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Veröffentlicht am 05.12.2025

Litas ungewöhnliche Geschichte

Mr. Saitos reisendes Kino
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Fabiola Cordero de Dios wurde im Jahr 1910 in Buenos Aires geboren. Nur 17 Jahre später wird sie schwanger. Ihre Tochter Carmelita, genannt Lita, wächst ohne ihren Vater auf. Als die beiden die Heimatstadt ...

Fabiola Cordero de Dios wurde im Jahr 1910 in Buenos Aires geboren. Nur 17 Jahre später wird sie schwanger. Ihre Tochter Carmelita, genannt Lita, wächst ohne ihren Vater auf. Als die beiden die Heimatstadt in Argentinien verlassen müssen, landen sie bei ihrer Flucht mit dem Schiff auf Upper Puffin, einer abgelegenen Insel vor Neufundland. Dort trifft Lita auf ungewöhnliche Menschen, die ihr Leben nachhaltig beeinflussen…

„Mr. Saitos reisendes Kino“ ist ein Roman von Annette Bjergfeldt.

Der Roman umfasst sieben Teile, die wiederum aus kurzen Kapiteln bestehen. Erzählt wird - mit mehreren Zeitsprüngen - in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Lita. Die Handlung umspannt mehrere Jahrzehnte, beginnend im Jahr 1910.

Der Schreibstil ist anschaulich und atmosphärisch, sodass der Roman viele Bilder vor dem inneren Auge erscheinen lässt. Mit seinen ausschweifenden Passagen und dem langsamen Erzähltempo habe ich mich teilweise allerdings etwas schwergetan.

Die Figuren, allen voran Protagonistin Lita, sind interessant und werden mit warmherzigen Blick gezeichnet. Auffallend ist jedoch, dass einige Charaktere sehr speziell dargestellt werden.

Auf der inhaltlichen Ebene ist gleich zu Beginn von einer Liebesgeschichte die Rede. Doch der Roman beinhaltet noch viel mehr. Es geht unter anderem um Themen wie Herkunft, Abstammung und Heimat, aber auch um Träume, Zusammenhalt und Freundschaften. Das macht die Geschichte facettenreich und besonders.

Auf den mehr als 500 Seiten hält die Handlung einige Überraschungen bereit, die mal mehr, mal weniger realistisch wirken. Die Geschichte ist sehr emotionsbetont und weiß zu berühren, ohne zu sehr ins Kitschige abzudriften.

Das hübsche Covermotiv mit dem Papageientaucher und der Filmrolle fängt den Inhalt und die Stimmung des Romans gut ein. Der deutsche Titel weicht ein wenig vom dänischen Original („Mr. Saitos Rejsebiograf“) ab, was ich in diesem Fall für unerheblich halte.

Mein Fazit:
Meine hohen Erwartungen hat „Mr. Saitos reisendes Kino“ von Annette Bjergfeldt zwar nicht in Gänze erfüllt. Dennoch habe ich den unterhaltsamen Roman gerne gelesen und kann ihn durchaus bedenkenlos weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 05.12.2025

Bruderlose Nacht

Der brennende Garten
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Das Jahr 1981 in Jaffna im Norden von Sri Lanka: Die fast 16-jährige Sashikala Kulenthiren, genannt Sashi, möchte Ärztin werden. Aber dann bricht ein brutaler und langer Bürgerkrieg aus und reißt ihre ...

Das Jahr 1981 in Jaffna im Norden von Sri Lanka: Die fast 16-jährige Sashikala Kulenthiren, genannt Sashi, möchte Ärztin werden. Aber dann bricht ein brutaler und langer Bürgerkrieg aus und reißt ihre Heimatstadt auseinander. Zwei ihrer Brüder werden in die Auseinandersetzung hineingezogen und schließen sich den Kämpfern an - mit fatalen Folgen. Auch K, ein ein Jahr älterer Junge aus der Nachbarschaft, für den sie Gefühle entwickelt hat, ist bei den Tamil Tigers.

„Der brennende Garten“ ist ein Roman von V. V. Ganeshananthan, der unter anderem mit dem Women's Prize for Fiction im Jahr 2024 ausgezeichnet worden ist.

