Profilbild von bookloving

bookloving

Lesejury Star
offline

bookloving ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit bookloving über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.12.2025

Trendiges Wohlfühl-Backbuch

Cozy baking time
0

MEINE MEINUNG
Die kalte Jahreszeit lädt wie keine andere zum Einkuscheln und zum Genuss herrlich duftender Backwerke ein. Für alle, die sich nach selbstgebackenen Leckereien sehnen, aber weder großes Backtalent ...

MEINE MEINUNG
Die kalte Jahreszeit lädt wie keine andere zum Einkuscheln und zum Genuss herrlich duftender Backwerke ein. Für alle, die sich nach selbstgebackenen Leckereien sehnen, aber weder großes Backtalent noch spezielles Equipment mitbringen, ist das liebevoll gestaltete Backbuch „Cozy Baking Time: Süße Rezepte für die kalte Jahreszeit“ von Theresa Haubs (@bookslove128) genau das Richtige. Die junge Studentin und bekannte Bookfluencerin präsentiert in ihrem trendigen Backbuch unkomplizierte Wohlfühlrezepte und originelle Backideen, die wirklich jedem gelingen werden und für schöne gemütliche Genussmomente sorgen.
Der frische, lebendige Sprachstil ist geprägt von vielen Anglizismen und einer humorvollen, trendigen Ausdrucksweise, die vor allem auf eine jüngere Leserschaft abzielt. Die kreativen Rezeptnamen sind dabei ein augenfälliges Element, das den lockeren, hippen Ton des Buches unterstreicht, gleichzeitig aber auch mit einer klassischen Übersetzung versehen wird, um die Verständlichkeit zu sichern.
Im Vorwort macht Theresa Haubs deutlich, dass sie großen Wert auf unkomplizierte „Easy Peasy“-Rezepte legt, die mit wenigen, gut verfügbaren Zutaten auskommen und dennoch für geschmackliche Abwechslung sorgen. Ihr Anspruch ist es, vor allem Spass am Backen zu vermitteln, so dass sich alle Rezepte schnell und unkompliziert umsetzen lassen. Damit richtet sich ihr Buch gezielt an Anfänger:innen und eher ungeübte Hobbybäcker, die ohne aufwändige Techniken sofort loslegen möchten, sich aber auch mal an etwas anspruchsvolleren Kreationen versuchen wollen.
Ihre abwechslungsreichen Rezepte sind vor allem inspiriert aus der liebevoll gepflegten Familientradition. Egal ob bewährte Klassiker nach Omas Art, trendige Backideen aus den sozialen Medien oder kleine süße Snacks für zwischendurch – unter den 60 sorgfältig ausgewählten Rezepten findet sich für jeden Anlass und Geschmack das Passende. So ist eine gelungene Mischung entstanden, die nostalgische Geborgenheit ebenso bedient wie den Wunsch nach neuen und kreativen Backmomenten.
