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Veröffentlicht am 07.12.2025

Viel Atmosphäre, wenig Tiefe: Ein Roman, der mich nicht erreicht hat

Lass uns noch bleiben
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"Lass uns noch bleiben" von Saskia Luka (erschienen bei Kein & Aber im November 2025) erzählt die Geschichte von Anna, deren Freundin/Partnerin sozusagen spurlos von heute auf Morgen unerwartet aus ihrem ...

"Lass uns noch bleiben" von Saskia Luka (erschienen bei Kein & Aber im November 2025) erzählt die Geschichte von Anna, deren Freundin/Partnerin sozusagen spurlos von heute auf Morgen unerwartet aus ihrem Leben verschwindet und deren Leben daraufhin ins Wanken gerät. Zwischen ihrem Pflanzenladen, alten Wunden und neuen Begegnungen findet sie sich in einer Suche wieder, die mehr über sie selbst offenlegt als über das Verschwinden der Freundin. Der Roman ist im Original auf Deutsch erschienen und wurde mir als Rezensionsexemplar von NetGalley.de (E-Book) und Vorablesen (Print) zur Verfügung gestellt.

Ich bin mit hohen Erwartungen gestartet, weil mich das Setting rund um den Pflanzenladen, das Cover (ja ich gebs zu :D) und die leise Melancholie sofort angesprochen haben. Einige Formulierungen hatten es auch wirklich in sich etwa: „Das Jahr hatte gerade begonnen und eine Farbe wie Milchglas.“ (S. 10) oder der poetische Gedanke: „Die Zeit zu vergessen, ist eine meiner liebsten guten Eigenschaften.“ (S. 18). Aber je weiter ich gelesen hab, desto mehr hab ich gemerkt, dass ich emotional nicht andocken konnte. Die Figuren wirkten auf mich blass, und viele Dialoge fühlten sich konstruiert an, als müsste etwas Bedeutungsvolles gesagt werden, ohne dass es sich organisch ergab. Auch beim Plot fehlte mir ein klarer Spannungsbogen: Die Suche nach der verschwundenen Freundin hätte so viel emotionale Wucht haben können, blieb aber für mich zu beiläufig, zu gleichförmig erzählt. Selbst schöne Beobachtungen wie Annas Gedanke: „Manchmal denke ich, ich bin so eine Pflanze. Ich versuche zu wachsen, aber am falschen Ort.“ (S. 73) konnten das nicht vollständig auffangen. Während ich einige poetische Stellen mochte, hatte ich oft den Eindruck, dass Wiederholungen und Unschärfen den Lesefluss bremsen. Manche Szenen wirkten austauschbar, einige Gefühle behauptet statt erlebt, und der Roman blieb hinter dem zurück, was er thematisch hätte erreichen können.

Fazit

"Lass uns noch bleiben" ist ein leiser, atmosphärischer Roman mit schönen Bildern, aber für mich konnte er sich erzählerisch nicht entfalten. Die Charaktere blieben zu blass, der Plot zu schwach, die Dialoge zu konstruiert. Empfehlen würde ich das Buch nur Leser:innen, die sehr stille, fragmentarische Prosa mögen und keinen klassischen Spannungsbogen erwarten. Für alle, die auf tief gehende Charakterstudien oder emotionale Wucht hoffen, ist es meiner Meinung nach weniger geeignet. Danke an NetGalley.de und Vorablesen für die Rezensionsexemplare.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Wenn Selbstliebe zur Marketingidee wird

Es ist ein Geschenk, dass es dich gibt - Das Kartenset zum SPIEGEL Bestseller
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Ein Kartenset für mehr Selbstliebe, Achtsamkeit und innere Stärke, so beschreibt Melanie Pignitter ihr neuestes Produkt, das auf ihrem gleichnamigen SPIEGEL-Bestseller basiert. Die Autorin ist diplomierte ...