Der Roman ist sehr klar strukturiert: Auf einen Prolog folgen fünf Teile, die sich wiederum in insgesamt 20 Kapitel gliedern. Die Haupthandlung umspannt die Jahre 1981 bis 1989 und spielt vor allem in der Stadt Jaffna und in Colombo (beides Sri Lanka). Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Sashi.

Die Sprache ist klar, aber nicht platt. Die Dialoge wirken lebensnah. Die Beschreibungen sind eindringlich.

Die Tamilin Sashi ist eine interessante Protagonistin: intelligent, mutig und sympathisch. Eine authentische Figur, mit der ich mitfühlen konnte.

Die Geschichte schildert die Kindheit und Jugend Sashis, das Aufwachsen in einer besonders schwierigen Zeit. Es ist also einerseits ein Coming-of-Age-Roman.

Andererseits beleuchtet die Geschichte das Entstehen und den Verlauf des Bürgerkriegs, das Bestreben der Tamilen nach Unabhängigkeit und den Pogrom von 1958. Dabei ist dem Roman die intensive, fundierte Recherche anzumerken. Er wirft Fragen auf: Was bedeutet Terrorismus? Was macht ein Bürgerkrieg mit ganz normalen Menschen und insbesondere Frauen? Wie ist man sich selbst treu im Umfeld von Gewalt und Schrecken? Zudem spielen Unterdrückung, Diskriminierung und feministische Aspekte eine Rolle. Dies alles verleiht der Geschichte Facettenreichtum und Tiefe.

Auf den mehr als 450 Seiten ist Roman kurzweilig und berührend. Die Handlung ist zwar immer wieder dramatisch, bleibt aber stimmig und glaubwürdig.

Der deutsche Titel klingt gleichermaßen poetisch wie dramatisch, weicht aber erheblich vom englischsprachigen Original („Brotherless Night“) ab. Das passende Covermotiv hingegen orientiert sich an den fremdsprachigen Ausgaben.

Mein Fazit:
„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan ist nicht nur eine sehr bewegende Lektüre, sondern auch ein Buch, das interessante Einblicke in die Historie Sri Lankas bietet. Ein in mehrerer Hinsicht empfehlenswerter Roman.

Veröffentlicht am 03.12.2025

Unmoralische Allianzen

Hustle
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Leonie Hendricks, 30, ist eigentlich Pflanzengenetikerin, braucht aber einen beruflichen Neuanfang. Deshalb nimmt sie in München einen Job an, der nicht zu ihrer Expertise passt. Trotzdem ist das Geld ...

Leonie Hendricks, 30, ist eigentlich Pflanzengenetikerin, braucht aber einen beruflichen Neuanfang. Deshalb nimmt sie in München einen Job an, der nicht zu ihrer Expertise passt. Trotzdem ist das Geld knapp. Da lernt sie eine Frau kennen, die mit zweifelhaften Methoden ihren Lebensunterhalt verdient. Leonie ist fasziniert. Sie entschließt sich, künftig auch auf unkonventionelle und unmoralische Weise an Geld zu kommen…

„Hustle“ ist ein Roman von Julia Bähr.

Erzählt wird die Geschichte in 46 kurzen Kapiteln aus der Sicht von Leonie. Die chronologische Handlung umfasst etliche Monate.

Die Sprache ist unauffällig und wenig kunstvoll, aber anschaulich und der Geschichte angemessen. Die Dialoge wirken sehr lebensnah.

Leonie ist eine zugleich reizvolle, interessante und unbequeme Protagonistin. Nicht alle ihre Entscheidungen und Reaktionen konnte ich komplett nachvollziehen. Dennoch habe ich ihre Gedanken und ihr Handeln gerne verfolgt.

Auf der inhaltlichen Ebene geht es vor allem um weibliche Wut und Selbstbefreiung. Freundinnenschaft und persönliche Weiterentwicklung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Text ist zudem durchzogen von kritischen Passagen: an den absurd hohen Mieten und prekären Verhältnissen in Großstädten, am Kapitalismus, an der Konsumgesellschaft, an der Benachteiligung von Frauen, an der vorherrschenden Misogynie und ähnlichen Aspekten. Das alles macht den Roman facettenreich und äußerst aktuell. Die Geschichte liefert immer wieder Denkimpulse.