Darüber hinaus bietet das Buch inspirierende Rezept-Upgrades. Zu zahlreichen Grundrezepten gibt es kreative Vorschläge für originelle Variationen, die zum Ausprobieren einladen. Noch bevor der eigentliche Rezeptteil beginnt, widmet sich eine übersichtliche Doppelseite praktischen Back-Hacks, bei denen sich grundlegende Tipps und Tricks für gelingsichere Ergebnisse und ein entspanntes Backvergnügen finden lassen. Für alle Eventualitäten gibt es zudem eine kleine „Pannenseite“, die mit schnellen Lösungen bei Backmissgeschicken unterstützt. Und damit das HAPPY BAKING auch stimmungsvoll begleitet wird, hat Theresa Haubs eine handverlesene Gute-Laune-Playlist zusammengestellt, die garantiert für die richtigen Cozy Vibes in der Küche sorgt.
Der eigentliche Rezeptteil gliedert sich in zwei kreativ betitelte Kapitel: „BAKE IT TILL YOU MAKE IT – Herbstrezepte“ & „HOT GIRL WINTER IS COMING – Winterrezepte“.
Das optisch ansprechende Design mit atmosphärischen Fotos und liebevoll ausgewählten Details unterstreicht den Wohlfühl-Charakter des Buches und weckt schon beim Durchblättern Lust auf gemeinsames Backen und genussvolle Momente.
Von köstlichem Apple Crumble und verschiedenen Kuchen über Marzipanschnecken bis hin zu leckeren Muffins, winterlichen Snacks und verführerischen Plätzchen – bei der großen Auswahl an köstlichen Backideen fällt die Entscheidung schwer. Die Rezepte sind übersichtlich auf Doppelseiten präsentiert. Auf der einen Seite finden sich das detaillierte Rezept mit Zutatenliste und durchnummerierten Zubereitungsschritten, auf der gegenüberliegenden Seite setzen ansprechende, appetitanregenden Farbfotos das fertige Gebäck perfekt in Szene und wecken sofort die Lust aufs Nachbacken. Zudem sind in der Zutatenübersicht Angaben zu Stückzahl, benötigten Küchenutensilien sowie Zubereitungs- und Backzeiten vermerkt, wobei die Backtemperatur meist im Fließtext der Arbeitsschritte genannt wird.
Die Zubereitung der Rezepte ist klar strukturiert, leicht verständlich und gut nachvollziehbar formuliert. Oft ergänzen kleine, hilfreiche Tipps die Anleitungen, die den Arbeitsablauf erleichtern oder zusätzliche Variationsmöglichkeiten eröffnen. Im Praxistest erwiesen sich die Mengenangaben sowie die Backzeiten als erstaunlich zuverlässig und stimmig, was besonders für Einsteiger eine große Hilfe und eine angenehme Sicherheit ist.
Das Hardcover besticht durch seine angenehme Haptik und hochwertige Verarbeitung mit elegantem Farbschnitt, einer edlen Coververedelung sowie einem praktischen Lesebändchen. Ein perfekter, langlebiger Begleiter, der sich bestens zum häufigen Blättern und Schmökern eignet! Die liebevolle Gestaltung zusammen mit den stimmungsvollen und ansprechenden Foodfotos macht das Backbuch zu einem optischen Genuss und einer wunderbaren Inspirationsquelle.
Abgerundet wird es durch eine kurze sympathische Danksagung der Autorin, ein ausführliches, alphabetisch nach Zutaten geordnetes Rezeptregister sowie ein Autorinnen-Kurzportrait im Impressum.

