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Veröffentlicht am 09.11.2025

Ein Must Read für Fans von gruseligen und literarischen Stories

Grelles Licht für darke Leute
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Seit ich den Roman „Unser Teil der Nacht“ von Mariana Enriquez gelesen hatte, der mich wirklich sehr gefesselt und begeistert hatte, bin ich auf neues Material der argentinischen Schriftstellerin gespannt.
Natürlich ...

Seit ich den Roman „Unser Teil der Nacht“ von Mariana Enriquez gelesen hatte, der mich wirklich sehr gefesselt und begeistert hatte, bin ich auf neues Material der argentinischen Schriftstellerin gespannt.
Natürlich hatte ich auf einen neuen Roman gehofft, aber ihre neuen Stories wollte ich selbstverständlich auch lesen.

In dem Band „Grelles Lichte für darke Leute“ (was ist das für ein cooler Titel bitte?) findest du 12 ziemlich spannende und gruselige Geschichten, die jetzt genau perfekt zur Spooky Season passen.
Und wenn ich sage gruselig, dann meine ich hier wirklich gruselig und das nicht nur im metaphorischen und subtilen Sinn. Enriquez verwendet, wie in „Unser Teil der Nacht“ l, phantastische und übersinnliche Horrorelemente, die ich fast schon als klassisch bezeichnen möchte.
Vor allem sichtbare und unsichtbare Geister finden sich fast in jeder Geschichte. Wenn ich jetzt interpretieren würde, würde ich sagen, dass Enriquez die Geister sich als Stellvertreter*innen unserer Ängste manifestieren lässt. Es sind in ihren Stories immer Frauen und queere Menschen, die diesen Bedrohungen und dem Horror ausgesetzt sind und aus deren Perspektive erzählt wird.

Aber du musst eigentlich gar nicht so viel zwischen den Zeilen lesen. Mir machen die Geschichten auch ohne Tiefenanalyse ihrer Aussage im wahrsten Sinne unheimlich viel Spaß. Besonders gefiel mir wegen seiner poetischen Qualität „Die Vögel der Nacht“, das mit dem Vorsatz „Unter dem Einfluss von Mildred Burton“ gelabelt ist und tatsächlich mit seinen surrealen Bildern an die WerkeWErke der argentinischen Künstlerin erinnert.
Aber auch der handfestere und robuste Grusel in den Geschichten wie „Der Friedhof der Kühlschränke“ oder „Schwarze Augen“ liefern, gefällt mir einfach sehr.

Und trotz des handfesten Grusels schreibt Enriquez immer mit literarischem Niveau, was ihre Texte, wie ich finde, so besonders macht.

„Ich weiß, was er fühlte. Ich stieg nicht aus, weil ich es auch fühlte. Genau so stellte ich mir Strahlung vor. Leise und krebserregend, alles im Inneren zerstörend, die Vibrationen unhörbar für einen Menschen.“

Von den Sammlungen aus Erzählungen und Stories ist „Grelles Licht für darke Leute“ für mich ganz vorne mit dabei und wenn du gruseligen Kurzgeschichten nicht abgeneigt bist, dann sind die Stories von Enriquez fast ein Must Read für dich.

Trotzdem hoffe ich natürlich, dass Mariana Enriquez als nächstes vielleicht einen Roman veröffentlichen wird, der dann auch ins Deutsche übersetzt wird.

Vielen lieben Dank an die @sfischerverlage für das gewünschte Rezensionsexemplar! Danke und viel Erfolg an @marianaenriquez für die deutsche Ausgabe ihrer Stories.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Große Begeisterung für diesen intensiven und gehaltvollen Text

Mammut
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Ich liebe, liebe, liebe Aussteiger*innengeschichten! Also Geschichten von Menschen, die von ihrem Leben die Nase voll haben, meistens auch vom Leben in der Stadt, und dann aus allem ausbrechen. Oft ziehen ...

