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Veröffentlicht am 20.11.2025

Krimi der besonderen Art

Der Schneider von London
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Achille Perrot findet es wird mal wieder Zeit seinem Londoner Schneider einen Besuch abzustatten, unerfreulich nur, als zum vereinbarten Termin eben dieser verhindert ist und Achille sich unvermittelt ...

Achille Perrot findet es wird mal wieder Zeit seinem Londoner Schneider einen Besuch abzustatten, unerfreulich nur, als zum vereinbarten Termin eben dieser verhindert ist und Achille sich unvermittelt dessen Bruder gegenübersieht. Unverrichteter Dinge verlässt Perrot das Geschäft, natürlich mit der Ankündigung seiner baldigen Rückkehr und mit dem Geruch von Amber in der Nase, nicht ahnend, dass ihn dieser Duft in den nächsten Tagen verfolgen wird.

Im vierten Buch der Reihe, rund um den fiktiven Enkel des berühmten Hercule Poirot, lässt Autorin Crysta Winter ihre Hauptfigur erstmals selbst zu Wort kommen und als Ich - Erzähler agieren. Wenn man Achille bereits kennt, bekommt man so einen ganz anderen, intensiveren, aber oft auch frustrierenden und verwirrenden Einblick in dessen Gedankenwelt, sollte man ihn mit diesem Buch erst kennenlernen, dann bitte nicht abschrecken lassen, es lohnt sich wirklich seine Bekanntschaft zu machen. Achille ist, wie auch sein berühmter Großvater eine ganz spezielle Persönlichkeit, ein loyaler, leider nicht unbedingt immer mitteilsam Freund und natürlich ein brillanter Ermittler.

Wer, so wie ich, auf spezielle Ermittlerfiguren steht, wird dies hier definitiv finden und auch das Setting der Geschichte tut hier ihr Übriges. Passend zu Perrot Wesen wird der Leser in ein London entführt, das anmutet wie zu Zeiten Jack the Rippers, oder Sherlock Holmes. Der Leser besucht nicht nur eine fantastisch anmutende Menagerie der Künste, sondern macht auch die Bekanntschaft mit einer, wie aus der Zeit gefallen wirkenden, geheimnisvollen Dame und tauch tief ab in die düstere, viktorianisch angehauchte Atmosphäre verwinkelter Gassen und Parks. Beim Lesen verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion noch stärker, als sie es ohnehin schon tun, denn man vergisst fast, dass das Buch eigentlich im Jetzt spielt und ist immer wieder übereascht, wenn man darauf durch ein kleines Detail hingewiesen wird.

Das Buch entwickelt einen ganz eigenen und unvergleichlichen Charme, den die Autorin noch durch ihre besondere Art zu Schreiben unterstützt. Anfangs hatte ich damit etwas Schwierigkeiten, obwohl ich schon die anderen Bücher der Autorin kenne. Der Schreibstil ist sehr präzise und direkt, kommt oft mit ganz kurzen, manchmal sogar nur aus einem Wort bestehenden Sätzen aus und ist schon auch etwas anspruchsvoll. Mich hat er stellenweise in meinem Lesefluss ausgebremst, wobei das durchaus ein positiver Effekt ist, wurde ich doch hier zur Konzentration gezwungen, dazu, mich auf die Geschichte einzulassen, der Tiefe und den Nuancen nachzuspüren, um nichts zu überlesen. Das ist anstrengend, ungewohnt, aber eben absolut passend zu Perrots Figur und dem Kriminalfall.

Wer bei diesem Kriminalfall ein spannungsgeladenens Feuerwerk inklusive Verfolgungsjagd und Schießerei erwartet, wird leider enttäuscht. Auch hier folgt Perrot ganz seinem berühmten Vorfahren, die Ermittlungsarbeit ist geprägt vom Einsatz der kleinen grauen Zellen, die zur Regeneration natürlich ausreichend Schlaf, gutes Essen und anregende Gespräche benötigen.

Crysta Winter liefert hier einen Krimi mit allen klassischen Elementen, wie man sie auch bei Agatha Christie, oder Arthur Connan Doyle und ihren Figuren findet, individualisiert das aber durch ihre ganz eigene Art eine Geschichte zu erzählen. Vielleicht trifft sie damit nicht unbedingt den Geschmack der breiten Masse, aber das ist vollkommen okay, ich gehöre gern zu einer elitären kleinen Minderheit.

