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Veröffentlicht am 28.11.2025

Transgenerative Kriegstraumata

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Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. ...

Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. Sie weiß, dass es so nicht ist und selbst wenn. Vielleicht hat sie die Wörter zu lange gefangen gehalten, grübelt sie.

Elias sagt, dass ihr sprachlicher Ausdruck so präzise ist wie der einer Synchronsprecherin. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Deutsche Sprache als Kind vor dem Fernseher gelernt hat, überlegt sie. Monate später im Kindergarten, hörte sie die vage vertrauten Worte auch aus Kindermündern. Ihre Muttersprache ist Albanisch. Als jedoch Ende der 90er der Kosovokrieg begann, war Schluss mit dem heimatlichen Wortschatz. Sie mussten weg. Sobald sie die serbische Grenze erreichten, mussten sie schweigen. Nur ihr Vater konnte fließend Serbisch, hatte es in der Schule und beim Militär gelernt. Der Grenzbeamte forderte ihre Pässe, aber Mamas Hände zitterten so sehr, dass sie den Reißverschluss des roten Lederbeutels nicht öffnen konnte. Sie gab ihn dem Vater mit gesenktem Blick. Der Grenzbeamte sah auf sie herab, ließ sie aussteigen und das Auto ausräumen. Die Pässe gab er ihnen nicht zurück, er schob sie von sich, als wären sie Unrat. Da hatte sie zum ersten Mal gesehen, wie ihre Eltern gedemütigt wurden.

Wenn man mich fragt, woher ich „ursprünglich“ komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit. S. 11

Fazit: Jehona Kicaj hat sich in ihrem Romadebüt ihrer Heimat, dem Kosovo genähert. Ihre Protagonistin war ein stilles Kind, weil sie zur Sprachlosigkeit erzogen wurde. Ihre Eltern haben frühzeitig die Flucht nach Deutschland ergriffen und sind von der ethnischen Säuberung, des Völkermordes, den die serbischen Soldaten an den Kosovaren (ebenso an Kroaten und Bosniern) verübt haben, verschont geblieben. Doch offensichtlich erlebt man einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, die zurückgebliebenen Angehörigen, im Asyl ebenfalls, nur anders. Das stille Kind wächst zu einer stillen Frau heran, die die traumatischen Erfahrungen nicht verarbeiten kann. Und so zerbeißt sie in den Nachtstunden die Worte, die herauszufallen drohen. Mir gefällt gut, wie die Autorin die Protagonistin geschaffen hat. Eine unauffällige, introvertierte Frau, die unterm Radar fliegt. Ihr einziger näherer Bekannter hilft ihr, ihre Geschichte sichtbar zu machen und zu begreifen, indem er ihr zuhört und Interesse zeigt. Ein ruhiger Roman, der die Mechanismen dieses Unrechts sichtbar macht, die Feindseligkeit und den Hass der serbischen Bevölkerung, die sich völlig im Recht gefühlt hat und das Versagen der europäischen Staaten, die bei der Entwicklung der humanitären Katastrophe tatenlos zugeschaut haben. Ein wichtiges Buch über transgenerative Traumata.

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Veröffentlicht am 23.11.2025

Was wirklich wichtig ist im Leben

Das Leuchten des Himmels an dunklen Tagen
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Kathleen fragt Romy, ob sie noch auf einen Sprung mit zu Lola kommt, die eine Party feiert. Eigentlich ist Romy nicht nach feiern, denn ihr Herzensmensch ist heute Morgen ins Krankenhaus gekommen. Egon, ...

Kathleen fragt Romy, ob sie noch auf einen Sprung mit zu Lola kommt, die eine Party feiert. Eigentlich ist Romy nicht nach feiern, denn ihr Herzensmensch ist heute Morgen ins Krankenhaus gekommen. Egon, Romys Großvater, hatte den dritten Herzinfarkt. Romy kann eh nichts machen, ihrem Gedankenkarussell keinen Widerstand leisten und so geht sie mit.

