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Veröffentlicht am 16.11.2025

Über das Recht auf den selbstbestimmten Tod

Vielleicht ist die Liebe so
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Katja Früh ist mit ihrem Debütroman "Vielleicht ist die Liebe so" etwas Bemerkenswertes gelungen: viel Leichtfüßigkeit und Humor in einem Buch, das eigentlich voll ist von Themen, bei denen ein einziges ...

Katja Früh ist mit ihrem Debütroman "Vielleicht ist die Liebe so" etwas Bemerkenswertes gelungen: viel Leichtfüßigkeit und Humor in einem Buch, das eigentlich voll ist von Themen, bei denen ein einziges schon reichen hätte können, um eine unglaubliche Schwere zu transportieren: es geht unter anderem um assistierten Suizid, weitere Suizide in der Familiengeschichte, eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung sowie on top auch noch um eine Familie mit jüdischen Wurzeln, die sich mit dem Gefühl der Überlebensschuld, Entwurzelung, Heimatlosigkeit und transgenerationaler Traumatisierung herumschlagen muss. Das könnte ein Buch sein, das so traurig und düster ist, dass es kaum zu bewältigen ist.

Aber so ein Buch hat die Autorin trotz all dieser herausfordernden Themen nicht geschrieben, sondern im Gegenteil einen leichtfüßig-humorvollen Zugang dazu gewählt. Das ist ein durchaus cleverer Schachzug, um beim Lesen nicht gleich in die komplette Abwehr zu gehen, sondern sich auf das Buch und die damit verbundenen Themen intellektuell und vor allem auch emotional einlassen zu können. Denn ist man erst einmal in das Buch hineingezogen, dann möchte man es fertig lesen und dann regt es insgesamt sehr zum Nachdenken über die erwähnten Themen und noch viele weitere an.

Endgültige Antworten oder gar Positionen möchte dieses Buch nicht vermitteln. Wir nähern uns stattdessen der Geschichte ausschließlich durch die Perspektive der Mitte-40-jährigen Anja an, einer unzuverlässigen Erzählerin. Anja hat es nicht leicht gehabt im Leben bisher: der Vater ist früh an seinem Alkoholismus zugrunde gegangen, die Oma hat sich das Leben genommen, genauso wie eine Cousine der Mutter, und als einzige Tochter einer narzisstischen, zynischen und mit allem unzufriedenen Mutter kriegt Anja von dieser ständig zu hören, was für eine Versagerin sie in deren Augen doch sei und in wie vielen Bereichen sie den Ansprüchen der Mutter nicht genüge. Angespornt durch die ehrgeizige Mutter hat Anja in jungen Jahren eine Karriere als Schauspielerin versucht, diese aber nach einem schockierenden Erlebnis mit einem sexuell übergriffigen Regisseur erst einmal ad acta gelegt, zur Enttäuschung ihrer Mutter. Momentan arbeitet sie als Kellnerin in einer Bar - ein Job, der ihr durchaus gut tut, weil sie sich dort sicher fühlen und erholen kann und gute Freunde hat, der aber natürlich nicht so prestigeträchtig ist, wie ihr immer vermittelt wird, dass ihr Job und ihr Leben sein sollte. Auch bezüglich romantische Beziehungen läuft es herausfordernd für Anja: eigentlich hätte sie sich immer Kinder gewünscht, doch nie den richtigen Mann dafür gefunden. Sie hofft immer noch vergeblich, dass es mit ihrem Ex Carlos wieder etwas werden könnte, obwohl dieser klar mit ihr abgeschlossen hat und das eigentlich auch deutlich wird - für alle, außer für Anja.

