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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.11.2025

Schreiben gegen das Vergessen

Geschichte der deutschen Literatur Bd. 11: Schreiben in finsteren Zeiten
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Kaum ein Buch, das einem so kalt den Atem anhält und gleichzeitig so warm ums Herz wird. Helmuth Kiesel legt mit diesem Band eine literarische Landkarte vor, die in alle Richtungen zieht: Exil, innere ...

Kaum ein Buch, das einem so kalt den Atem anhält und gleichzeitig so warm ums Herz wird. Helmuth Kiesel legt mit diesem Band eine literarische Landkarte vor, die in alle Richtungen zieht: Exil, innere Emigration, Regimetreue — und dazwischen Menschen, die mit Feder, Mut und manchmal feinem Zynismus gegen das Ersticken ankämpfen. Beim Lesen merkte man, wie oft Literatur mehr ist als Sprache: Überlebenskunst, Zeugnis, Widerstand.

Die Texte, die Kiesel auswählt und einordnet, leben von kleinen Widersprüchen. Ein Autor flieht, ein anderer bleibt — und beide versuchen, mit Worten zu überleben. Das ist kein staubiges Kapitel in einem Seminarbuch, das ist Pulsschlag. Überraschend oft stieß man auf vergessene Perlen, die mehr erzählen als so manche berühmte Romankoloss: kurze Szenen, Briefe, Fragmente, die in der Summe ein Bild erzeugen, das bis ins Mark trifft.

Kiesel schreibt mit der Sicherheit eines Historikers und dem Blick eines Lesers, der noch bei offenen Lippen zuhört. Er urteilt selten, erklärt viel, lässt Raum für das Unausgesprochene. Genau dieses In-Between macht das Buch zu einem Erlebnis — spannend, melancholisch, manchmal bitter, oft tröstlich. Wer wissen will, wie Menschen in finsteren Zeiten mit Sprache umgingen, bekommt hier eine umfassende, kluge und bewegende Antwort.

Am Ende bleibt ein Gefühl: Dankbarkeit dafür, dass jemand so sorgfältig gesammelt hat, was Erinnerung braucht. Und ein bisschen Wut darüber, wie schnell auch große Stimmen überhört werden können. Ein Muss für alle, die Literatur nicht nur lesen, sondern erleben wollen.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Risslinien und Meeresrauschen

Rift
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Reisebericht zwischen Herz und Vulkan: Rift packt dich an den Schultern und sagt leise, aber bestimmt: Halt durch. Zuzanna und Janko fahren nicht nur durch die USA — sie fahren durch Abschied, Wut und ...

Reisebericht zwischen Herz und Vulkan: Rift packt dich an den Schultern und sagt leise, aber bestimmt: Halt durch. Zuzanna und Janko fahren nicht nur durch die USA — sie fahren durch Abschied, Wut und kleine, seltsame Wunder. Die Sprache ist reduziert, manchmal trocken wie Wüstensand, dann wieder weich wie eine Hand, die das Kopfkissen zurechtzupft. Genau dieser Wechsel macht das Buch stark: Naturgewalten werden zu Spiegeln, in denen menschliche Zerbrechlichkeit und Trotz sich brechen.

Manchmal blitzt schwarze Komik auf — ein Kommentar zu dem schrägen amerikanischen Alltag hier, ein sarkastischer Gedanke dort — und plötzlich sitzt man im Wagen, hört den Motor und denkt an all die Dinge, die man nie sagt. Die Krankheit des Bruders ist nicht nur Hintergrund; sie ist Taktgeber, Antrieb, schwere, die beide trägt und zugleich Flügel verleiht. Als Geologin beobachtet Zuzanna die Welt mit Messlinial und Blut in den Händen, und das funktioniert: Naturwissenschaft trifft Gefühl — ohne Kitsch, dafür mit Nüchternheit, die ans Herz geht.

Besonders gut: die kleinen Szenen, die bleiben. Ein Motel-Frühstück, das zu viel über ein Leben verrät; ein Sturm, der sauber macht; Blicke, die lauter sind als Worte. Die Autorin baut Tempo wie Plattenschichten auf: ruhig, dann ein Riss, dann wieder Stille. Wer eine simple Roadstory erwartet, wird überrascht — Rift ist zugleich Abschiedsarbeit und Liebesbrief an die Unberechenbarkeit der Welt.

Kritik? Manchmal wünscht man sich mehr Raum für Nebenfiguren, mehr Atem zwischen den Naturbildern und den inneren Monologen. Trotzdem: Ein leiser, kraftvoller Roman, der lange nachhallt — genau die Art Buch, das man heimlich nachliest, wenn der Zug plötzlich anhält.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Weihnachtliche Klassiker neu entdecken

Das große Buch der Weihnachtsbäckerei
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Vanille und Zimt weben ein warmes Band durch die Küche, während die Seiten dieses Buches sich wie vertraute Rezepte aus alten Zeiten anfühlen. Beim Aufschlagen trifft einen zuerst die liebevolle Gestaltung: ...

Vanille und Zimt weben ein warmes Band durch die Küche, während die Seiten dieses Buches sich wie vertraute Rezepte aus alten Zeiten anfühlen. Beim Aufschlagen trifft einen zuerst die liebevolle Gestaltung: großformatige Fotos, übersichtliche Rezeptseiten und praktische Hinweise, die Lust machen, sofort den Ofen anzuwerfen. Viele Klassiker sind da — Vanillekipferl, Zimtsterne — aber auch überraschende internationale Varianten, die dem Adventstisch Frische verleihen.