Schon im Flur treffen sie auf viele Leute. Romy drückt sich an ihnen vorbei, sie will in die Küche und erst mal ankommen. Stille. Sie schiebt sich ein Stück Quiche in den Mund und bemerkt aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Jemand kommt herein und gießt sein Getränk nach. Sie betrachtet ihn und spürt die Anziehung, die von seiner Ausstrahlung ausgeht, diese Energie, die ihr bisher immer gefehlt hatte, als würde ihre innere Kompassnadel sich in seine Richtung justieren. Gerade als sie erfährt, dass er Jakob heißt, stürmt eine Frau mit Dreadlocks in die Küche und zitiert ihn ins Wohnzimmer.

Romy war zehn, als ihre Mutter sie bei Egon abgab. Sie fing noch einmal von vorne an und studierte. Ihren Vater hatte Romy nie richtig kennengelernt und dann hatten wohl beide die Nase voll von ihr.

Wenn Egon stirbt, ist niemand mehr da, der sich an meine Kindheit erinnert. S. 32

Und dann passiert es wirklich. Das Krankenhaus ruft Romy an, sie müsse schnell kommen. In seinem Zimmer angekommen sieht sie seine fahle Haut, die eingefallenen Wangen. Wie kann ein Mensch sich so schnell verändern? Romy setzt sich zu Egon ans Bett und nimmt seine Hand, lauscht auf seinen Atem, der immer wieder aussetzt. Dann verändert sich die Atmosphäre im Raum, die wenigen Farben leuchten intensiver, als könne Romy klarer sehen. Sie war diesen kurzen Moment abgelenkt und merkt erst jetzt, dass Egon gestorben ist. Sie hatte doch noch so vieles sagen wollen. Romy springt auf, rennt aus dem Zimmer, den langen Flur entlang, bis auf die Straße und nach Hause.

Fazit: Elli Kolb hat in ihrem zweiten Buch das Thema Verlust und Einsamkeit verhandelt. Ihre Protagonistin wächst bei ihrem liebevollen Großvater auf, der seine Leidenschaft für Tauben auf die Enkelin überträgt. Romy hat erfahren, wie sich Bezugspersonen immer wieder von ihr abwendeten und die Erkenntnis gewonnen, dass sie nicht liebenswert ist. Es mangelt ihr an dem Gefühl einer Daseinsberechtigung. Ihre fragile Persönlichkeit neigt zu Melancholie, fehlendem Lebenssinn und kleinen Dramen. Ihre resolute Mitbewohnerin Kathleen packt die Dinge gern gleich an und deren beste Freundin mit dem reichen Vater, der augenscheinlich nichts wehtut, stichelt gerne und behandelt ihre Mitmenschen herablassend. Jakob der Fels in der Brandung, der Interesse an Romy bekundet, die sich jedoch auf niemanden mehr einlassen will, weil es so wehtut, wenn der andere wieder geht. So viel zum Plot. Und dann ist da noch diese eine Taube, die von Romy gerettet und gepäppelt wird. Ich liebe die Beobachtungsgabe von Elli Kolb. Sie hat vier junge Menschen gezeichnet, die versuchen, ihren Weg im Leben zu finden. Alle vier sind ein bisschen versehrt, genau wie die Stadttauben, die ums Überleben kämpfen, aber man sieht es ihnen nicht an. Die Autorin entblättert die Verletzungen und weckt damit mein Mitgefühl. Der Roman entfaltet eine leise Kraft, die mein Herz berührt und mich an etwas ganz Wichtiges erinnert: Das, was wirklich zählt im Leben. Liebe, Wertschätzung und Zuneigung. Ein ganz warmer Roman, der auf Kitsch oder Pathos verzichtet und ganz sanft in die Seele eindringt. Sehr gelungen.

Ich habe auch ihren ersten Roman (9 Grad) sehr gemocht.

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Eine zutiefst verstörende Geschichte

Kopflos
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Zweimal ist Lisa ihnen nach dem Urteilsspruch begegnet. Ein zarter Blickkontakt, ein leises Lächeln zwischen den Supermarktregalen. Genau dort lungert sie weiter rum, aber auch in den Herrentoiletten, ...