Das war schon mal ganz schön viel über Anja und ich könnte noch viel mehr über sie schreiben, denn aus ihrer Perspektive ist, wie gesagt, der ganze Roman erzählt. Doch gibt es noch den wichtigsten Gegenpart in dieser Geschichte: ihre Mutter, die ihr eines Tages so lapidar wie nebenbei erzählt, dass sie entschieden hat, sich am kommenden 18. Februar um 4 Uhr nachmittags, unterstützt von einer Schweizer Sterbehilfeorganisation, das Leben zu nehmen. Am Anfang können wir Lesende - und auch Anja - gar nicht glauben, dass die Mutter, auch wenn sie eine sehr willensstarke und entschlossene Persönlichkeit ist, das tatsächlich ernst meint. Doch die Vorbereitungen für ihren Sterbetag schreiten voran: die Mutter verlangt allen Ernstes von Anja, sie dabei zu unterstützen, ihren gesunden und lebensfrohen Hund einschläfern zu lassen, da sie meint, dieser würde ihren Tod nicht verkraften und es sei besser so. Sie wählt passende Kleidung für ihren Sterbetag, die ruhig hinten offen sein könne, denn dann werde sie ja nur mehr am Rücken daliegen. Auch die Beerdigung und der Leichenschmaus werden geplant. Wenn man eines dieser sonst so egozentrischen Mutter nicht vorwerfen kann, dann ist es, der hinterbliebenen Tochter viel Arbeit zu hinterlassen: die Mutter kümmert sich vor ihrem geplanten Suizid um jedes erdenkliche Detail. Und so rückt der geplante Sterbetag immer näher, ohne dass die Mutter Anstalten macht, ihren Plan abzusagen.

Kann das sein? Ist es möglich, dass eine zumindest äußerlich gesund wirkende Frau Anfang 70 sich so einfach das Leben nehmen "darf", nur weil sie sich immer so über Schönheit und Status definiert hat und ihren eigenen Verfall nicht erleben will? Und, um noch einmal eines draufzulegen: kann es sein, dass sie dabei auch noch von einer Organisation für assistierten Suizid unterstützt wird? Wie steht Anja als Tochter (die entsetzt ist und gerne ihre schwierige Mutter weiter bei sich hätte), aber wie stehen vor allem wir als Lesende zu diesem ethisch sehr kontroversen Thema?

Wie stehen wir dazu, dass wir von der Häufung von Suiziden in der Familiengeschichte erfahren, von den jüdischen Wurzeln, dem religiösen Sich-Entwurzelt-Fühlen der Mutter auch nach Wechseln vom Judentum erst zum Katholizismus, dann zum Protestantismus und schließlich zur Abkehr vom Glauben? Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser Mutter, auch wenn und gerade weil sie sich oft der Tochter gegenüber so unfreundlich und abwertend präsentiert, um eine innerlich tief verwundete Person handeln könnte? Würde diese nicht viel eher Psychotherapie brauchen als Unterstützung beim Suizid? Doch wie gehen wir damit um, wenn diese Person das nunmal nicht möchte? Wäre es ethisch angebrachter, ihr den assistierten Suizid zu verweigern (und damit eventuell einen unassistierten Suizid mit allen Konsequenzen in Kauf zu nehmen)?

Auf all diese Fragen gibt es keine leichten oder eindeutigen Antworten. Diese will und kann dieses Buch auch gar nicht geben, aber es kann zum tiefgehenderen Nachdenken und Diskutieren anregen, und das tut es auch. Damit ist es ein sehr intelligentes Buch, dem, wie eingangs erwähnt, es bei aller Schwere gelingt, die erwähnten Themen mit einer Leichtfüßigkeit zu behandeln, die den Zugang öffnet, sich darauf einzulassen. Das ist schon eine besondere Kunst, die ich bewundere. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Inspirierendes Buch für eine positive Lebenseinstellung

Glimmer
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Der Heilpraktiker und Hypnosetherapeut Bernhard Tewes stellt mit "Glimmer" einen Ansatz vor, der dem weit verbreiteten Fokus auf negative "Trigger" etwas Positives und Heilsames entgegensetzt. Anschaulich ...