Ein Kartenset für mehr Selbstliebe, Achtsamkeit und innere Stärke, so beschreibt Melanie Pignitter ihr neuestes Produkt, das auf ihrem gleichnamigen SPIEGEL-Bestseller basiert. Die Autorin ist diplomierte Mentaltrainerin, Selbstliebe-Mentorin und Gründerin der Plattform Honigperlen, mit der sie Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum erreicht. Bekannt für ihre positiven Impulse und alltagsnahen Selbstliebeübungen, möchte sie mit diesem Set kleine Momente der Ermutigung in den Alltag bringen.

Worum geht’s genau?

Das Kartenset „Es ist ein Geschenk, dass es dich gibt“ umfasst 50 liebevoll gestaltete Karten mit Impulsen und Affirmationen rund um Selbstliebe, Selbstakzeptanz und mentale Stärke. Jede Karte zeigt auf der Vorderseite einen kurzen, inspirierenden Satz wie „Ich bin genug – genau so, wie ich bin“, während auf der Rückseite eine passende Affirmation steht, die zur Vertiefung der Botschaft einlädt. Begleitet wird das Set von einer kleinen Anleitung zur Anwendung und einem Holzaufsteller, um die Lieblingskarte sichtbar aufzustellen. Laut Verlag soll das Set an das Buch anknüpfen, kann aber auch eigenständig genutzt werden, als tägliche Erinnerung an den eigenen Wert.

Meine Meinung

Vorweg: Ich habe das dazugehörige Buch nicht gelesen und stehe Selbsthilfe- und Affirmationsprodukten generell eher kritisch gegenüber. Trotzdem wollte ich dem Kartenset eine faire Chance geben, denn die Beschreibung klang zunächst ansprechend. Optisch macht die Box mit ihrem frischen, freundlichen Design und dem kleinen Holzaufsteller auf jeden Fall etwas her. Auch die Idee, sich täglich mit einer positiven Botschaft zu stärken, gefällt mir grundsätzlich.

Leider konnte mich die Umsetzung aber nicht wirklich überzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Buchkontext nicht kenne, dennoch sollte ein Kartenset meiner Meinung nach für sich stehen können. Viele der Sprüche wirkten auf mich recht austauschbar und wenig tiefgehend. Formulierungen wie „Du bist wunderbar, so wie du bist“ oder „Vertraue dem Leben, es meint es gut mit dir“ sind zwar nett gemeint, aber nach der dritten Karte fehlte mir die Substanz. Auch die Abbildungen empfand ich als beliebig: hübsch, aber eindeutig Stockfotos, die wenig Atmosphäre oder Emotionalität transportieren.

Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Das Set richtet sich offenbar ausschließlich an Frauen. Männer oder eine geschlechtsneutrale Ansprache sucht man vergeblich. Für mich wirkt das Ganze dadurch etwas einseitig. Selbstliebe betrifft schließlich alle Menschen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass das Kartenset Teil eines größeren Vermarktungskonzepts ist: Neben dem Buch gibt es auch noch einen Kalender im gleichen Stil. Für Fans mag das schön sein, für mich persönlich fühlte es sich aber eher nach „bookish merch“ an, das auf Masse statt Tiefe setzt.

Und ehrlich gesagt: Ich bin kein Fan davon, wenn überall „SPIEGEL-Bestseller“ steht. Aufkleber, Aufdrucke, doppelte Hinweise, das wirkt irgendwann mehr nach Marketing als nach liebevoller Botschaft.