Zweimal ist Lisa ihnen nach dem Urteilsspruch begegnet. Ein zarter Blickkontakt, ein leises Lächeln zwischen den Supermarktregalen. Genau dort lungert sie weiter rum, aber auch in den Herrentoiletten, falls einer von ihnen Pipi machen muss. Sie sieht den Vater, wie er den Einkaufswagen mit Cava, Cocktails und Wein beläd. Artig und diszipliniert helfen sie ihm. Es wird sicher ein rauschendes Fest mit vielen Leuten und anderen Kindern.

Ihre Sozialwohnung ist zu schmal und heruntergekommen, um ihre Zwillinge zu empfangen. Die Treffen finden auf neutralem Boden unter Aufsicht einer Sozialarbeiterin statt. Während sie eineinhalb Stunden gezwungen mit ihren Jungs am Tisch sitzt, steht ihr Vater da und bläst Rauchwolken in die Luft. Es dauerte, bis sie eine Pflichtverteidigerin gefunden hat. Eine prüde Mittfünfzigerin, die ihr einen Dresscode verordnet: Weder Leder noch Animal Prints, keine tiefen Ausschnitte und Duschen wäre auch hilfreich, zumindest an den Besuchstagen. Und so sitzt sie einmal im Monat gleich nach dem Aufstehen am Loireufer herum, wartet, dass die Zeiger auf 15 Uhr 30 stehen und geht dann ins Zentrum. Die Tage des Wartens auf den monatlichen Besuch vertreibt sie sich mit nächtlichen Anrufen. Es gibt ihr ein gutes Gefühl, wenn er abnimmt und sie auflegt. Nicht zu wissen, wie sehr ihre Babys sie vermissen, macht sie verrückt. Obwohl sie die imaginäre Linie von zehn Kilometern rund ums Haus nicht überschreiten darf, schleicht sie bei Dunkelheit durch die Büsche und wirft einen Blick in die erleuchteten Fenster ihrer Söhne. Als jedoch der Schmerz sie aufzufressen droht, handelt kopflos.

Fazit: Du meine Güte, was war das denn? Ariana Harwicz, eine der wichtigsten Stimmen Argentiniens, hat die Leidensgeschichte zweier zerstörerischer Menschen kreiert. Die Erzählung beginnt mit der Protagonistin, Mutter von fünfjährigen Zwillingen. Ich erfahre, dass ihr wegen häuslicher Gewalt gegen ihren Mann, das Sorgerecht entzogen wurde. Lisa gammelt vor sich hin, lebt von Besuchstermin zu Besuchstermin, dazwischen verzehrt sie sich in der Obsession, ihre Kinder bei sich haben zu wollen. In kurzen Rückblicken, in Form ihrer Erinnerungen, erfahre ich das ganze Drama ihres Beziehungsgeflechts. Aus ihrer Sicht hat ihr Mann Gewalt gegen sie angewendet, die Tatsachen verdreht und mit Zeugen belegt, um das richterliche Urteil zu seinen Gunsten zu lenken. Die Persönlichkeit Lisas ist verblüffend unkonventionell gezeichnet. Sie wirkt wie eine toughe Frau, die sich wehrt, ein wenig verschlagen und berechnend und vor allem erstaunlich empathielos. Und genau dieser kluge Schachzug der Autorin macht Lisas Sichtweise unglaubwürdig. Im weiteren Verlauf der Geschichte, übrigens ein völlig irrer Trip, wird klar, dass es beiden toxischen Menschen gar nicht um die Kinder geht, sondern ums Gewinnen. Die Kinder sind Mittel zum Zweck, um beider verletztes Ego zu streicheln. Einzelne Szenen haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Entsetzlich mit anzusehen, wie dieser Machtkampf auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Schauderhaft eine Szene, in der Lisa in einer Bar landet. Die ganze Geschichte ist so verwirrend, dass ich mich verzweifelt auf die Metaebene gehangelt habe. Am Ende bin ich mir sicher, dass Lisa eine typische Borderline-Persönlichkeit ist, die weder eigene Grenzen noch die anderer akzeptiert und ihr Mann eine typische narzisstische Persönlichkeit mit Missbrauchserfahrungen durch die Mutter. Zwei zutiefst verstörte Seelen, die in dieser Kombination öfter anzutreffen sind. Und genauso verstörend kann dieser Horrortrip auf Lerser*innen wirken. Eine durch und durch toxische Beziehung, die wehtut, in einem Ausmaß, wie ich noch nie darüber gelesen habe.