Der Heilpraktiker und Hypnosetherapeut Bernhard Tewes stellt mit "Glimmer" einen Ansatz vor, der dem weit verbreiteten Fokus auf negative "Trigger" etwas Positives und Heilsames entgegensetzt. Anschaulich erklärt er anhand von Fallbeispielen, wie viele Menschen dadurch, dass sie in ihrem Leben ihre Aufmerksamkeit auf Negatives, etwa ständig auf Katastrophennachrichten oder auf ihre eigenen Unzulänglichkeiten, richten, ihr eigenes Unglück verstärken. Dabei gibt es an jedem Tag und in jedem Leben viele kleine Glücksmomente wahrzunehmen oder auch aktiv herzustellen, mit uns selbst und in der Begegnung mit anderen. Wir können bewusst wählen, wie wir unsere Morgenroutinen gestalten, wie wir uns mit wohltuender Musik umgeben, nährende Beziehungen zu anderen und eine inspirierende Umgebung für uns kreieren.

Sehr interessant war für mich zum Beispiel, über den Ansatz der "Low-stake-Kreativität" zu lesen: schon kleine kreative Tätigkeiten ohne Druck oder Anspruch, z.B. das Dekorieren eines Raumes oder das Kochen einer Speise, können durch die Freude am Schaffen und Gestalten viel Glück in unser Leben bringen, Stress reduzieren und Entspannung fördern, jenseits von Leistungsdruck und Bewertung.

Geschrieben ist das Buch sehr praxisnah und zugänglich: der Autor erzählt offen und ehrlich aus seinem eigenen Leben und seinen früheren Suchtproblemen sowie auch davon, wie er diese überwunden hat, Hypnosetherapeut wurde und mit welchen Methoden und Übungen er nun seine Klientinnen und Klienten unterstützt. Am Ende jedes Kapitels finden sich praktische Übungen, um die "Glimmer"-Momente im eigenen Leben zu fördern, z.B. drei Menschen ein ehrliches Kompliment zu machen, den Gesprächspartner als die interessanteste Person der Welt zu betrachten und wirklich aufmerksam zuzuhören, Dankbarkeit zu üben, die eigenen Werte zu reflektieren, einen schönen Moment der Vergangenheit innerlich nochmal zu erleben ("Revivikation" genannt) oder auch sich bewusst mit wohltuender Musik und angenehmen Berührungen (mit sich selbst oder im Konsens mit anderen Personen, z.B. auf Kuschelpartys) auseinanderzusetzen.

Insgesamt ist es ein schön gestaltetes, leicht lesbares und inspirierendes Buch, das wie ein Licht in einer Zeit der Krisen und Sorgen wirkt und das ich allen an Psychologie, Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung Interessierten auf jeden Fall empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Eine stille, behutsame Geschichte, die Lust auf Usbekistan macht

Und zuletzt Buchara
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Stephanie Clasemann liebt Usbekistan, beschäftigt sich seit langem mit dem Land und seinen mystischen Traditionen und begleitet Pilgerreisen dorthin. Nach ihrem wunderschön gestalteten spirituellen Usbekistan-Reisebegleiter ...

Stephanie Clasemann liebt Usbekistan, beschäftigt sich seit langem mit dem Land und seinen mystischen Traditionen und begleitet Pilgerreisen dorthin. Nach ihrem wunderschön gestalteten spirituellen Usbekistan-Reisebegleiter "Heiliges Usbekistan" hat sie nun mit diesem schmalen Büchlein einen etwas anderen Zugang gewählt, um dieses Land vorzustellen: eine Erzählung, eine stille, behutsame Geschichte, bei der wir locker und leicht eine junge Frau dabei begleiten, diese besondere Region zu entdecken.

Die Studentin Gesa hatte eigentlich vor, mit einer guten Freundin Nepal zu bereisen, dafür auch schon gespart und viel über das Land gelesen. Doch nun hat Jule einen neuen Freund und will die gemeinsame Reise verschieben. Zuerst ist Gesa traurig und enttäuscht, doch dann lernt sie zufällig durch ein Missgeschick in einem Café Sonja und Marc kennen, die mal ein Paar waren, nun getrennt sind, aber noch eine letzte gemeinsame Usbekistan-Reise unternehmen möchten und sie einladen, mitzukommen. Kurz entschlossen entscheidet sich Gesa, zuzusagen und ihr Erspartes dafür einzusetzen und so reisen die drei jungen Menschen gemeinsam in das Land.