Ich liebe, liebe, liebe Aussteiger*innengeschichten! Also Geschichten von Menschen, die von ihrem Leben die Nase voll haben, meistens auch vom Leben in der Stadt, und dann aus allem ausbrechen. Oft ziehen diese Menschen dann aufs Land. Aber ob dort dann alles so rosig und idyllisch ist, ob sie dort im Einklang mit der Natur leben können und sie ihr wahres Selbst finden, hängt von der Art des Romans und der Geschichte ab.

Allein schon deswegen ist „Mammut“ von Eva Baltasar, die als eine der wichtigsten Stimmen der katalanischen Gegenwartsliteratur gilt, ein perfektes Match für mich.

Darin kehrt die Ich-Erzählerin, eine Frau geschätzt um die 30, der Stadt den Rücken, nachdem ihre Versuche, schwanger zu werden, fehlgeschlagen sind. Die Erzählerin sieht gerade gar keine Richtung, die sie mit ihrem Leben einschlagen will. Ihre Arbeit an der Universität ist prekär und wenig erfolgsversprechend, ihre eigene wissenschaftliche Arbeit scheint ihr sinnlos und nicht zielgerichtet.
Einen Partner hat sie nicht, was auch ihre Versuche, schwanger zu werden, erschwert hat.
Nachdem sie sich eine Weile in ländlichen Regionen umgesehen hat, mietet sie schließlich einen alten, abgelegenen und verfallenen Hof bar jeglicher Annehmlichkeiten wie warmes Wasser oder Strom.
Sie beginnt mit harter körperlicher Arbeit, den Hof wieder bewohnbar zu machen.

„Mir gefällt dieser Zwang, mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Dass die Notwendigkeit einer Wanne banale Gedanken vertreibt.“

Mir gefallen diese Beschreibungen, wie die Erzählerin pragmatisch ihre Vorhaben umsetzt, unglaublich gut. Hier ist keine Spur von Landidylle und knisterndem Lagerfeuer, sondern das Holz muss erst besorgt und mühsam gespalten werden, bevor es für den Winter eingelagert wird. Das Geld ist knapp und so muss sich die Erzählerin auch immer wieder überlegen, wie sie ihre Finanzen für die Miete und die rudimentäre Versorgung aufbessern kann.
In der Nähe wohnt noch ein älterer Schäfer, der ihr manchmal mit seinem Traktor hilft und bei dem sie anfängt zu putzen.

Alles besser auf dem Land also? Die Erzählerin arbeitet weiterhin prekär, ihre Wohnsituation hat sich dramatisch verschlechtert und für jede kleine Annehmlichkeit, wie warmes Wasser, muss sie hart arbeiten.

Dennoch findet die Erzählerin auf dem Hof auch genau das, was sie gesucht hat:

„Einsamkeit macht nicht intelligent, aber findig, sie bringt dich dazu, dich für das Leben zu entscheiden, sie zwingt dir eine immense Liebe auf, die wichtigste überhaupt: die Liebe zu dir selbst.“

Und die Männer? Sagen wir es so, die Probleme, die die Erzählerin mit Männern aus der Stadt hatte, lassen sich auch auf dem Land nicht so einfach abschütteln.

Baltasars Erzählstil ist reduziert und auf die Persönlichkeit ihrer Ich-Erzählerin ausgerichtet, die ich als zupackend, pragmatisch und moralisch flexibel empfinde und mir natürlich sehr gut gefällt.

Ich habe diesen Roman mit sehr großer Faszination gelesen und konnte ihn nicht aus der Hand legen, bis ich ihn zu Ende gelesen hatte (okay, er hat nur knapp über 100 Seiten). Gerade der Schluss hat mich super nachdenklich gemacht und sorgt dafür, dass mir der Roman noch einige Zeit im Kopf bleiben wird. Große Begeisterung für diesen intensiven und gehaltvollen Text der spanischen Poetin!

