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Veröffentlicht am 02.02.2026

Große Fragen, große Themen und trotz 500+ Seiten doch erstaunlich wenig emotionale Tiefe

Real Americans
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Mit Real Americans legt Rachel Khong einen ambitionierten Generationenroman vor, der in den USA als großer Bestseller gefeiert wurde und nun in der deutschen Übersetzung von Tobias Schnettler bei Kiepenheuer ...

Mit Real Americans legt Rachel Khong einen ambitionierten Generationenroman vor, der in den USA als großer Bestseller gefeiert wurde und nun in der deutschen Übersetzung von Tobias Schnettler bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Erzählt wird die Geschichte einer chinesisch-amerikanischen Familie über mehrere Jahrzehnte hinweg: von New York um die Jahrtausendwende bis in eine nahe Zukunft. Im Zentrum stehen Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit, sozialer Ungleichheit und der provokanten Idee, Schicksal genetisch beeinflussen zu können.

Meine Meinung

Ich bin mit sehr hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Die starke Bewerbung (nicht zuletzt im Kontext von „Deutschland liest ein Buch“) hat den Eindruck vermittelt, hier einen der seltenen Romane in der Hand zu halten, die ein ganzes Jahrzehnt prägen können. Entsprechend groß war meine Neugier.

Thematisch ist Real Americans ohne Zweifel sehr vielfältig. Besonders die Darstellung von Migration und Assimilation hat mich stellenweise sehr überzeugt. Khong beschreibt eindrücklich, wie Anpassung zur Überlebensstrategie wird, bis hin zu einem beinahe ritualisierten Amerikanischsein: „Es war, als folgten sie einem Handbuch zum Amerikanischsein.“ (S. 57)

Auch Fragen von Identität und Othering werden immer wieder differenziert aufgegriffen, etwa in der Reflexion über interracial relationships und Machtverhältnisse: „Warum waren wir alle in einer Beziehung mit weißen Männern?“ (S. 87) Diese Passagen sind meiner Meinung nach deshalb so stark, weil sie keine einfachen Antworten liefern, sondern Unsicherheiten und innere Widersprüche sichtbar machen.

Trotz dieser inhaltlichen Stärken blieb für mich aber ein zentrales Problem bestehen: die Figurenzeichnung. So groß der Roman angelegt ist, emotional konnte ich mich kaum einer der Figuren wirklich annähern. Viele Charaktere blieben für mich erstaunlich unnahbar, fast wie aus analytischer Distanz betrachtet. Gerade Lily, deren Lebensweg so viel inneres Konfliktpotenzial birgt, blieb für mich seltsam verschlossen. Ich habe ihre Entscheidungen verstanden, aber selten wirklich (mit-)gefühlt.

Hinzu kommt die Struktur des Romans. Die Vermischung der Zeitebenen und Perspektiven hatte theoretisch großes Potenzial, wirkte auf mich jedoch häufig zersplitternd statt vertiefend. Statt Spannung oder emotionale Verdichtung entstand stellenweise Länge. Einige Passagen empfand ich als langatmig und wenig fokussiert, obwohl der Roman insgesamt sehr umfangreich ist.

So hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass Real Americans eigentlich alles mitbringt, um ein Highlight zu sein: starke Themen, kluge Gedanken, gesellschaftliche Relevanz. Und doch blieb vieles davon für mich ungenutzt. Die Geschichte hat mich daher im wahrsten Sinne des Wortes eher beschäftigt (Lesen des Lesens willen) als berührt (Lesen um was zu Lernen).

Fazit

Real Americans ist ein Roman, den man lesen kann, aber meiner Meinung nach nicht zwingend lesen muss. Wer sich für Fragen von Herkunft, Migration, Identität und gesellschaftlichem Fortschritt interessiert, findet hier viele Denkanstöße. Leser:innen, die sich emotionale Nähe, intensive Figurenentwicklung und erzählerische Verdichtung wünschen, könnten jedoch enttäuscht werden. Für mich blieb das Buch trotz seines großen Anspruchs leider im Mittelfeld.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Zwischen Herkunft und Wahrheit: Eine Identitätssuche mit Brüchen

Die Kinder von Bilbao
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„Die Kinder von Bilbao“ ist der Debütroman der französisch-spanischen Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Larrea, erschienen bei Kein und Aber in der Übersetzung von Corinna Rodewald. Auf 208 Seiten ...