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Dystopischer Albtraum

An der Kreuzung der Parallelstraßen
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Eric hörte sie schreien, während er an dem Magazin der alten 45er Automatik bastelte. Der Spiegel, der Spiegel, heulte sie auf. Er wandte den Blick ab, konnte sie nicht mehr sehen, wie sie sich halb nackt ...

Eric hörte sie schreien, während er an dem Magazin der alten 45er Automatik bastelte. Der Spiegel, der Spiegel, heulte sie auf. Er wandte den Blick ab, konnte sie nicht mehr sehen, wie sie sich halb nackt in den Hüften wiegte, ihre Stimme, ihr Geruch widerte ihn an. Sie konnte von Glück reden, dass die Feder des Magazins klemmte, sonst hätte er ihr eine Kugel in die Stirn gejagt. Großvater duldete sie, weil sie irgendeiner Abstammungslinie entsprungen war. Der Spiegel ist blind, jammerte Marthe, jemand muss ihn verhext haben. Sein Vetter Anastase mischte sich ein, er möge Spiegel, sie seien das Auge Gottes, das uns ermögliche, uns zu sehen. Erst kürzlich bei einem Trip habe er einen Eselskopf mit tellergroßen Augen herausschauen sehen, das habe ihn zu einem seiner Gedichte inspiriert.

Endlich hatte Eric die Feder ins Magazin gefummelt. Jetzt strich er sanft mit dem Lauf über den Zeitungsausschnitt, auf dem Finanzminister Mataro in die Kamera lächelte. Wegen seinem Strukturanpassungsprogramm waren die Aasgeier von der Bank zusammen mit dem Gerichtsvollzieher bei ihm aufgetaucht, kurz nachdem Salomé ihn verlassen hatte. Er wird ihn abknallen und Mataro wird nicht der letzte sein. Anastase war widerwillig aufgestanden, um nach der plärrenden Martha zu sehen und schrie nun ebenfalls: „Der Spiegel wirft wirklich nichts zurück“. Eric musste hier raus.

Fazit: Gary Victor, einer der populärsten haitianischen Gegenwartsliteraten, bekannt für seine drastischen Schilderungen sozialer Missstände und für seine scharfen Kritiken an der haitianischen Gesellschaft, hat diesen Roman 2000 veröffentlichen lassen. Die Geschichte beginnt wie ein Krimi und verwandelt sich dann in einen dystopischen Albtraum. Der Protagonist will sich an der korrupten Regierung für seinen sozialen Abstieg rächen. Zuerst erschießt er Mataros Geliebten, den Transvestiten Vicky, dann muss Mataro ihn zum Präsidenten, genannt der „Erwählte“, führen, der einer Zeremonie beiwohnt, die sein Regierungsberater und gleichzeitig Schwarzmagier abhält. Ab da läuft alles aus dem Ruder. Die Geschichte spitzt sich zu, wie ein luzider Fiebertraum, in dem du weißt, dass du träumst und versuchst, den Ablauf zu beeinflussen. Die Kulisse gleicht einem Hexenkessel, Hitze, die sich über die Stadt legt, Autoschlangen, die die Dunstglocke über der Stadt forcieren und das Atmen erschweren, Starkregen mit Überschwemmungen, Slums auf Müllbergen, in denen Massen von Arbeitslosen hausen. Drogenclans und Banden, die ihre Viertel regieren, überall Gestank. Sodom und Gomorrha. Selten habe ich auf 130 Seiten so viele Szenen gesehen, die eine Welt erzählen, die sich so sehr von meiner unterscheidet. Aberglaube spielt eine große Rolle und scheint bestens geeignet, das Volk zu lenken. Die Armut ist unbeschreiblich, treibt junge Frauen in die Prostitution und lässt Aids Blüten treiben. Durch das Freihandelsabkommen werden amerikanische Produkte subventioniert und die Bauern in die städtische Armut gespült. Gary Victor hat die Gabe, schier unvorstellbare Zustände sichtbar zu machen und sich damit in Haiti nicht nur Freunde gemacht. Kein einfacher Unterhaltungsroman. Für alle Leser*innen, die an experimentellen Texten, die eine Botschaft transportieren, Spaß haben.