„Mammut“ ist übrigens der Abschluss von Baltasars lose zusammenhängender dreiteiliger Romanreihe über das Leben von Frauen in der modernen Gesellschaft. Meines Wissens nach ist aber bis jetzt nur „Mammut“ auf Deutsch erhältlich, die anderen beiden Romane der Trilogie wurden ins Englische übersetzt. Ich hoffe sehr auf weitere Übersetzungen ins Deutsche.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Aufwühlendes Highlight

Autobiografie meines Körpers
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Mit ihrem vierten Roman hat die belgische Schriftstellerin ihr vermutlich persönlichstes und autofiktionalstes Werk vorgelegt. Ich kenne und liebe alle ihre Romane und halte Spit für eine großartige Autorin ...

Mit ihrem vierten Roman hat die belgische Schriftstellerin ihr vermutlich persönlichstes und autofiktionalstes Werk vorgelegt. Ich kenne und liebe alle ihre Romane und halte Spit für eine großartige Autorin und Analystin der menschlichen Abgründe. Außerdem fesselt mich ihre spannende Dramaturgie dermaßen, dass ich ihre Bücher kaum aus der Hand legen kann, bei gleichzeitiger Angst, die nächste Seite zu lesen. „Und es schmilzt“ war eines meiner großen Lesehighlights der letzten Jahre.

In „Autobiografie meines Körper“ verändert sich das Leben der Erzählerin Lize schlagartig, als ihre Mutter sie mit einer „Mitteilung“ überrascht: Bei ihr besteht der Verdacht auf Speiseröhrenkrebs.
Leider bestätigt sich die Diagnose schnell und es ist klar, dass die Mutter daran sterben wird. Bald.
In den Monaten, die auf die Diagnose folgen, geht die Erzählerin in ihren Gedanken zurück in ihre Kindheit, die von außen nach einer ganz gewöhnlichen Kindheit in den 90ern in einem kleinen belgischen Dorf aussah.
Doch von innen sieht es in der Familie ganz anders aus. Lize und ihre drei Geschwister leiden unter der Alkoholkrankheit ihrer Mutter.

„Jahrelang war Alkohol das Erste, woran ich morgens dachte, sogar damals, als ich noch nie einen Tropfen getrunken hatte. Würde es wieder ein Tag werden, an dem es aus dem Ruder laufen würde?“


Die Ehe der beiden Elternteile ist schlecht, über Gefühle und Bedürfnisse der Kinder wird wenig bis gar nicht gesprochen.
Lize selbst erkrankt als Kind an Diabetes Typ 1. Auch hier wird über die psychischen Auswirkungen und Veränderungen durch diese einschneidende Krankheit wenig gesprochen, von Lize wird erwartet, dass sie die Krankheit managt.

Als ihre Mutter so schwer an Krebs erkrankt, weiß Lize, dass die Möglichkeiten ihrer Mutter noch einmal näher zu kommen, schwinden. Sie hat den Wunsch, dem Schweigen und den Verletzungen aus ihrer Kindheit auf den Grund zu gehen, sie für sich aufzulösen, vielleicht einen Grund zu finden.
Dabei hadert die erwachsene Lize selbst mit ihrem Alkoholkonsum und ihren Erinnerungen.



„Ich wollte dir verzeihen, dir nahe kommen, auf jede erdenkliche Weise, und so warf ich die kostbarste Regel über Bord, ich versuchte, über meinen Körper zu schreiben und über deinen und trank gelegentlich etwas während des Schreibens. Und ich tat es noch mal und noch mal. Alkohol wirkt wie ein Teilchenbeschleuniger. Wie leicht er mich zu Erinnerungen durchdringen ließ.“

Was Lize Spit in „Autobiografie meines Körpers“ schildert ist eine emotionale, schmerzhafte und tiefgehende Untersuchungen einer belasteten Mutter-Tochter Beziehung. Mehr möchte ich dazu gar nicht schreiben, weil meine Gedanken dazu fast zu persönlich und intim sind, als das ich sie hier teilen möchte.

Was aber ich teilen kann und möchte, ist meine große Begeisterung über Spits großes schriftstellerisches Können. Wie nur wenige andere Schriftstellerinnen erreicht sie mich auch mit diesem Roman wieder auf der vollen emotionalen Breitseite.