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Deutsch mal witzig

Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache
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Deutsche Sprache, schwere Sprache. Dieser Satz ist sowas von wahr, denkt man nur an die unendlichen Möglichkeiten Worte zu deklinieren, zu schreiben, falsch auszusprechen, oder schier endlos aneinanderzureihen, ...

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Dieser Satz ist sowas von wahr, denkt man nur an die unendlichen Möglichkeiten Worte zu deklinieren, zu schreiben, falsch auszusprechen, oder schier endlos aneinanderzureihen, um ein neues Wort zu bilden. Das die deutsche Sprache mit all ihren Eigenheiten aber auch viel Raum für komisches, skurriles und kurioses bietet, wird in diesem Büchlein mehr als deutlich.

DUDEN steht ja immer für Wissensvermittlung, jeder von uns der Schulkinder hat, hat irgendein Buch von DUDEN im Regal und mit Sicherheit gibt es in vielen deutschen Haushalten das Original Nachschlagewerk in verschiedensten Auflagen, oder auch eine mehr, oder weniger aktuelle Ausgabe zu den Regeln der "Neuen deutschen Rechtschreibung". Hier hat sich das Team nun mal nicht auf den reinen Aspekt der Wissensvermittlung konzentriert, der ja zugegebenermaßen schon auch manchmal etwas dröge werden kann, sondern auf das Kuriose der deutschen Sprache.

Das kleine Büchlein bietet auf 141 Seiten allerhand witziges von A wie Annagramm, bis Z wie Zweifelsfälle. Da versammeln sich Wortungetüme wie "Erdachsendeckelscharnierschmiernippelkommission" (absolut herrlich), Anglizismen, Worte, die gar nicht deutschen Ursprungs sind, solche, die, man auf mehr als eine Weise schreiben kann, welche, die von vorn wie von hinten gelesen gleich sind, oder solche, die immer falsch ausgesprochen werden. Das Buch beschäftigt sich aber auch mit den Ursprüngen der Sprache, mit Fremdwörtern, Wortneuschöpfungen, solchen, die gar nicht mehr nach ihrer ursprünglichen Bedeutung gebraucht werden, Unwörtern, Jugendwörtern, längsten Wörtern, schönsten Wörtern, fast ausgestorbenen Wörtern und solchen, die in den herrlichsten Dialekten daher kommen.

Mich hat das Buch richtig gut unterhalten, die Zusammenstellung ist wirklich gelungen und auch optisch hat man sich hier einiges einfallen lassen, um das Ganze Thema interessant rüber zu bringen. Für mich ist das Buch ein perfektes Geschenk für Menschen, die beruflich mit Sprache zu tun haben, definitiv für Kinder und Jugendliche, die sprachinteressiert sind, oder aber für die, die so ihre Schwierigkeiten mit ihr haben und definitiv für Menschen wie mich, die immer auf der Suche nach (liebgemeint) "unnützem" Wissen sind, mit dem sie bei der nächsten Gelegenheit klugscheissen können.

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Veröffentlicht am 11.11.2025

Besondere Atmosphäre

Kurilensee
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Jeden Sommer kommt eine Gruppe Wissenschaftler nach Kamtschatka. Hier in der Forschungsstation am Kurilskoye leben und arbeiten die Mitglieder der Gruppe über Monate, weit weg von der Zivilisation, abhängig ...

Jeden Sommer kommt eine Gruppe Wissenschaftler nach Kamtschatka. Hier in der Forschungsstation am Kurilskoye leben und arbeiten die Mitglieder der Gruppe über Monate, weit weg von der Zivilisation, abhängig von den Lebensmittellieferungen per Hubschrauber, umgeben von atemberaubender Natur, einzige Gesellschaft die Bären und die Lachse. Die Lachse zu zählen und zu untersuchen ist die Hauptaufgabe der Forschenden, um zu prognostizieren, wie sich die Population entwickeln wird und mit welchen Fangmengen man in der Fischerei demzufolge rechnen kann. Eine von ihnen ist Anna, die schon seit Jahren mit ihrem Partner zur Stammcrew der Forschungsstation gehört und mit ihren Augen sieht man nun diesen Sommer am Kurilensee.

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, was mich am Klappentext angesprochen und letztlich dazu bewogen hat das Buch zu lesen. Irgendwie hat mich diese Mischung aus Naturbeschreibung und Zivilisationsproblematik interessiert und ich war gespannt auf die Umsetzung.

