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Veröffentlicht am 02.02.2018

Shakespeare in Kanada

Hexensaat
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Theaterdirektor Felix, Leiter des arrivierten Theaterfestivals am Makeshiweg, ist außer sich! Nach Jahren erfolgreicher Arbeit wurde ihm durch seinen Mitarbeiter Tony, der als eine Art Manager fungiert ...

Theaterdirektor Felix, Leiter des arrivierten Theaterfestivals am Makeshiweg, ist außer sich! Nach Jahren erfolgreicher Arbeit wurde ihm durch seinen Mitarbeiter Tony, der als eine Art Manager fungiert und dem er voll vertraut, ja, den er selbst in Amt und Würden gebracht hat, seine Stellung untergraben, auf die heimtückischste und perfideste Art, die er sich überhaupt vorstellen kann. Beziehungsweise gerade nicht, denn dann hätte er das Unglück ja kommen sehen. Nein, nachdem er Frau und Tochter auf tragischste Weise kurz nacheinander verloren hat, war er außer sich und konnte nur weiterleben, indem er sich auf die Arbeit konzentrierte, seine Position für etwas wirklich Gewaltiges nutzte: DIE Inszenierung von Shakespeares "Sturm".

Und dies wurde nun ausgerechnet durch seinen einzigen Vertrauten zunichte gemacht, der sich nun selbst den Direktorenposten gesichert hat - nicht ohne Hilfe von Sal O'Nally, seines Zeichens Minister für Kultur- und Denkmalpflege, einem ehemaligen Klassenkameraden von Felix - unnötig zu sagen, dass ihre Sichtweisen der Kultur von jeher differierten.

Felix ist nun am Ende seiner Kräfte und sinnt auf Rache- Er schafft sich in einem einsamen Häuschen seine Insel, in der er gedanklich stets seine Tochter Miranda an seiner Seite hat - bis sich ihm viele Jahre später tatsächlich eine Möglichkeit bietet, seinen Sturm zu inszenieren. Auf sehr unkonventionelle Art und Weise, zudem gibt es ihm die Möglichkeit, Rache zu üben, ebenfalls nicht gerade klassisch - dafür aber mit Klasse und dazu überaus stilvoll.

In diesem herrlichen Buch habe ich geschwelgt. Aus jedem Satz sprang mir beim Lesen die Freude entgegen, die Margaret Atwood beim Schreiben verspürt haben muss, genauso wie Brigitte Heinrich beim Verfassen der ebenfalls großartigen Übersetzung! Einfach genial, die Handlung des "Sturms" neu zu gestalten und dabei das klassische Werk selbst als Mittel, nämlich als Teil der Handlung einzusetzen! Und es offenbart sich eine weitere Begabung der Autorin - nach dieser Lektüre bin ich sicher, dass aus ihr auch eine geniale Regisseurin hätte werden können!

Atwood vermag es, Shakespeare in die Gegenwart zu transportieren, dem Sujet seine Eigenheiten, seinen Shakespearismus zu lassen, aber auch etwas Eigenes einzubringen, etwas, aus dem mit jedem Wort eine Hommage an Shakespeare spricht! Ein wahrer sinnlicher Genuss ist dieses Buch, einer, den sich jeder Literatur- und Theaterfreund gönnen sollte - einfach köstlich!

Die große Margaret Atwood erweist sich Shakespeares als würdig: ihre Sturm-Adaption hat sowohl Saft als auch Kraft - und Geist und Witz noch dazu..

Veröffentlicht am 02.02.2018

In Paris gibt's ein Lokal

Baedeker Reiseführer Paris
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das Café Oriental!
Dass es noch zig mehr Cafés und andere Lokale in dieser Metropole gibt, lässt sich unschwer erahnen. Und die meisten haben auch bereits von anderen Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, ...

das Café Oriental!
Dass es noch zig mehr Cafés und andere Lokale in dieser Metropole gibt, lässt sich unschwer erahnen. Und die meisten haben auch bereits von anderen Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, dem Montmartre, Notre Dame und anderen gehört, ganz egal, ob sie bereits in der Stadt gewesen sind oder nicht. Ebenso wie von den vielen ganz besonderen Museen, dem Louvre, dem Centre Georges Pompidou oder auch dem Musee d'Orsay.

