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Veröffentlicht am 25.12.2025

Der Preis des sorglosen Umgangs mit unseren Daten

Das Dream Hotel
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Sara Hussein hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Elias Babyzwillinge bekommen. Weil sie vor lauter Übermüdung kaum mehr funktionieren konnte, hat sie sich eine Neuroprothese zur Schlafverbesserung ...

Sara Hussein hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Elias Babyzwillinge bekommen. Weil sie vor lauter Übermüdung kaum mehr funktionieren konnte, hat sie sich eine Neuroprothese zur Schlafverbesserung in ihren Kopf einsetzen lassen. Ihr Mann hatte so etwas schon seit längerem und sie wollte mit ihm mithalten und auch für ihre Kinder eine wache, präsente Mutter sein können. Außerdem nutzt Sara schon lange, wie so viele von uns, das Internet und Social Media, hinterlässt überall ihre digitalen Spuren und wird auch im analogen Leben oft von Videokameras aufgezeichnet. Ist ja nichts dabei, das ist ja jetzt unser Leben, oder?

Bis all diese Kleinigkeiten Sara zum Verhängnis werden: auf der Rückreise von einer Konferenz in London fällt sie bei der Einreise in die USA bei der Sicherheitskontrolle auf. Eines kommt zum anderen: durch die Neuroprothese wurden Saras Träume ausgewertet und ihr wird vorgeworfen, eine Gefahr für ihren Mann zu sein. Der Algorithmus habe durch die Analyse ihrer Träume, gemeinsam mit anderen gesammelten und willkürlich gewichteten, gegen sie verwendeten Informationen aus ihrem Leben, einen zu hohen Risikowert ausgerechnet, deshalb müsse sie vorerst für drei Wochen zur eigenen und fremden Sicherheit in einem Zentrum "einbehalten" werden. Das sei kein Gefängnis, nur eine Sicherheitsmaßnahme, und ja auch erst einmal nur für drei Wochen. Dass Sara verzweifelt versucht, sich gegen die Einweisung zu wehren, verschlechtert ihren Risikowert weiter.

Schnell stellt sich heraus, dass sich das Einbehaltezentrum nur wenig von einem Gefängnis unterscheidet und die Insassinnen kaum Rechte haben. Es gibt ein langes Regelbuch, das jede auswendig lernen muss, zusätzlich können aber ständig willkürlich neue Regeln aufgestellt oder Privilegien entzogen werden. Verlangt wird absolute Unterwerfung unter das System und Gehorsam gegenüber den Aufsehern, doch auch dann wird kaum eine Frau nach den versprochenen drei Wochen entlassen, sondern der Aufenthalt wird immer wieder verlängert, auf unbestimmte Zeit.

Parallel dazu erleben wir eine Gesellschaft, die sich damit abgefunden hat, dass die Daten von Menschen überall ausgewertet und kommerziell und politisch genutzt werden. Viele finden es sogar gut, dass damit die Gesellschaft sicherer werde, weil zukünftige Verbrechen verhindert werden würden, wenn man Menschen festnehmen könne, bevor sie diese begehen würden. Das ungerechte und menschenverachtende System dahinter wird nur von wenigen erkannt oder angezweifelt. Das muss auch Sara nach ihrer Festnahme erfahren: alle glauben an das System und seine Gerechtigkeit. Wer inhaftiert wurde, mit der muss irgendetwas nicht stimmen. Ihr Mann wirft ihr vor, sich im Zentrum offensichtlich nicht kooperativ genug zu verhalten, sonst wäre sie ja schon längst wieder frei. Auch ihr Vater – ein marokkanischer Immigrant, der sein ganzes Leben lang gelernt hat, sich dem amerikanischen System anzupassen und sich unauffällig zu verhalten – meint, sie wäre wohl nicht unterwürfig genug aufgetreten, sonst wäre sie am Flughafen nicht festgenommen worden.

