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Veröffentlicht am 06.12.2025

"Der Wolf wurde in Deutschland zu einer politischen Tierart"

Die Sache mit dem Wolf
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Noch zu Zeiten der DDR wanderte der Wolf aus Polen kommend nach Sachsen und Brandenburg ein. Noch gab es so etwas wie einen realistischen Blick auf die Wirklichkeit, denn der Wolf unterstand dem DDR-Jagdrecht ...

Noch zu Zeiten der DDR wanderte der Wolf aus Polen kommend nach Sachsen und Brandenburg ein. Noch gab es so etwas wie einen realistischen Blick auf die Wirklichkeit, denn der Wolf unterstand dem DDR-Jagdrecht und wurde erbarmungslos verfolgt. Bereits seine einstmalige Ausrottung in Deutschland hatte er seinem Drang zu verdanken, Nutztiere zu töten, meist die einzigen Tiere armer Bauern.

Nach der Wende galt das europäische Naturschutzprogramm, das den Wolf unangreifbar machte. Heerscharen von Wolfsschützern etablierten sich und verdienten ihren Lebensunterhalt mit der Liebe zum Wolf. Neben dem Streben nach "Diversität" und einer sehr seltsamen Hingabe zur Wildheit erkennt man bei diesen selbst ernannten Wolfsschützern leicht ein Defizit in Mathematik, Populationsdynamik und ein Mangel an Verständnis für die komplexen Prozesse in der Natur. Wenn Wölfe sich ungebremst vermehren können, wird irgendwann der Platz knapp, denn sie haben keine natürlichen Feinde. Nun sind sie bereits aus dem tiefen Osten kommend an den westlichen deutschen Küsten angelangt. Und jetzt plötzlich beginnt es einigen Leuten zu dämmern, denn wenn sie Schafe an den Deichen reißen, wird es gefährlich. Es wird nicht möglich sein, die Schafe beim Deichschutz zu ersetzen.

In diesem nicht immer leicht lesbaren Buch beschreibt der Autor die gegenwärtige Situation der deutschen Wolfspopulation sehr genau und äußerst kenntnisreich. Und er kommt zu dem unvermeidlichen Schluss, dass es so auf keinen Fall weitergehen darf. Dabei tendiert er wohl zu einer einfachen Lösung: Der Wolf muss ins deutsche Jagdrecht aufgenommen werden. Das fordern Fachleute in Sachsen schon lange, denn hier traten die Probleme zuerst auf. Wölfe sind scheue und sehr intelligente Tiere. Wenn man sie nicht behelligt oder vergrämt, werden sie sich entsprechend anpassen und auch in Siedlungen nachts aktiv werden. Solche Fälle sind bereits dokumentiert.

Dass das Buch stellenweise schwer lesbar ist, kann man dem Autor nicht vorwerfen. Vielmehr musste er den Dschungel aus Vorschriften zum Wolf irgendwie erläutern, der wie üblich in diesem Land voller Widersprüche und Unklarheiten steckt. Auch die Wolfsfrage erstickt in Bürokratie. Vermutlich wird es noch lange dauern, bis man wieder zu Einfachheit und Klarheit zurückfindet, wenn das überhaupt noch geht.

Wenn man dieses Buch liest, erlebt man am Beispiel des Wolfes den ganzen Irrsinn, der sich in Europa abspielt. Der Autor erläutert viele der Paradoxien, die sich aus dem völlig überzogenen Wolfsschutz ergeben. Aus den Wolfsprogrammen folgen Probleme für den Artenschutz anderer Tiere, zum Beispiel von Mufflons. Jagdpächter geraten in eine aberwitzige Situation, wenn in ihren Gebieten der Wolf siedelt. Im Buch wird das exakt erläutert. Und natürlich muss man den Schaden beklagen, der jährlich durch den Wolf erzeugt wird. Ich kann nur jedem Liebhaber dieser Tiere einmal empfehlen, sich ein vom Wolf vollendetes Massaker an einer Schafherde anzusehen. Das ist gruselig.

Der Autor geht ziemlich ausführlich auf das fast schon mythische Verhältnis von Mensch und Wolf ein. Ich halte das für leicht übertrieben. Die mehrheitliche Stimmung gegen den Wolf in Sachsen beruht nicht auf irgendeiner unerklärlichen mythischen Angst vor dem Wolf, sondern auf diesen Massakern und dem unangenehmen Gefühl in der Nachbarschaft von diesen Raubtieren zu leben, die sich auch vor Angriffen auf Rinder und Pferde nicht scheuen.

In meiner unmittelbaren Umgebung lebt ein Wolfsrudel. So wie Schafe auf den Wolf nicht vorbereitet sind, so wissen auch Menschen nicht, was sie tun sollten, wenn ihnen im Wald ein Wolf gegenübersteht. Das wird nur sehr selten passieren, denn wir sind nicht die Beutetiere von Wölfen. Allerdings verstehen Menschen nicht, wie Tiere eine Situation wahrnehmen, wenn sie zufällig eintritt, schließlich sind die meisten Zeitgenossen schon beim Verständnis ihrer Haustiere überfordert. Die Folgen können erheblich sein.