Auf den wenig mehr als 300 Seiten ist der Roman unterhaltsam und kurzweilig. Zwar ist die Handlung nicht durchweg realistisch, allerdings sehr witzig. Auch das etwas überraschende Ende fühlt sich für mich stimmig an.

Der Titel hat sich mir nicht auf Anhieb erschlossen, passt jedoch gut zum Inhalt. Das Cover, eine ebenfalls treffliche Wahl, finde ich sehr ansprechend gestaltet.

Mein Fazit:
Mit „Hustle“ ist Julia Bähr ein vielschichtiger, humorvoller und intelligenter Roman gelungen, der mich bestens unterhalten hat. Meine Neugier auf weitere Bücher der Autorin ist nun geweckt.

Veröffentlicht am 26.11.2025

Zwischen Fiktion und menschlicher Wahrheit

Was wir wissen können
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Europa im Jahr 2119: Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe hat eine Obsession. Er sucht das berühmte, aber als verschollen geltende Gedicht „Ein Sonettenkranz für Vivien“ von Dichter Francis Blundy, ...

Europa im Jahr 2119: Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe hat eine Obsession. Er sucht das berühmte, aber als verschollen geltende Gedicht „Ein Sonettenkranz für Vivien“ von Dichter Francis Blundy, das 2014 in illustrer Runde nur ein einziges Mal vorgetragen worden sein soll. Etliche Spekulationen ranken sich um das lyrische Werk. Doch wie lauten die Zeilen genau? Und was steckt dahinter? Die Spurensuche gestaltet sich äußerst kompliziert…

„Was wir wissen können“ ist ein Roman von Ian McEwan.

Der Roman besteht aus zwei ganz unterschiedlichen Teilen. Der erste setzt sich aus 21 Kapiteln zusammen, die in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Thomas erzählt werden. Dabei befinden wir uns im Jahr 2119. Dann folgt ein Bruch. Im zweiten Teil ändern sich sowohl die Erzählperspektive als auch die Zeitebene. Dieses geschickte Konstrukt macht die Geschichte überraschend.

Der Autor entwirft ein interessantes und düsteres, aber nicht unrealistisches Zukunftsszenario. Dabei ist der Roman voll von Themen: die Folgen des Klimawandels, die atomare Bedrohung, Künstliche Intelligenz, Migration, politische Instabilität und einiges mehr. Immer wieder scheint Gesellschaftskritik durch.

Vor allem aber geht es um Literatur und ihre Erforschung. Wie wird das heutige literarische Schaffen in rund 100 Jahren oder später wahrgenommen? Wie wird es eingeordnet? Was bleibt vorrangig in Erinnerung? Inspiriert wurde der Roman von einem realen Gedicht: „Marston Meadows: A corona of Prue“ von John Fuller aus dem Jahr 2021, das McEwan in der Danksagung als großartig bezeichnet.

Darüber hinaus thematisiert die Geschichte insbesondere die Unsicherheit von Quellen. Der Grat zwischen Fiktion und menschlicher, subjektiv empfundener Wahrheit ist schmal. Was können wir wissen? Was dürfen wir glauben? Diese Fragen werden aufgeworfen und machen den Roman in Zeiten von Fake News und manipuliertem Bildmaterial ungemein aktuell.

In sprachlicher Hinsicht hat mich der anspruchsvolle, aber gut lesbare Text, übersetzt von Bernhard Robben, weitestgehend überzeugt. Die teils detailreichen Beschreibungen sind mir jedoch stellenweise zu viel gewesen.

Auf den mehr 460 Seiten wird die Geschichte auch wegen einiger Redundanzen langatmig, vor allem im ersten, handlungsärmeren Teil. Später, wenn zwischenmenschliche Konflikte und Abgründe in den Vordergrund treten, nimmt sie allerdings Fahrt auf und lässt das bisher Gelesene in einem neuen Licht erscheinen.