Autorin Sophia Klink beschreibt in ihrem Roman die bekannte Problematik der Überfischung der Meere, den Rückgang der Fischpopulation bedingt durch Klimawandel, Umweltverschmutzung, und die Verringerung der Lebensräume durch das Eingreifen der Menschen. Dem setzt sie den absoluten Kontrast einer atemberaubenden Landschaft mit rauchenden Vulkanen und herumtollenden Bärenjungen entgegen, eine Idylle, fern jeglicher Zivilisation, vermeintlich unberührt, wild und gefährlich, aber letztlich auch bereits kompromittiert durch die Anwesenheit der Wissenschaftler. Dieser Kontrast erzeugt bereits eine besondere Stimmung, die noch verstärkt wird durch die philosophischen, fast melancholischen Gedankengänge von Hauptfigur Anna.

Anna trägt das Buch, durch ihre Augen erlebt man die Arbeit der Wissenschaftler und erfährt von den Konsequenzen, die ihre negativen Forschungsergebnisse nach sich ziehen. Man erlebt die inneren Konflikte der verschiedenen Personen, ihre im Keim erstickte Auflehnung gegen die Pläne der Regierung und die damit verbundene Resignation, trotz allem führen sie ihre Arbeit fort, immer mit der Hoffnung auf ein Wunder, auf ein "die Natur findet einen Weg", auf ein "vielleicht wird ja doch noch alles gut". Es ist fast deprimierend dem zu folgen und dabei auch noch mit Annas geheimsten, unerfüllten Sehnsüchten konfrontiert zu werden.

Der Schreibstil ist leise und zart, fast wie eine leichte Sommerbrise. Manchmal wirkt es beinahe etwas hypnotisch, ich will nicht sagen einschläfernd, man wird eingesaugt in diese flirrende Atmosphäre von Mückenschwärmen und sich windenden Fischleibern, man spürt die Anspannung, die Hektik beim Zählen der Tiere, den Druck und die bleiernde Schwere wenn Erfolgserlebnisse ausbleiben, sich Befürchtungen bewahrheiten. Natürlich besteht ein Großteil des Buches auch aus wissenschaftlichen Fakten rund um die Arbeit Annas und ihrer Kolleg*innen. Es ist unglaublich interessant und komplex was die Autorin hier an Wissen vermittelt, ohne das dies plump als solches zu erkennen ist. Ehrlicherweise muss ich schon sagen, dass ich davon nicht wirklich unbedingt viel verstanden habe, aber ich denke auch nicht, dass dies die vorrangige Intention der Autorin war.

Kurilensee ist ein absolut bemerkenswertes Buch, die Art und Weise wie die verschiedenen Themen hier miteinander verwoben sind, hab ich so bisher noch nicht erlebt. Allein wenn Anna über die Fische sinniert und dabei auf ihre eigene Fruchtbarkeit kommt und den Leser dann entführt auf eine Reise durch den Körper, wo ein Hormon einen Impuls steuert, auf den hin eine Eizelle herangebildet wird und ein anderes Hormon dann dafür sorgt, das sich diese auf ihren Weg durch den Körper macht... Allein das ist so philosophisch, so poetisch, so besonders, dass man es einfach gelesen haben muss.

Ein sensibles Buch, eines das Kritik übt und zum Nachdenken anregt, ein Buch, das nachhallt beim Leser über die letzte Seite hinaus.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Abgründe des Kolonialismus

Herz der Finsternis
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Eine dunkle Nacht auf der Themse, auf einer Yacht sind einige Seeleute zusammen und einer von ihnen, Marlow, beginnt eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte einer schicksalhaften Fahrt den Kongo entlang ...

Eine dunkle Nacht auf der Themse, auf einer Yacht sind einige Seeleute zusammen und einer von ihnen, Marlow, beginnt eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte einer schicksalhaften Fahrt den Kongo entlang ins Landesinnere, direkt ins Herz Afrikas, ins Herz der Finsternis.

Der Beginn des Buches, die beschriebene Szenerie auf dem Fluss, die bunt zusammengewürfelte Gruppe Männer, die Art und Weise wie Ich-Erzähler Marlow seinen Bericht beginnt, all das hat mich direkt an die Eröffnungsszene in Moby Dick denken lassen, ohne das ich genau sagen könnte warum. Irgendwie war direkt eine gewisse Düsternis zu spüren, eine Trostlosigkeit, ein Gefühl, als würde diese Geschichte nicht gut ausgehen und, obwohl Marlow seinen Zuhörern gegenübersitzt und von seiner Reise erzählen kann, ist sie das ja schlussendlich auch nicht.