Dieses Buch ist gerade zu hervorragend geeignet, sich ein vorurteilsfreies und vollständiges Bild der gegenwärtigen Situation beim "Wolfsschutz" zu bilden.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Attilas Hunnen kommen

Sohn des Meeres
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Als Attila mit seinen Hunnen nach Westeuropa vordrang war er unbesiegbar. Seine extrem mobilen Reiterhorden hatten eine Kriegstechnik entwickelt, die man anderswo nicht kannte. Dieses Kinderbuch des Bestseller-Autors ...

Als Attila mit seinen Hunnen nach Westeuropa vordrang war er unbesiegbar. Seine extrem mobilen Reiterhorden hatten eine Kriegstechnik entwickelt, die man anderswo nicht kannte. Dieses Kinderbuch des Bestseller-Autors Morosinotto spielt genau in dieser Zeit. Nicht alle Bücher Morosinottos besitzen die gleiche Qualität – dieses jedoch ist eines der besseren Sorte.

Man schreibt das Jahr 452 nach Christus. Das Weströmische Reich existiert noch, aber der Untergang ist bereits fühlbar. Schweinehirt Pietro erfährt durch Zufall, dass die Hunnen bereits nahe sind und überbringt diese Nachricht dem Senator der Stadt. Dort lernt er dessen Tochter Justina kennen, die sich offenbar in den stattlichen Jungen verliebt, obwohl es keine Chance für ein Zusammensein gibt. Doch der kommende Krieg ändert alles. Pietro weiß, dass sein Vater aus dem Norden Europas stammt. Man sieht das dem Jungen auch an: Er ist kräftiger als die Einheimischen und hat eine helle Haut.

Obwohl er noch viel zu jung ist, muss Pietro in den Krieg ziehen. Justina folgt ihm als ihr Bruder verkleidet. Und daraus entwickelt sich eine spannende Geschichte, die ein völlig unerwartetes Happy End hat. Pietros instinktive Sehnsucht nach dem Meer, das er noch nie gesehen hatte, stammt von seinem Vater, der wohl Seemann war.

Der Krieg treibt ihn zur Erfüllung dieser Sehnsucht und bringt ihn schließlich auch auf eine Idee, mit der sein ganzes Leben eine eigentlich undenkbare Wendung nimmt. Ein klassisch schönes Kinderbuch.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Rache oder Vergebung?

Honey
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Aus gutem Grund lese ich Klappentexte und andere manipulative Werbung für Bücher erst, wenn ich die Lektüre hinter mir habe. Dass es hier um Rache oder Vergebung geht, wurde mir nicht gleich klar. Vielmehr ...

Aus gutem Grund lese ich Klappentexte und andere manipulative Werbung für Bücher erst, wenn ich die Lektüre hinter mir habe. Dass es hier um Rache oder Vergebung geht, wurde mir nicht gleich klar. Vielmehr habe ich ziemlich lange gerätselt, was das eigentlich für eine eigentümliche, aber gleichwohl geradezu hervorragend geschriebene Geschichte ist. Zwar habe ich beim Lesen weder geweint, noch gelacht und schon gar nicht geschrien, wie manch einer das von sich behauptet, aber dieser Roman hat etwas Besonderes.

Es ist Honey Fasinga mit ihrer Lebenshaltung, die diese Faszination ausmacht. Dass man mit 82 noch lustvoll sein und dabei die ganze Bandbreite ausnutzen kann, erschließt sich vielleicht Menschen aus der jüngeren Generation nicht. Aber auch sie werden einmal alt sein. Und hoffen, dass sie einen Partner wie Honey haben.

Es kann in diesem Zusammenhang nicht ausbleiben, dass sich auch dieser Autor dem Zeitgeist beugt. Denn dass man angeblich im falschen Körper geboren wird, scheint offenbar auch an italo-amerikanischen Mafia-Familien nicht vorbeizugehen. Wenn es sich dabei allerdings um einen Sohn des Bosses handelt, droht der Weltuntergang. Honey steckt mitten in diesem Drama, das sie anfangs ebenso wenig versteht wie der Leser. Der Autor baut das mit großer Geschicklichkeit in seine Geschichte ein, wobei man sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren kann, dass es eigentlich genau darum ging.