Kann man alles zwischendurch mal besichtigen, auch ganz ohne Reiseführer. Wer es jedoch gründlich angehen will und gut recherchierte, fundierte und ansprechend transportierte Informationen wünscht, der greift bereits seit 1855 - damals erschien der erste Baedeker über Paris - zum bewährten Band. Dass jedoch Tradionelles nicht verstaubt sein muss und ganz nah am Puls der Zeit schlägt - das zeigt die neueste Ausgabe von 2018, die zugleich innovativ und edel, poppig und traditionell, unterhaltsam und fundiert ist und ohne die ich ganz sicher nicht in die Stadt der Liebe (naja, eine davon) reisen werde.

Auf den ersten Blick habe ich mich in dieses wunderbare Werk verliebt, es ist so prall gefüllt mit Überraschungen! Die Erste davon befindet sich gleich hinten auf dem inneren Einband, dort sind zehn Souveniers (nicht nur Gegenstände, sondern auch Erinnerungen) aufgeführt - so originell und liebevoll, als wäre es nur für mich gemacht! Und auch innen trägt der bewährte Reiseführer ein neues Gewand! Er ist gespickt mit frechen und unterhaltsamen Infos wie den Listen zu magischen Momenten und zu Überraschendem - Sie dürfen gespannt sein! Zusätzlich erfreuen eine ganze Menge ganz besonderer Fotos das reiselustige Auge und steigern die Vorfreude auf den Paris-Besuch.

Alte Werte wie detaillierte (natürlich aktuelle) Informationen zu Unterkunft, Speisen, Museenöffnungzeiten und -preisen und vielem mehr wie auch die detaillierte und fundierte Erläuterung vieler Sehenswürdigkeiten sind geblieben, neue kommen dazu! Der Baedeker ist jung geworden, hat aber die bewährten "Falten" mitgenommen. Es ist keine glättende Schönheitsoperation, sondern eine liebevolle Restaurierung.

Und natürlich liegt auch ein Stadtplan bei, so dass Sie gleich nach Ihrer Ankunft losziehen können!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Das Schicksal der Daheimgebliebenen

Die Stunde unserer Mütter
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Eine dramatische und bewegende Familiengeschichte schildert die Autorin Katja Maybach in ihrem Roman "Die Stunde unserer Mütter" und taucht dabei tief ein in die Geschichte des nationalsozialistischen ...

Eine dramatische und bewegende Familiengeschichte schildert die Autorin Katja Maybach in ihrem Roman "Die Stunde unserer Mütter" und taucht dabei tief ein in die Geschichte des nationalsozialistischen Regimes - hier geht es um die letzten Jahren, also die Zeit des zweiten Weltkriegs. Thematisiert wird aber nicht das Leben an der Front, sondern das der Daheimgebliebenen, also der Frauen sowie der Eltern der Soldaten. Hier geht es um Maria, wohnhaft in einer bayrischen Kleinstadt, die von ihrem Bruder Philipp gebeten wird, seine englische Frau Vivien und ihre Tochter Antonia bei sich aufzunehmen, da er in der gemeinsamen Wohnung Juden unterbringen und somit vor der Deportation schützen will. Auch Maria, deren Mann Werner an der Front ist, hat eine Tochter im Teenageralter und so geht es hier um Mütter und um Töchter und auch um die Generation davor, nämlich um die Eltern von Maria und Philipp, wohnhaft in der Pfalz.

Ein Konzept, das nicht neu ist bei Katja Maybach, doch der historische und auch dramatische Kontext ist wie jedesmal vollkommen unterschiedlich zu den Gegebenheiten der vorherigen Romane und wird wie immer eindringlich geschildert.Wie immer jedoch bei Katja Maybach - und das mag ich ganz besonders gern - sind es die Frauen, denen eine ganz besondere Rolle und Relevanz zukommt.

Diesmal erlebt der Leser die letzten Jahre des Nationalsozialismus fern von der Front sehr realitätsnah und authentisch, zudem hat Katja Maybach wie immer sorgfältig recherchiert und mitreißend geschrieben. Eine Autorin, auf die man sich verlassen kann, sowohl hinsichtlich der historischen Einbettung als auch der Erzählkunst, die so gekonnt ist, dass es schwer ist, die Lektüre vor dem eigentlichen Ende zu unterbrechen. In diesem Roman hat mich ganz besonders die Einbindung des eigenen Familienschicksals der Autorin bewegt - sie hat nämlich Briefe ihres Vaters von der Front und auch andere Elemente aus ihrer eigenen Vergangenheit - bzw. der ihrer Familie - in die Handlung eingebunden.