FAZIT
Ein liebevoll gestaltetes Backbuch mit und stimmungsvollen Fotos unkomplizierten, köstlichen EASY PEASY-Rezepten, die besonders junge Backanfänger aber auch experimentierfreudige Genießer ansprechen.
Eine gelungene Kombination aus vertrauten Klassikern, trendigen Wohlfühl-Rezepten und inspirierenden Variationen, die Lust macht auf gemütliche Backstunden und duftende cosy Momente in der kalten Jahreszeit.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.11.2025

Im Strudel der Zeiten – Eine mitreißende Familiensaga

Lázár
0

MEINE MEINUNG

Der erst 22jährige Shootingstar der Schweizer Literaturszene Nelio Biedermann hat mit „Lázár“ einen neuen beeindruckenden historischen Roman vorgelegt.

Eindrucksvoll erzählt er die bewegte, ...

MEINE MEINUNG

Der erst 22jährige Shootingstar der Schweizer Literaturszene Nelio Biedermann hat mit „Lázár“ einen neuen beeindruckenden historischen Roman vorgelegt.

Eindrucksvoll erzählt er die bewegte, weit verzweigte Familiensaga der ungarischen Adelsfamilie Lázár, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und unweigerlich mit den umfassenden historischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts verwoben ist.

Beginnend mit der Geburt von Lajos von Lázár in den letzten Jahren der Habsburger Monarchie im südlichen Ungarn begleiten wir die verschiedenen Familienmitglieder durch ein bewegtes Jahrhundert voller Umbrüche bis hinein in die Nachkriegszeit. So durchleben wir an ihrer Seite den Zerfall der Monarchie, die Wirren des Zweiten Weltkriegs, die stalinistische Gewaltherrschaft und die Erfahrungen von Flucht, Enteignung und Exil. Dabei gelingt es Biedermann eindrucksvoll, die äußeren historischen Ereignisse mit dem Schicksal der Lázárs zu verknüpfen. Die politischen Umbrüche dienen nicht als historische Kulisse oder trockene Chronik, sondern werden als prägende Kraft erlebbar, die als individuelle Erlebnisse und Traumata das Innenleben der Figuren tief durchdringen und ihr Beziehungsgefüge nachhaltig verändern.

Die facettenreiche Geschichte der Lázárs und ihr Leidensweg sind untrennbar mit den politischen und seelischen Erschütterungen der europäischen Geschichte verwoben, wobei sich die persönlichen und historischen Konflikte gleichsam ergänzen und wechselseitig verstärken.

Biedermanns Schreibstil überzeugt mit einer faszinierenden Mischung aus nüchternen, fast dokumentarisch anmutenden Passagen und bildgewaltigem, atmosphärischen Szenen, die bisweilen traumartige, mystisch surreale Züge annehmen. Durch die episodische, vielfach gebrochene Erzählstruktur mit vielfältigen Zeitsprüngen, Perspektivwechseln und fragmentarischen Szenen folgt die Geschichte nicht einer linearen Chronologie, sondern präsentiert sich als Geflecht aus Erinnerungssplittern und bewusst offen gelassenen Leerstellen, in dem sich stets die Machtverhältnisse und unausgesprochenen Konflikte spiegeln. Dies reflektiert auf beeindruckende Weise das unzuverlässige, selektive Gedächtnis der Familie und die oft brüchige kollektive Erinnerung, schafft Interpretationsspielräume und fordert uns jedoch auch ein hohes Konzentrationsniveau ab. Statt einer im Mittelpunkt stehenden Hauptfigur begegnen wir einer Vielzahl von Figuren, deren Lebenswege sich kreuzen, überlagern und manchmal auch abrupt enden. Insbesondere die vielen Unschärfen untermalen gekonnt das Bild einer komplexen Welt, in der und die Figuren durch gesellschaftliche und historische Zwänge oft aus den ihnen aufgezwungenen Rollen nicht ausbrechen können und nicht jede Biografie aufgrund der Schnelllebigkeit der Geschichte zu Ende erzählt werden kann.

Die Figuren sind lebendig und vielschichtig gezeichnet und mit ihren Ängsten, Schwächen, inneren Dämonen und Träumen tiefgründig angelegt.

Besonders faszinierend ist die Gestaltung der Frauenfiguren wie Mária, Ilona oder Matilda als widersprüchliche, eigenwillige Charaktere, die keine bloßen Nebenfiguren sind, sondern mit ihren Sehnsüchten und Ängsten die emotionale Last vieler Frauen in sich vereinen. Ihre Biografien spiegeln zentrale Fragen nach überkommenen Geschlechterrollen, Selbstbestimmung innerhalb rigider gesellschaftlicher Normen und der intergenerationellen Weitergabe von unausgesprochener Schuld, Scham und Schweigen.

Bewegend und anschaulich schildert Biedermann insbesondere den prägenden Einfluss auf die jüngeren Generationen, die sich in einer durch Krieg, Revolution und Entwurzelung rasch wandelnden Welt zurechtzufinden und mit Loyalitätskonflikten und innerer Zerrissenheit fertig werden müssen.

Um die emotionale Befindlichkeiten seiner Figuren zu veranschaulichen, verwendet Biedermann nicht nur Symbole und wiederkehrenden Motive, sondern auch eine sehr metaphorische Bildsprache. Diese habe ich gelegentlich zwar als überfrachtet empfunden, doch unterstreicht sie insgesamt eindrucksvoll die emotionale und historische Komplexität des Romans.