Die Autorin erklärt Teigarten, Glasuren und Lagerung so geduldig und präzise, dass selbst kompliziertere Techniken zugänglich werden. Besonders geschätzt habe ich die Mengenangaben, die Stückzahlen und die realistischen Backzeiten — keine vagen Formulierungen, sondern Planbarkeit für echte Backtage mit Freunden und Familie. Beim Backen fühlte sich vieles intuitiv und verlässlich an; Ergebnisse, die nicht nur hübsch aussehen, sondern auch schmecken.

Emotionale Momente entstehen durch die Kombination aus Tradition und modernem Know-how: Stimmungsvolle Fotos, klare Abläufe und kleine Profi-Tipps, die aus gutem Gebäck großartige Stücke machen. Für mich ist dieses Buch mehr als Sammlung von Rezepten — es ist eine Einladung, Adventserinnerungen zu backen und die Küche in einen Ort voller Wärme zu verwandeln. Absolute Empfehlung für alle, die mit Herz und Plan backen möchten.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Drachen, Träume, Chaos — und wir mittendrin

Dreamslinger – Der Ruf des Drachen
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Kaffee in der Hand, Decke über den Knien und auf Seite 14 schon dieses: Wow, das fühlt sich an wie ein Knuff in die Denkweise. Dreamsligner trifft genau den Nerv — knallige Magie, Drachen mit Ecken und ...

Kaffee in der Hand, Decke über den Knien und auf Seite 14 schon dieses: Wow, das fühlt sich an wie ein Knuff in die Denkweise. Dreamsligner trifft genau den Nerv — knallige Magie, Drachen mit Ecken und Kanten und eine Heldin, die lieber Mist baut als perfekt zu sein. Aria ist kein durchgestyltes Vorzeige-Wunder, sie ist laut, verwundet und unglaublich echt. Die Stimmung zwischen Seoul-Kulisse und Magieschule ist so dicht, dass man kaum atmen will, bevor nicht die nächste Szene explodiert.

Beim Lesen habe ich meine Tochter erwischt, wie sie bei einem Kapitel laut „Nee, das geht nicht klar!“ rief — und ich grinste, weil ich genauso dachte. Dialog zwischen uns: „Das ist ihr Ernst?“ — „Total. Und ich steh drauf.“ Solche Momente machen Buddyreads wertvoll: Augenrollen, gemeinsames Kichern, ein „Nicht weiterlesen, ich muss das Gesicht sehen!“ und dann gemeinsam die nächste Wendung verschlingen. Die Autorin balanciert Humor und Herz, lässt Riesentiger genauso bedrohlich wie vertraut wirken und zaubert eine Traumwelt, die beängstigend nah ist.

Plot, Tempo und die Prise Rebellion — alles sitzt. Kleine Logiklöcher? Ja, aber die fallen kaum ins Gewicht neben den riesigen Momenten, die hängenbleiben: eine Freundschaftsszene, ein Feuerdrache, eine Entscheidung, die unter die Haut geht. Wer zusammen Abenteuer will, findet hier eine perfekte Mischung aus Herz, Action und dieser speziellen Magie, die einen noch lange nach dem Zuklappen verfolgt. Bereit für den nächsten Band? Absolut — setzen, lesen, mitfiebern.

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Veröffentlicht am 24.11.2025

Sommer, Exil, Mann Familienchaos am Mittelmeer

Wenn die Sonne untergeht
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Dieser Sommer in Sanary fühlt sich an wie ein Roman, der erst harmlos beginnt und dann plötzlich die ganze Weltgeschichte in die kleine Küche einer völlig überforderten Familie stopft. Man sitzt quasi ...

Dieser Sommer in Sanary fühlt sich an wie ein Roman, der erst harmlos beginnt und dann plötzlich die ganze Weltgeschichte in die kleine Küche einer völlig überforderten Familie stopft. Man sitzt quasi mit den Manns am Tisch, schwitzt mit ihnen und fragt sich leise, warum Thomas Mann eigentlich ständig so tut, als könne er jederzeit wieder in seine Münchner Villa zurückspazieren. Ein Teil von mir wollte ihm dauernd sagen: „Bruder, der Zug ist abgefahren.“

Illies erzählt das alles mit einer Gelassenheit, die einen fast irritiert. Einer spielt Geige, der andere schmuggelt Sachen über Grenzen, jemand vergisst den Hund — und trotzdem wirkt jeder Moment wie eine Mischung aus Drama, Urlaub und Familienwahnsinn. Das Exil fühlt sich hier nicht wie ein großes geschichtliches Konzept an, sondern wie ein chaotischer Sommer, in dem jeder versucht, irgendwie klarzukommen.

Besonders stark sind die kleinen Mini-Szenen: ein Blick, ein trockener Kommentar, das Klirren eines Glases beim Abendessen. Man merkt, wie viel Wehmut zwischen den Zeilen hängt, aber gleichzeitig dieser Trotz, der einem sagt: „Okay, die Welt brennt, aber wir kriegen das schon irgendwie hin.“ Und ja, manchmal musste ich sogar lachen — was bei dem Thema eigentlich unangebracht ist, aber Illies macht’s möglich.

Einziger Punkt, der mich echt wurmt: Das Zerwürfnis zwischen Klaus und Erika hätte mehr Kante vertragen. Da steckt so viel Sprengstoff drin, aber an einigen Stellen bleibt es mir zu handzahm.

Trotzdem: Das Buch packt einen. Nicht laut, nicht pathetisch, sondern mit dieser leisen Intensität, die nachwirkt. Ein Sommer im Ausnahmezustand, der mehr sagt als so mancher politische Essay.

Wenn man historische Stoffe mag, aber nicht einschlafen will — genau hier zugreifen.

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