"Niemand hat sich für sie interessiert"
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104Nach dem letzten Weltkrieg gab es riesige Fluchtbewegungen aus den sogenannten deutschen Ostgebieten nach Westen. Dabei wurden Familien auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern oder Geschwistern getrennt. ...
Nach dem letzten Weltkrieg gab es riesige Fluchtbewegungen aus den sogenannten deutschen Ostgebieten nach Westen. Dabei wurden Familien auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern oder Geschwistern getrennt. Sie kamen dann später in Kinderheime, oft mit christlicher Ausrichtung. Inzwischen weiß man, dass diese Heime ein Ort des Schreckens waren, in denen die kirchliche Heuchelei zur Hochform auflief.
Die Kinder wurden körperlich und seelisch schwer misshandelt. Wenn man sich darüber informieren will, was christliche Nächstenliebe so alles hervorbringt, dann findet man dazu inzwischen ausreichend Literatur. Die Kirchen gehen auch hier mit ihrer üblichen Strategie vor. Zugegeben wird nur, was man eh schon herausgefunden hat. Wer hingegen konkret nachvollziehbare, wenn auch fiktive Schicksale braucht, um für sich die Dimensionen dieser Auswüchse zu verstehen, sollte dieses Buch lesen.
Es erzählt die Lebensgeschichte von Magret und Hardy, die sich in einem solchen Heim trafen. Hardy war wenige Jahre jünger als Magret, sprach nicht und nässte sich ständig ein. Als Magret eher durch einen Zufall bemerkte, dass Hardy nicht schwachsinnig war, sondern durchaus sprechen und klar denken konnte, kümmerte sie sich um ihn. Das endete, als Magret von einer Tante aus dem Heim geholt wurde. Damit allerdings verschärfte sich ihr Schicksal noch mehr, denn statt Prügel und anderer damals üblicher Strafen, kam sie nun unter die Fuchtel ihres Onkels, der Gefallen an der Minderjährigen fand. Geglaubt wurde ihr nicht, im Gegenteil: Schuld an ihrem Missbrauch war sie selbst. Sie war fortan eine Gefallene, wie das damals hieß.
Hardys Schicksal ging in eine andere Richtung. Er wurde Versuchskaninchen für eine heute noch existierende Pharmafirma. In dieser seltsamen Einrichtung fand Magret ihn wieder und flüchtete dann mit ihm. Sie mussten sich lange irgendwie durchschlagen, heirateten später und bekamen eine Tochter, eine Enkelin und eine Urenkelin, die später bei ihnen einzog, weil ihre Mutter nicht in der Lage war, sich um das Kind zu kümmern.
Wie sich schwere traumatische Kindheitserlebnisse auf die eigene Entwicklung auswirken und wie sie sich über Generationen fortzupflanzen scheinen, bestimmt den Inhalt des Buches. Daneben erzählt die Autorin auch ein wenig Zeitgeschichte. Viele Leser reagieren zu Recht sehr emotional auf dieses Buch. Es gelingt der Autorin also hervorragend ihre Leserschaft mitzunehmen. Dafür kann man sie nur loben.
Wenn man die Dinge aber ein wenig nüchterner betrachtet, dann besitzt dieses Buch im Angesicht seines Themas aber auch Schwächen. Stark ist es bei der Beschreibung der Misshandlungen, schwach dagegen bei der Beschreibung der Folgen. Bei Hardy gelingt der Autorin das noch am besten, bei Magret schon weniger. Warum sich ihre psychotischen Anfälle ausgerechnet im Alter verstärken, bleibt rätselhaft. Die größte Schwäche aber besteht aus meiner Sicht im Überspringen von zwei Generationen. Das Verhalten der Tochter der beiden und ihrer Enkeltochter wird kaum beschrieben. In diesem Sinne bleibt vieles unerklärt und flach.
Große Literatur ist das Buch nicht, weil es zu oft in eine Art seichter Unterhaltung verfällt, die man nur nicht so wahrnimmt, weil man mit dem Schicksal von Hardy und Magret beschäftigt ist, das von Anfang an tief berührt.
Was das Buch aber in jedem Fall bewirkt, ist eine andere Sicht auf die viel beschworene christliche Nächstenliebe und das Wirken der Kirche in der Nachkriegszeit.
Unabhängig vom Inhalt des Buches müsste ich es eigentlich deutlich abwerten, denn schon beim ersten Durchblättern fielen mir einige Seiten entgegen. Eine solch schlechte Bindung habe ich noch nie erlebt. Ich verkneife mir eine solche Abwertung, denn das hat der Inhalt nicht verdient.