FAZIT

Ein sprachlich kraftvoller, atmosphärisch intensiver und vielschichtig erzählter Roman, der ein poetisches Panorama europäischer Geschichte entfaltet. Gleichzeitig ist er eine eindringliche Hommage an Widerstandskraft und Humanität in Zeiten tiefgreifender Umbrüche und schleichenden Vergessens.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.11.2025

Ein erfrischender Krimi mit Herz und Humor

Über die Toten nur Gutes
0

MEINE MEINUNG
In seinem neuen Roman „Über die Toten nur Gutes“ präsentiert der deutsche Schriftsteller und Drehbuch-Autor Andreas Izquierdo eine originelle und erfrischende Neuinterpretation des Krimigenres. ...

MEINE MEINUNG
In seinem neuen Roman „Über die Toten nur Gutes“ präsentiert der deutsche Schriftsteller und Drehbuch-Autor Andreas Izquierdo eine originelle und erfrischende Neuinterpretation des Krimigenres. Mit dem unterhaltsamen Auftakt seiner etwas ungewöhnlichen Krimireihe um den charmanten Trauerredner Mads Madsen verleiht er dem Genre neue Impulse und verbindet sehr eindrucksvoll, Humor, Spannung und Tiefgang.
Dieser mitreißende Krimi erzählt die abwechslungsreiche und leicht skurrile Geschichte vom jungen Mads aus Glücksburg an der Ostsee, der unfreiwillig in einen gefährlichen Kriminalfall hineingerät.
Beim Versuch, Licht in den rätselhaften Tod seines früheren Jugendfreundes Patrick zu bringen und mehr über seinen Lebensweg zu erfahren, gerät Mads bald ins Visier von eher suspekten Leuten, die mit Patrick noch eine Rechnung offen haben. Was als scheinbar harmlose Recherche für eine Trauerrede beginnt, entwickelt sich rasch zu einem nervenaufreibenden, turbulenten Abenteuer, bei dem Mads nicht nur sich selbst, sondern auch seinen exzentrischen Vater Fridtjof und seinen Freundeskreis in Gefahr bringt.
Mit seinem lebendigen, warmherzigen Erzählstil versteht es Izquierdo hervorragend, eine breite Palette an Emotionen in uns zu wecken, die von Schmunzeln bis tiefem Nachdenken reichen. Geschickt Izquierdo verbindet feinem Humor und Situationskomik mit ernsten Themen wie Freundschaft, Schuld, Verlust, Trauer und Tod
Nach einem originellen Einstieg voll spritzigem Humor und skurriler Ideen wechselt die Handlung immer mehr zu tiefgründigen sowie teils mystisch-rätselhaften anmutenden Episoden, in denen der gutmütige Mads zu einem Ermittler wider Willen wird und sich auf seiner unbeirrten Suche nach der Wahrheit einem undurchsichtiges Netz aus Geheimnissen, Lügen und dunklen Machenschaften gegenüber sieht.
Izquierdo hat einfach ein Händchen dafür, neben bemerkenswert facettenreichen Figuren auch echt schräge Charakterköpfe zu schaffen, die man nicht so schnell vergisst. Seine Hauptfigur Mads hat er als einen faszinierenden, charismatischen Charakter mit Ecken und Kanten ausgearbeitet, den man mit seiner großen Empathie und seiner herzensguten, etwas verschrobenen Art bald in sein Herz zu schließen beginnt.
Mads ist kein klassischer Ermittler, sondern ein liebenswerter, herrlich unkonventioneller Antiheld, der mit entwaffnender Menschlichkeit von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert und dabei genau jene Schwächen und Zweifel zeigt, die ihn so sympathisch und einzigartig machen.
Die Geschichte erhält durch Mads’ traurige persönliche Hintergrundgeschichte, geprägt vom frühen Verlust der Mutter und seinem jahrzehntelang in Trauer gefangenen Vater, eine emotional berührende Tiefe.
Auch die Nebenfiguren sind facettenreich und lebendig gestaltet. Ob nun Mads eigenwilliger Vater mit seinen skurrilen Eigenheiten, seine Geschwistern nebst Anhang sowie sein Freundeskreis sie alle sorgen für viele humorvolle und lebendige Momente. Zudem ist seine quirlig-liebenswerte Malteserhündin Bobby immer mittendrin und verleiht der Geschichte zusätzlichen Schwung.
Es erfordert eine gehörige Portion Einfallsreichtum und einige unerwartete Wendungen, damit Mads dem drohenden Unglück entkommt.
Zwar wirken einige Verwicklungen der Geschichte gelegentlich etwas unglaubwürdig und überzogen, doch die amüsante und lebendig erzählte Handlung gleicht dies mehr als aus. Das packende Finale mit einem dramatischen Showdown und einer überraschenden Schlusspointe sorgt für einen stimmigen und befriedigenden Abschluss und weckt zugleich die Vorfreude auf weitere Abenteuer mit Mads Madsen.
FAZIT
Ein ungewöhnlicher, sehr unterhaltsamer Krimi mit viel Herz, Humor und Spannung und einer gelungenen Mischung aus skurrilen Charakteren und tiefgründiger Handlung!
Ein wundervoller Krimi, der mit der philosophischen und humorvollen Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens, unterhaltsam und nachdenklich stimmend zugleich ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.11.2025