Ich weiß gar nicht mehr genau, warum ich mir das Buch gekauft habe und ich hatte nicht wirklich eine Vorstellung davon, was mich erwartet. Gelesen habe ich das Buch dann wärend einer längeren Zugfahrt, aufgrund seiner Kürze schien es mir dafür perfekt geeignet. Die Geschichte stammt aus dem Jahr 1902 und der Autor arbeitet hier eine tatsächliche Reise nach Afrika auf, die er als Seemann 1890 selbst unternommen hat. Die Sprache, in der das Buch verfasst ist, entspricht natürlich der damaligen Zeit und ist dementsprechend nicht unbedingt leicht zu lesen. Noch weniger leicht zu lesen sind aber die damals vorherrschenden Ansichten zum Kolonialismus und das sollte man sich vor Beginn der Lektüre bewusst machen.

Das Buch liegt in seiner ursprünglichen Form vor, das bedeutet, dass Ausdrücke, Ausdrucksweisen, Weltanschauungen dargelegt werden, die heute nur als absolut abscheulich und antiquiert betrachtet werden können, den damaligen Zeitgeist aber leider eins zu eins widerspiegeln. Ich möchte hier jetzt nicht ins Detail gehen, aber es gab schon einige Beschreibungen, die mich wirklich haben schlucken lassen und die zeigen, wie man als zivilisierter und gebildeter Europäer von Afrika und seinen Bewohnern gedacht und gesprochen hat. Es macht betroffen mit welcher Überheblichkeit man sich ganze Länder aneignet, untereinander aufgeteilt und ausgebeutet hat, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur und all dies noch unter dem vermeintlichen Segen eines Gottes, den man diesen Menschen so unbedingt aufzwingen wollte. Es macht betroffen, wütend und einfach nur sprachlos, ist aber ein Zeitzeugnis und darf als Mahnung nicht in Vergessenheit geraten. Um die Geschichte des Buches in den richtigen Kontext zu setzen gibt es natürlich noch ein Nachwort.

Viele Bücher, die ähnliche Thematiken beinhalten werden in Neuauflagen heute immer öfter bereinigt, bestimmte Begrifflichkeiten, oder ganze Passagen geändert, oder sogar ganz entfernt. Ich sehe das zugegebenermaßen eher kritisch, den ein Buch spiegelt nunmal den Zeitgeist zum Zeitpunkt seines Entstehens und ist somit ein Zeitzeugnis, im positiven wie im negativen Sinne und sollte dementsprechend kritisch gelesen und wenn nötig auch erklärend aufbereitet werden, wenn man es beispielsweise mit Kindern liest. Ich vertrete eher die Meinung, man sollte, wie es hier gesehen ist, das Original unzensiert anbieten und im Nachgang dann diskutieren, erklären und in den richtigen Kontext setzen. Bücher umzuschreiben, oder gar auf den Index zu setzen ist in meinen Augen der völlig falsche Weg und erzeugt bei mir immer einen gewissen faden Beigeschmack.

Herz der Finsternis ist kein einfaches Buch, nicht vom Inhalt und auch nicht von der Erzählweise her, ich habe lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt eine Rezension dazu schreiben soll, denn irgendwie schienen mir alle meine Worte falsch. Letztlich muss das jeder Leser für sich selbst entscheiden.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Nicht einfach

Die Krähen
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Baruna lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in einem Haus direkt an einem Park. Hier in den hohen Bäumen vor ihrem Fenster baut eine Krähe gerade ein Nest. Baruna beobachtet die Krähe ...

Baruna lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in einem Haus direkt an einem Park. Hier in den hohen Bäumen vor ihrem Fenster baut eine Krähe gerade ein Nest. Baruna beobachtet die Krähe von ihrem Fenster aus und zeichnet sie sogar, denn ihr größter Wunsch ist es Malerin zu werden und auch die Krähe beobachtet ihrerseits das Mädchen, das andere, ältere Mädchen, den Vater, die Mutter und hört das Schreien, das Streiten, das Weinen.

In ihrem Buch hat die Autorin einen eher ungewöhnlichen Ansatz gewählt, in dem sie die Krähe im Baum vorm Fenster quasi als neutralen Beobachter ins Spiel bringt. Jedem Kapitel des Buches sind eine schöne Zeichnung und ein paar Worte zu dem Vogel voran gestellt. Die Krähe ist ein bisschen der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, eine Art verbindendes Element und letztlich auch eine Metapher für die Wünsche und Sehnsüchte der kleinen Baruna.