Da zeigt sich wieder, was wir auch aus der Realität kennen: bestehende Systeme werden nur sehr wenig hinterfragt und viele Menschen glauben, es gehe schon immer alles mit rechten Dingen zu, und es werde schon gerechte Gründe dafür geben, wenn jemand in einem Anhaltezentrum sitze: das psychologische Phänomen des Glaubens an eine gerechte Welt. Auch die Frauen, die neu in das Zentrum eingeliefert werden, glauben anfangs immer noch, dass sie sich mit Wohlverhalten eine schnelle Entlassung verdienen könnten und nur „die anderen“ die gefährlichen potentiellen Straftäterinnen seien, nicht sie selbst. So kommt es, auch verstärkt durch die ständige Überwachung, sehr lange zu kaum Solidarisierung unter den inhaftierten Frauen.

Das „Dream-Hotel“ von Laila Lalami ist eine kluge und erschreckende, sehr realistisch konstruierte Dystopie, die in einer nicht so fernen Zukunft spielt und unserer modernen Gesellschaft in vielem einen Spiegel vorhält. Abgesehen von der Träume aufzeichnenden Neuroprothese gibt es große technologische und gesellschaftliche Ähnlichkeiten zu der Zeit, in der wir uns schon jetzt befinden und in der große Unternehmen unsere Daten systematisch sammeln, aufbereiten, für ihre Zwecke nutzen und davon ausgehen, dass wir mit der Zustimmung zu ihren Nutzungsbedingungen schon so gut wie alle eigenen Rechte diesbezüglich aufgegeben hätten (wie es auch im Buch vorkommt).

Es ist also ein sehr kluges Buch, das nachdenklich darüber macht, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, aber auch, in welcher wir jetzt schon leben und welches enorme Risiko damit verbunden ist, unsere Daten gewinnorientierten Unternehmen zur Verfügung zu stellen – aber auch, wie schwierig es ist, aus diesem System auszusteigen: auch im Buch gibt es einzelne Aussteiger, aber diese müssen wie vor Jahrhunderten leben, um sicherzustellen, keine Daten von sich preiszugeben.

Geschrieben ist das Buch auf eine sehr spannende, aber auch beklemmende Art und Weise. Ich habe mich sehr mit der „einbehaltenen“ Sara und den anderen Frauen verbunden gefühlt, mit ihnen mitgefiebert, auf Entlassung gehofft und bin mit ihnen wütend über dieses zutiefst ungerechte System geworden. Die Lektüre hat also neben dem aufrüttelnden Faktor auch einen guten Unterhaltungswert.

Das Ende habe ich auch durchaus plausibel gefunden, auch wenn man inhaltlich aus einigen Themensträngen und aus dem Thema insgesamt noch ein bisschen mehr machen hätte können, deshalb in Summe 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 18.12.2025

Ein ruhiges Märchen zur Unterhaltung

Mr. Saitos reisendes Kino
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Zauberhafte, liebenswürdige Charaktere, die Ungewöhnliches erleben. Verbindungen zwischen Menschen. Und ein leichter, unterhaltsamer Schreibstil.

"Mr Saitos reisendes Kino" vereint so einige Zutaten, ...

Zauberhafte, liebenswürdige Charaktere, die Ungewöhnliches erleben. Verbindungen zwischen Menschen. Und ein leichter, unterhaltsamer Schreibstil.

"Mr Saitos reisendes Kino" vereint so einige Zutaten, die ein angenehmes Buch ausmachen, das man gerade in dunklen Stunden und zur Weihnachtszeit gerne liest, weil es herzerfrischend und wärmend ist.

Für mich ist es klar ein Buch aus dem Genre "Unterhaltung" und keine höhere Literatur (wegen der Sprache und weil man nicht an alles hohe Maßstäbe der Glaubwürdigkeit anlegen sollte), das muss oder will es aber wohl auch nicht sein.

Es braucht ein bisschen ein Sich-Einlassen auf eine ruhige, zauberhafte Geschichte, die von den kleinen Momenten und Begegnungen lebt und nicht unbedingt von der Spannung. Ein entschleunigendes Buch in einer hektischen Zeit.

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Veröffentlicht am 17.12.2025

Einblicke in ein langes Autorinnenleben

Luft zum Leben
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Für mich war der Erzählband "Luft zum Leben" das erste Buch der Schriftstellerin Helga Schubert, ich habe somit keinen Vergleich mit anderen Werken und beurteile hier allein diesen Erzählband.

Im Vorwort ...