Was bei mir von diesem Roman aber vermutlich hängen bleiben wird, ist nicht dieser Teil der Geschichte, sondern Honey selbst, denn sie wird mit einer Eindringlichkeit geschildert, dass man glaubt sie schon lange zu kennen. Wirklich faszinierende Menschen sind sehr selten. Honey ist eine solche Figur. Man würde sie aber nicht so in Erinnerung behalten, wäre nicht das Resultat eines unglaublichen erzählerischen Vermögens des Autors.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Herausragende Trivialliteratur

Zwei Leben
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Nachdem dieses Buch in der Presse gelobt wurde, habe ich es erst einmal beiseite gelegt. Meine Erfahrung besagt, dass solche Titel entweder nichts taugen oder um Preise betteln. Oft beides zur gleichen ...

Nachdem dieses Buch in der Presse gelobt wurde, habe ich es erst einmal beiseite gelegt. Meine Erfahrung besagt, dass solche Titel entweder nichts taugen oder um Preise betteln. Oft beides zur gleichen Zeit.

Hier ist das ganz anders. Einen Preis wird dieses Buch sicher nicht erringen, denn es orientiert sich sehr geschickt am Publikumsgeschmack. Es ist weder anstrengend, noch geht es einem auf die Nerven. Es unterhält einfach sehr gut. Und es spricht empathische Menschen raffiniert an. Mancher soll sogar Tränen verdrückt haben. Aber es bleibt letztlich Unterhaltungsliteratur wie sie massenweise jedes Jahr auf den Markt kommt. Doch im Gegensatz zur Massenware, die meist schlecht geschrieben und umständlich konstruiert ist und kaum die Gefühle der Leser anspricht, geht es bei Arenz direkt zur Sache.

Wie bei dieser Art von Literatur üblich, ist die Handlung so konstruiert, dass man auch kaum etwas falsch verstehen kann. Alles greift direkt und geschickt ineinander. Für die Komplexität mancher Lebenssituation bleibt da kein Platz. So funktioniert Trivialliteratur nun einmal. Das muss man nicht hochnäsig von oben betrachten, denn diese Bücher wollen Menschen Unterhaltung und Freude bringen. Was soll daran schlecht sein?

Ich habe schon jede Menge dieser Literatur gelesen und rezensiert. "Zwei Leben" sticht dabei jedoch deutlich heraus. Natürlich ergeben sich auch Schwächen. Beispielsweise wird das familiäre Umfeld von Roberta (abgesehen von ihrem Großvater) nur sehr unscharf beschrieben. Da bei dieser Art von Literatur jede Figur nur eine bestimmte Rolle für die Handlung spielt, aber bis auf die Hauptdarsteller kein wirkliches Eigenleben besitzt, bleiben stets Fragen offen. Mir ist beispielsweise nicht ganz klar geworden, was genau Roberta zum Ausbruch aus dem bäuerlichen Leben brachte. Da dieser Ausbruch aber bereits nach wenigen Seiten festzustehen schien, fragt man sich das wahrscheinlich dann auch nicht mehr. Bei ihrer Verbundenheit mit dem Land, hätte man größere Qualen bei dieser einschneidenden Entscheidung erwartet.

Die Tragik innerhalb der Geschichte wird früh und gleich mehrfach angekündigt. Man weiß eigentlich mit ein wenig Erfahrung, was später passieren wird. Arenz überlässt nichts dem Zufall. Überraschungen und Unbestimmtheiten sind nicht vorgesehen in diesem Genre.

Kurz gesagt: Insbesondere für Frauen ist das hervorragende Unterhaltungsliteratur mit einem nur scheinbaren Anspruch auf Tiefgreifendes. Meine Bewertung richtet sich an diese Zielgruppe.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Einzigartig und völlig unerwartet

Die wunderbaren Gärten von Cornwall
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Beim ersten Betrachten der Bilder war ich verblüfft. Diese Pflanzenwelt hätte ich in Südeuropa, aber niemals in England erwartet. Das lokale Klima, angetrieben von Golfstrom, bietet sogar passende Lebensbedingungen ...

Beim ersten Betrachten der Bilder war ich verblüfft. Diese Pflanzenwelt hätte ich in Südeuropa, aber niemals in England erwartet. Das lokale Klima, angetrieben von Golfstrom, bietet sogar passende Lebensbedingungen für exotische Gewächse, die in England nicht heimisch sind. Sie wurden vor langer Zeit bereits aus den ehemaligen englischen Kolonien auf die Insel gebracht.

Dieser Bildband zeigt und erklärt 20 private Gärten Cornwalls, wobei Gärten nicht der richtige Begriff zu sein scheint. Es sind eher Parks, angelegt von Landschaftsgestaltern und Gärtnern der englischen Oberschicht. Selbst der botanisch ungebildete Betrachter dieses Buches wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Und die Liebhaber dieses Landstrichs werden sich in ihrer Zuneigung bestätigt fühlen.

Da der Autor schon lange in Cornwall lebt und vom Fach ist, kann man sich auf eine professionelle Beschreibung dieser nicht für jeden zugänglichen Gärten freuen. Für Liebhaber der englischen Gartenkultur und für alle Pflanzenfreunde ist das ein wunderbares Buch. Und natürlich für Cornwall-Fans.

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