Ein Roman, der hinsieht, wo andere wegschauen
Da, wo ich dich sehen kannDer neue Roman von Jasmin Schreiber hat mich wirklich auf mehreren Ebenen begeistert und bedrückt.
Das Titelthema des Buches ist Femizid bzw. partnerschaftliche Gewalt. Inhaltlich geht es um die neunjährige ...
Der neue Roman von Jasmin Schreiber hat mich wirklich auf mehreren Ebenen begeistert und bedrückt.
Das Titelthema des Buches ist Femizid bzw. partnerschaftliche Gewalt. Inhaltlich geht es um die neunjährige Maja, der durch die Tötung ihrer Mutter durch ihren Vater der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie lebt nun nicht mehr in ihrer Heimatstadt Hamburg, sondern bei ihren Großeltern Brigitte und Per in einer Kleinstadt in Hessen und muss dort den Verlust ihrer Mutter und irgendwie auch den ihres Vaters, der jetzt im Gefängnis sitzt, verarbeiten. Eine wesentliche Rolle spielt auch Liv, die beste Freundin der getöteten Emma, also der Mutter von Maja. Der Roman beleuchtet die Lücke, die Emma durch ihren Tod hinterlässt und damit die Opferperspektive und (erfreulicherweise) nicht das Leben des Täters und Ehemannes Frank. Man erfährt, wie das Leben der Protagonisten weitergeht, wie es sich stabilisiert und welche Hürden es mit sich bringt.
Der Schreibstil von Jasmin Schreiber ist super flüssig und angenehm zu lesen. Die Pausen, die ich beim Lesen gemacht habe, waren dem teils schweren Inhalt geschuldet, aber nicht dem kreativen Schreiben. Kreativ, denn die Autorin bedient sich zum Teil anderer Textformen, die den Roman insgesamt realistischer erscheinen lassen. Neben den Kapiteln aus Sicht der verschiedenen Protagonisten und zum Teil auch der verstorbenen Emma gibt es Notrufprotokolle, gerichtliche Schreiben und E-Mails zu lesen, die aber einen deutlich kleineren Anteil ausmachen.
Die Autorin macht Physik in dem Buch zu einem schönen Randthema, die Leser*innen ihrer anderen Bücher werden das schon mit der Biologie kennen.
Ich würde dieses Buch wirklich jedem und jeder empfehlen. Nach diesem Buch fragt niemand mehr „Warum ist sie nicht gegangen?“. Das Thema wird auf die einzig richtige und wichtige Weise beleuchtet. Die Thesen bzw. Erkenntnisse zu Femiziden und partnerschaftlicher Gewalt sind von der Autorin an vielen Stellen in Dialoge eingearbeitet. Das wirkt auf mich zum Teil etwas gewollt, darüber sehe ich aber gerne hinweg, wenn dadurch Menschen, die sich nicht so viel mit partnerschaftlicher Gewalt beschäftigen, an das Thema herangeführt werden können.
Bei Majas Geschichte handelt es sich um eine fiktive Geschichte, aber nicht um eine, die nicht genau so passieren kann. Ich kann der Autorin daher nur gratulieren, dass sie die Geschichten so vieler Menschen erzählt und sichtbar macht, wie sehr partnerschaftliche Gewalt in unserer Gesellschaft verankert ist.