er sein Talent regelrecht verschleudert und sich an Angelika dranhängt - was das monetäre mit einschließt, da kennt der Freddy nix. Dazwischen gab es noch so einige Mängelexemplare und als dann Angelika Mutter wird, erkennt der Erzeuger die Vaterschaft an. Mehr noch, er freut sich, letztendlich aber hat Angelika nun zwei Kinder, die sie zu versorgen hat.

„Fabula Rasa“ kommt rasant daher, garniert mit Witz und Wiener Schmäh, der von so manch Filou erzählt, das sehr kleine Wienerisch-Wörterbuch am Ende des Buches erklärt die Begriffe, was bisweilen hilfreich ist. Zwischendurch sind es die Unterhaltungen in der Josefstadt, die den Besuch in der Justizvollzugsanstalt in Etappen wiedergeben. Vea Kaiser nimmt ihre Leser mit ins Wien der einfachen Leute, in die Beisl und Würstlstände, in die Kaffeehäuser und auch in die Wiener Staatsoper zum Wiener Opernball. All das wird mit einer Leichtigkeit erzählt, wobei die Themen Betrug, Demenz, Drogenmissbrauch und all die zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten es beileibe nicht sind.

Angelika Mosers Geschichte ist die einer starken Frau, aber auch die einer Betrügerin. Eine unterhaltsame Geschichte, die ich gerne gelesen habe, dessen Ausgang mir besonders gut gefällt.

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Veröffentlicht am 23.10.2025

Behutsam erzählt

Dius
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„Ich möchte Ihr Freund sein, platzte es aus ihm heraus. Er wurde knallrot und verstummte.“ Das Bild, das ich nach diesem ersten Satz von Dius habe, wird dem, was kommt, wie sich die Freundschaft zwischen ...

„Ich möchte Ihr Freund sein, platzte es aus ihm heraus. Er wurde knallrot und verstummte.“ Das Bild, das ich nach diesem ersten Satz von Dius habe, wird dem, was kommt, wie sich die Freundschaft zwischen ihm und Anton entwickelt, nicht gerecht. Egidius De Blaeser, wie er mit vollem Namen heißt, ist ein begabter Kunststudent, der alle Konventionen über Bord wirft, als er bei Anton klingelt.

Die Freundschaft, die bald entsteht, ändert sich in Abhängigkeit. Der ältere der beiden fährt zunächst ungern in das Dorfhaus seines jungen Freundes, bald aber weiß er die Ruhe zu schätzen, die ihm dieses Gemäuer bietet. Noch ist Anton verheiratet mit Nouka, sie leben in ihrer Stadtwohnung, an den Wochenenden packt er immer öfter seine Bücher, seine Hefte und Notizen ein, es zieht ihn hinaus aufs Land, er schätzt die stillen Nachmittage und die langen Spaziergänge. Ihr bisheriges Leben, das von Dius und Anton, ändert sich komplett, sie verlieren sich irgendwann aus den Augen, bis sie sich sehr viel später wieder begegnen.

Es ist ein leiser Roman, untermalt von klassischer Musik. Der Autor verrät zu guter Letzt, in welch außergewöhnlicher Umgebung DIUS entstanden ist und wie diese ihre Spuren hinterlassen hat. Er erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft, von ihrer tiefen Verbundenheit und von den Jahren danach, von ihren Liebschaften, von schönen und von schmerzhaften Zeiten. Viele Gefühle sind im Spiel, dem Unverständnis folgen Wut und Entrüstung über die sich einschleichenden Lügen, gefolgt von Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit, nach der verlorenen Zeit.

Mich hat diese Geschichte nicht mehr losgelassen, habe dem soeben Gelesenen noch lange nachgespürt - dieser so ungewöhnlichen Freundschaft, die zwischendrin so einiges offenbart. „Vieles von dem, was wir in anderen Menschen zu erkennen glauben, ist nur der Widerschein unserer Vorurteile.“ DIUS ist ein Roman, der noch lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Top!

Lügennebel
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Die beiden Freundinnen Hanna und Fanny sind spät dran. Kaum sitzen sie im Zug, fährt er schon los. Neun Stunden Fahrt liegen vor ihnen, ihr Ziel ist das schwedische Bergdorf Åre, sie freuen sich auf ihre ...

Die beiden Freundinnen Hanna und Fanny sind spät dran. Kaum sitzen sie im Zug, fährt er schon los. Neun Stunden Fahrt liegen vor ihnen, ihr Ziel ist das schwedische Bergdorf Åre, sie freuen sich auf ihre Skiferien, wohnen werden sie in der Luxushütte von Willes Eltern. Außer ihm sind noch seine Kumpel Amir, Pontus und Emil mit dabei.

It´s Partytime! Nicht nur der Alkohol fließt in Strömen, auch Drogen gehören dazu. Bald jedoch endet ihre Feierlaune, denn eines Morgens liegt eine junge Frau tot im Schnee. Ein Fall für die Ermittler Hanna Ahlander und Daniel Lindskog.

Viveca Sten entwirft ein Szenario, das frostiger nicht sein kann. Zunächst gewährt sie einen tiefen Blick in Hannas Privatleben und auch bei Daniel ist ne Menge los. Unterstützt werden die beiden von ihrem Kollegen Anton und auch über ihn gibt es so einiges zu berichten. In erster Line aber gilt es, den Tod der jungen Frau aufzuklären.

Es herrschen permanent um die Minus zwanzig Grad. Schon allein dieser Umstand zeugt von frostigen Temperaturen, die nun auch im übertragenen Sinne im gut geheizten Ferienhaus herrschen. Jeder macht sich verdächtig, auch untereinander beäugen sie sich zunehmend kritisch. Eine Nachbarsfamilie wird befragt, so auch der für die Hütte zuständige Hausmeister. So lange die Ermittlungen andauern, können sie nicht abreisen, der Ton wird aggressiver, das Vertrauen schwindet.

Dieser Lügennebel lässt mich nicht los, schon die ersten Seiten ziehen mich unweigerlich ins Buch, fesseln mich regelrecht ins Geschehen, das durchgehend dramatisch und düster ist. Dieser eine Todesfall, der sich als nicht natürlich herausstellt, ist beileibe nicht der einzige Vorfall, es wird zunehmend unheimlich. Den Charakteren kann ich nichts abgewinnen, allesamt sind sie mir suspekt. Wobei ich eine Person davon ausnehmen möchte, aber wer weiß…

Viveca Sten versteht es, ein Szenario zu erschaffen, das voller Misstrauen ist, Fährten zu setzen, die ins Nichts führen. Man will in diesem Haus nicht sein. Und auch nicht draußen. Nicht alleine und in dieser Gruppe schon gar nicht, man möchte nur weg. Selbst die Auflösung ist nochmals voller Dramatik, es bleibt nervenaufreibend bis zum Schluss. Und erst dann kann man das Buch zuklappen und das soeben Gelesene Revue passieren lassen.

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