Es ist ein ruhiges, nachdenkliches Buch, bei dem vordergründig nicht so viel passiert, aber im Hintergrund umso mehr: die drei reisen durch das Land, mal sind sie auch nur zu zweit, dann gibt es einiges Mysteriöses, was die Spannung aufrechterhält, aber sonst lebt das Buch zu einem großen Teil von der Atmosphäre und von dem Gefühl, mit den Charakteren durch Usbekistan zu reisen, zu meditieren, innezuhalten und ruhig zu werden. Damit gelingt es der Autorin auch mit diesem Buch wieder ausgezeichnet, Lust auf eine Reise ins unbekannte Usbekistan zu machen.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Ein mutiges Buch zu einem sehr kontroversen Thema

Ich liebe meine Kinder, aber ...
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Wer mit seiner Meinung in die Öffentlichkeit geht, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Das gilt umso mehr, wenn man eine Frau ist und es sich um ein kontroverses Thema handelt. Es gibt wenige Themen, ...

Wer mit seiner Meinung in die Öffentlichkeit geht, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Das gilt umso mehr, wenn man eine Frau ist und es sich um ein kontroverses Thema handelt. Es gibt wenige Themen, die so sehr die Gemüter erregen können wie "Regretting Motherhood". Das zeigte sich schon Mitte der 2010er Jahre, als die israelische Soziologin Orna Donath ihre Studien dazu und das gleichnamige Buch veröffentlicht hat. Der Mythos der aufopfernden, selbstlosen Mutter, die alles für ihre Kinder gibt und selbst nichts braucht, ist ein starker. So stark, dass viele tatsächliche Mütter aus Fleisch und Blut enorm darunter leiden, und auch aufgrund dieses Ideals nicht wenige Menschen bewusst kinderfrei bleiben, um sich nicht an einem Bild aufzureiben, dem sie fürchten, niemals entsprechen zu können.

In diesem Buch teilt nun die Autorin offen, verletzlich und selbstreflektiert ihre eigenen Herausforderungen als Mutter zweier Kinder: ein heute etwa 10-jähriges Mädchen und ein Bub im Kindergartenalter. Sie erzählt von ihrem Leben als junge Frau, ihrer Partnerschaft und wie der Weg in die Mutterschaft für sie damals Ende 20 etwas unhinterfragt Selbstverständliches war, der logische nächste Schritt, so wie für viele Frauen. Wie sie von dem weit verbreiteten idealisierten Bild der glücklichen Schwangeren und des unendlichen Mamaglücks in der Babyphase beeinflusst war und ihr nicht bewusst war, wie viele Opfer diese Lebensumstellung mit sich bringen würde... so weit, dass sie in eine tiefe psychische Krise stürzen würde und Angst hätte, sich selbst zu verlieren. Wohl verstärkt wurde der Druck dadurch, dass in ihrer Umgebung - so wie bei vielen bildungsaffinen und hochqualifizierten Frauen heutzutage - bindungsorientierte Erziehung als der Goldstandard gehyped wurde, in einer Art, die an völlige Selbstaufgabe grenzt: keine Sekunde mehr ohne das Baby am eigenen Leib, alle kindlichen Bedürfnisse sofort erraten müssen, alles perfekt bio und nachhaltig machen usw.

Was diese Dinge angeht, hat die Autorin mittlerweile zu einer wesentlich pragmatischeren Einstellung gefunden und diese Extremform der bindungsorientierten Erziehung für sich als Irrweg erkannt. Auch diese Entwicklung scheint sie, wie sie im Buch schreibt, offen auf Instagram geteilt zu haben, genauso wie den Weg zu der Erkenntnis, dass sie auch mit mittlerweile zwei Kindern und viel Hinterfragen und Therapie sich oft von der Mutterrolle überfordert und ausgebrannt fühlt und lieber Papa oder Tante wäre - ohne die übermenschlichen Erwartungen, die gesellschaftlich an Mütter gestellt werden. Ebenso wie die israelische Soziologin Orna Donath und die meisten der von ihr in ihrer Studie interviewten Mütter und Großmütter stellt sie klar, dass es nicht darum geht, ihre Kinder zu bereuen oder zu wünschen, sie mit ihren Persönlichkeiten wären nicht auf der Welt, sondern dass es die Mutterrolle ist, von der sie sich so überlastet fühlt.

Dafür erntet die Autorin regelmäßig sehr negatives Feedback, wie sich auch in einigen anderen Rezensionen zeigt, aber genauso auch in vielen Zuschriften und Kommentaren, die die Autorin bekommt. Auf einige davon geht sie im Buch ein und nimmt Stellung dazu, selbstreflektiert und mutig.

Sehr sympathisch finde ich, wie ehrlich sie ihren Weg und ihre Herausforderungen teilt, aber auch über die Lösungsansätze spricht, die sie für sich und ihre Familie mittlerweile gefunden hat. Da sind viele hilfreiche Ideen dabei, die für alle Mütter - auch wenn sie nicht die Mutterschaft an sich bereuen, aber durchaus manchmal überlastet und überfordert sind - sehr hilfreich sein können.

Ich selbst bereue meine Mutterschaft keinesfalls, habe aber auch noch viel, was mich abseits der Mutterrolle ausmacht, und habe mich in vielem, was die Autorin beschreibt, wiedergefunden. Ich mag den pragmatischen Ansatz, den sie offenbar mittlerweile in der Erziehung lebt und wie sie, gemeinsam mit ihrem Mann, nach einer fairen Aufteilung sucht, externe Unterstützung organisiert, sich von unrealistischen Idealen verabschiedet hat und dabei offen zugibt, dass es trotz allem oft genug herausfordernd.

Mir vermittelt das Buch den Eindruck, dass diese Frau ihre Kinder über alles liebt und auch genau deshalb sich so dafür einsetzt, psychisch so gesund wie möglich zu bleiben, in gesunder Weise auf sich zu achten und damit auch noch länger als Wiebke und als Mutter auf dieser Welt für sich und andere konstruktiv etwas beitragen zu können.

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Veröffentlicht am 12.11.2025

Außergewöhnliche Geschichte über vier Generationen, voll von Symbolik und magischem Realismus

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten, denn die verraten dich nicht, sie sterben still. Das scheint zum einen eine real-pragmatische Tatsache zu sein, die es der in diesem Buch vorgestellten ...

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten, denn die verraten dich nicht, sie sterben still. Das scheint zum einen eine real-pragmatische Tatsache zu sein, die es der in diesem Buch vorgestellten Familie erleichtert, auch in Kriegszeiten, wenn sogar Schlachtungen der eigenen Tiere rationiert sind, gut zu überleben.

Henrike, die Urgroßmutter der Ich-Erzählerin Alma, gelingt es so immer wieder mal, heimlich ein Tier zu schlachten und alle Teile davon zu verwerten, um dem Gatten und Sohn auf Fronturlaub besondere, nahrhafte Köstlichkeiten anbieten zu können. Dieses Buch wäre aber nicht, was es ist, wenn es sich nicht lohnen würde, auch noch auf anderen Ebenen über diesen Satz nachzudenken: über das Leben und Sterben, über das Schlachten, über die, die im Verborgenen getötet werden.

Geboren-Werden und Sterben sind zwei wichtige Säulen, die dieses Buch tragen und beide von Frauen symbolisiert werden: da gibt es die tüchtige Hebamme Anna, die so vielen Kindern ins Leben hilft, während der Kriegszeit verweigert, eine illegale Abtreibung durchzuführen (und doch die ungewollt Schwangere auf den früh blühenden Weizen verweist, dessen Mutterkorn Fehlgeburten auslösen kann) und später doch solche durchführt, die manchmal gelingen und manchmal nicht.

Wirkt das Buch zuerst wie eine recht normale österreichisch-deutsche Bauerngeschichte, so zeigt auch diese Figur, dass mehr dahinter ist: Anna ist ein Archetyp, keine reale Figur, denn sie scheint jenseits von Zeit und Raum an ganz unterschiedlichen, weit voneinander entfernten Orten und zu verschiedenen Zeiten aufzutauchen. Genauso wie ihre Kollegin Nora, die die Menschen gemeinsam mit den schon vorangegangenen Ahnen über die Schwelle aus dem Leben und ins Jenseits begleitet. Gekleidet ist sie an der Oberfläche in schwarz, für die trauernden Hinterbliebenen, doch darunter trägt sie alle bunten Farben, die immer wieder mal an der einen oder anderen Stelle schillernd hervorblitzen.

