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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.11.2025

Der Buchclub

Das Antiquariat am alten Friedhof
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Vier Freunde haben sich dem Diebstahl von Büchern verschrieben und nennen sich selbst „Club Casaubon“. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird Felix zurückgeschickt, um im von den Amerikanern besetzten Leipzig ...

Vier Freunde haben sich dem Diebstahl von Büchern verschrieben und nennen sich selbst „Club Casaubon“. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird Felix zurückgeschickt, um im von den Amerikanern besetzten Leipzig einen geheimen Auftrag auszuführen.
„Das Antiquariat am alten Friedhof“ ist Kai Meyers viertes Buch, das im Graphischen Viertel der Stadt spielt, jenem historischen Zentrum, in dem im frühen 20. Jahrhundert Bücher hergestellt und verbreitet wurden. Im Handlungsstrang von 1930 erleben wir den Stadtteil noch in seiner Blüte, während er 1945 weitgehend zerstört ist.
»Hätten Sie mir auch nur ein Wort geglaubt, wenn ich bei unserem ersten Gespräch vom Eingangssatz eines obskuren Buchs geredet hätte? Eines Buchs, das aus den Protokollen angeblicher Geisterseher besteht, aufgeschrieben in einem halben Dutzend Sprachen?«
Alle Teile der Reihe stellen die Leidenschaft für Bücher in den Mittelpunkt und ihre Figuren zugleich vor mysteriöse Herausforderungen. Dieser Band wirkte auf mich etwas schwächer als seine Vorgänger, vermutlich aufgrund eines weniger abenteuerlichen Szenarios, und hat mich dennoch in seinen Bann gezogen.
Die detailreichen Beschreibungen von Artefakten und Rätseln schüren den Wunsch, das Knäuel an Hinweisen zu entwirren. Zudem erschafft der Schreibstil ein authentisches Ambiente von Handlungsorten, die heute so nicht mehr bestehen. Wer die Reihe kennt, wird schließlich mit Querverweisen zu den anderen Büchern belohnt und ihr weiterhin treu bleiben, so wie ich.

Veröffentlicht am 16.11.2025

Der Zaunpfahl

In der Komfortzone wächst nichts. Die schönsten Gärten blühen außerhalb.
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52 Sätze aus der Psychotherapie bilden die Grundlage für dieses Buch. Schon für sich genommen sind sie prägnant und zeigen Wirkung. Zusätzlich werden sie jeweils erklärt oder mit Anregungen versehen, wie ...

52 Sätze aus der Psychotherapie bilden die Grundlage für dieses Buch. Schon für sich genommen sind sie prägnant und zeigen Wirkung. Zusätzlich werden sie jeweils erklärt oder mit Anregungen versehen, wie wir sie überdenken und in unser Leben integrieren können.
Thematisch geht es um Eigenverantwortung, Entscheidungen und Konflikte. Ein Beispiel: „Erwachsen ist man, wenn man es aushält, andere Menschen zu enttäuschen.“ Die dazugehörige Übung besteht darin, aufzuschreiben, was einem wirklich wichtig ist und welchen Erwartungen man glaubt entsprechen zu müssen.
Das Cover deutet bereits die plakative Gestaltung an, die sich durchs gesamte Buch zieht. Es werden ausschließlich Orange und Lila verwendet, um Textteile voneinander abzuheben – sonst nichts. Diese Reduktion gefällt mir ausgesprochen gut.
So originell ich das Konzept auch finde, fällt es mir schwer, es wie vorgesehen anzuwenden: über ein Jahr hinweg jede Woche ein neuer Impuls, gewissermaßen eine gießkannenartige Verteilung therapeutischer Erkenntnisse. Für meine Bedürfnisse wäre es hilfreicher gewesen, mich intensiver mit einzelnen Aspekten auseinanderzusetzen; hier hingegen wird der Hahn nach einem kleinen Einblick schon wieder abgedreht.
Therapiert fühle ich mich dadurch zwar nicht – aber inspiriert, mich weiter mit meinen Gedanken zu beschäftigen.

Veröffentlicht am 11.11.2025

Kopfkino

Drei Tage im Schnee
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Eine Frau nimmt sich in einer verschneiten Hütte eine Auszeit vom stressigen Alltag. Durch die Begegnung mit einem Mädchen beginnt sie, ihr Hamsterrad infrage zu stellen.
„Die Gedanken an die Arbeit lachten ...