„Das Schreiben ist meine heimliche Stadt, die ich in deinem blinden Winkel errichtet habe, eine prächtige, sichere Stadt, die wichtiger ist als mein ganzer Körper und alle ihm innewohnenden Schwächen, eine Stadt mit Türmen, Vergnügungsparks, Seilbahnen, Bahnhöfen, Parks, Schulen, kleinen Häusern, Hüpfburgen, Bauernhöfen, Bergen und Meer, alles erbaut, um nicht zu enden wie du.“

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Maximal emotional

Der Absturz
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Ich finde ja, dass Édouard Louis ein super starker autofiktionaler Erzähler ist. Es ist sicher auch kein Geheimnis, dass die Romane von Louis nicht nur autofiktional, sondern sogar autobiografisch gefärbt ...

Ich finde ja, dass Édouard Louis ein super starker autofiktionaler Erzähler ist. Es ist sicher auch kein Geheimnis, dass die Romane von Louis nicht nur autofiktional, sondern sogar autobiografisch gefärbt sind.
In seinem neuesten Roman steht das Leben des älteren Bruders des Erzählers Édouard im Fokus. Oder besser: Sein Leben und sein früher Tod, mit dem der Roman dramatisch beginnt.
Der Bruder wird mit nur 38 Jahren bewusstlos in seiner Wohnung gefunden. Der Alkohol hatte seine Leber und seine Nieren zerstört und durch den Herzstillstand letztendlich sein Gehirn abgetötet. Die Mutter musste die Entscheidung treffen, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten.
Der Ich-Erzähler, der von seiner Mutter telefonisch benachrichtigt wird, hatte seinen Bruder seit Jahren nicht mehr gesehen, und die Beziehung der beiden war schon lange abgebrochen.
In „Der Absturz“ blickt Louis auf ein Leben, das anders als das Leben seines Erzählers nicht vom Weg nach oben gekennzeichnet war, sondern von dem nach unten.
Auf einen Menschen, der ständig an seinen zu großen Träumen scheitert, bis er es gar nicht mehr versucht. Der seine eigene Machtlosigkeit viele Jahre in Gewalt ausdrückte, bis ihm letztendlich der Hass als Einziges blieb.

In 16 Fakten denkt der Erzähler Édouard an seinen Bruder zurück, a die gemeinsame erlebte Zeit und wie die Familie und die Klassenzugehörigkeit sie beide prägte. Édouard liebte seinen Bruder nicht, dessen Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Queerfeindlichkeit ihn abstießen. Dennoch gibt es in seinen Erinnerungen auch Momente voller Verständnis und Verbundenheit mit dem Schicksal des Bruders.
Hätte es auch sein eigenes werden können?

Es ist nicht mein erster Roman von Louis und wie immer bin ich sehr beeindruckt von seiner großen Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen. Er kann die Ereignisse so weit zu verdichten und zu dramatisieren, dass ihr Kern deutlich zu Tage tritt. Dabei geht es Louis durchaus nicht um Eindeutigkeit, sondern um die Unmöglichkeit, eine finale Wahrheit oder alle Fakten zu kennen. Es ist nur möglich, sich einem Menschen und seinem Leben anzunähern. Die letztendlichen Antworten auf das Warum sind nie vollständig von außen zu ergründen.

Literarisch bewegt sich Louis gewohnt selbstsicher. Da gibt es kein Entkommen vor der emotionalen Sogkraft seines Textes. Ich bin mir während des Lesens bewusst, dass ich mit voyeuristischem Genuss einem weiteren Teil von Louis Familienverwertung beiwohne und möchte es doch nicht lassen.
Mir ist auch bewusst, dass Louis sein großes schriftstellerisches Können durchaus auch in gewisser Weise maximal manipulativ einsetzt, um bei den Lesenden die maximale emotionale Wirkung zu erzeugen. Ich finde das gut.

