Verstrickung in Liebe, Freundschaft und Geschichte
Die Frau an der BushaltestelleNeugierig aufgeschlagen und direkt in die Sechzigerjahre katapultiert – Peter Schneider schafft es, aus einer Liebesgeschichte ein kleines Zeitmaschinen-Abenteuer zu machen. Zwei Liebende, die nicht zusammen ...
Neugierig aufgeschlagen und direkt in die Sechzigerjahre katapultiert – Peter Schneider schafft es, aus einer Liebesgeschichte ein kleines Zeitmaschinen-Abenteuer zu machen. Zwei Liebende, die nicht zusammen sein können, aber auch nicht voneinander lassen, und ein Freund, der still in Isabel verliebt ist, bilden das Zentrum eines komplizierten Geflechts aus Liebe, Eifersucht und politischem Aufruhr. Der Roman ist ein Ménage-à-trois der Gefühle, bei dem die persönliche Schuld fast genauso schwer wie die historische wiegt.
Der Ich-Erzähler stolpert durch Erinnerungen und alte Begebenheiten, deckt Liebesverrat und politische Verirrungen auf und zwingt einen dabei, über die eigene Jugend, Freundschaft und Loyalität nachzudenken. Schneiders Schreibstil ist dabei erstaunlich ruhig: keine wilden Experimente, sondern eine Stimme, die alles einrahmt und gleichzeitig genug Raum lässt für eigene Gedanken.
Die politische Radikalisierung der Generation wird subtil, aber eindringlich vermittelt – es ist kein Geschichtsunterricht, sondern gelebte Realität, in der Ideale auf Liebe und Freiheit treffen. Spannend wird es, wenn die Ideale der Figuren mit den Härten der Realität kollidieren; jeder Verrat, jeder Liebesschmerz wird spürbar.
Einziger kleiner Wermutstropfen: In manchen Passagen hätte etwas mehr Tempo dem Lesefluss gutgetan. Dennoch bleibt der Roman nachhallend und intensiv – ein Buch, das Kopfkino macht, ohne sich selbst anzubiedern. Wer Lust auf eine Mischung aus Liebeschaos, Freundschaftsdrama und politischem Zeitgeist hat, wird hier bestens bedient.