Glaub nicht alles, was erzählt wird
HEN NA IE - Das seltsame HausUketsu ist spätestens seit Hen Na E – Seltsame Bilder kein Unbekannter mehr in der deutschsprachigen Buchszene. Mit Hen Na Ie – Das seltsame Haus liegt nun auch sein Erstlingswerk in deutscher Übersetzung ...
Uketsu ist spätestens seit Hen Na E – Seltsame Bilder kein Unbekannter mehr in der deutschsprachigen Buchszene. Mit Hen Na Ie – Das seltsame Haus liegt nun auch sein Erstlingswerk in deutscher Übersetzung vor – basierend auf seiner Manga-Reihe The Strange House. Der Erfolg von Hen Na E machte es möglich, dass dieses frühere, experimentelle Werk nun einem größeren Publikum zugänglich ist.
Uketsu verfolgt mit seinen Büchern ein klares Ziel: Er möchte junge Menschen zum Lesen bringen, die sonst selten zu einem Buch greifen. Das merkt man Hen Na Ie deutlich an. Der Stil ist nüchtern, beinahe protokollarisch. Das Buch besteht überwiegend aus Dialogen und Hausgrundrissen; Beschreibungen von Emotionen oder Umgebungen fehlen fast völlig. Diese bewusste Reduktion erzeugt eine eigentümliche Distanz – und genau daraus bezieht der Text seinen Reiz. Das Ergebnis erinnert an eine Mischung aus Drehbuch, Theaterstück und True-Crime-Protokoll.
Inhaltlich begleiten wir zwei Personen, die sich immer tiefer in Theorien über ein mysteriöses Haus und seine Bewohner verstricken. Nach und nach treffen sie Menschen, die in Verbindung zur Familie stehen – doch das titelgebende Haus bleibt unerreicht und ein Rätsel bis zuletzt.
Hen Na Ie ist kein klassisches literarisches Meisterwerk, doch das war auch nie Uketsus Anspruch. Vielmehr gelingt es ihm, den unbegreiflichen Horror der Realität in eine ungewöhnliche, fesselnde Form zu bringen. Gegen Ende wird die Geschichte allerdings zunehmend wirr: Die Handlung schlägt plötzlich eine ganz andere Richtung ein, ohne dass zuvor klare Fährten gelegt wurden. Statt eines überzeugenden Plot Twists wirkt es, als hätte Uketsu während des Schreibens die Richtung geändert – vielleicht absichtlich, für mich jedoch zu wenig durchdacht.
Das Buch ist klar experimenteller Natur – das wird einige Leser faszinieren, andere irritieren. Wer Freude an spekulativen Theorien, realistisch wirkendem Horror und True-Crime-Anklängen hat, wird hier auf seine Kosten kommen. Für Fans von Hen Na E lohnt sich die Lektüre ohnehin: Hen Na Ie ist stringenter konstruiert, grotesker in seinen Bildern und trägt denselben eigenwilligen Charme in sich.
Mir persönlich gefiel Hen Na E besser, da man dort eine deutliche Weiterentwicklung des Autors spürt. Obwohl das Ende durch das Nachwort an Tiefe gewinnt, hätte ich mir ein stärkeres Spiel mit den anfänglich gestreuten Hinweisen und ambivalenter gezeichnete Figuren gewünscht. So bleibt ein mulmiges Gefühl zurück, doch man taucht nie ganz in den Fall ein. Vielleicht war genau das Uketsus Absicht: Am Ende beginnt man selbst zu spekulieren – ganz wie die Figuren im Buch. Und schon ändert sich der Fokus: War man zuvor nicht tief in der Geschichte, so wirkt sie nach.
Einige Tage nach der Lektüre fiel mir noch eine gesellschaftskritische Subebene auf, die das Werk rückblickend aufwertet. Ohne zu spoilern, möchte ich mit ein paar Fragen schließen: Wer hat schon einmal eine Geschichte geglaubt, ohne Beweise dafür zu haben? Welche Folgen hatte das – für dich oder für andere? Und wird eine Geschichte wahrer, je mehr Menschen sie glauben?
Eines steht fest: Hen Na Ie wird die Meinungen spalten. Auch in meiner Leserunde entspann sich eine rege Diskussion darüber, wie dieses Buch überhaupt zu werten sei – und genau das macht seinen Reiz aus. Ich selbst schwankte während des Lesens und auch danach in meiner Bewertung. Normalerweise kann ich mich klarer festlegen, doch hier hatte ich das Gefühl, ich könnte ebenso gut eine 2-Sterne- wie eine 5-Sterne-Rezension schreiben – je nachdem, worauf ich den Fokus lege.
Da das Buch nicht nur Diskussionsstoff bietet, sondern auch lange nachhallt und mich nachhaltig irritiert hat – etwas, das mir selten passiert –, entscheide ich mich für 3,5 Sterne, aufgerundet auf 4.