Eine Frau nimmt sich in einer verschneiten Hütte eine Auszeit vom stressigen Alltag. Durch die Begegnung mit einem Mädchen beginnt sie, ihr Hamsterrad infrage zu stellen.
„Die Gedanken an die Arbeit lachten sich scheckig, zeigten mir insgeheim den Vogel und machten sich demonstrativ breit in meinem Kopf.“ Das Problem der Protagonistin wird schnell klar: Es fällt ihr schwer, sich auf die Zeit allein einzulassen. Da kommt das neunmalkluge Kind wie gerufen – es erinnert sie daran, wie es geht, einfach in den Tag hineinzuleben.
Vieles spielt sich in ihrem Kopf ab, vor allem kreisen ihre Gedanken um all die Ratgeber, die zu Achtsamkeit und Selbstliebe aufrufen. Das Buch ist also ein Prosatext, der psychologische Tipps neu verpackt. Damit verflog für mich der anfängliche Zauber der unberührten Winterlandschaft, weil die Erzählung zunehmend wie ein Abarbeiten von Empfehlungen wirkte.
Als Roman wirkt es zu konstruiert, als Ratgeber funktioniert es aber auch nicht – die Erkenntnisse bleiben im Text versteckt und sind nicht wirklich zur eigenen Anwendung gedacht. „Drei Tage im Schnee“ lässt sich flüssig lesen und verfolgt eine ansprechende Grundidee, die für mich jedoch nur bedingt aufgeht.

Veröffentlicht am 09.11.2025

Einig deutsches Vaterland?

Ungleich vereint
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„Will man die heute erkennbaren Aushärtungen einer ostdeutschen Teilgesellschaft verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die deutsche Einheit eine Mesalliance zweier recht ungleicher Partner war.“ ...

„Will man die heute erkennbaren Aushärtungen einer ostdeutschen Teilgesellschaft verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die deutsche Einheit eine Mesalliance zweier recht ungleicher Partner war.“ Stefan Mau seziert die deutsche Gesellschaft, um zu zeigen, warum sich alte und neue Bundesländer bis heute in vielen Aspekten unterscheiden.
Auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung dauern die Diskussionen über Unterschiede zwischen Ost und West an – und werden durch aktuelle Wahlergebnisse immer wieder neu befeuert. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema erscheint daher besonders relevant.
Tatsächlich bringt der Autor Punkte zutage, die inzwischen gerne verdrängt werden und für die Debatte wichtig sind. Allerdings neigt Mau stellenweise dazu, über andere Autor:innen oder ganze Bevölkerungsgruppen zu urteilen, was seine sonst analytische Haltung untergräbt und mich an seiner wissenschaftlichen Distanz zweifeln lässt.
Was mich beim Hören neben den komplexen Wortkonstruktionen störte, waren die wiederholten Verweise auf spätere Kapitel („dazu später mehr“), die für mich keinen Mehrwert boten. Der Sprecher hingegen vermittelt den anspruchsvollen Text klar und verständlich. Für ein wirklich gelungenes Werk hätte ich mir etwas mehr Sachlichkeit – und vielleicht auch mehr Raum für die komplexen Zusammenhänge – gewünscht.

Veröffentlicht am 19.10.2025

Due stagioni

Alle weg
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Stefan Maiwald lebt in Italien und ist somit unser Mann vor Ort, wenn „alle weg“ sind – in den Monaten von September bis April, wenn in Grado nur noch die Einheimischen verweilen. „Wir alle können uns ...

Stefan Maiwald lebt in Italien und ist somit unser Mann vor Ort, wenn „alle weg“ sind – in den Monaten von September bis April, wenn in Grado nur noch die Einheimischen verweilen. „Wir alle können uns ungestört unseren kleinen und großen Ritualen widmen, ob das nun Radeln oder Spazierengehen ist, Lesen oder Kartenspielen. Kein Tourist nervt mit seinen Bedürfnissen.“
Sein Erfahrungsbericht spielt mit den Figuren, die Leserinnen und Leser bereits in früheren Büchern begegnet sind – und wer sie noch nicht kennt, wird mehrfach darauf hingewiesen, was für mich etwas zu viel des Guten war. Mit einem Schuss Selbstironie reflektiert Maiwald zugleich seine eigene Position als Deutscher unter Italienern.
Das besondere Projekt, das seine Schilderungen diesmal durchzieht, sind die Tennisstunden, die er nimmt, um es mit seiner Frau aufnehmen zu können. Diese Episoden bringen zwar auch charmante Einblicke in das örtliche Leben, waren für mich aber etwas weniger spannend als die kulinarischen Abenteuer aus dem Vorgängerband.
Das stilvoll gestaltete Buch lässt uns erneut an der italienischen Lebensart teilhaben – von Aberglauben über Karneval bis zu „Zoff am Strand“. Maiwald mischt Fakten und Beobachtungen mit feinem Humor und italienischen Einschüben, wodurch eine authentische Italien-Atmosphäre entsteht.