Fazit

„Es ist ein Geschenk, dass es dich gibt – Das Kartenset“ ist hübsch gestaltet und sicher ein nettes Geschenk für alle, die Affirmationen lieben oder bereits Fans von Melanie Pignitter sind. Für mich persönlich blieb es jedoch zu oberflächlich und zu formelhaft, um wirklich etwas auszulösen. Wer auf der Suche nach tiefergehender Selbstreflexion ist, wird hier vermutlich nicht fündig, wer aber kleine Alltags-Impulse mit Wohlfühlcharakter mag, könnte Freude daran haben. Danke jedenfalls an Vorablesen und Gräfe und Unzer für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Relevante Themen wie Machtmissbrauch und Überarbeitung, aber für meinen Geschmack sehr viel Potenzial verschenkt & wenig Spannung

Die Assistentin
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Mit "Die Assistentin" legt Caroline Wahl nach 22 Bahnen und Windstärke 17 einen weiteren Roman vor, der in einem völlig anderen Setting spielt: München, ein Verlagshaus, eine junge Frau am Anfang ihrer ...

Mit "Die Assistentin" legt Caroline Wahl nach 22 Bahnen und Windstärke 17 einen weiteren Roman vor, der in einem völlig anderen Setting spielt: München, ein Verlagshaus, eine junge Frau am Anfang ihrer Karriere und der Preis, den sie dafür zahlen muss. Wahl, 1995 in Mainz geboren, hat Germanistik und Deutsche Literatur studiert und bereits mit ihren ersten beiden Büchern Publikum wie Kritik überzeugt.

Worum geht’s genau?

Charlotte, eigentlich mit dem Traum Musikerin zu werden, tritt die Stelle als Assistentin eines Verlegers in München an. Zunächst wirkt es wie der perfekte Start: Nähe zur „Macht“, Vertrauen vom Chef. Doch bald verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben, das Lob kippt in Übergriffigkeit, die Arbeit wird zur Belastung. Charlottes Gesundheit, ihre Beziehung zu Bo und ihre Musik geraten ins Wanken und die Frage bleibt: Wie viel darf ein Job kosten?

Meine Meinung

Ich habe Caroline Wahls erste beiden Bücher sehr gemocht, aber "Die Assistentin" fühlte sich für mich wie ein Bruch an. Zwar sind die Kapitel angenehm kurz und die Grundidee – Machtmissbrauch im Literaturbetrieb – relevant, doch beim Lesen stellte sich kaum Spannung ein. Jetzt könnte man sagen es ist ja auch kein (richtiger) Krimi – auch wenn es sich schon stellenweise so liest – dennoch erwarte ich mir auch bei Romanen einen Spannungsbogen. Auch die auktoriale Erzählstimme wirkte auf mich eher befremdlich und nahm der Geschichte Tempo.

Sprachlich schwankte der Roman stark: Einerseits gibt es eindrückliche Vergleiche, andererseits auch sehr (!) unglückliche wie Charlottes Gedankengänge über Narben vom Ritzen (S. 8f.). Auch sehr lange, verschachtelte Sätze machten die Lektüre anstrengend. Positiv fiel mir die kritische Spiegelung gesellschaftlicher Muster auf etwa die feministische Umkehrung des Satzes „Der Mann sah immer noch gut aus für sein Alter“ (S. 15), der sonst so oft auf Frauen angewendet wird.

Die Figuren blieben für mich jedoch erstaunlich blass. Charlotte reflektiert viel, aber es mangelt an Dialogen und echten Entwicklungen. Ihre Familie – vor allem die Eltern – wird widersprüchlich gezeichnet: mal fordernd, mal gleichgültig, mal ratend, sie solle „doch eine Therapie probieren“ (S. 333). Diese Szenen wirkten nicht schlüssig, sondern inkonsequent.

Interessant waren die Einblicke ins Verlagshaus, auch die Parallelisierung mit Stücken von Dürrenmatt (S. 112) brachte einen gewissen Biss. Doch gerade dort, wo es spannend hätte werden können, bremst sich der Text selbst aus. Etwa wenn explizit angemerkt wird: „Zwischenstand. Die Dramaturgie ist irgendwie gar nicht so gut, es schleppt sich“ (S. 256). Das wirkt fast wie eine vorweggenommene Entschuldigung.