Oft treten die beiden gemeinsam auf, denn nicht so selten liegen Geboren-Werden und Todesgefahr ganz nah beieinander: wenn eine misslungene Abtreibung dazu führt, dass das Baby, das schließlich Miriam, das ungeliebte dritte Kind und später die Mutter der Ich-Erzählerin Alma, sein wird, doch geboren wird. Oder auch, noch viel mysteriöser, wenn Henrike als erstes Kind einen Sohn gebärt, der viele Jahre nur schlafen wird und bei dem selbst der Pfarrer rät, dafür zu beten, er möge von seinem Leiden erlöst werden - und der dann auf einmal, fast schon erwachsen, plötzlich die Augen öffnet und ein fast normaler junger Mann wird, als hätte er im Schlaf alle nötigen Fähigkeiten dazu erworben, aber zeitlebens blind bleibt für so vieles.

Geschichten über das bäuerliche Österreich habe ich schon viele gelesen, aber noch keine, die mit diesem subtil und geschickt eingewobenen magischen Realismus und der punktgenauen, poetischen Sprache dermaßen zum Nachdenken anregt. Szenen des bodenständig-pragmatischen Alltags im ländlichen Umfeld wechseln sich mit magischen Einschüben ab und die Leserinnen und Leser sind angehalten, mit ihrer Aufmerksamkeit voll bei diesem Buch zu bleiben, um überhaupt zu bemerken, wann es wieder zu einem Wechsel zwischen den Welten kommt. Oder sind die beiden Welten, die bodenständig-pragmatische und die surreal-mystische, immer zutiefst miteinander verbunden und wir merken es nur nicht?

Hier zur Illustration noch ein paar ausgewählte Zitate aus diesem besonderen Buch:

"Sie weiß, dass sie auf dem Wochenmarkt zwölf Eier für eine Mark und ein Kilogramm Rindfleisch für drei Mark verkaufen und damit einen Tagelöhner bezahlen kann, um den Stallmist zu streuen. Sie weiß, wie man ein Fieber senkt, eine Wunde verbindet und eine Tinktur gegen Husten braut. Was sie nicht weiß, ist, wie man den Geschwistern die Mutter ersetzt." (S. 14)

"Schlafende sind mir nicht geheuer. Sie sind freiwillige Tote, die mich allein hier zurückgelassen haben. Wohin sie sind, kann ich nicht folgen und das verzeihe ich ihnen nicht." (S. 57)

"Nora zieht die Tür des Schlafzimmers hinter sich zu, darin ist es angenehm warm mit einem Geruch nach feuchter, dunkler Erde. Sie legt ihr schwarzes Kleid ab, darunter trägt sie heimlich bunte Farben. Das Schwarz ist wichtig für die Lebenden, doch sie ist sich sicher, dass die Toten ihr die Farben nicht verübeln. Nora mag ihre Arbeit, es ist das Einzige, wofür sie eine Begabung hat. Wenn sie über die Schwelle eines Hauses tritt, weiß sie sofort, ob hier ein Sterbender oder ein Toter liegt. Es ist ihr lieber, wenn sie nicht zu früh gerufen wird, wenn sie den Pfarrer und die Familie fortschicken und in Ruhe beginnen kann." (S. 199)

Leseempfehlung für alle, die sich auf eine besondere Erzählweise österreichisch-deutscher, bäuerlich geprägter Familiengeschichte unter der Linse des magischen Realismus einlassen können, der in diesem Buch gegen Ende zunehmend mehr Raum einnimmt, wodurch es sich immer weiter von der uns als bekannt angenommenen Realität entfernt, dadurch allerdings auf sehr interessante Art und Weise bisher Bekanntes aufbricht und mit seinen Metaphern neue gedankliche Wege anregt.

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