Für mich war der Erzählband "Luft zum Leben" das erste Buch der Schriftstellerin Helga Schubert, ich habe somit keinen Vergleich mit anderen Werken und beurteile hier allein diesen Erzählband.

Im Vorwort schreibt die Autorin, dass sie sich wünscht, Menschen in ganz unterschiedlichem Alter und verschiedenen Lebenssituationen würden für sich etwas aus diesem Band mitnehmen können. Ich glaube, das ist tatsächlich so, denn in dem Buch finden sich Erzählschätze aus einem ganzen Leben. Die Autorin hat dafür sowohl schon einmal veröffentlichte als auch bisher unveröffentlichte Texte zusammengetragen und in eine einigermaßen chronologische Reihenfolge gebracht.

Es ist kein Buch zum Schnell-Durchlesen, da würde einem vieles entgehen. Wir erleben mit der Autorin verschiedene Situationen ihres langen Lebens mit: Zeiten, als sie als ganz junge Frau ungeplant mit ihrem Sohn schwanger wurde, ein weiteres Kind, das sie nicht bekommen hat, das Aufwachsen des Sohnes, ihre Sorge um ihn in der Zeit jugendlicher Rebellion, allgemeine Reflexionen über das Leben, eine Krebserkrankung in ihren 30ern und immer wieder verschiedene Situationen des Schriftstellerin-Seins in der DDR.

Insbesondere letzteres war für mich sehr interessant, da das Thema für mich in dieser Form neu war und ich überrascht war, wie viele Freiheiten Helga Schubert in ihrer Position als Schriftstellerin hatte, wie sie regelmäßig zu Literaturveranstaltungen in den Westen reisen konnte oder auch für einen Tagestrip aus Ostberlin in den Westen der Stadt. Bemerkenswert war für mich, wie gut sich die Autorin dem herrschenden politischen System anpassen und mit wenig Schwierigkeiten darin leben konnte, auch wenn sie sich insgeheim mehr Freiheit gewünscht hätte.

Vereinzelte Hinweise auf das, was in der DDR nicht möglich war, gibt es aber natürlich auch: einige der jetzt abgedruckten Texte durften damals nicht oder nur gekürzt erscheinen. Und in einer Geschichte erzählt sie davon, wie sie sich vor einer Kommission für einen ihrer Texte rechtfertigen muss und ihr geraten wird, ihre Beobachtungsgabe und Intelligenz lieber auf andere Themen zu fokussieren, als auf das politische System in der DDR.

Wenn man das Buch sorgfältig und mehrmals liest, fällt einem besonders auf, das die scheinbar für sich stehenden Texte durchaus so einige Bezüge zueinander haben und sich noch einmal eine differenziertere Erzählung ergibt, wenn man sie im Kontext miteinander betrachtet. Das zeigt sich an so einigen Themen, beispielsweise einmal, als es darum geht, dass Schreibende Informationen aus ihrem Umfeld verwenden und in ihre Texte einbauen: so erzählt die Autorin davon, dass sich jemand in einer ihrer Erzählungen mit der eigenen Familiengeschichte erkannt gefühlt hat - aber auch über den Verrat, den sie selbst empfunden hat, als sie sich selbst im Werk einer Schriftstellerkollegin auf unvorteilhafte und vielleicht in der DDR sogar potenziell nachteilige Art und Weise porträtiert und dadurch verraten gefühlt hat.

So ist es insgesamt ein vielseitiges Werk aus mal ganz kurzen, mal längeren Geschichten zu verschiedenen Aspekten des eigenen Lebens von Helga Schubert. Manches hätte ich vielleicht noch klarer einordnen können, wenn es dazu erläuternde Kommentare gegeben hätte oder wenn ich im Vorfeld schon mehr Bücher von der Autorin gelesen hätte. Und ein bisschen schade habe ich gefunden, dass der Zweitberuf der Autorin, die auch Psychologin und als solche therapeutisch tätig war, so gut wie gar nicht in den Erzählungen vorkam - doch auch dafür wird sie wohl ihre Gründe haben.

In Summe ist es ein interessanter Erzählband, den ich allen, die sich für diese Autorin oder auch speziell für das Schriftstellerin-Sein in der ehemaligen DDR interessieren, empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 06.12.2025

Anspruchsvolles Sachbuch auf Basis der Philosophie und Psychoanalyse

Anerkennung ändert alles
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In ihrem neuen Buch betont die Psychologin und Philosophin Barbara Strohschein die Wichtigkeit der Anerkennung für zwischenmenschliche Beziehungen. Die Grundlage des Buches sind philosophische und psychoanalytische ...