Thematisch greift Wahl viele relevante Punkte auf: Arbeitsbedingungen, Überstunden bis zum „Karōshi“ (Tod durch Überarbeitung, S. 230), Grenzverletzungen zwischen Beruflichem und Privatem (S. 192f.) sowie die Frage, wo sexuelle Belästigung anfängt (S. 257). Auch Charlottes Bedürfnis, bemuttert zu werden (S. 214), zeigt ihre innere Verletzlichkeit. Doch anstatt dass diese Motive zusammenlaufen, bleiben sie fragmentarisch nebeneinander stehen.

Immer wieder tauchen Wiederholungen auf („Was sollte sie auch sonst auf solche Fragen antworten?“, S. 247), vulgäre Sprache („kacke“, „scheißbrünette“), dazu merkwürdige Einschübe wie Charlottes Googeln von Nachbarn und Morden (S. 27). Ich habe mich oft gefragt: Dient das dem Plot oder soll es nur Atmosphäre schaffen?

Und ja, es gibt Wahl-typische Elemente: das Schwimmen, das Meer (S. 299), Parallelen zu den Vorgängerromanen. Doch auch diese wirken hier eher wie ein Fremdkörper.

Fazit

Die Assistentin wollte viel: Kritik an Machtstrukturen, feministische Perspektiven, psychologische Tiefe. Herausgekommen ist für mich aber ein sprachlich durchwachsener, stellenweise langatmiger Roman, der die richtigen Themen anspricht, sie aber nicht stringent erzählt. Einige starke Momente konnten das für mich nicht retten.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Große Themen, aber wenig Tiefe

Hustle
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Ein Roman über das prekäre Leben junger Frauen in einer durchökonomisierten Gesellschaft, das verspricht "Hustle" von Julia Bähr. Die Autorin, 1982 geboren, hat ihr Handwerk an der Deutschen Journalistenschule ...

Ein Roman über das prekäre Leben junger Frauen in einer durchökonomisierten Gesellschaft, das verspricht "Hustle" von Julia Bähr. Die Autorin, 1982 geboren, hat ihr Handwerk an der Deutschen Journalistenschule gelernt, arbeitet heute als freie Journalistin in den Bereichen Kultur und Gesellschaft und veröffentlichte bereits mehrere Romane, darunter die romantische Komödie "Sei mein Frosch". Mit "Hustle" versucht sie sich an einer schwarzen Satire über Kapitalismus, Moral und Freundschaft.

Worum geht’s genau?

Leonie lebt in München, einer Stadt, die für Normalverdienende unbezahlbar geworden ist. Als ihr das Geld ausgeht, findet sie Anschluss an drei Frauen, die sich ihren Lifestyle mit nicht ganz legalen Methoden finanzieren. Bald startet sie ihr eigenes „Geschäftsmodell“: Racheaktionen für gebrochene Herzen. Was als cleverer Hustle beginnt, wirft schnell große Fragen auf: Wie viel Risiko ist sie bereit einzugehen? Und wie viel Geld braucht man wirklich für ein gutes Leben?

Meine Meinung

Es war mein erstes Buch von Julia Bähr, und der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Der Einstieg liest sich leicht, denn der Schreibstil ist flüssig und eingängig, die Seiten fliegen nur so dahin. Besonders gelungen fand ich, wie authentisch München beschrieben wird: unbezahlbare Wohnungen voller Schimmel, verdrängte Geschäfte, Gentrifizierung auf jedem Straßenzug. Hier spürt man, dass die Autorin selbst lange dort gelebt hat. Szenen wie „München ist ein Fuckboy“ (S.129) oder die Schilderungen der absurden Wohnsituation sind bitterwitzig und treffen den Nerv.