Die Geschichte wird abwechseln aus der Sicht von Baruna selbst erzählt und abwechseln aus der ihrer Mutter. Baruna erzählt von ihrem Alltag in der Schule, von der Verliebtheit in den neuen Lehrer, vom verhalten ihrer Schwester ihr gegenüber, von ihrer Gefühlswelt und natürlich von den Ereignissen in der Familie. Man erfährt, wie sie Athmosphäre im Haus erlebt, wie sie sich selbst und ihre Körperlichkeit wahrnimmt und welche Wünsche und Träume sie hat. Ihre Mutter erzählt ebenfalls vom Familienalltag, davon wie schwierig Baruna ist und wie einfacher und verständiger doch die ältere Tochter, durch ihre Augen erfährt der Leser viel über die Dynamik zwischen den Eheleuten und über das Verhältnis der Eltern zu ihren Töchtern.

An dieser Stelle ist wohl eine Triggerwarnung angebracht, denn die Geschichte Barunas ist eine, die geprägt ist durch Unverständnis und Gewalt, Gewalt in physischer, psychischer und leider auch sexueller Form. Gewalt, ausgeübt von beiden Elternteilen, wobei wohl am perfidesten ist, dass sie Mutter hier nicht selbst handgreiflich gegen ihre Tochter wird, sondern den Vater instrumentalisiert und ihn quasi dazu treibt. Der Leser ist eigentlich von der ersten Seite an bei der sensiblen, unverstandenen Baruna und man fragt sich nicht nur einmal, wie Eltern so sein können. Die Autorin gibt durch die Sichtweise der Mutter natürlich hierzu eine Erklärung, man wird Zeuge davon, wie die Mutter die Situation für sich empfindet, wie sie Dinge vor sich rechtfertigt, wie sie Angst, Wut, Überforderung und Eheprobleme auf das Kind projiziert und Baruna so zum Prellbock macht. Das Kind tut einem unendlich leid, ist sie doch den Erwachsenen, die sie eigentlich behüten und lieben sollten ungeschützt ausgeliefert, ihren Eltern.

Verständnis findet Baruna nur ausserhalb der Familie, durch den neuen Lehrer, der sie ermutigt, der sie ernst nimmt, der ihr Talent erkennt und fördert. Mit der Schule bringt die Autorin eine weitere Instanz in die Geschichte, denn natürlich bleibt die Gewalt, der Baruna zu Hause ausgesetzt ist nicht unbemerkt. Und hier kommt dann ein heikler Punkt zur Sprache, die Lehrerinnen sprechen das Kind natürlich auf das häusliche Geschehen an, setzten die Kleine dabei aber sehr unter Druck, verunsichern sie und geben sich recht schnell mit ihrer Aussage zufrieden, dass sie sich all das nur ausgedacht hätte. In gewisser Weise hat man als Leser hier das Gefühl, die Lehrerinnen suggerieren dem Kind die Antwort, die für Alle mit den wenigsten Schwierigkeiten verbunden ist, will doch niemand fälschlicherweise den Vorwurf der Kindesmisshandlung in den Raum stellen.

Die Autorin regt mit diesem Szenario natürlich auch ganz bewusst zum Nachdenken an. Was würde man selbst in einer solchen Situation tun. Natürlich steht das Wohl eines Kindes immer an erster Stelle, aber steht eine Anschuldigung erstmal im Raum, ist es schwierig für alle Beteiligten, sollte sich diese als unbegründet erweisen.

"Die Krähen" ist ein sehr emotionaler Roman, der aber trotzdem mit einer gewissen Distanz erzählt wir. Als Leser ist man, genau wie die Krähe, nur Beobachter, man wünscht sich zwar, dass die Nöte der kleinen Baruna endlich gesehen werden, das sie Hilfe bekommt, man hat von seinem Posten vor dem Fenster aber keine Möglichkeit einzugreifen. Man wird Zeuge des Unaussprechlichen, ohne etwas dagegen tun zu können und muss die Geschichte in ihrer letzten traurigen Konsequenz hinnehmen.

Mich hat das wunderschön gestaltete Buch sehr berührt. Es ist nur schwer zu ertragen, beschreibt aber eine Thematik, die auf jeden Fall Aufmerksamkeit bekommen muss, denn nur so kann sich etwas ändern.

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