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Veröffentlicht am 18.11.2025

Alkohol- und Co-Abhängigkeit

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Motte hat viel von ihrer Mutter gelernt: Männer, die Schnaps trinken, werden aggressiv und Biertrinker plaudern gern Geheimnisse aus. Eine Frau sollte immer Fluchtgeld gebunkert haben, in einem alten Stiefel ...

Motte hat viel von ihrer Mutter gelernt: Männer, die Schnaps trinken, werden aggressiv und Biertrinker plaudern gern Geheimnisse aus. Eine Frau sollte immer Fluchtgeld gebunkert haben, in einem alten Stiefel im Schrank oder in einer Dose im Gefrierfach, auf der Linsensuppe steht. Sie sollte jederzeit die Kinder nehmen und abhauen können.

Motte sagt zuweilen in der Kneipe Sachen, die sie nüchtern nie gesagt hätte, ihrem Freund ist das peinlich. Das mit dem Trinken fing schon früh an. Auf den Schützenfesten ihrer Kindheit, wenn sie Kellnerin spielte, dann trank sie die Reste, bis diese wohlige Wärme aus dem Bauch heraufstieg. Jetzt gerade schafft sie es montags nicht zur Arbeit, erzählt von Todesfällen in der Familie oder Magen-Darm-Infekten. Ihre Freunde gehen lieber ohne sie aus.

Das war doch früher ganz normal, sagt die Großmutter. „Wir Frauen haben am Monatsende vor den Fabriktoren gestanden und unseren Männern die Lohntüten abgenommen, sonst hätten sie alles in die Kneipe getragen“.

Wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kam, wurde still zu Abend gegessen. Weder ihr Bruder noch sie erzählten, wer sie in der Schule geschubst hatte oder wen sie geküsst hatten. Die Mutter legte den Zeigefinger auf die Lippen, der Vater stierte stumpf und glasig vor sich hin. Am Sonntag spielten sie immer draußen, damit der Vater lange ausschlafen konnte.

Sie verliebt sich in einen trinkenden Mann, weil sie das kennt. Sie weiß, wie man lügt und einen Mann zurechtrückt, so dass er morgens geduscht und kerzengerade am Küchentisch sitzt. Wie sie ihm Angst machen kann, damit er glaubt, dass sie ihn verlässt, bis die Drohung sich abnutzt.

Fazit: Lena Schätte, ausgezeichnet mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis, hat eine Protagonistin geschaffen, die auf ihr Leben zurückblickt. Sie ist mit ihrem Bruder in „einfachen“ Verhältnissen aufgewachsen. Alkohol hat in ihrer Familie seit Generationen die größte Rolle gespielt. Sie erlebte den trinkenden Vater in allen Facetten, auf den die gesamte Familie Rücksicht nahm. Interessant, wie die Autorin die Co-Abhängigkeit gezeigt hat. Die Traumatisierung und die genetische Disposition treiben die Protagonistin selbst, in jungen Jahren in harte Abstürze durch Alkoholexzesse. Ich mochte, wie gut die Autorin das ganze Drama gezeigt hat, ohne pathetisch zu werden. Die Geschichte ist nicht chronologisch. Sondern in kleinen Anekdoten aneinandergereiht, das macht das Lesen in diesem Fall interessant, weil es die heftigeren Szenen immer wieder auflockert. Mir hat auch gefallen, dass die Autorin auf Gewalt verzichtet. Hier geht es wirklich um den zerstörerischen Aspekt der Sucht durch eine politisch und gesellschaftlich anerkannte Droge, die die Macht hat, ganze Familien und Existenzen zu zerstören und mehr braucht es gar nicht. Es ist so wichtig, diese Krankheit zu thematisieren, für die die Betroffenen am wenigsten können. Völlig verständlich, dass dieses exzellent transportierte Thema einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 gefunden hat.

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