Leider konnte mich die Geschichte insgesamt aber nicht überzeugen. Die Kapitel sind sehr kurz – was ich normalerweise mag – aber hier fehlte es mir an Tiefe. Vor allem über die vier Freundinnen hätte ich gerne deutlich mehr erfahren. Viele angerissene Themen und Szenen wirkten vielversprechend, wurden aber nicht konsequent weitergeführt. Dadurch fühlte sich die Handlung oft richtungslos an. Besonders das Ende bricht eher abrupt ab, ohne eine klare Spannungskurve zu entfalten. Für mich wirkte es, als wolle das Buch sehr viel gleichzeitig (Kapitalismuskritik, Freundinnenschaft, Satire), aber am Ende wird eben alles nur angedeutet und angeschnitten.

Auch die Figuren blieben mir fremd. Leonie und ihre Mitstreiterinnen gingen mir emotional kaum nahe. Trotz einiger scharf beobachteter Szenen („Ich wollte nie wieder in dieses Büro gehen, nie wieder verantwortlich sein für Dinge, die andere verbockt hatten“ S.61) hatte ich am Ende das Gefühl, nicht verstanden zu haben, was die Autorin mir eigentlich mitgeben wollte. Manche Szenen erschienen mir zudem unglaubwürdig, andere Fragen blieben offen, die mehr Erklärung verdient hätten.

Zwar gibt es starke Stellen, etwa die Auseinandersetzung mit der Frage nach gerechtem Klauen („Wir leben in einer Stadt, in der Menschen mit normalen Jobs die Lebenshaltungskosten nicht decken können… Da ist Klauen doch für viele die einzige Lösung.“ S.121). Doch selbst hier hatte ich den Eindruck, dass die Themen eher angerissen als vertieft werden. Letztlich ordne ich den Roman weniger als Kapitalismuskritik ein, sondern eher als satirische Reaktion auf das dekadente Leben in teuren Städten. Dass die Figuren trotz anfänglicher Rebellion letztlich dem System verhaftet bleiben, verstärkt diesen Eindruck.

Fazit

"Hustle" hat zweifellos ein starkes Setting und einige kluge Beobachtungen, doch für mich blieb das Potenzial ungenutzt. Wer kurze Kapitel und satirische Seitenhiebe auf das urbane Großstadtleben mag, wird hier fündig. Wer Wert auf Figurenentwicklung, Tiefgang und eine klare Erzählrichtung legt, kann mit dem Buch wahrscheinlich auch wenig anfangen. Herzlichen Dank an Vorablesen & den Pola Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Mehr Bericht als Roman – warum mich dieser Roman nicht überzeugt hat

Heimat
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Danke an Vorablesen und Hanserblau für das Rezensionsexemplar – der Klappentext und die Leseprobe haben mich sofort neugierig gemacht. Hannah Lühmann, geboren 1987, studierte Philosophie in Berlin und ...

Danke an Vorablesen und Hanserblau für das Rezensionsexemplar – der Klappentext und die Leseprobe haben mich sofort neugierig gemacht. Hannah Lühmann, geboren 1987, studierte Philosophie in Berlin und Paris, war lange Kulturredakteurin bei Welt und Welt am Sonntag und lebt heute als freie Journalistin in Berlin. Mit "Heimat" legt sie ihren zweiten Roman vor – ein Buch, das große Themen unserer Gegenwart aufgreift: Rechtspopulismus, Familie, Geschlechterrollen und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Worum geht’s?

Jana zieht mit ihrem Mann Noah und den Kindern aus der Stadt aufs Land. Schnell merkt sie: Hier gilt eine andere Normalität – die AfD ist allgegenwärtig, Verschwörungsnarrative werden beim Dorffest neben Kuchenbuffets verhandelt. Besonders angezogen fühlt sich Jana von ihrer Nachbarin Karolin, die als „Tradwife“ Hausfrau und Mutter zur Lebensaufgabe erhebt und ihre Ideologie zwischen Instagram-Feed, Telegram-Gruppe und Lesekreis verbreitet. Während Jana immer stärker in Karolins Bann gerät, verliert sie zusehends den Halt in ihrer eigenen Familie.