Berührender Erinnerungsroman

Meine Mutter
0

MEINE MEINUNG
Nach dem vielbeachteten Roman „Meine Schwester“, in dem die Fotografin und Autorin Bettina Flitner einfühlsam die tragische Geschichte des Suizids ihrer Schwester Susanne sowie ihren eigenen ...

MEINE MEINUNG
Nach dem vielbeachteten Roman „Meine Schwester“, in dem die Fotografin und Autorin Bettina Flitner einfühlsam die tragische Geschichte des Suizids ihrer Schwester Susanne sowie ihren eigenen Weg durch die schmerzliche Trauer schilderte, legt sie nun mit „Meine Mutter“ einen weiteren eindrucksvollen Erinnerungsroman vor. Dieser setzt ihre intensive literarische Spurensuche zu den verborgenen Schatten ihrer Familiengeschichte fort und ermöglicht zugleich auch Neu-Lesenden ohne Vorkenntnisse einen unmittelbaren, berührenden Zugang.

Mit großem Feingefühl zeichnet Flitner ein vielschichtiges und eindringliches Familienporträt, das uns tief in die historischen und persönlichen Abgründe des 20. Jahrhunderts eintauchen lässt. Die prägenden Schicksalslinien eines Jahrhunderts spiegeln sich in zahllosen tragischen Ereignissen, familiären Konflikten und stillen Leiden wider, die das Leben ihrer Familie nachhaltig geprägt haben. Besonders beeindruckend gelingt ihr das harmonische Wechselspiel aus erzählerischer Dichte und reflektierenden Einblicken, das sich in feinen Momentaufnahmen und dokumentarischen Einschüben auf verschiedenen Zeitebenen kunstvoll zusammenfügt.
Im Rahmen einer Lesung 2023 in Celle begibt sich Flitner nicht nur zum Grab ihrer Mutter, sondern besucht auch das frühere Wohnhaus ihrer Großeltern – beides Orte, die lebendige Zeugnisse ihrer Herkunft darstellen. Diese Begegnung mit den eigenen Wurzeln entfacht eine Flut längst zurückgedrängter Erinnerungen und bringt quälende Fragen zu den Suiziden von Mutter und Schwester mit ungeahnter Intensität an die Oberfläche.
Getrieben von dem Wunsch, die Hintergründe der familiären Tragödien zu besser verstehen, taucht die Autorin tief in die Vergangenheit ein und folgt den Spuren zu den Ursprüngen ihrer Familiengeschichte. So führt ihre Reise in den malerischen Kurort Wölfelsgrund in Niederschlesien im heutigen Polen, wo ihre Vorfahren einst bis 1949 ein Sanatorium leiteten und ihre Mutter 1936 geboren wurde. Flitners bildgewaltiger und zugleich klarer Erzählstil bringt die Kindheit in der Nazizeit, die Schrecken der Kriegstage sowie das unfassbare Leid von Flucht und Vertreibung eindrucksvoll zum Leben. Diese traumatischen Erfahrungen haben unauslöschliche, unsichtbare Narben hinterlassen und eine allgegenwärtige Atmosphäre von Bedrohung geschaffen, die das Familienleben prägte. Insbesondere die Nachkriegszeit war von innerer Zerrissenheit und dem Gefühl von Entwurzelung geprägt, die die weitere psychologische Entwicklung der Mutter maßgeblich beeinflussten.