Was ich noch an den Romanen von Katja Maybach schätze: ihre Protagonisten sind keineswegs durchgehend Sympathieträger. Im vorliegenden Buch fiel es mir bis zum Schluss schwer, Verständnis für einige Handlungen ganz besonders der beiden Töchter Antonia und Anna zu entwickeln, was aber meiner Lesebegeisterung keinen Abbruch tat. Was man auch von Katja Maybach kennt: sie steht nicht unbedingt für ein überraschendes Ende. So ist auch diesmal wieder die Entwicklung in groben Zügen vorauszusehen. Doch auch das stört kein bisschen!


Alles in allem macht dieses Buch große Lust auf weitere Roman von Katja Maybach, soweit man die noch nicht alle verschlungen hat. Der vorliegende ist wärmstens zu empfehlen für jeden, der gerne einen gelungenen, in die Zeit des 2. Weltkriegs spielenden Roman liest und es liebt, sich von der Geschichte entführen zu lassen, darin zu schwelgen. Ein Buch, das eher die weibliche Leserschaft adressiert, doch aufgrund der atmosphärischen Schilderung und der vorzüglichen Rechercheleistung auch dem ein oder anderen historisch interessierten Herren - sofern er einer süffigen Erzählweise mit romantischen Elementen nicht abgeneigt ist - eine interessante Lektüre bescheren könnte

Veröffentlicht am 23.01.2018

1944 war ein schlimmes Jahr

Unter der Drachenwand
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Für den jungen Soldaten Veit Kolbe ergibt sich im letzten Kriegsjahr eine Zwangspause: nach einer Verletzung wird er auf unbestimmte Zeit in den Krankenstand versetzt und auf Erholungsurlaub nach Wien ...

Für den jungen Soldaten Veit Kolbe ergibt sich im letzten Kriegsjahr eine Zwangspause: nach einer Verletzung wird er auf unbestimmte Zeit in den Krankenstand versetzt und auf Erholungsurlaub nach Wien zu seinen Eltern geschickt, wo er es bald jedoch nicht mehr aushält. Er verzieht sich ins Salzburger Land, an den idyllischen Mondsee, wo er auf andere Gestrandete wie die junge Mutter Margot aus Darmstadt oder auch eine aus Wien verschickte Schulklasse mit 13jährigen Schülerinnen trifft. Dazu kommen die Ansässigen, teilweise durchaus stramme Nazis, dem Regime noch treu ergeben.

Frei nach John Fante: 1944 war (auch) ein schlimmes Jahr. Ein absolut grauenvolles sogar, eines mit wenig Hoffnung. Überall. Auch in Mondsee. Doch Arno Geiger zeigt vor allem durch seinen Protagonisten Veit Kolbe, dass es weitergeht Für ihn persönlich vor allem dadurch, dass ihm völlig unerwartet und zunächst zögerlich in Gestalt von Margot die Liebe begegnet.

Obwohl es eine ausweglose Situation zu sein scheint, schmieden Veit und Margot - und nicht nur sie - Pläne für die Zukunft. Konkrete, so wie die Absprache möglicher Treffpunkte für die Zeit "danach", aber auch solche genereller Art, nämlich für ein gemeinsames Familienleben. Ein Familienleben in friedlicher Zeit, auch wenn der Begriff "Frieden" hier gar nicht genutzt wird. Dazu ist der Krieg auch in Mondsee zu präsent - ständig überfliegen Kriegsflieger, also Luftwaffen auf dem Weg an die letzten Schauplätze des Krieges, den Ort, die ersten Vertriebenen kommen an, junge Mädchen befinden sich in der Verschickung aus ihrer Heimatstadt Wien.

Veit beginnt nicht erst jetzt, an seinem "Dienstherrn"- so bezeichnet er nicht ohne Sarkasmus das nationalsozialistische Regime - zu zweifeln und bringt sich nicht nur durch entsprechende Aussagen mehrfach in Schwierigkeiten. Veit ist unser Auge, er ist derjenige, durch den der Leser die Welt - die im Roman dargestellte - betrachtet.

Mondsee wird zum Mikrokosmos, in dem unterschiedliche Gesinnungen, ja verschiedene Welten, aufeinanderprallen. Der eigentlich idyllische Ort wird von den Schrecken des Krieges und allem, was dieser mit sich bringt, eingeholt - so finden auch Schicksale von Menschen andernorts in Briefform Eingang in die Geschichte, beispielsweise das eines Juden, der mit seiner Familie auf der Suche nach einem Fluchtweg aus Wien ausgerechnet nach Budapest reist, wo er erkennen muss, dass die Nazis ihm einen Schritt voraus sind.

