Krimi der besonderen Art
Der Schneider von LondonAchille Perrot findet es wird mal wieder Zeit seinem Londoner Schneider einen Besuch abzustatten, unerfreulich nur, als zum vereinbarten Termin eben dieser verhindert ist und Achille sich unvermittelt ...
Achille Perrot findet es wird mal wieder Zeit seinem Londoner Schneider einen Besuch abzustatten, unerfreulich nur, als zum vereinbarten Termin eben dieser verhindert ist und Achille sich unvermittelt dessen Bruder gegenübersieht. Unverrichteter Dinge verlässt Perrot das Geschäft, natürlich mit der Ankündigung seiner baldigen Rückkehr und mit dem Geruch von Amber in der Nase, nicht ahnend, dass ihn dieser Duft in den nächsten Tagen verfolgen wird.
Im vierten Buch der Reihe, rund um den fiktiven Enkel des berühmten Hercule Poirot, lässt Autorin Crysta Winter ihre Hauptfigur erstmals selbst zu Wort kommen und als Ich - Erzähler agieren. Wenn man Achille bereits kennt, bekommt man so einen ganz anderen, intensiveren, aber oft auch frustrierenden und verwirrenden Einblick in dessen Gedankenwelt, sollte man ihn mit diesem Buch erst kennenlernen, dann bitte nicht abschrecken lassen, es lohnt sich wirklich seine Bekanntschaft zu machen. Achille ist, wie auch sein berühmter Großvater eine ganz spezielle Persönlichkeit, ein loyaler, leider nicht unbedingt immer mitteilsam Freund und natürlich ein brillanter Ermittler.
Wer, so wie ich, auf spezielle Ermittlerfiguren steht, wird dies hier definitiv finden und auch das Setting der Geschichte tut hier ihr Übriges. Passend zu Perrot Wesen wird der Leser in ein London entführt, das anmutet wie zu Zeiten Jack the Rippers, oder Sherlock Holmes. Der Leser besucht nicht nur eine fantastisch anmutende Menagerie der Künste, sondern macht auch die Bekanntschaft mit einer, wie aus der Zeit gefallen wirkenden, geheimnisvollen Dame und tauch tief ab in die düstere, viktorianisch angehauchte Atmosphäre verwinkelter Gassen und Parks. Beim Lesen verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion noch stärker, als sie es ohnehin schon tun, denn man vergisst fast, dass das Buch eigentlich im Jetzt spielt und ist immer wieder übereascht, wenn man darauf durch ein kleines Detail hingewiesen wird.
Das Buch entwickelt einen ganz eigenen und unvergleichlichen Charme, den die Autorin noch durch ihre besondere Art zu Schreiben unterstützt. Anfangs hatte ich damit etwas Schwierigkeiten, obwohl ich schon die anderen Bücher der Autorin kenne. Der Schreibstil ist sehr präzise und direkt, kommt oft mit ganz kurzen, manchmal sogar nur aus einem Wort bestehenden Sätzen aus und ist schon auch etwas anspruchsvoll. Mich hat er stellenweise in meinem Lesefluss ausgebremst, wobei das durchaus ein positiver Effekt ist, wurde ich doch hier zur Konzentration gezwungen, dazu, mich auf die Geschichte einzulassen, der Tiefe und den Nuancen nachzuspüren, um nichts zu überlesen. Das ist anstrengend, ungewohnt, aber eben absolut passend zu Perrots Figur und dem Kriminalfall.
Wer bei diesem Kriminalfall ein spannungsgeladenens Feuerwerk inklusive Verfolgungsjagd und Schießerei erwartet, wird leider enttäuscht. Auch hier folgt Perrot ganz seinem berühmten Vorfahren, die Ermittlungsarbeit ist geprägt vom Einsatz der kleinen grauen Zellen, die zur Regeneration natürlich ausreichend Schlaf, gutes Essen und anregende Gespräche benötigen.
Crysta Winter liefert hier einen Krimi mit allen klassischen Elementen, wie man sie auch bei Agatha Christie, oder Arthur Connan Doyle und ihren Figuren findet, individualisiert das aber durch ihre ganz eigene Art eine Geschichte zu erzählen. Vielleicht trifft sie damit nicht unbedingt den Geschmack der breiten Masse, aber das ist vollkommen okay, ich gehöre gern zu einer elitären kleinen Minderheit.