Äußerst einfühlsam beleuchtet Flitner die komplexe und schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, die von beklemmender Distanz, zahllosen Leerstellen und einem anhaltenden Schweigen überschattet wird, das jedoch immer wieder von Momenten zarter, emotionaler Nähe durchbrochen wird. In behutsam komponierten Episoden fügt die Autorin eigene fragmentarische Erinnerungen zu einem eindringlichen Porträt der gemeinsamen Familiengeschichte zusammen, das eine nuancierte und warmherzige Annäherung an die vielschichtige Persönlichkeit ihrer Mutter ermöglicht. Nach und nach entsteht das Bild einer eigenwilligen, faszinierenden und verletzlichen Frau, die mit ihrer Rätselhaftigkeit, Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit bis zuletzt eine zutiefst unverstandene und tragische Figur bleibt.

Vorbelastet durch eine familiäre Veranlagung zu Depressionen, gefangen zwischen zerplatzten Träumen, unausgesprochenen Erwartungen, eingeschränkten Perspektiven und dem Scheitern ihrer Ehe und spätere Beziehungen, zerbrach sie an den inneren Dämonen und wählte letztlich mit 47 Jahren den Freitod.

Flitner verdeutlicht anschaulich, wie die fortwährenden Schatten von Traumata, familiären Geheimnissen sowie den tiefgreifenden kollektiven Erfahrungen von Flucht und Verlust nicht nur ihre Familie, sondern auch nachfolgende Generationen prägen. Offen und ohne Anklage bemüht sie sich mit großer Empathie darum, ihr eigenes Trauma zu verarbeiten, ihre komplexe Beziehungsdynamik auszuloten und durch tiefgründige Einblicke in die komplizierte Biografie ihrer Mutter ein spätes Verstehen und Versöhnen zu ermöglichen. Auf berührende Weise ist es ihr gelungen, aus diesem schmerzhaften Erinnerungsprozess eine befreiende und heilende Kraft zu schöpfen und so inneren Frieden zu finden.

FAZIT
Ein tief berührender, einfühlsam erzählter Erinnerungsroman, der tief in die Abgründe persönlicher und historischer Traumata eintaucht und intime Einblicke in die persönliche Familiengeschichte von Bettina Flitner gewährt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.11.2025

Ein facettenreiches Porträt einer Generation im Umbruch

Adlergestell
0

MEINE MEINUNG
Laura Laabs’ Debütroman „Adlergestell“ erschafft mit bemerkenswerter Intensität und sprachlicher Finesse ein lebendiges Panorama der Berliner Nachwendejahre. Die Autorin nimmt uns mit auf ...

