Über das Recht auf den selbstbestimmten Tod
Vielleicht ist die Liebe soKatja Früh ist mit ihrem Debütroman "Vielleicht ist die Liebe so" etwas Bemerkenswertes gelungen: viel Leichtfüßigkeit und Humor in einem Buch, das eigentlich voll ist von Themen, bei denen ein einziges ...
Katja Früh ist mit ihrem Debütroman "Vielleicht ist die Liebe so" etwas Bemerkenswertes gelungen: viel Leichtfüßigkeit und Humor in einem Buch, das eigentlich voll ist von Themen, bei denen ein einziges schon reichen hätte können, um eine unglaubliche Schwere zu transportieren: es geht unter anderem um assistierten Suizid, weitere Suizide in der Familiengeschichte, eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung sowie on top auch noch um eine Familie mit jüdischen Wurzeln, die sich mit dem Gefühl der Überlebensschuld, Entwurzelung, Heimatlosigkeit und transgenerationaler Traumatisierung herumschlagen muss. Das könnte ein Buch sein, das so traurig und düster ist, dass es kaum zu bewältigen ist.
Aber so ein Buch hat die Autorin trotz all dieser herausfordernden Themen nicht geschrieben, sondern im Gegenteil einen leichtfüßig-humorvollen Zugang dazu gewählt. Das ist ein durchaus cleverer Schachzug, um beim Lesen nicht gleich in die komplette Abwehr zu gehen, sondern sich auf das Buch und die damit verbundenen Themen intellektuell und vor allem auch emotional einlassen zu können. Denn ist man erst einmal in das Buch hineingezogen, dann möchte man es fertig lesen und dann regt es insgesamt sehr zum Nachdenken über die erwähnten Themen und noch viele weitere an.
Endgültige Antworten oder gar Positionen möchte dieses Buch nicht vermitteln. Wir nähern uns stattdessen der Geschichte ausschließlich durch die Perspektive der Mitte-40-jährigen Anja an, einer unzuverlässigen Erzählerin. Anja hat es nicht leicht gehabt im Leben bisher: der Vater ist früh an seinem Alkoholismus zugrunde gegangen, die Oma hat sich das Leben genommen, genauso wie eine Cousine der Mutter, und als einzige Tochter einer narzisstischen, zynischen und mit allem unzufriedenen Mutter kriegt Anja von dieser ständig zu hören, was für eine Versagerin sie in deren Augen doch sei und in wie vielen Bereichen sie den Ansprüchen der Mutter nicht genüge. Angespornt durch die ehrgeizige Mutter hat Anja in jungen Jahren eine Karriere als Schauspielerin versucht, diese aber nach einem schockierenden Erlebnis mit einem sexuell übergriffigen Regisseur erst einmal ad acta gelegt, zur Enttäuschung ihrer Mutter. Momentan arbeitet sie als Kellnerin in einer Bar - ein Job, der ihr durchaus gut tut, weil sie sich dort sicher fühlen und erholen kann und gute Freunde hat, der aber natürlich nicht so prestigeträchtig ist, wie ihr immer vermittelt wird, dass ihr Job und ihr Leben sein sollte. Auch bezüglich romantische Beziehungen läuft es herausfordernd für Anja: eigentlich hätte sie sich immer Kinder gewünscht, doch nie den richtigen Mann dafür gefunden. Sie hofft immer noch vergeblich, dass es mit ihrem Ex Carlos wieder etwas werden könnte, obwohl dieser klar mit ihr abgeschlossen hat und das eigentlich auch deutlich wird - für alle, außer für Anja.
Das war schon mal ganz schön viel über Anja und ich könnte noch viel mehr über sie schreiben, denn aus ihrer Perspektive ist, wie gesagt, der ganze Roman erzählt. Doch gibt es noch den wichtigsten Gegenpart in dieser Geschichte: ihre Mutter, die ihr eines Tages so lapidar wie nebenbei erzählt, dass sie entschieden hat, sich am kommenden 18. Februar um 4 Uhr nachmittags, unterstützt von einer Schweizer Sterbehilfeorganisation, das Leben zu nehmen. Am Anfang können wir Lesende - und auch Anja - gar nicht glauben, dass die Mutter, auch wenn sie eine sehr willensstarke und entschlossene Persönlichkeit ist, das tatsächlich ernst meint. Doch die Vorbereitungen für ihren Sterbetag schreiten voran: die Mutter verlangt allen Ernstes von Anja, sie dabei zu unterstützen, ihren gesunden und lebensfrohen Hund einschläfern zu lassen, da sie meint, dieser würde ihren Tod nicht verkraften und es sei besser so. Sie wählt passende Kleidung für ihren Sterbetag, die ruhig hinten offen sein könne, denn dann werde sie ja nur mehr am Rücken daliegen. Auch die Beerdigung und der Leichenschmaus werden geplant. Wenn man eines dieser sonst so egozentrischen Mutter nicht vorwerfen kann, dann ist es, der hinterbliebenen Tochter viel Arbeit zu hinterlassen: die Mutter kümmert sich vor ihrem geplanten Suizid um jedes erdenkliche Detail. Und so rückt der geplante Sterbetag immer näher, ohne dass die Mutter Anstalten macht, ihren Plan abzusagen.
Kann das sein? Ist es möglich, dass eine zumindest äußerlich gesund wirkende Frau Anfang 70 sich so einfach das Leben nehmen "darf", nur weil sie sich immer so über Schönheit und Status definiert hat und ihren eigenen Verfall nicht erleben will? Und, um noch einmal eines draufzulegen: kann es sein, dass sie dabei auch noch von einer Organisation für assistierten Suizid unterstützt wird? Wie steht Anja als Tochter (die entsetzt ist und gerne ihre schwierige Mutter weiter bei sich hätte), aber wie stehen vor allem wir als Lesende zu diesem ethisch sehr kontroversen Thema?
Wie stehen wir dazu, dass wir von der Häufung von Suiziden in der Familiengeschichte erfahren, von den jüdischen Wurzeln, dem religiösen Sich-Entwurzelt-Fühlen der Mutter auch nach Wechseln vom Judentum erst zum Katholizismus, dann zum Protestantismus und schließlich zur Abkehr vom Glauben? Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser Mutter, auch wenn und gerade weil sie sich oft der Tochter gegenüber so unfreundlich und abwertend präsentiert, um eine innerlich tief verwundete Person handeln könnte? Würde diese nicht viel eher Psychotherapie brauchen als Unterstützung beim Suizid? Doch wie gehen wir damit um, wenn diese Person das nunmal nicht möchte? Wäre es ethisch angebrachter, ihr den assistierten Suizid zu verweigern (und damit eventuell einen unassistierten Suizid mit allen Konsequenzen in Kauf zu nehmen)?
Auf all diese Fragen gibt es keine leichten oder eindeutigen Antworten. Diese will und kann dieses Buch auch gar nicht geben, aber es kann zum tiefgehenderen Nachdenken und Diskutieren anregen, und das tut es auch. Damit ist es ein sehr intelligentes Buch, dem, wie eingangs erwähnt, es bei aller Schwere gelingt, die erwähnten Themen mit einer Leichtfüßigkeit zu behandeln, die den Zugang öffnet, sich darauf einzulassen. Das ist schon eine besondere Kunst, die ich bewundere. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.