Der sehr passende Titel ist glücklicherweise wortgetreu aus dem Englischen („What We Can Know“) übernommen worden. Auch das Covermotiv, das ein Gemälde („First Love“) von Jing Zhiyong zeigt, erweist sich als eine gute Wahl.

Mein Fazit:
„Was wir wissen können“ von Ian McEwan ist ein tiefgründiger, gehaltvoller und facettenreicher Roman mit aktueller Relevanz, der sich mit interessanten Fragen beschäftigt. An manchen Stellen wäre weniger mehr gewesen. Dennoch eine alles in allem empfehlenswerte Lektüre.

Veröffentlicht am 23.11.2025

Sonst noch was?

Vielleicht ist die Liebe so
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Die Trennung von Drehbuchautor Carlos hat Anja, Anfang 40, noch nicht überwunden. Da trifft die ehemalige Schauspielerin und jetzige Barkeeperin der nächste Schock: Ihre Mutter plant einen assistierten ...

Die Trennung von Drehbuchautor Carlos hat Anja, Anfang 40, noch nicht überwunden. Da trifft die ehemalige Schauspielerin und jetzige Barkeeperin der nächste Schock: Ihre Mutter plant einen assistierten Suizid, und zwar am 18. Februar. Die Witwe will ihre depressive Tochter dabei haben. Und das bleibt nicht die einzige Zumutung für Anja…

„Vielleicht ist die Liebe so“ ist der Debütroman von Katja Früh.

Erzählt wird die Geschichte in 57 kurzen Kapiteln in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Anja - in chronologischer Reihenfolge, aber mit Rückblicken. Die Handlung umfasst ungefähr einen Monat und spielt in der Schweiz.

Zwar nehmen der assistierte Suizid und seine Vorbereitung viel Raum in der Geschichte ein. Dennoch ist die Sterbehilfe nicht das dominierende und bei Weitem nicht das einzige Thema des Romans.

Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Die zwei Charaktere werden glaubwürdig und mit Tiefe dargestellt. Beide Protagonistinnen sind in psychischer Hinsicht auffällig. Anja kämpft mit depressiven Verstimmungen, mit einer traumatischen Erfahrung und ihrer Familiengeschichte. Ihre Mutter ist narzisstisch, übergriffig und egozentrisch. Sie hätte ebenfalls traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, nimmt anders als Anja jedoch keine therapeutische Hilfe in Anspruch. Zwar konnte ich nicht immer Anjas Verhalten komplett nachvollziehen. Dennoch kommt man ihr nahe und kann ihre Gedanken und Gefühle verfolgen.

Auf den rund 300 Seiten gibt es darüber hinaus weitere ernsthafte Themen: Verfolgung, Flucht und Vertreibung, Tod, Suchterkrankung, emotionale Abhängigkeit, sexuelle Übergriffe und einiges mehr. Das macht die Geschichte, die auch ethische Fragen aufwirft und zum Nachdenken angeregt, unerwartet facettenreich.

Obwohl der Inhalt beileibe keine leichte Kost ist, liegt der Roman nicht schwer im Magen. Immer wieder gibt es tragikomische bis skurrile Momente, bei denen das Lachen allerdings im Hals stecken bleibt.

Auch der leichtfüßige Schreibstil macht den Roman zu einer angenehmen Lektüre. Die Dialoge wirken glaubhaft. Die Sprache ist ungekünstelt, aber nicht zu salopp.

Das Covermotiv zeigt das Gemälde „Jewelry“ von Anna Weyant. Obwohl ich eine reduzierte Optik auf dem Buchdeckel mag, spricht mich die Gestaltung diesmal leider gar nicht an. Ein inhaltlicher Bezug erschließt sich zudem allenfalls im metaphorischen Sinn. Der Titel hingegen passt sehr gut zur Geschichte.

Mein Fazit:
Als ein Highlight im Lesejahr 2025 hat sich der Roman von Katja Früh zwar nicht entpuppt. Dennoch kann ich „Vielleicht ist die Liebe so“ als leichtfüßige und kurzweilige Geschichte mit ernsthaften, anspruchsvollen Themen gerne empfehlen.