Meine Meinung

Bisher kannte ich die Autorin nicht und das Buch ist das erste, das ich von ihr lese. Die Grundidee des Romans finde ich sehr stark: ein Blick auf Rechtspopulismus im Alltag, die Faszination für tradwife-Lebensmodelle, Mutterbilder zwischen Care-Arbeit und Instagram-Inszenierung. Der Einstieg hat mich auch sofort gefesselt & insgesamt hatte das Buch so eine Sogwirkung, dass ich es an einem Nachmittag durchgelesen habe.

Doch je weiter ich kam, desto mehr kippte meine Begeisterung. Für mich bleibt "Heimat" in weiten Teilen oberflächlich. Jana, die Hauptfigur, wirkt wie eine „weiße Leinwand“: Sie hat kaum Kontur, lässt sich treiben, will allen gefallen – gefestigte Ideale, wie im Klappentext angekündigt, konnte ich bei ihr keine Erkennen. Statt einer Figur mit Haltung begegnet man einer Protagonistin, die stark beeinflussbar ist, zwischen Rebellion gegen die eigene Mutter und dem Annehmen konservativer Muster hin- und herschwankt.

Viele Konflikte wirken angerissen, aber nicht durchdrungen. Noah, der plötzlich nach Neuseeland auswandern will. Seine skurrilen Treffen (er ist Lehrer) mit Schüler:innen bei ihm zu Hause (!). Die Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als Liebe ist, und dann einfach auseinanderfällt. Karolin, die Gewalt andeutet, während gleichzeitig unklar bleibt, wer der Täter ist. Dazu die Szene mit der plötzlich sterbenden Mitbewohnerin von Janas Mutter, das Auftauchen eines neuen Mannes, oder (ACHTUNG SPOILER) die offene Frage, ob Karolin sich das Leben nimmt. (SPOILER ENDE) Zudem wirkt die Verwendung des Wortes Heimat arg konstruiert.Aber vlt. ist das ein Kulturding. Ich jedenfalls rede, wenn ich mit meinem Partner über das Thema rede von "Zuhause" und sag nicht unbedingt "Das ist unsere Heimat" (kommt mind. 3x vor im Buch).

Auch die Themenfülle hat mich eher überfordert: Mutterschaft, AfD, Telegram-Gruppen, Mommy-Content auf Instagram, Au-pair-Kräfte, Drag-Shows, Homeschooling, Asylpolitik, rechte Kampfsportgruppen, Beziehungskrisen, dritte Schwangerschaft, „Heimat“ als Schlagwort – alles wird gestreift, aber nichts wirklich vertieft. Besonders kritisch sehe ich, dass es kein Vor- oder Nachwort gibt, das die im Roman aufgeworfenen Thesen einordnet. Aussagen über Mutterschaft, Kinderbetreuung oder gesellschaftliche Rollenbilder werden so im Raum stehen gelassen, als wären sie Fakten. Gerade wenn problematische oder antifeministische Narrative so klar formuliert werden („Kitakinder haben lebenslang ein höheres Stresslevel“), braucht es meiner Meinung nach unbedingt eine Kommentierung durch die Autorin. Ein Nachwort hätte die Chance geboten, die Intention klarzustellen und Missverständnissen vorzubeugen. Ohne diesen Rahmen bleibt man als Leserin allein mit vermeintlichen „Wahrheiten“, die in der falschen Lesart gefährlich werden können.

Fazit

"Heimat" hat ein starkes Setting und wichtige Themen, verschenkt aber viel Potenzial. Figuren bleiben blass, Konflikte oberflächlich, die Sprache unentschieden. Statt einer differenzierten Auseinandersetzung wirkt der Text wie ein Sammelsurium von Schlagworten, ohne klare Haltung. Am Ende war ich mehr frustriert als nachdenklich zurückgelassen.

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