Für mich war „Der Absturz“ der schönste, vielschichtigste und emotionalste Roman, den ich bis jetzt von Louis gelesen habe, und ich hoffe auf mehr.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Relevant und lesenswert

Mit Männern leben
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In diesem Buch kannst du die Überlegungen von Manon Garcia zum Pelicot-Prozess lesen. Ich gehe davon aus, dass du, wenn auch vielleicht nicht im Detail, so aber doch in Grundzügen von dem Fall Gisèle Pelicot ...

In diesem Buch kannst du die Überlegungen von Manon Garcia zum Pelicot-Prozess lesen. Ich gehe davon aus, dass du, wenn auch vielleicht nicht im Detail, so aber doch in Grundzügen von dem Fall Gisèle Pelicot und den Vergewaltigungsprozessen in der Presse gelesen oder gehört hast.

Manon Garcia ist Professorin für Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin und zählt in Frankreich zu den einflussreichsten und meistgelesenen Philosophinnen ihrer Generation.
Auch ihre hier vorliegenden Überlegungen würde ich grundsätzlich als philosophisch bezeichnen. Aber das Buch ist weitaus mehr als eine rein philosophische Betrachtung. Garcia verfolgte selbst den monatelangen Prozess im Gerichtssaal von Avignon und dokumentierte ihre Beobachtungen, die die Ausgangsbasis ihrer Überlegungen sind.
Sie mischt ihre Prozessbeobachtungen außerdem mit ihren eigenen persönlichen Erfahrungen mit Männern. Mit den Schrecken des Prozesses direkt vor Augen, mit dem, was Männern (ihren) Frauen antun, und mit Blick auf die Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft, stellt sie die Frage, die mich auch schon sehr lange beschäftigt: Können wir mit Männern leben?

“Es gibt ein Kontinuum der Gewalt, insbesondere der sexuellen Gewalt, und es gibt in der überwiegenden Mehrheit der Fälle ein Geschlecht der sexuellen Gewalt: Sexuelle Gewalt ist eine Gewalt von Männern, um ihre Herrschaft auszuüben.”

Garcia geht in ihren Überlegungen nicht nur auf Dominique Pelicot als Täter und seine gewaltvolle Familiengeschichte ein, sondern auch auf die anderen Männer, die mit ihm angeklagt wurden.

Besonders betroffen macht mich das fehlende Verständnis aller Angeklagten für das Prinzip der Zustimmung, das Garcia bei ihrer Prozessbeobachtung beschreibt und analysiert.

“Und das ist im Großen und Ganzen das, was in den meisten Vernehmungen zum Vorschein kommt: Einige glauben, dass der Ehemann für seine Frau zustimmen kann, andere, dass eine schlafende Person als zustimmend angesehen werden kann, und vor allem scheinen die meisten das Vokabular der Zustimmung erst mit ihrer Verhaftung und ihrem Prozess entdeckt zu haben.”

Manon Garcia gilt laut Autorinnenbeschreibung als eine der wichtigesten Feministinnnen der neuen Generation und genau deswegen wollte ich ihre Gedanken zu diesem Fall lesen.
Ich lebe mit Männern, ich arbeite mit Männern und ich liebe Männer. Gleichzeitig fürchte ich Männer und hasse Männer. In diesem Buch habe ich nicht die Lösung gefunden, diese Widersprüche aufzulösen, sondern vielmehr das Gefühl, dass es gesellschaftliche Probleme und Strukturen gibt, die nicht durch einen Prozess aus der Welt geschafft werden können.

“Kein Strafwesen wird umfassend, mächtig und effizient genug sein, damit Männer aufhören zu vergewaltigen.”

Ich finde in „Mit Männern leben“ schreibt Garcia sehr relevante Überlegungen für unser Zusammenleben nieder. Die Frage ist, ob sie gelesen und wahrgenommen werden und ob sie eventuell Veränderungen bewirken können. Ich fürchte, ich bin angesichts des Backlash der letzten Jahre einfach nur traurig und pessimistisch.

Natürlich möchte ich dir die Überlegungen von Manon Garcia weiterempfehlen. Alleine die Tatsache, dass sie niedergeschrieben und veröffentlich wurden, stimmt mich doch auch ein klein wenig optimistisch.

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