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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.11.2025

Die besten Geschichten schreibt das Leben

Leichtgewichte
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»Traurigkeit packt mich. Dass ich keinen Job habe und ständig sparen muss und zu dünn bin und in einer schäbigen Wohnung lebe, das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass es niemanden gibt, ...

»Traurigkeit packt mich. Dass ich keinen Job habe und ständig sparen muss und zu dünn bin und in einer schäbigen Wohnung lebe, das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass es niemanden gibt, der sich wirklich um uns Sorgen macht.« (Seite 114)

In diesem schmalen Bändchen sind insgesamt acht Kurzgeschichten versammelt, die unterschiedlich lang und auch sehr verschieden sind. Es geht um verschiedene Themen; ob Armut, Einsamkeit oder eine unheimliche Situation voller Angst, jede Erzählung entwickelt einen Sog, der durch die schöne Sprache der Autorin, die mich bereits in den letzten beiden Büchern, die ich von ihr lesen durfte, begeistert hat, untermalt wird. Beim Lesen entstehen so Bilder vor meinen Augen sowie eine passende Atmosphäre, die eine Vielzahl unterschiedlicher Gefühle bei mir erzeugt. Das erwarte ich von Kurzgeschichten und Martina Berscheid hat das passende Talent dazu. Hierfür bedanke ich mich. Lesen!

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Veröffentlicht am 11.11.2025

Tanzen im Regen

Wir sehen uns wieder am Meer
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»Auffällig ist, dass sich kaum jemand für die mehr als hunderttausend ausländischen Gefangenen und Zwangsarbeiter in den fünfhundert Lagern in ganz Norwegen interessiert hat. In den Geschichten der Historiker ...

»Auffällig ist, dass sich kaum jemand für die mehr als hunderttausend ausländischen Gefangenen und Zwangsarbeiter in den fünfhundert Lagern in ganz Norwegen interessiert hat. In den Geschichten der Historiker über den Krieg tauchen sie bis 1990 so gut wie gar nicht auf.« (Seite 392)

Als die junge Krankenschwester Birgit der sechzehnjährigen Nadia begegnet, ist sie entsetzt über den Zustand des Mädchens, das aus der Ukraine zur Zwangsarbeit in einer Fischfabrik nach Norwegen verschleppt worden ist. Es ist das Jahr 1944, der Krieg liegt in den letzten Zügen, umso brutaler gehen die deutschen Besatzer gegen den Widerstand vor, dem sich Birgit angeschlossen hat. Birgit ist entschlossen, Nadia und den anderen Frauen und Kindern im Lager zu helfen, kommt aber selbst bald in große Gefahr.

»Wirkliche Geschehnisse und reale Menschen haben mich inspiriert, daneben habe ich aber auch keine Recherchemühen gescheut, um »Wir sehen uns wieder am Meer« schreiben zu können. Trotzdem ist das Romanuniversum ebenso fiktiv wie die eigentlichen Charaktere.« (Seite 393)

Das vorliegende Buch bildet den Abschluss der grandiosen Großmutter-Trilogie von Trude Teige, die sie rund um das Leben ihrer echten Großmutter angelehnt hat. Jedes der drei Bücher ist akribisch recherchiert und enthält Geschichten, die mir historische Fakten näher gebracht haben, die mir vollkommen unbekannt waren. Vorrangig möchte ich in erster Linie das unglaubliche Talent der Autorin hervorheben, schwere, grausame und unvorstellbare Dinge mit einer Leichtigkeit zu beschreiben, die es möglich macht, darüber zu lesen, ohne emotional abzustürzen. Es ist auch diese Gabe, die sie zu recht zu einer der bekanntesten und erfolgreichsten Autorinnen und Journalistinnen Norwegens macht.

Ob Tekla, Konrad oder Birgit, jede Hauptperson der Bände der Trilogie steht stellvertretend für unzählige echte Schicksale. Mich haben die Bücher gedanklich in ein Roman-Universum entführt, sie haben mich berührt und zum Lachen, aber öfter noch zum Weinen gebracht. Kleine Momente der Liebe und der Freude vervollständigten das Bild, denn Hoffnung gab und gibt es in der dunkelsten Stunde. Herzlichen Dank dafür. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Grandios!

Kälter
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In einer stürmischen Nacht im Herbst des Jahres 1989 kommen Männer auf Amrum an, die nichts Gutes im Schilde führen. Sie wissen nicht, dass die Provinzpolizistin, die sich ihnen in den Weg stellt, früher ...

In einer stürmischen Nacht im Herbst des Jahres 1989 kommen Männer auf Amrum an, die nichts Gutes im Schilde führen. Sie wissen nicht, dass die Provinzpolizistin, die sich ihnen in den Weg stellt, früher eine andere war. Menschen sterben, Freunde bleiben zurück und Luzy Morgenroth wird wieder zu der, die sie seinerzeit gewesen ist. Angetrieben von Rache will sie nun Vergeltung üben.

»Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.« (Seite 127)

Dies ist ein Buch, das ein gewisses Hintergrundwissen erfordert, was Geheimdienste und die Welt der Spionage betrifft, die Leserin und der Leser sollten zum Beispiel wissen, dass mit Tango kein Tanz gemeint ist, das kleine oder große Besteck nicht zum Essen einlädt, eine »Nasse Sache« nicht Wäsche aus der Waschmaschine meint und die in der Geschichte erwähnten Sherpas kein Volk aus Nepal sind. Man muss kein Profi sein, was dies angeht, aber das Entschlüsseln der üblichen Abkürzungen wie CIA, KGB, MI6, BND u.a. wird vorausgesetzt und nicht erklärt. Die Kenntnis von Fakten großer historischer Ereignisse ist von Vorteil und auch die der Namen mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten. Nicht, dass ich sicher bin, alles richtig zugeordnet zu haben übrigens. Was das Gesamtbild jedoch nicht im geringsten schmälert.

»Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?« (Seite 136)

Der Meister der Agententhriller ist zurück und hat abgeliefert. Nichts weniger als ein Meisterwerk im Genre wurde es, großartig recherchiert und einfallsreich hinzu erfunden, was nicht wirklich passiert ist. Nach Jenny Aaron - Eingeweihte wissen, wen ich meine -, zum Zeitpunkt der Handlung übrigens noch ein Kind, eine starke Frauenfigur, die keine Wünsche offen lässt. Die Handlung rasant und spannend, das Wiedersehen mit bekannten Figuren wenig tränenreich, aber dadurch nicht minder emotional. Zumindest für mich war das passend und einfach wunderbar.

Wer Thriller auf hohem Niveau mit einem trockenen Humor mag, die Reales mit Fiktion vermischen, ohne dass man merkt, was davon gelogen ist und was wahr, der sollte zugreifen. Zehn Sterne von fünf sind das Minimum, auch wenn es mathematischer Unsinn ist. Für mich ist das egal, soviel ist mal klar!

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Hinter den Fassaden

Heimat
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Die schwangere Jana zieht mit Noah und den gemeinsamen zwei Kindern raus aufs Land, das kleine Haus steht in einer neugebauten Siedlung am Wald. Dort freundet sie sich mit Karolin an, die sie von Anfang ...

Die schwangere Jana zieht mit Noah und den gemeinsamen zwei Kindern raus aufs Land, das kleine Haus steht in einer neugebauten Siedlung am Wald. Dort freundet sie sich mit Karolin an, die sie von Anfang an fasziniert. Karolin ist eine sogenannte »Tradwife«, sie inszeniert ihr Leben offen auf Instagram. Jana verbringt mit ihr sowie weiteren Nachbarinnen viel Zeit und merkt bald, wie sehr sie sich deren Lebensstil annähert.

»Tradwife« ist ein englischer Begriff für traditionelle Ehefrau und bezeichnet Frauen, die sich bewusst für ein Leben in traditionellen Geschlechterrollen entscheiden, bei dem sie sich auf Haushalt, Familie und Kinder konzentrieren und auf eine berufliche Karriere verzichten. Mir war dieser Begriff bisher nicht geläufig, umso neugieriger war ich darauf, mehr darüber zu erfahren.

Jana war ein schwieriger Charakter, für mich persönlich stellte sie den typischen Mitläufer-Typ dar, was perfekt zur Geschichte passte. Diese fand ich ungemein unterhaltsam, wenn ich auch einige Aspekte nicht vollständig verstanden habe - einige Dinge fand ich zudem überflüssig, wenn auch interessant. Das Buch bot viel Stoff zum Nachdenken, aber auch zum Diskutieren und dies war es, was ich großartig fand. Gerne empfehle ich es weiter.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

davor und danach

Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
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»Ich klammere mich an die Vorstellung, dass durch diesen Bericht die Scham die Seite wechseln wird. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass mein Text auch anderen Menschen, die manipuliert werden, hilft, sich ...

»Ich klammere mich an die Vorstellung, dass durch diesen Bericht die Scham die Seite wechseln wird. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass mein Text auch anderen Menschen, die manipuliert werden, hilft, sich wieder aufzurichten.« (Seite 209)

Durch einen Zufall erfährt die Familie von Dominique Pelicot, dass er fast zehn Jahre lang seine Frau betäubt hat, um sie durch fremde Männer sexuell missbrauchen zu lassen. Weder Gisèle Pelicot, noch die restlichen Familienmitglieder ahnten auch nur im geringsten das tatsächliche Ausmaß dieses Missbrauchs, wie er in der Folgezeit ans Licht kommt. Caroline Darian schildert im vorliegenden Buch, wie sie diese Zeit erlebt und überlebt hat.

»Ich werde ihm nie verzeihen, was er in all den Jahren getan hat. Und doch bleibt mir das Bild des Vaters, den ich zu kennen glaubte. Es ist trotz allem fest in mir verankert, mein Lebenshintergrund.« (Seite 13)

Dieser Tatsachenbericht ist der ehrlichste, erschütterndste und mutigste Text, den ich in letzter Zeit lesen durfte. In Tagebuchform zählt Caroline Darian schonungslos die Fakten auf, erzählt davon, wann und wie sie erfahren hat, was Dominique Pelicot seiner Frau, seiner Tochter und der restlichen Familie angetan hat. Sie schildert die Ängste, die sie ausgestanden, die Fragen, die sie sich gestellt hat und legt die unglaublichen Perversionen ihres Erzeugers auf den sprichwörtlichen Tisch. Leicht ist dieses Buch nicht zu lesen, viele Pausen brauchte ich, um es zu beenden. Ein schockierendes Werk, das Praktiken offenlegt, die mich sprachlos machen. Ein wichtiges Buch, das zeigt, dass nicht die Opfer sich schämen sollen, sondern die Täter.

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