Arno Geiger stellt mit diesem Roman seine Leser vor eine Herausforderung: sein Erzählstil ist sehr speziell, doch wenn man einmal hineingefunden hat, dann erscheint er als der einzig Richtige, um die Situation darzustellen. Ein besonderer Roman auf jeden Fall, auch ein schmerzhafter, dieses Werk, das das (Über)Leben, das Alltägliche im letzten vollständigen Kriegsjahr beschreibt. Und dem Rezipienten deutlich macht, was für ein Glück es ist, im "Danach" geboren zu sein und zu leben. Ein Glück, mit dem man achtsam umgehen sollte.

Ich kann nur empfehlen, diese Herausforderung anzunehmen: dieses Buch ist ein besonderes Geschenk an die Leser - eines, das tatsächlich neue Welten - in diesem Fall neue Sichtweisen, Perspektiven, auch Einsichten - aufzeigt und dazu beiträgt, das Bewusstsein zu erweitern. Man muss es nur zu nehmen - vielmehr zu lesen - wissen. Dann könnte es ein Roman fürs Leben werden.

Veröffentlicht am 21.01.2018

Ein Rückblick aufs ganze Leben

All die Jahre
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Nora Rafferty, Irin in erster Generation in den Vereinigten Staaten von Amerika, wird mit Anfang siebzig zu einem Rückblick auf ihr bisheriges Leben gezwungen. Aus einem Anlass, der alles andere ...

Nora Rafferty, Irin in erster Generation in den Vereinigten Staaten von Amerika, wird mit Anfang siebzig zu einem Rückblick auf ihr bisheriges Leben gezwungen. Aus einem Anlass, der alles andere als ein beneidenswerter ist: nämlich der Unfalltod ihres ältesten Sohnes, zugleich ihr Liebling.

Nora blickt auf ein intensives und wechselvolles Leben zurück - ein Rückblick, in den der Leser einbezogen wird. Mit Anfang 20 ist sie aus einem kleinen irischen Ort ihrem Verlobten Charlie in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gefolgt und zwar nicht allein. Sie reiste gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Theresa, zu der sie bereits seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hat.

Doch was sind die Gründe? Nicht nur Nora, inzwischen verwitwet, Mutter von vier - nun, jetzt nur noch drei Kindern - sondern die gesamte erweiterte Familie Rafferty, blickt zurück und zieht eine Bilanz - jeder für sich, wodurch das Bild eines komplexen Gefüges, in dem Geheimnisse eine große Rolle spielen, sichtbar wird.

Die Autorin J. Courtney Sullivan lässt ihre Charaktere sich schonungslos öffnen, ihr tiefstes Inneres preisgeben - wenn auch in vielen Fällen nur dem Leser. Denn in der Familie Rafferty ist ein jeder auf seine Art einsam, der eine mehr, der andere weniger. Bei dem einen betrifft dies nur das Familiengefüge bzw. Teile davon, beim anderes geht es tiefer, durchdringt all seine Lebensbereiche. Dazu kommt im Verlauf der Lektüre die Erkenntnis, dass das Gefüge "Familie" auf verschiedenerlei Art existieren kann, auch innerhalb eines einzigen Familienverbandes. Familie: das kann so vieles sein. Oder eben auch nicht!

Und es gibt Dinge, die sich nicht so einfach aus der Welt schaffen lassen - vor allem nicht, wenn man als Irin in die Staaten kommt und dort eine neue Existenz aufbaut. Nora hat vieles hinter sich gelassen - in jederlei Hinsicht.

Ein Buch, das aus meiner Sicht eine gewisse Ähnlichkeit mit den Romanen von Alison Lurie hat, Teile davon rücken für mich auch in die Nähe der großartigen Anne Tyler. Wobei hier der Aspekt der Einwanderung, die Frage der eigentlichen Heimat zumindest für die Generation Noras, die ältern also, eine große Rolle spielt. Was ist Heimat und wie kann man die Sehnsucht nach ihr befriedigen? J. Courtney Sullivan schreibt sehr mitreißend und eindringlich, kolpotiert das eigentlich schwere Thema mit gekonnter Leichtigkeit, stellenweise auch mit Humor. Das Buch lässt sich leicht weglesen, entbehrt aber durchaus nicht einer gewissen Tiefe, eines wahrhaftig hohen inhaltlichen Anspruchs. Es bleibt ein tiefer Eindruck, der sich nicht so schnell verflüchtigen wird. Gerade deswegen ist es aus meiner Sicht ein richtiger Schmöker - einer mit Niveau, ein Buch, das ich mit Genuss und Gewinn gelesen habe!