In ihrem neuen Buch betont die Psychologin und Philosophin Barbara Strohschein die Wichtigkeit der Anerkennung für zwischenmenschliche Beziehungen. Die Grundlage des Buches sind philosophische und psychoanalytische Theorien zu Themen wie bewusste und unbewusste Abwehr, Verdrängung oder Flucht, Bewusstsein und Werte. Diese Themen nehmen im Buch großen Raum ein und werden auf hohem Niveau diskutiert.

Aufgelockert wird das Buch durch viele Fallbeispiele zu zwischenmenschlicher Kommunikation, Missverständnissen und Möglichkeiten, diese zu klären, auf Basis einer fundierten Selbstreflexion auch Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln und damit die private oder berufliche Beziehung zu verbessern. Diese beschäftigen sich sehr oft mit aktuellen Themen wie dem Klimawandel oder der Corona-Pandemie und dem gesellschaftlichen Umgang damit.

Am Ende des Buches findet sich noch ein praktischer Leitfaden zur Analyse der eigenen Person, des Gegenübers und der Sachebene, der dabei helfen kann, anhand verschiedener Impulsfragen die jeweilige Konfliktsituation zu analysieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Insgesamt richtet sich das Buch von seinem Anspruch her klar an eine sehr gebildete und an diesen Bereichen interessierte Leserschaft mit Vorwissen in Psychologie und Philosophie. Wer sich sonst nicht viel mit anspruchsvollen Theorien beschäftigt und einfach nur einen praktischen, gut anwendbaren Ratgeber sucht, für den sind sicher andere Werke besser geeignet. Für Menschen, die sich auf das hohe akademische Niveau dieses interessanten Fachbuches einlassen möchten, finden sich auf jeden Fall viele inspirierende Anregungen zur persönlichen und zwischenmenschlichen Weiterentwicklung darin.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Resilienz am Beispiel des eigenen Lebens

Kann ich das?
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In diesem Buch erzählt die Musiktherapeutin, Yogalehrerin und dreifache Mutter Vivian Mary Pudelko offen und ehrlich verschiedenste Situationen aus dem eigenen Leben, eingebettet in das Rahmenthema Resilienz. ...

In diesem Buch erzählt die Musiktherapeutin, Yogalehrerin und dreifache Mutter Vivian Mary Pudelko offen und ehrlich verschiedenste Situationen aus dem eigenen Leben, eingebettet in das Rahmenthema Resilienz. Anhand ihres eigenen Beispiels vermittelt sie, wie man Krisensituationen im Leben gut überstehen kann und was dazu beiträgt. Dabei stützt sie sich neben ihrer eigenen reflektierten Lebenserfahrung auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu dem Thema.

Laut diesen gibt es elf Faktoren, die dabei unterstützen, Resilienz zu entwickeln: Optimismus, kognitive Flexibilität, Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, aktives Coping, soziale Unterstützung, positive Emotionen, Hardiness (gemeint ist etwas in Richtung Zähigkeit oder Durchhaltevermögen in schwierigen Situationen), Kohärenzgefühl, einen Sinn im Leben zu sehen und einen Zugang zu Religiosität oder Spiritualität zu finden.

Diese elf Themen und die nach ihnen benannten Kapitel machen auch den Großteil des Buches aus. Dabei geht es neben einer kurzen theoretischen Definition und Erklärung des jeweiligen Faktors immer tief in die persönliche Lebensgeschichte der Autorin hinein: sie berichtet von schwierigen Zeiten, in denen sie in einem Jahr mehrere Todesfälle im engen Familienkreis bewältigen musste, von der Trennung vom Vater ihrer drei Kinder, vom Leben in ihrer Wahlheimat Wien und den Besuchen bei den Verwandten im hohen Norden bei Hamburg und von vielem mehr.

Wer gerne anhand von persönlichen Geschichten etwas Neues über psychologische Themen lernt und sich davon inspirieren lässt, für den bietet dieses Buch sicherlich viele nette Anregungen.

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