„Die Kinder von Bilbao“ ist der Debütroman der französisch-spanischen Regisseurin und Drehbuchautorin Maria Larrea, erschienen bei Kein und Aber in der Übersetzung von Corinna Rodewald. Auf 208 Seiten erzählt Larrea eine autofiktionale Geschichte über Adoption, Herkunft und das schmerzhafte Ringen um Wahrheit. Ausgangspunkt ist der Moment, in dem die Erzählerin mit Ende zwanzig erfährt, dass sie adoptiert ist und damit beginnt, ihr eigenes Leben neu zu lesen.

Meine Meinung

Die Hauptthemen (Identität, Migration, familiäre Geheimnisse, das Schweigen früherer Generationen ) haben mich hat sofort abgeholt. Larrea schreibt schonungslos über Gewalt, Armut, Klassenscham und emotionale Verwundungen. Manche (schmerzliche) Bilder wie dieses hier über über Mutter-/Elternschaft sind mir direkt hängen geblieben: „Dieses Lächeln, das erste von einem Kind zu seiner Mutter, sollte ihr Leben lang unerwidert bleiben.“ (S. 22)

Gleichzeitig hatte ich mit der Erzählweise im ersten Teil meine Schwierigkeiten. Ich bin einfach nicht so in die Geschichte und den Schreibstil reingekommen, wie ich es mir gewünscht hätte. Was sich dann aber zum Glück in zweiten Teil geändert hat, als das Buch merklich an Spannung zugenommen hat. Die Passagen, in denen Sprache, Herkunft und soziale Zuschreibungen thematisiert werden fand ich besonders spannend.

Sehr berührt hat mich auch der Gedanke, sich die eigene Geschichte schreibend zurückzuerobern. Hier merkt man auch den persönlichen Bezug, den die Autorin zur Geschichte hat: „Ich trug digitale Fragmente eines Lebens zusammen und verwandelte sie in Material der Hoffnung.“ (S. 135)

Fazit

„Die Kinder von Bilbao“ ist ein wichtiges, mutiges Buch über Identität und Herkunft, das weh tut und Fragen offenlässt. Nicht alles ist erzählerisch rund, aber es ist ehrlich und emotional bewegend. Empfehlenswert für alle, die sich für autofiktionale Literatur, Migrationserfahrungen und Identitätssuche interessieren; weniger für Leser:innen, die stringentes Erzählen ohne Brüche erwarten.

Vielen Dank an @keinundaber und @netgalleyde für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 02.01.2026

Starker Start aber spannungsloses Finale

Eisnebel
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"Eisnebel" von Kate Alice Marshall, übersetzt von Birgit Schmitz, erschien am 28.11.2025 bei Osterwoldaudio. Ich habe den Thriller als Hörbuch gehört (10 Std. 9 Min.), gesprochen von Heike Warmuth. Im ...

"Eisnebel" von Kate Alice Marshall, übersetzt von Birgit Schmitz, erschien am 28.11.2025 bei Osterwoldaudio. Ich habe den Thriller als Hörbuch gehört (10 Std. 9 Min.), gesprochen von Heike Warmuth. Im Zentrum steht Theodora, die ihren Verlobten Connor in dessen luxuriösem Familiendomizil Idlewood begleitet, einem abgelegenen Anwesen inmitten verschneiter Wälder. Was als Kennenlernen der reichen Schwiegerfamilie beginnt, entwickelt sich schnell zu einem beklemmenden Aufenthalt voller Drohungen, Erinnerungsfetzen und Geheimnisse.

Meine Meinung
Der Einstieg hat mich sofort gepackt. Die winterliche Kulisse, das abgeschiedene Anwesen, die spürbare soziale Kluft zwischen Theo und der privilegierten Dalton-Familie: All das erzeugt von Beginn an eine dichte, unheimliche Atmosphäre. Ich konnte kaum aufhören zu hören, weil ständig dieses Gefühl mitschwingt: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht, aber was? Vom Setting, dem Ton und Stil her hat mich "Eisnebel" sehr stark an "Nachtwald" von Tríona Walsh erinnert. Wenn ihr also Fan von ihr seid, ist das definitiv euer Buch :D

Besonders positiv aus meiner Sicht: Der Personenkreis bleibt überschaubar. Man kann sich alle Figuren gut merken und voneinander unterscheiden, was dem Hörbuchformat sehr zugutekommt. Sprachlich ist der Text eher nüchtern und knapp. Kein blumiger Stil, sondern funktional und auf Spannung ausgelegt. Was eher typisch für dieses Genre ist und passt.

Leider lässt der Thriller im letzten Drittel deutlich nach. Die Geschichte verliert an Tempo, wird unnötig verkompliziert und das Ende spürbar in die Länge gezogen. Statt Zuspitzung wie ich es mir bei einem Finale wünschen würde, hatte ich oft das Gefühl, dass hier künstlich Spannung erzeugt werden soll, obwohl die entscheidenden Puzzleteile eigentlich schon gelegt sind. Auch die Figuren bleiben für mich zu oberflächlich: Gerade Theodora und Connor hätten mehr Tiefe vertragen, um die emotionalen und psychologischen Konflikte wirklich nachvollziehbar zu machen.

Zur Hörbuchumsetzung
Heike Warmuth liest ruhig, klar und sehr gut verständlich. Ihre Stimme trägt die düstere Atmosphäre zuverlässig, ohne zu überzeichnen. Gerade in den spannungsreichen Passagen hat sie mich gut „drangehalten“. Für mich definitiv ein Pluspunkt dieser Version.

Fazit
"Eisnebel" ist ein Thriller mit starkem Anfang, atmosphärischem Setting und gutem Hörbuch-Sprecherinnen-Upgrade; verliert aber auf den letzten Metern an Schärfe. Für alle, die abgeschiedene Anwesen, reiche Familien mit dunklen Geheimnissen und psychologische Spannung mögen. Weniger geeignet für Leser:innen, die tief ausgearbeitete Charaktere oder ein konsequent straffes Finale erwarten.

Danke an @hoerbuchhamburg und @netgalley.de für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 27.12.2025

Wenn der Messias eine Frau ist

Sister Deborah
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"Sister Deborah" ist ein Roman von Scholastique Mukasonga, erschienen bei Claassen, übersetzt von Jan Schönherr. Die Geschichte beginnt in den 1930er Jahren in Ruanda: Eine amerikanische Missionarin verkündet, ...

"Sister Deborah" ist ein Roman von Scholastique Mukasonga, erschienen bei Claassen, übersetzt von Jan Schönherr. Die Geschichte beginnt in den 1930er Jahren in Ruanda: Eine amerikanische Missionarin verkündet, dass der Messias eine schwarze Frau sein wird. Damit gerät sie in Konflikt mit kolonialen Autoritäten, Kirche und Männern. Ihre Botschaft wird zur Provokation und zum Verhängnis. Jahrzehnte später folgt Ikirezi, eine Akademikerin in Washington, den Spuren der legendären Prophetin, um ihre Geschichte zu rekonstruieren.

Die Grundidee des Romans ist faszinierend: Was, wenn der Messias eine schwarze Frau ist? Mukasonga nutzt diese These, um koloniale Machtstrukturen, religiösen Dogmatismus und feministische Selbstermächtigung zu verhandeln. „Ich trug diese Geschichtenkrumen zusammen und bewahrte sie in einem Winkel meines Gedächtnisses auf wie kostbare Juwelen…“ (S. 71) – dieser Satz spiegelt gut wider, wie Geschichte und Erinnerung im Buch behandelt werden.

Trotz des spannenden Ansatzes fiel es mir schwer, beim Lesen emotional anzudocken. Der Roman lebt fast ausschließlich von beschreibendem Erzählen, Dialoge sind rar, was das Tempo sehr ruhig, manchmal langatmig macht. Einzelne historische Begriffe oder unklare Bezüge wie „Boy“ ohne Kontext irritierten mich, hier hätte ich mir etwas mehr Einbettung gewünscht oder ein Glossar am Ende.

Die Atmosphäre ist jedoch stark: Mukasonga schafft ein zartes, zugleich furchtloses Porträt der Frauen, zeigt Widerstand gegen Macht und Unterdrückung und lässt die Spiritualität spürbar werden. „Der Geist hat keinen Schimmer von den Kalendern der Menschen… Würde er den Ruf der Menschen, die Hoffnung der Frauen erhören, gäbe es keine Hoffnung mehr.“ (S. 136) – hier wird die Spannung zwischen Glaube, Erwartung und Realität spürbar.

Fazit
Sister Deborah ist ein ruhiger, nachdenklicher Roman, der feministisches Denken, koloniale Geschichte und Spiritualität vereint. Die Grundidee ist stark, die Umsetzung eher erzählerisch zurückhaltend. Empfehlenswert für Leser:innen, die poetische, reflektierte Literatur lieben und sich auf beschreibendes Erzählen einlassen möchten. Weniger für alle (wie mich), die Dialoge und eine gewisse Spannung suchen.

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Veröffentlicht am 07.12.2025

Groß in Thema & Anspruch, kleiner im Gefühl

Medea
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Medea von Rosie Hewlett (übersetzt von Simone Jakob) ist im HarperCollins Hardcover Verlag erschienen und erzählt die Geschichte einer der umstrittensten Figuren der griechischen Mythologie neu. Hewlett ...

Medea von Rosie Hewlett (übersetzt von Simone Jakob) ist im HarperCollins Hardcover Verlag erschienen und erzählt die Geschichte einer der umstrittensten Figuren der griechischen Mythologie neu. Hewlett folgt Medea von ihrer Kindheit in Kolchis bis zu jenen Entscheidungen, die sie in die Sagenwelt eingeschrieben haben – als Hexe, als Frau, als Schurkin, aber vor allem als wütendes Opfer.

Was mich von Beginn an beeindruckt hat, ist Hewletts kompromisslos weiblicher Blick. Medea ist hier keine Mystifikationsfigur, sondern ein Mädchen, das Gewalt, Isolation und patriarchale Macht schon früh am eigenen Körper erfährt. Gleich zu Beginn heißt es über ihren Bruder:
„Niemand sonst erkannte, wie gerecht ich handelte, denn für alle anderen hatte Apsyrtos’ Verhalten nichts Tadelnswertes. Er benahm sich nur »wie ein Junge«, was wohl bedeutete, dass Grausamkeit in seiner Natur lag. Aber diese Rechtfertigung ergab für mich keinen Sinn.‘“ (S. 10). Dieser Satz sagt eigentlich alles über die Welt, in der sie lebt.

Die Darstellung der männlichen Figuren ist bewusst schonungslos und ja, zu Recht wie ich finde. Die Manipulation der Männer, die Gewalt der Väter, das Abwerten weiblicher Stärke: „Ist es nicht verblüffend, wie es den Männern gelungen ist, allen vorzugaukeln, sie seien das klügere Geschlecht?“ (S. 148). Hewlett zeichnet das alles klar, ohne zu vereinfachen.

Richtig spannend wurde es für mich vor allem ab der Stelle, als Medea endlich versucht, ihre eigene Ohnmacht in Handlung zu verwandeln und ihr Schweigen bricht. Die Autorin zeigt, wie aus erlebtem Schmerz Widerstand werden kann, um doch noch Gerechtigkeit zu erlangen: „Die Welt hat versucht, mich zum Opfer zu machen, und so wurde ich zur Schurkin.“ (S. 349)

Und trotzdem: So sehr mich Inhalt, Themen und Figiren überzeugt haben, hat mich die Erzählung emotional nicht vollständig gepackt. Etwas hat mir gefehlt. Was genau? Vielleicht die mythologische Komponente, die glaub einfach nicht so meins ist. Aber auch der Schreibstil hätte noch nahbarer sein können wenns nach mir ginge.

Fazit

"Medea" ist ein kraftvolles, wütendes, feministisches Retelling, das mich gedanklich enorm beschäftigt, emotional aber nicht zu 100 % erreicht hat. Ich empfehle es allen, die griechische Mythologie, starke weibliche Perspektiven, morally grey heroines und feministische Neu- udn Umdeutungen lieben. Wer jedoch eine ganz intime emotionale Bindung erwartet, könnte hier eventuell enttäuscht werden. Danke an der Stelle auch an netgalley.de (E-Book) und Vorablesen für die Rezensionsexemplare.

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