MEINE MEINUNG
Laura Laabs’ Debütroman „Adlergestell“ erschafft mit bemerkenswerter Intensität und sprachlicher Finesse ein lebendiges Panorama der Berliner Nachwendejahre. Die Autorin nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle Reise in ein Deutschland, dessen historischer Umbruch nach Mauerfall und Wiedervereinigung einen Kosmos zwischen Aufbruchstimmung und Orientierungslosigkeit entstehen lässt.
Die Geschichte folgt drei jungen Protagonistinnen– die Ich-Erzählerin, Lenka und Chaline, die Anfang der 1990er Jahre am südlichen Stadtrand Berlins direkt am berühmten Adlergestell aufwachsen. Die breite Ausfallstraße, die ihre in einer Eigenheimsiedlung säumt, wird dabei zum Symbol für die Unwägbarkeiten und Verheißungen jener bewegten Zeit.
Trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft verbindet die drei Mädchen eine enge und unerschütterliche Freundschaft über ihre Schulzeit hinweg.
Aus ihrer Perspektive tauchen wir allmählich ein in eine Welt des tiefgreifenden Umbruchs und Wandels und erleben hautnah ihren Lebensalltag in einem sich neu formenden Umfeld, in dem sich ein jeder erst zurechtfinden und behaupten lernen muss.
Die Geschichte beginnt in der Gegenwart, von aus der die Erzählerin in aufblitzenden Erinnerungen auf die intensiven Jahre der Freundschaft zurückblickt. Erst allmählich werden die Hintergründe für das Auseinanderdriften ihrer Lebenswege deutlich.
Die Autorin hat bewusst eine nichtlineare, sehr sprunghafte und fragmentarische Erzählweise gewählt, die das zerrissene Lebensgefühl und die Zerklüftungen jener Zeit eindrücklich widerspiegelt. So entstehen eine fesselnde Atmosphäre und zugleich eine gewisse emotionale Distanz, die den Zugang zu den Figuren bisweilen erschwert, aber gerade dadurch zur Authentizität beiträgt.
Bildgewaltig und mit einem untrüglichen Gespür für faszinierende Details beschwört Laabs die besondere Stimmung der Nachwendezeit herauf – eine Ära voller Möglichkeiten, die jedoch für viele unerreichbar bleiben.
Die Autorin versteht es hervorragend, die die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Figuren mit all ihren Widersprüchlichkeiten zu veranschaulichen.
Aus unterschiedlichen Perspektiven werden die Herausforderungen, Unsicherheiten, enttäuschten Hoffnungen und nicht realisierbaren Chancen eindringlich beleuchtet. Während sich die alten Ost-Zwänge in Auflösung befinden, gibt es neue Freiheiten und die verlockenden Möglichkeiten der Demokratie und des kapitalistischen Westens. Doch die Schatten der Vergangenheit und ihre Gespenster lassen sich nicht so leicht abschütteln und hinterlassen auch im neuen verheißungsvollen Leben ihre Spuren.
Gekonnt hat Laabs die persönlichen Geschichten ihrer drei Protagonistinnen mit den ostdeutschen Lebenserfahrungen ihrer Mütter und Familien verknüpft. So entstehen auf eindrucksvolle Weise vielschichtige Lebensgeschichten, die die komplexen historischen Brüche und tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen Ostdeutschlands generationenübergreifend erfahrbar machen. Mit Feingespür und feiner Ironie beleuchtet die Autorin dabei die Zerbrechlichkeit familiärer Bindungen und das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen sowie das Ringen um Orientierung und die Suche nach Identität in einer Welt, die radikalen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen ist.
Besonders eindrücklich und facettenreich fängt sie nicht nur die Wucht des Wandels, sondern auch das Scheitern der gesellschaftlichen Verheißungen ein. Was vom einstigen Freiheits- und Aufbruchsversprechen der Wende bleibt, ist oftmals pure Ernüchterung angesichts der schmerzhaften Realität im vereinten Deutschland. Ihr gelingt es hervorragend, die Vielschichtigkeit des Erwachsenwerdens, die subtilen Brüche und die allmähliche Entfremdung nicht nur greifbar, sondern auch berührend erlebbar zu machen.
Höchst überraschend und bewegend ist schließlich, wie ihre Figuren auf ganz individuelle Weise mit ihrer eigenen Geschichte und den Narben der Vergangenheit umgehen – die Enttäuschungen und zerplatzten Lebensentwürfe haben sie dabei in sehr unterschiedliche Richtungen geleitet und geprägt.

FAZIT
Ein beeindruckender, vielschichtiger Roman über Kindheit, Freundschaft und den schmerzhaften Wandel im Berlin der Nachwendezeit. Ein facettenreiches Panorama tiefgreifender gesellschaftlicher und persönlicher Umbrüche, das lange nachwirkt und sehr nachdenklich stimmt!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere